Braunschweig: „Das Rheingold“ Richard Wagner

(c) Thomas M. Jauk / Kwonsoo Jeon/anderer Donner/Catriona Morison/Nina Wolf/Thomas Mohr

Nun hat also das spartenübergreifende Projekt von Wagners „Der Ring des Nibelungen“ mit „Rheingold“ begonnen. Es steht mit dem Titel „Ausweitung des Ringgebiets“ (Anspielung auf die Braunschweiger Stadtteile Östliches und Westliches Ringgebiet, die ihre Namen in den 1880er Jahren erhielten, als begonnen wurde, eine Ringstraße um den historischen Stadtkern zu bauen) als Motto über der gesamten Spielzeit. Das ist ein völlig anderes Konzept als bei den letzten drei viel gescholtenen Regie-Versuchen an der Deutschen Oper Berlin (Stefan Herheim), bei den Bayreuther Festspielen (Valentin Schwarz) und an der Berliner Staatsoper (Dmitri Tscherniakow). Nach der das Braunschweiger Projekt vorstellenden Pressemitteilung entfaltet es sich aus den Qualitäten eines Mehrspartenhauses und sucht aktiv den Austausch mit der Stadtgesellschaft. Im Juni 2023 wird es ein zwölftägiges Ring-Festival geben, mit zwei zyklischen Aufführungen und mehreren Begleitveranstaltungen.

Ganz wesentlich geht die Gesamtkonzeption auf die Braunschweiger Operndirektorin und Regisseurin des „Rheingold“ Isabel Ostermann zurück, die so der Wagnerschen Idee vom Gesamtkunstwerk auf originelle Weise nahezukommen sucht. Im „Rheingold“ sind deshalb auch drei Schauspieler dabei, die Wagner-Figuren verkörpern, die im so genannten „Vorabend“ zum „Ring des Nibelungen“ eigentlich noch nicht vorkommen, die Wotanstochter Brünnhilde, Alberichs Sohn Hagen und in einer stummen Rolle Hunding (Heiner Take) als einziger Mensch im „Ring“. Diese sollen die nächste Generation darstellen, die gegen die „Alten“ aufbegehren, ein Bezug zur aktuellen Situation, in der „Fridays for Future“ nach wie vor und die neue, rabiate Umweltprotestbewegung „Die letzte Generation“ von sich reden machen. Die Vorwürfe dieser Bewegungen ergeben sich auch aus den Texten des Dramatikers Thomas Köck zum Wagner-Mythos „Wagner – der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood“), die Nina Wolf (Brünnhilde) und Luca Füchtenkordt (Hagen) ein wenig zu hastig vortrugen. Das waren jeweils sehr starke Kontraste zu dem musikalischen Ablauf der Oper, zuerst in der 2. Szene, wenn Wotan die sich anbahnende Gewalt zwischen Donner und den Riesen verbietet, und in der 4. Szene, wenn Wotan gewaltsam Alberich den Ring entreißt. Ob dies im Übrigen das Verständnis der Oper erleichtert und der jungen Generation einen leichteren Zugang zu Wagner gewaltigem Werk ermöglicht, darf bezweifelt werden.

(c) Thomas M. Jauk / Thomas Mohr/Aris Argiris/Michael Mrosek

Neben den Personen der nachfolgenden Generation gibt es in Ostermanns Inszenierung weitere Bezüge zu den späteren Teilen des „Ring“. So zieht Brünnhilde während ihres Monologs mit Wotans Speer einen imaginären Kreis, in den sie sich eine ganze Weile legt und so auf den Schluss der „Walküre“ hinweist. Oder sie nimmt bei ihrem Abgang nach der 2. Szene ein kleines Schaukelpferd mit, wobei jedem Wagner-Kenner ihr Ross Grane einfällt. In einer Vitrine hinter Wotans barockem Schreibtisch in sonst eher nüchterner Umgebung (Bühnenbild: Stephan von Wedel) liegt ein Stück Holz, in dem ein Schwert steckt, offensichtlich Siegfrieds „Notung“. Am Schluss bezieht sich Ostermann auf das Ende des „Ring“, wenn Brünnhilde einige ihrer Schlussworte aus der „Götterdämmerung“ spricht und mit der brennenden Fackel den großen Weltenbrand andeutet, hier bezogen auf die in der Inszenierung nur musikalisch „prunkende“ Walhalla-Burg. Im Übrigen tritt das Personal in zeitgenössischer Alltagskleidung (Kostüme: Julia Burkhardt) in ziemlich karger Umgebung auf. Vieles bleibt der Einbildungskraft des Publikums überlassen; so gibt es z.B. keine Andeutung des Rheins, in dem die 1. Szene spielt. Im Gegenteil, während Alberich allmählich die Erfolglosigkeit seines Werbens um die Rheintöchter einsieht, wird er wohl auf Wotans Geheiß gewaltsam bis auf die Unterhose entkleidet und von den maskierten Göttern Froh und Donner sowie den Riesen Fasolt und Fafner aufs Übelste malträtiert, ja geradezu gefoltert. Was das sollte, hat sich mir nicht erschlossen. Auch später muss man sich manches vorstellen, was gesungen wird, aber auf der Bühne nicht zu sehen ist. So gibt es in der 3. Szene keine von Alberich angetriebenen Nibelungen, sondern stattdessen nur den irre vor sich hin lachenden Hagen. Natürlich sieht man weder den zauberisch herbei gerufenen Riesenwurm noch die später gefangen genommene Kröte, die Alberich selbst darstellt. Sei’s drum, sehr ansprechend ist im Ergebnis die sehr lebhafte, im Ganzen auch plausible Personenregie, was sicher auch dem agilen, trotz mehrerer „Einspringer“ geschlossenen und engagierten Ensemble zu verdanken war.

(c) Thomas M. Jauk / Thomas Mohr/Matthew Pena/Michael Mrosek/ Aris Argiris

„Das Rheingold“ in Braunschweig scheint unter keinem guten Stern zu stehen, musste doch eine vorangegangene Vorstellung wegen großer Personalprobleme konzertant ablaufen. Auch in der von uns besuchten 4. Aufführung nach der Premiere mussten gleich drei Sängerinnen und Sänger (Donner, Freia und Woglinde) ganz kurzfristig ersetzt werden, was übrigens dank dem Können aller Beteiligten kaum spürbar war. Ein technischer Defekt sorgte zusätzlich zwischen der 3. und 4. Szene zu einer etwa 10-minütigen Unterbrechung, als die hochgefahrene Unterbühne nicht wieder in die Versenkung zurück wollte. All dies wirkte sich jedoch auf die in jeder Beziehung imponierende Ensembleleistung nicht aus.

Musikalisch gibt es viel Positives zu berichten: Da stand Braunschweigs 1. Kapellmeister Mino Marani im „Rheingold“ zum ersten Mal am Dirigentenpult, der mit überaus präziser Zeichengebung und differenziertem, auch anspornendem Dirigat mit dem ausgezeichneten Staatsorchester für einen gelungenen Ablauf sorgte. Die sängerischen und darstellerischen Leistungen hatten durchweg herausragendes Niveau; so überzeugte als Wotan der Grieche Aris Argiris mit seinem in allen Lagen durchschlagskräftigen Bassbariton. Sein Gegenpart Alberich wurde von Michael Mrosek mit ungemein flexiblem Bariton ausdrucksstark gestaltet. Mit prägnantem Charakter-Tenor und lebendigem Spiel wartete Thomas Mohr als Loge auf. Bei seinem ersten Auftritt versah Kwonsoo Jeon als Froh seinen Tenor mit nötigem Glanz, hielt sich am Schluss bei der natürlich nicht zu sehenden Regenbogen-Brücke allerdings zu sehr zurück. Der füllige Bariton von Marek Reichert passte gut zum polternden Donner. Die Riesen Fasolt und Fafner waren bei den markigen Bässen von Rainer Mesecke und Jisang Ryu, der Mime beim klarstimmigen Matthew Peña gut aufgehoben. Eine Fricka der Extraklasse war die Schottin Catriona Morison, die ihren charaktervollen Mezzo mit perfektem Legato durch alle Lagen führte und dabei durch besonders schönes piano auffiel. Als Freia gefiel Betsy Horne mit ausdrucksvollem, höhensicherem Sopran; als Erda ließ Marlene Lichtenberg ihren runden Alt frei fließen und beeindruckte nachhaltig. Ansehnliche Rheintöchter mit schönem Gesamtklang waren Narine Yeghiyan, Milda Tubelytė und Rowan Hellier.

Fazit: Wieder einmal siegte die musikalische Gestaltung über die szenische Deutung. Das Publikum honorierte das mit starkem, lang anhaltendem Beifall, wobei die vereinzelten Buhrufe für die Schauspieler, die für das Konzept nicht verantwortlich sind, deutlich verfehlt waren.

Gerhard Eckels, 06.11.2022


Richard Wagner „Das Rheingold“

Premiere am 08.10.2022 / besuchte Vorstellung am 05.11.2022

Inszenierung: Isabel Ostermann

Musikalische Leitung: Mino Marani

Staatsorchester Braunschweig

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