Nürnberg: „Expeditionskonzert“ – Mendelssohns Italienische

Molto energico

Man hätte der Dirigentin noch wesentlich länger zuhören können. Schade, dass das Konzert samt Erläuterungen nur 100 Minuten dauerte – denn Joana Mallwitz, die GMD der Nürnberger Staatsphilharmonie, ist nicht allein eine gute Dirigentin. Sie besitzt auch einen pädagogischen Eros, der uns in der Corona-Zeit, als alles alles zu war, einige brillante digitale Gesprächskonzerte verschaffte, die man heute, ganz neudeutsch, zumindest in Nürnberg „Expeditions-konzerte“ nennt. Man macht in der Tat Expeditionen in diesen Stunden, also Erkundungsfahrten in symphonische Gebiete, die zwar gut erforscht sind, aber gewiss nicht von jedem Zuhörer zuvor betreten worden sind – abgesehen davon, dass selbst der sog. Fachmann von einer Praktikerin mit dem Blick für kultur- und musikhistorische Zusammen-hänge noch viel lernen kann.

GMD Joana Mallwitz © Staatstheater Nürnberg

Also Mendelssohns Italienische, die 4. Symphonie op. 90, ein Glanzstück der „romantischen“ Musik. Ob Mendelssohn wirklich den „normalen“ Romantikern zugehörig oder eher ein als Romantiker verbrämter Klassizist war, ist eine kaum noch offene Frage; Mallwitz beantwortet sie mit dem Hinweis auf die enge Verflechtung von traditionsbewusster Form und poetischem Inhalt, von einer Struktur, die man nicht anders denn als „tricky“ (meine Worte) und zugleich verbindlich, und einem Inhalt, den man im besten Sinne malerisch nennen kann. Mendelssohn hat, das ist so ein Nebenerwerb des hohen Mittags, schon vor Franz Liszt Tondichtungen geschrieben, nannte sie nur nicht so. Wir hören also den Beginn der Hebriden-Ouvertüre, der Konzertouvertüre Das Märchen von der schönen Melusine und, in un-mittelbarem orchestralem Vergleich, eine Hearers-Digest-Version des Rheingold-Vorspiels. Wagner spielt überhaupt eine wichtige Rolle: als Erbe des nur vier Jahre älteren, aber viel früher gestorbenen Mendelssohn und als Verleumder, der im „Judenthum in der Musik“ die steile These aufstellte, dass „der Jude“, da er an sich unfähig sei, originelle Dinge zu erfinden, nur im besten Fall glatte Musik machen könne, die unsere Herzen niemals erreichen würde. Wagner selbst hat es, allerdings vor allem im privaten Kreis, ganz anders ausgedrückt, als er die geniale Hebriden-Ouvertüre als das schönste Musikstück ever bezeichnete.

Allein Joana Mallwitz entdeckt auch in Werk und Leben Mendelssohns Widersprüche, die allerdings in den Opera produktiv wurden. Sie betont die Originalität des Einsatzes gleich dreier Themen im Kopfsatz der Italienischen Symphonie, spricht über Mendelssohns Leben in und mit permanenter Inspiration durch seine unmittelbare Umwelt (da flatterten Albumblätter vom Herrn Mendelssohn zur Frau von Schauroth, also von Felix zu Delphine und vice versa) und vollendet den Bogen, der sich von Nietzsches uninformiertem Wort von Mendelssohn als wenn auch schönem „Zwischenfall“ der deutschen Musikgeschichte über die antisemitische Verachtung zur Offenlegung einiger Werk-geheimnisse zumal in der 4. Symphonie hinüberwölbt.

Sie beruhigt das Publikum, das sie heftig begrüßt, mit einem balsamischen Lied ohne Worte und krönt das Ganze mit einer Aufführung des Werks mit der Staatsphilharmonie Nürnberg, von der in diesem Konzert in Sachen Tempo und Abstimmung einiges gefordert – und geleistet wird. So energetisch, wie schon der erste Satz in den Saal klingt, ist die gesamte Interpretation des Werks: über den ernsten, sowohl Zelters König von Thule-Lied zitierenden wie eine Prozession ausmalenden langsamen Satz zum flüssigen wie eleganten Menuetto zum furiosen Finale mit seinen zweit Tänzen, die ausgesprochen feroce gebracht wird. Doch selbst in der größten Wildheit werden genaue Linien klar, Steigerungen (wie die des rasanten Tempos vor der Coda des ersten Satzes) werden vorbereitet, Mittelstimmen nicht begraben, Spannungen auf- und abgebaut. Es ist eine Lust zu hören – nicht allein das bittersüße, echt Mendelssohnsche unisono von Klarinetten und ersten Geigen, die in der zweiten Minute den Hörer stets von Neuem entzücken, packt das Publikum an diesem Mittag.

Wie gesagt: Man hätte der Dirigentin – und dem Orchester – noch wesentlich länger zuhören können.

Frank Piontek, 29.10.2022


Staatstheater Nürnberg, 28. Oktober 2022 / 1. Expeditionskonzert

Felix Mendelssohn Bartholdy: Symphonie Nr. 4 A-Dur op.90 „Italienische

Musikalische Leitung & Moderation: Joana Mallwitz

Staatsphilharmonie Nürnberg