Tecklenburg: „Mozart!“, Michael Kunze und Sylvester Levay

Mit dem Musical Elisabeth ist den beiden Autoren Michael Kunze und Sylvester Levay im Jahr 1992 einer der weltweit größten Musicalerfolge aller Zeiten gelungen. Im Oktober 1999 fand im Theater an der Wien mit Mozart! die Uraufführung ihrer zweiten gemeinsamen großen Musicalproduktion im Auftrag der Vereinigten Bühnen Wien statt, die ebenfalls international große Erfolge feiern konnte. Hierbei wird das Leben von Wolfgang Amadeus Mozart neu beleuchtet, in dem Mozart als junger Künstler dargestellt wird, der gerne ein freies Leben führen würde, in dem er sich ohne Zwänge seiner künstlerischen Entfaltung widmen kann. Doch seine Umwelt, allen voran sein strenger Vater Leopold Mozart und der Erzbischof Colloredo, wollen nichts von Mozarts rebellischen Gedanken wissen. Vielmehr arbeitet Leopold weiter an der Karriere seines „Wunderkindes“ und da ist ein kleiner brav komponierender junger Mann in den gehobenen Kreisen eher zu vermitteln, als jemand der das gesamte bestehende Machtgefüge in Frage stellt. Wie bereits bei Elisabeth besteht der Kniff des Musicals in der Hinzufügung eines fiktiven Charakters. War es seinerzeit die Rolle des Tods, so ist dies bei Mozart! nun der kleine Amadé, der Mozart auf der Bühne als nur für ihn sichtbares „Porzellankind“ zur Seite steht und hierbei als kleiner Junge fleißig und unermüdlich an neuen Sinfonien arbeitet. Im Gegensatz zum Tod bleibt Amadé allerdings eine stille Rolle, so dass er mehr mit Gesten als mit Worten agiert. Im Verlauf der Geschichte verkörpert Amadé zudem einen wichtigen Part in der innere Zerrissenheit Mozarts zwischen dem talentierten Komponisten und dem nach Freiheit strebenden Rebell. Bereits im Sommer 2008 war dieses Musical bei den Freilichtspielen Tecklenburg zu sehen, in diesem Sommer kommt Mozart! nun in einer absolut sehenswerten Neuinszenierung von Ulrich Wiggers erneut auf die große Freilichtbühne.

© Stephan Drewianka

Gleich zu Beginn fällt dem regelmäßigen Tecklenburg-Besucher auf, dass man auf der rechten Bühnenseite endlich mal kein Haus aufgebaut hat. Stattdessen überspannen die Noten aus Mozarts Requiem auf einem übergroßen Notenblatt fast die gesamte Bühne. Hinzu kommen vier bewegliche Blöcke mit denen immer wieder einzelne Szenen besonders dargestellt werden können, die aber meistens als Treppenstufen in Form der Klaviatur eines großen Klaviers angeordnet sind und so auch den Weg zum oberen Teil der Bühne begehbar machen. Eine ganz wunderbare Idee. Die linke Seitenbühne ist mit einer Harfe dekoriert und wird hauptsächlich als Wohnung der Familie Weber eingesetzt. Dieses Bühnenbild von Jens Janke nach einer Idee des Regisseurs funktioniert zu 100 Prozent und überzeugt auf ganzer Linie. Vor allem ergänzt das Bühnenbild den Kern der Inszenierung sehr gelungen, denn über Mozarts fröhlichem „Ich bin Musik“ schwebt stets sein Requiem, welches auch in diesem Musical geschickt als seine eigene Todesmesse eingearbeitet wird. Immer und überall wird deutlich, dass Mozarts Zerrissenheit und sein Konflikt zwischen Genie und Wahnsinn eigentlich kein gutes Ende nehmen kann. Die bis auf einige Ausnahmen eher düster gehaltenen Kostüme von Karin Alberti und Fabienne Ank runden den positiven optischen Gesamteindruck passend ab. Auch für das große Ensemble der Freilichtspiele, welches einmal mehr bei den Massenszenen punkten kann, wurden wie in den Vorjahren viele Kostüme in Handarbeit selbst erstellt. Passend zum großen Finale des ersten Aktes verkörpert das Ensemble bei „Wie wird man seine Schatten los“ Mozarts eigene Schatten in schwarzen Schleier-Gewändern und sorgt somit für ein großes Highlight vor der Pause.

© Stephan Drewianka

Wie in Tecklenburg üblich, sind Rollen des Stückes bis in die Nebenrollen gut besetzt. Jan-Philipp Rekeszus spielt die Titelrolle herrlich differenziert und macht die Figur für den Zuschauer verständlich. Einerseits möchte er sein freies Leben führen, andererseits aber auch dem Vater gefallen, von dem er sich zudem mehr Anerkennung und Warmherzigkeit wünschen würde. Als Vater Leopold Mozart steht einmal mehr Thomas Borchert auf der Tecklenburger Bühne, der hier bereits im vergangenen Jahr in Don Camillo und Peppone zu sehen war. Zudem verkörperte Borchert die Rolle des Leopold bereits bei der Uraufführung im Theater an der Wien, so dass sich hier ein Kreis schließt. Alexander di Capri gibt den Erzbischof Colloredo als machtbesessenen Menschen, dem Christian Schöne als Graf Arco sämtliche Wünsche fast von den Lippen abließt. Auch die weiblichen Rollen wissen zu gefallen. Wietske van Tongeren erhält in der Rolle der Baronin von Waldstätten nach „Gold von den Sternen“ eine der größten Beifallsbekundungen des Abends. Mit Brigitte Oelke steht als Cäcilia Weber eine weitere Darstellerin auf der Bühne, die diese Rolle bereits in Wien verkörperte, in dem Fall allerdings erst bei der dortigen Wiederaufnahme 2015. Als ihre Tochter Constanze Weber und Mozarts spätere Ehefrau weiß Katia Bischoff ebenso zu gefallen wie Valerie Luksch in der Rolle von Wolfgangs Schwester Nannerl Mozart. Für die heiteren Momente des Abends sorgt Benjamin Eberling als Emanuel Schikaneder, der zudem durch große Spielfreunde überzeugt. Das Orchester der Freilichtspiele Tecklenburg spielt die Partitur, die geschickt die Musikstiele Rock, Pop und Klassik mischt, unter der Leitung von Klaus Wilhelm ganz wunderbar und erfreut den Zuschauer mit dem vollem Orchesterklang der wunderbaren Kompositionen von Michael Kunze und Sylvester Levay.

© Holger Bulk

Insgesamt darf sich der Zuschauer im Fall von Mozart! erneut über eine hochwertige Musicalproduktion in Tecklenburg freuen, die sowohl musikalisch wie auch durch eine stimmige Regie mit sehr interessanten neuen Ansätzen überzeugen kann. Am Ende steht Mozart beispielsweise nach seinem Tod in einer Reihe mit weiteren großen Musikern, die viel zu früh verstorben sind, seien es Elvis Presley, Marilyn Monroe, Michael Jackson, Freddie Mercury oder Amy Winehouse. Ein gelungenes Schlussbild für einen gelungenen Musicalabend unter freiem Himmel, bei dem auch das Wetter zum Glück ganz wunderbar mitspielte.

Markus Lamers, 9. Juli 2023


Mozart!

Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay

Premiere: 16. Juni 2023

Besuchte Vorstellung: 30. Juni 2023

Inszenierung: Ulrich Wiggers

Choreografie: Francesc Abós

Musikalische Leitung: Klaus Wilhelm

Orchester und Chor der Freilichtspiele Tecklenburg

Weitere Vorstellungen: div. Termine bis zum 27. August 2023