Toulouse: „Dialogues des Carmélites“

Premiere am 22. November 2019

Ein „Salve Regina“, das man nicht vergisst

Da diese wunderbare Oper des französischen Komponisten Francis Poulenc (1899-1963) nicht jedem geläufig ist, hier eine kleine Einführung. Wir sind im Jahre 1789, also dem Jahr der Französichen Revolution. Blanche de la Force, eine junge Aristokratin aus Paris, die einmal heftig persönlich attackiert wurde, offenbart ihrem Vater, in den Orden einzutreten. Als Novizin erlebt sie dort die letzte Tage der Kongregation, die auf der schwarzen Liste der Revolution steht. Als die Schergen den Konvent stürmen, gelingt es Blanche zu entkommen. Die religiösen Regeln und Gepflogenheiten werden aufgelöst und die Novizinnen zum Tode verurteilt. Sie, 16 an der Zahl, singen das „Salve Regina“ und besteigen am Schluss nacheinander das Schafott. Nach einigem Zögern und Zweifeln über ihre Existenz entschließt sich Blanche im letzten Moment, sich wieder zu ihnen zu gesellen und mit ihnen gemeinsam in den Tod zu gehen. Ein musikalisch und emotional unglaubliches Ende!

Der Direktor des Verlegers Riccardi, Guido Valcarenghi, bat Poulenc 1952, eine geistliche Ballettmusik für die Mailänder Scala zu komponieren. Dieser leistete der Bitte keine Folge und bot im Jahr darauf an, eine Oper über ein mystisches Sujet zu schreiben. Valcarenghi schlug ihm vor, den Stoff der Carmélites aufzugreifen. Poulenc, gerührt vom Schicksal der Carmélites und fasziniert von einem Text von Georges Bernanos auf der Basis einer Novelle von Gertrud von Lefort „La Dernière á l‘échafaud“ redigierte dessen Text für das Opern-Libretto selbst. Fertiggestellt 1956, wurde das Stück im Januar 1957 in einer Inszenierung von Margarethe Wallmann (deren 700. „Tosca“-Aufführung an der Wiener Staatsoper bald am Horizont aufscheinen wird, wenn es in der neuen Direktion so weitergehen wird…), auf Italienisch! Poulenc war auch unzufrieden mit den Bühnenbildern von Georges Wahkévitch, die ihm aufgezwungen wurden. So nahm er für die französische EA an der Opéra de Paris alles selbst in die Hand und führte die „Dialogues des Carmélites“ zu einem Triumph! Bis zum Oktober 1959 wurden sie am Palais Garnier 25 Mal aufgeführt! Von da an fand das Stück als eines der wenigen des 20. Jahrhunderts Eingang in das Repertoire der großen Opernhäuser weltweit.

Das ehrwürde Théatre du Capitole Toulouse hat mit der Inszenierung dieser Oper einen recht bekannten und gern aneckenden französichen Regisseur betraut, Olivier Py, der vor einigen Jahren Furore mit einer überaus freizügigen, aber Wagners Regieanweisungen gar nicht so fern liegenden Inszenierung des „Tannhäuser“ am Grand Théatre de Genève machte. Auch hier war sein künstlerischer Mitarbeiter, Daniel Izzo, mit dabei. Im ausgedehnten Vorspiel, natürlich der Pariser Fassung, ließ er damals einen französichen Pornostar als Minotaurus in seinem Hauptgewerbe aktiv werden und selbst die Venus ungewöhnlich Eva-haft auftreten. Vor dem Eingang wurden Karten gesucht wie einst in Bayreuth zu Wolfgang Wagners Zeiten. Py machte zuvor einen sehr interessanten „Tristan“ in Genf, in greller Schwarz-Weiß-Ästhetik, beide rezensiert im Merker. Heute ist er Intendant des Festival d‘Avignon. Mit seinen stets bevorzugten Schwarz-Grau-Weiß-Tönen und der wieder einmal kongenialen Zusammenarbeit mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Pierre-André Weitz sowie dem Beleuchter Bertrand Killy erwies sich auch in Toulouse Py als der richtige Griff für das traurige und düstere Geschehen um die Karmelitinnen während der Französichen Revolution. Er ist ein großer Verehrer von Georges Bernanos, schon seit seinen jungen Jahren.

Zunächst sieht man auf einer Projektionsfläche schemenhaft, wie Adlige mit Zylinderhüten von Bauern mit Forken und Hacken zum Schafott getrieben werden – die Revolution an der Bourgeoisie ist in vollem Gange. Es wird dann eine düster-graue Box sichtbar, die zunächst für den Prolog dient und dann das klaustrophobische Milieu der Karmelitinnen, die dazu noch in grauen Kutten mit gesenkten Köpfen erscheinen, eindrucksvoll charakterisiert. Nach dem Prolog, in dem Blanche ihrem Vater dargelegt hat, warum sie in den Orden eintreten will, dreht sich die Handlung im Wesentlichen um den bevorstehenden Tod der Ersten Priorin, die hier von Janina Baechle verkörpert wird, mit den dunklen Farben ihres Mezzos, der ideal zur Respekt gebietenden Äbtissin passt. Ihre Todesszene im Bett hat Weitz in einer Vertikalen inszeniert. Man schaut von oben auf sie drauf, bis sie die Arme nach langer und bewegender Agonie im Tode wie ein Kreuz von sich steckt. Die Karmelitinnen trauern über ihrem schlichten Holzsarg, allen voran Blanche und Schwester Constance de Saint-Denis. Anais Constans singt die Blanche mit einem kraftvollen farbenreichen Sopran und spielt die Rolle mit großer Emphase, schließlich auch Empathie für ihre leidenden Mitschwestern. Jodie Devos begeistert als Schwester Constance mit einem lyrischen und sich in den Höhen der Partie äußerst wohl fühlenden Sopran. Sie hat schon die Zerbinetta gesungen.

Auch wenn sie hier nur untergeordnete Rollen spielen, seien die Männer kurz erwähnt. Jean-Francois Lapointe ist als Le Marquis de la Force ein souveräner Vater von Blanche. Thomas Bettinger singt den Chevalier de la Force ansprechend. Nur Vincent Ordonneau als L’Amonier fällt vokal gegen diese beiden ab. Die übrigen Nebenrollen sind gut besetzt. Auch der Chor des Capitols, von Alfonso Caiani einstudiert, ist ein starkes Plus des Abends.

Anaik Morel überzeugt als Mère Marie de l’Incarnation mit einem klangschönen und perfekt geführten Mezzo sowie hoher Autorität. Diese strahlt später auch die neue Priorin, Catherine Hunold, bei ebenso guter vokaler Leistung aus. Im zweiten Teil kommt auch interessante Bewegung in das zunächst starre Bühnenbild. Einmal scheint im Hintergrund der blaue Himmel auf, was wie ein hoffnungsvoller Gruß aus der freien Welt wirkt. Dann werden Bäume sichtbar, die einen Eindruck von Natur in das ansonsten stückgemäß triste Ambiente vermitteln. Ein anderes Mal verlängert sich das Bühnenbild scheinbar unmerklich fächerartig in die Tiefe und wirkt so fast wie ein Verließ, aber auch wie eine Gibichungenhalle. Immer wieder stellen die Karmelitinnen trotz aller Bedrohung von den Revolutionsgarden ihre geistlichen Symbole auf, ganz so, als würde nichts passieren, in unerschütterlichem Glauben.

Der aufregendste Moment ist natürlich der Schluss, und auch der musikalisch schönste. Alle Karmelitinnen stehen auf der Bühne in weißen Unschuldsgewändern, eigentlich schon Leichentüchern, und beginnen das „Salve Regina“ zu singen, immer stärker, durch den Damenchor in den beiden Proszeniumslogen unterstützt. Ein wunderbarer Moment! Dann hört man das metallische Rauschen des Fallbeils der Guillotine. Die jeweils Getroffene zuckt zusammen, senkt den Kopf und geht langsam nach hinten ins Dunkel ab. Da läuft es einem kalt über den Rücken! Bis schließlich Blanche kommt und als letzte mit Constance in den Tod geht. Spätestens hier wird klar, dass Die „Dialoges des Carmélites“ ein absolutes Meisterwerk des 20. Jahrhunderts sind…

Jean-François Verdier dirigiert das Orchestre nacional du Capitole mit der ganzen Sensibilität und dem Facettenreichtum, die sowohl der Inhalt des Stücks wie seine Partitur einem Dirigenten und dem Orchester abverlangen. Verdier kann auch die starken Sprünge und erratischen musikalischen Momente, so typisch für Poulenc, eindrucksvoll darstellen, und das Orchester scheint sich bei dieser Musik wie ein Fisch im Wasser zu fühlen. Dazu kommt noch die bestechende Brillanz der Akustik des Théatre du Capitole. Somit wurden diese „Carmélites“ auch musikalisch zu einem Erlebnis, das Erlebnis eines Gesamtkunstwerks…

Fotos: Patrice Nin

Klaus Billand/9.12.2019

www.klaus-billand.com