Ein durchwachsener Holländer
Nachdem hier im futuristischen Opernhaus, dem Palau de Les Arts des Architekten Santiago Calatrava Valls, im Volksmund, „El Huevo“, das „Ei“ genannt, im Juni 2009 ein international beachteter Ring des Nibelungen von Richard Wagner in der Regie der Akrobatentruppe La Fura dels Baus unter Carlus Padrissa über die Bühne ging, bringt das Haus immer wieder einmal auch eine Wagner-Oper. Diesmal war es das Frühwerk des Bayreuther Komponisten, Der fliegende Holländer, in einer schon länger gespielten Produktion der Opéra national de Paris, die auch am Teatro Regio Torino zu erleben war, in der Regie von Willy Decker. Sie wurde am Les Arts von Stefan Heinrichs wieder aufgearbeitet.

Gerade unter dem Aspekt der erst kürzlich erlebten Holländer-Produktionen am Teatro Municipal de Santiago de Chile und am Landestheater Linz, die sehr viel spannender und dramatischer waren, blieb der Eindruck dieser schon relativ alten Decker-Inszenierung doch etwas enttäuschend. Sein Bühnenbildner Wolfgang Gussmann, der auch die passenden Kostüme entwarf, engte das ganze Geschehen sehr stark ein, indem er es auf einen übergroßen Raum mit einer neoklassischen überdimensionalen Tür und ein paar Stühlen ablaufen lässt. Man ist gezwungen, immer anzunehmen, was hinter dieser Tür sein könnte. So ist das Schiff Dalands nicht zu sehen. Lediglich drei lange Taue kommen aus der Tür heraus, an denen die Seeleute im Wohnzimmer ständig herumzerren. Hier sitzen später natürlich auch die Spinnerinnen, nur spinnen sie nicht… Auf der linken Seite in einem Gang hängt ein riesiges Bild des aufgewühlten Meeres, auf dem immer wieder mal Fatamorgana-ähnlich der Clipper des Holländers auftaucht. Die Beleuchtung von Hans Tölstede trägt auch nicht gerade zur theatralischen Intensivierung bei. Das erschien für die 2 Stunden 20 Minuten Spieldauer etwas zu wenig…

Es fehlte an Intensität und Dramatik auch in der Optik, was sich bis zu einem gewissen Maß auch auf die Sänger zu übertragen schien. Nicholas Brownlee ist ein guter Bassbariton, hat jedoch nicht die Strahlkraft eines wahrhaft „fliegenden Holländers“ mit seinem ganzen Mythos und persönlichen Tragik. Brownlee wirkt er eher der nette junge Mann von nebenan, ein ernst zu nehmender Novio von Senta. Diese wurde hier von der phantastischen Elisabet Strid gesungen und äußerst intensiv gespielt. Strid ist schon seit langem eine der besten Vertreterinnen dieser Rolle. Sie gab die Senta in Valencia wieder mit totaler Hingabe und sehr viel Emotion sowie ausdrucksstarker Mimik. Dabei ist sie mit der erst vor etwa einem halben Jahr in Genf debütierten Isolde und der im Mai am Royal Opera House London Covent Garden kommenden Walküre-Brünnhilde an sich schon weit über diese Rolle hinaus.

Franz-Josef Selig ist ein zuverlässiger, sehr guter Sänger und gab somit den Daland überzeugend mit einer vor allem sängerischen Note. Der Erik wird in der Besetzungspolitik bisweilen etwas stiefmütterlich behandelt. Umso mehr ist hervorzuheben, dass Stanislas de Barbeyrac diese Rolle mit einem klangvollen und lyrisch timbrierten Tenor sang und auch einnehmend gestaltete. Eva Kroon als Mary machte ihre Sache gut, während der Steuermann von Moisés Marín stimmlich etwas zu dünn war, aber engagiert spielte – auch und gerade in Verbindung mit dem Chor. Erstklassig war immer im Les Arts der Cor de la Generalitat Valenciana unter Jordi Blanch Tordera und der Coro de la Comunidad de Madrid, der hier verstärkte, unter Javier Carmena. Es waren kraftvolle und exzellent akzentuierende Stimmen zu hören!
Der US-Amerikaner James Gaffigan stand am Pult des Orquestra de la Comunitat Valenciana und sorgte für erfreuliche Belebung aus dem Graben, indem er zügige Tempi wählte und auch die dramatischen Momente, vor allem im 3. Akt, sehr gut hervorhob. Das Orchester spielte offenbar in Bestform.
Klaus Billand, 2. April 2025
Der fliegende Holländer
Richard Wagner
Palau de Les Arts, Valencia
Besuchte Vorstellung: 8. März 2025
Inszenierung: Willy Decker
Musikalische Leitung: James Gaffigan
Orquestra de la Comunitat Valenciana