Mailand: „Médée“ Luigi Cherubini

Diese Neuproduktion des Hauptwerks von Luigi Cherubini hatte einen bedeutenden Anlass, nämlich die Erstaufführung an der Scala der französischen Fassung. In Paris 1797 uraufgeführt, fand die italienische Erstaufführung am Haus erst 1907 statt. Verwendet wurde damals die Fassung mit der Vertonung der gesprochenen Rezitative (das Werk wurde als opera comique geführt, also mit Dialogen) durch Franz Lachner, welche Fassung die Oper leichter zugänglich machte. Diese Fassung sang auch Maria Callas in der Saison 1953/54 (unter Leonard Bernstein) und 1961/62 (unter Thomas Schippers). Callas schuf eine Figur, die für den Opernliebhaber untrennbar mit der Persönlichkeit der Künstlerin verbunden ist und machte das an Gluck und der Neoklassik inspirierte Werk dem Publikum erst richtig bekannt.

(c) Brescia&Amisano

Nun also zwar die französische Fassung, aber keineswegs die Urfassung. Um sowohl die Verwendung von Lachners Rezitativen, als auch die langen, in Alexandrinern gehaltenen Dialoge zu umgehen, ließ sich Regisseur Damiano Michieletto von seinem Dramaturgen Mattia Palma neue Texte schreiben, die von Medeas Kindern aus dem Off gesprochen werden. Unter dem Hinweis, sie könnten sich noch ändern, waren diese Texte im Programmheft nicht abgedruckt. (Ob sie auf dem Textbildschirm vor den Sitzplätzen vorgesehen waren, entzieht sich meiner Kenntnis, da sie bei mehreren Reihen nicht funktionierten, was die Billetteusen gleichmütig mit „das passiert öfters“ zur Kenntnis nahmen). Da diese geflüsterten Kommentare schwer verständlich waren, kann ich ihre Qualität nicht beurteilen.

Warum aber die Kinder? Da sind wir bei einem Problem des Großteils der zeitgenössischen Regisseure: Sie vertrauen dem Mythos nicht. Deshalb spielt sich die Erzählung in einem bürgerlichen Haushalt ab (von Paolo Fantin knapp bestückt mit einem Sofa, einem Stuhl und einem kleinen, niederen Tisch sowie mit einer in das Kinderzimmer führenden zentralen Tür). Der Vorwand ist, dass die Geschichte aus der Sicht der Kinder erzählt wird, weshalb verschiedenes Spielzeug hergeräumt wird und die sehr oft auf der Bühne befindlichen Kinder ständig spielen (Thomas Nocerino und vor allem Elisa Dazio machen das sehr gut, die eingespielten Stimmen gehören den Muttersprachlern Timothée Nessi und Sofia Barri). Das ist alles sehr gut und mit großer Natürlichkeit inszeniert, lenkt aber ungemein von den Sängern ab. Und wenn wir schon bei der Sprache sind: Der von Alberto Malazzi bestens einstudierte Chor des Hauses klang zwar französisch, aber es war kaum ein Wort zu verstehen. Hervorgehoben wird Medeas Liebe zu den Kindern, sie schreibt an die Außenwand des Kinderzimmers „Maman vous aime“, und diese Schrift bröckelt langsam ab, wenn der grausame Plan in ihr reift.

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Gar nicht klar wird, wieso sie in Jasons  neuer Familie so viel Furcht hervorruft. Die in Fetzen (Kostüme: Carla Teti) gekleidete, so ganz und gar nicht dämonische Frau müsste eigentlich Mitleid erregen (was sie bei den Zuschauern wohl auch tut). Warum drohen ihr Männer mit Reisigbündeln, als wollten sie einen Scheiterhaufen für sie errichten? Auf einem Bildschirm ist zu sehen, wie Medea den Kindern Gift wie ein Medikament eingibt, und nachdem der Tempel in Korinth in Flammen aufgegangen ist, legt sie sich aufs Sofa. In Erwartung des Todes? Zu den Fragen, die offen bleiben, gehört auch ein auf der Bühne erscheinender Kinderwagen, in den die Protagonisten entsetzt starren. Was sich darin befindet, erschließt sich nicht – ein Ersatz für die gestrichenen Eumeniden?

Die sängerischen Leistungen waren nicht unbedingt zufriedenstellend: Martina Russomanno als Jasons Braut (aus Glauke wird hier Dircé) sang mit besorgniserregend dünner Stimme, die von ihren Gespielinnen Greta Doveri (aus der Accademia des Hauses) und Mara Gaudenzi durchaus übertroffen wurde. Als Créon besaß Nahuel Di Pierro weder Stimme, noch Persönlichkeit für den zum besorgten Familienvater herabgestuften König (mit der Callas wurde die Rolle von Nicolai Ghiaurov gesungen!). Stanislas de Barbeyrac hat für den Jason (damals Jon Vickers!) nicht die geeignete Stimme, da sein Tenor viel zu unheldisch ist (sein unangenehm senffarbener Anzug samt wild gemustertem Hemd zeigte ihn als billigen Loser). Um Néris, die Sklavin und Vertraute Medeas, bemühte sich Ambroisine Bré, die intensiv spielte, aber ihre wunderschöne Arie ohne jeden Nachdruck vorbeiplätschern ließ. Schließlich die Protagonistin: Marina Rebeka war eine sehr gute Interpretin der Wünsche Michielettos, und es ist nicht ihre Schuld, wenn die Darstellung einer zur Furie gewordenen Frau zu kurz kam.

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Auch gesanglich ist es meiner Ansicht nach nicht ihre Rolle, denn an vielen Stellen trug ihre mäßig ausgeprägte Tiefe nicht, und mehr als einmal war die Höhe scharf. Allerdings ließ sie sich bei dieser zweiten Vorstellung vor dem 3. Akt wegen einer Stimmbandentzündung ansagen und sagte den darauffolgenden Abend ab. Wunderbar hingegen die musikalische Leitung von Michele Gamba, der ab der hochdramatischen Ouverture klar machte, warum Beethoven von dem Werk begeistert war, denn mit dem konzentriert spielenden Orchester des Hauses wurden die zu dem Musikgiganten führenden Stränge ausgezeichnet herausgearbeitet. Angesichts des wenig überzeugenden Bühnengeschehens ein großer Trost.

Übrigens fragte ich mich angesichts der den Horror des Kindermordes behandelnden Artikel im Programmheft, warum nicht auch das Konzept des heute immer wieder auftretenden „erweiterten Selbstmords“ in Betracht gezogen wurde.

(Gleich)mäßiger Beifall am Schluss, der nur für Rebeka und Gamba anschwoll.  

Eva Pleus, 24. Januar 2024


Médée
Luigi Cherubini

Teatro alla Scala, Mailand

17. Januar 2024 (zweite Vorstellung)

Inszenierung: Damiano Michieletto
Musikalische Leitung: Michele Gamba
Orchestra del Teatro alla Scala