Lübeck: „Hänsel und Gretel“, Engelbert Humperdinck

Für zwei Stunden mal wieder Kind sein! Staunen, bange sein, Tränchen wegdrücken, Lachen, wild applaudieren! So etwas wünschen wir Erwachsenen uns gerade in der sentimental anspruchsvollen Vorweihnachtszeit doch immer wieder, wenn wir uns an früher erinnern, als wir tatsächlich mit festem Kinderglauben das Christkind für den Überbringer all der wunderbaren Geschenke hielten, die unsere Eltern mehr oder weniger gut verborgen hatten.

© Oliver Fantitsch

Sich wie ein Kind an einem Märchen mit zauberhafter Musik zu erfreuen – das geht ganz klassisch mit Humperdincks „Hänsel und Gretel“ und am allerbesten in einem so muggeligen Jugendstiltheater wie dem der Hansestadt Lübeck. Auf keinen Fall darf es eine moderne Inszenierung sein, die Geschichte ist – unter uns Erwachsenen – so schon schlimm genug. Da gibt es eine von Hunger geplagte Familie, darin eine Mutter, die mit dem Stock die Kinder züchtigt, einen betrunkenen Vater, der seiner Frau das gleiche androht, eine Kannibalin und den grausamen Feuertod dieser sozial ausgegrenzten Randperson. Und am Ende stehen die erlösten Opfer der „Bösen“ da wie die ehemaligen Heiminsassen einer Einrichtung, die wegen Missbrauchs in den Medien kritisiert wird.

Himmel – wie kriegt man da als erklärendes Elternteil die Kurve, ohne die Kleinen noch mehr zu verstören, als dass dies ohnehin bereits durch die unsozialen Medien geschehen ist? Die zauberhafte Musik aus diesem „Kinderstubenweihfestspiel“, wie Humperdinck diese Oper selbst nannte, macht´s möglich. In der selbstironischen Bezeichnung bekennt sich der Komponist natürlich zur in der Rezeption oft beschriebenen Wagner-Jüngerschaft und so wabert, lodert und walhallt es gewaltig im Walde. Man würde sich nicht wundern, wenn nach der Hexe auch noch gleich Erda aus dem Lebkuchenhaus träte und um das Taumännlein noch munter die Rheintöchter tanzten. Das zieht sich bis ins Libretto von Adelheid Wette: „Griesgram, Griesgram, greulicher Wicht, griesiges, grämiges Galgengesicht“ erinnert verdächtig an das „schwarze schwielige Schwefelgezwerg“ aus des Meisters „Rheingold“.

Dennoch, das wusste bereits Gustav Mahler, ist das Märchenspiel ein echtes Meisterwerk und zwar eines mit Zuckerguss: Der fließt in Lübeck in satten rosa Tropfen vom Dach des Lebkuchenhauses. Die Inszenierung von Herbert Adler aus dem Jahr 2010 könnte auch ein Jahrhundert früher exakt so ausgesehen haben und das ist gerade richtig. Kostüme, Requisiten und Bühnenbild von Thomas Döll sind herrlich altmodisch und zuweilen ein bisserl kitschig – gerade das funktioniert wunderbar, zumal für die Kinder, die in großer Zahl am 22. Dezember im Haus saßen. In so einer Vorstellung toleriert man selbstverständlich die erstaunten Ausrufe und Zwischenfragen der Kinder; tatsächlich waren die Erwachsenen unruhiger als der Nachwuchs, der sich meist wirklich so brav benahm, als hätte es zuvor eine häusliche Ansage von St. Nikolaus gegeben.

© Oliver Fantitsch

Eine zugewandte Personenregie und das individuelle Spiel führten bei allen Mitwirkenden zu einem erfrischenden, leichtfüßigen Miteinander. Das Geschwisterpaar wurde von der Hauskraft Andrea Stadel und Therese Fauser als Gast gegeben; beide sangen, tanzten und balgten mit überzeugender Präsenz und kindlicher Freude. Sabina Martin als Mutter und Steffen Kubach als Vater holten gesanglich, aber auch gestisch und mimisch alles aus ihren Rollen heraus; Kubach ist ohnehin ein grandioser Komödiant und war ganz in seinem Element.

Nataliya Bogdanova meisterte die Doppelrolle Sand- und Taumännchen mit liebenswürdigem Charme und glitzerndem Sternenstaub. Seit Beginn der Spielzeit bereichert Edna Prochnik das Ensemble und es ist nach der Herodias in Richard Strauss´ „Salome“ ihre zweite Hexenrolle. Souverän wandelte sie ihre eigentlich warm und schön klingende Stimme zum Hexengekrächz und hässlichem Lachen. Für den Flug auf dem Besen gab es Extra-Applaus.

Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter dem Dirigat von Paul Willot-Förster schwelgte in der warmen, wogenden, zauberischen Musik, ohne pathetisch zu werden. Dafür sorgten ein frisch angezogenes Tempo und die akzentuierte Berücksichtigung der Soloinstrumente.

Zum Weinen schön geriet der Abendsegen und in seliger Erinnerung bekamen viele der Erwachsenen feuchte Äuglein, als alle vierzehn Englein sich schützend um die schlafenden Kinder reihten. Wo wir schon bei der weihnachtlichen Sentimentalität sind, sei eine persönliche Bemerkung erlaubt. Die Gattin des Rezensenten feierte exakt mit dieser Vorstellung ihr 50-jähriges Opern-Jubiläum. Für die 8-jährige war „Hänsel und Gretel“ im Theater Lübeck 1972 die Initialzündung zu einem Leben, das ohne Oper nicht denkbar wäre. Und so ist Humperdincks liebenswürdiges Meisterwerk ausgesprochen geeignet, um die Kleinen zum Genuß des ganz Großen zu führen.

Dass das zwei Abende vor dem Weihnachtsfest so gut gelang, bewies der tosende Applaus, der in besonderem Maße dem Extrachor unter der Leitung von Jan-Michael Krüger und dem von Gudrun Schröder betreuten Kinderchor galt.

Wer schon an nächstes Jahr denkt: So eine Karte für „Hänsel und Gretel“ ist ein hervorragendes Weihnachtsgeschenk. Das Theater Lübeck wird dies musikalische Packerl nicht schuldig bleiben, damit die Kleinen große Augen machen und die Erwachsenen mal vergessen, wie alt sie tatsächlich sind.

Frohe Weihnachten!

Dr. Andreas Ströbl, 23. Dezember 2022


„Hänsel und Gretel“

Engelbert Humperdinck

Theater Lübeck

Inszenierung: Herbert Adler

Extrachor: Jan-Michael Krüger

Kinderchor: Gudrun Schröder

Dirigat: Paul Willot-Förster

Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck