München: „Wiener Blut“

Premiere: 26.11.2014

Liebesverwicklungen und zwei Engel

Ausgesprochen kurzweilig geriet die Neuproduktion von Johann Strauß’ Operette „Wiener Blut“ des Münchner Staatstheaters am Gärtnerplatz im intimen Rahmen des Cuvilliéstheaters. Der lang anhaltende, begeisterte Schlussapplaus des zahlreich erschienenen Publikums zeugte von einem starken Verlangen des Münchner Auditoriums nach Werken der sog. leichten Muse, das an diesem gelungenen Abend voll befriedigt wurde.

Tilmann Unger (Graf Zedlau), Ella Tyran (Franziska Cagliari)

Bei „Wiener Blut“ handelt es sich um eine der besten Operetten des Walzer-Königs, die von ihm indes niemals geschrieben wurde. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch, der sich schnell auflöst, wenn man sich die Entstehungsgeschichte des Werkes näher betrachtet. Im Jahre 1899 war der bereits 74jährige Strauß zu müde und gebrechlich, um noch eine weitere Operette zu schreiben, wie es ihm von dem vom Bankrott bedrohten Theaterleiter Franz Jauner angetragen wurde. Schließlich wurde folgender Kompromiss gefunden: Die Librettisten Victor Léon und Leo Stein, die später u. a. das Textbuch zu Lehars „Die lustige Witwe“ verfassten, schufen eine sog. Pasticcio-Operette, indem sie bereits vorhandene Walzer von Strauß mit Texten versahen, das Ganze zu einer einheitlichen Handlung zusammenfügten und daraus schließlich die Partitur erstellten. Dieses Potpourri aus den beliebtesten Strauß-Walzern wie beispielsweise das titelgebende „Wiener Blut“, „An der schönen blauen Donau“, „Geschichten aus dem Wienerwald“ und „Wein, Weib und Gesang“, ist recht ansprechend. Das Stück, dessen Uraufführung Strauß selbst nicht mehr erlebte, weist einen enormen Unterhaltungswert auf.

Jasmina Sakr (Pepi Pleininger), Daniel Prohaska (Josef)

Am großen Erfolg der Operette im Cuvilliéstheater hatten an diesem Abend auch der Erste Kapellmeister des Gärtnerplatztheaters Michael Brandstätter und das gut gelaunte Orchester einen erheblichen Anteil. Allerdings benötigten Dirigent und Musiker eine gewisse Zeit, um in die Gänge zu kommen, waren dann aber voll präsent. Da wurde mit ungeheuerer Verve, ausgelassenem Elan und so großer Fetzigkeit musiziert, dass es eine Freude war zuzuhören. Die 2,5 Stunden Spieldauer vergingen wie im Fluge. Locker, spritzig und voller munterer Ausgelassenheit drang die schwungvolle Musik aus dem kleinen Orchestergraben nach außen und rief bei den Zuschauern ein Höchstmaß an guter Laune und Walzerseligkeit hervor.

Daniel Prohaska (Josef), Ella Tyran (Franziska Cagliari), Tilmann Unger (Graf Zedlau) Jasmina Sakr (Pepi Pleininger), Cornelia Horak (Gräfin Zedlau), Hans Gröning (Fürst Ypsheim-Gindelbach)

Das verdankte sich auch der gelungenen Inszenierung von Nicole Claudia Weber, die am Gärtnerplatztheater zum ersten Mal eine Operette in Szene setzte und dabei zu ganz großer Form auflief. Unterstützung erhielt sie von Karl Fehringer und Judith Leikauf, die für die farbenprächtige, drehbare Bühne verantwortlich zeigten, und Marie-Luise Walek, die die prachtvollen Kostüme schuf. Dass das Ergebnis ein Ausstattungsstück ersten Ranges war, mag bei einer Operette im Gegensatz zur Oper angehen. Zum Erfolg des Abends trug auch die ausgefeilte, muntere Choreographie von Cedric Lee Bradley einen gehörigen Teil bei. Das alles vereinigte sich zu einem trefflich aufeinander abgestimmten, einheitlichen Ganzen, wobei die Musik, die herrlich wienerisch geprägten, viel Wortwitz aufweisenden Dialoge und die gelungenen Tanzeinlagen wunderbar miteinander harmonierten.

Hier MüGPWienerBlut04d – Ella Tyran (Franziska Cagliari), Jasmina Sakr (Pepi Pleininger), Cornelia Horak (Gräfin Zedlau)

Es war schon eine sehr charmante, humorvolle Verwechslungskomödie, voll gepackt mit zündenden Gags, die die Regisseurin da auf die Bühne gebracht hat. Zeitlich hat sie eine kleine Umdeutung vorgenommen. Sie lässt die Handlung nicht zur Zeit des Wiener Kongresses spielen, sondern hat sie in die Entstehungszeit des Werkes verlegt und zudem mit einer kleinen Vorgeschichte garniert: Ein Wiener und ein Bayerischer Engel sind es, die die amorösen Verwicklungen auf einer Wiener Promenade erst in Gang setzen. Die zufällig des Weges kommende Demoiselle Cagliari wird von Amor mit einem Liebespfeil getroffen, sodass sie sich augenblicklich in den mit seiner Frau ebenfalls herumspazierenden Grafen Zedlau verlieben muss. Im Folgenden sind die beiden Himmelswesen ständig präsent und beobachten rege, wie sich die Situation entwickelt. Augenzwinkernd gönnt Frau Weber auch einem berühmten Sohn der Stadt Wien einen Auftritt: Sigmund Freud, der sich im Ball-Bild eifrig auffällige Verhaltensmuster so mancher vornehmen Dame notiert. Einfach köstlich gelingt der Regisseurin die Zeichnung des Grafen Bitowski, der trotz seines fortgeschrittenen Alters und seiner Gebundenheit an den Rollstuhl ein ausgemachter Hallodri und Weiberheld ist. Leerläufe gab es an diesem temporeichen Abend nicht. Ständig war auf der Bühne etwas los. Da wurde mit enormem Elan und großer Fetzigkeit agiert und mit so manchem komödiantischem Knalleffekt aufgewartet. Dabei drängte sich keiner der Mitwirkenden in den Vordergrund. Sämtliche Sänger/innen ordneten sich einem harmonischen Ensemblegedanken unter, wodurch das Zusammenspiel nur noch lustvoller und aufgedrehter wurde.

Jasmina Sakr (Pepi Pleininger), Tilmann Unger (Graf Zedlau)

Auf insgesamt hohem Niveau bewegten sich die gesanglichen Leistungen. Schon von seinem eleganten äußeren Erscheinungsbild her war Tilman Unger eine Idealbesetzung für den Grafen Zedlau, den er sehr charmant spielte. Aber auch stimmlich vermochte er zu begeistern. Hier haben wir es mit keinem dünnen Operettentenor zu tun, sondern mit einem versierten, frisch und kraftvoll singenden Opernsänger, der bereits deutlich in das dramatische Fach weist. Freude bereitete das Wiedersehen mit Ella Tyran die mit der Partie der Demoiselle Cagliari an ihr altes Stammhaus zurückkehrte und zu Recht ganz hoch in der Publikumsgunst stand. Sie verfügt über eine ausgezeichnete schauspielerische Ader, die sie voll zum Einsatz brachte. Ihr resolutes Spiel ergab gepaart mit einem exquisiten Wiener Akzent und einem prächtigen, voll und rund klingenden Sopran italienischer Schulung ein eindrucksvolles Rollenportrait. Darstellerisch einfach herrlich und vokal mit ihrem bestens sitzenden Sopran ebenfalls tadellos präsentierte sich Jasmina Sakr als sehr selbstbewusste, manchmal etwas quirlige Pepi Pleininger. Neben ihr lief der Josef von Daniel Prohaska zu großer Form auf. Sein Tenor hat sich weiterentwickelt, ist fülliger geworden und sitzt über weite Strecken nun schön im Körper. Indes ging sein aparter Wiener Akzent insbesondere in der Mittellage manchmal auf Kosten der tiefen Gesangsstütze. Eine gute Leistung erbrachte Hans Gröning, der einem noch aus Pforzheim in guter Erinnerung ist. Er erwies sich in jeder Beziehung als erste Wahl für den Fürsten Ypsheim-Gindelbach. Darstellerisch sehr rege, war er auch stimmlich mit seinem sonoren Bariton sehr überzeugend. Das hohe Niveau ihrer Mitstreiter konnte Cornelia Horaks sehr maskig klingende Gräfin Zedlau zumindest vokal nicht halten. Aus dem Grafen Bitowski machte Harald Hofbauer, der auch den Fiakerkutscher spielte, ein echtes Kabinettstückchen. Ebenfalls dem Sprechtheater entstammte der genüsslich grantelnde Wolfgang Hübsch als Kagler. Ferner waren Anna Katharina Fleck (Kellnerin Mitzi), Tom O’ Malley (Kellner Schurli), Christian Weindl (Kellner 2), Alexander Wertmann (Bayerischer Engel) und Veran Lovric (Wiener Engel) zu erleben. Eine gute Leistung erbrachte auch der von Felix Schuler-Meybier einstudierte Chor.

Fazit: Ein temporeicher, spritziger und vergnüglicher Abend, dessen Besuch durchaus zu empfehlen ist.

Ludwig Steinbach, 28.11.2014
Die Bilder stammen von Christian Zach