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1. PHILHARMONISCHES KONZERT

am 28.10.2018

 

Wolfgang Amadeus Mozart: Rondo in A-Dur für Klavier und Orchester

Richard Strauss: Burleske in d-Moll für Klavier und Orchester

Schostakowitsch 5. Sinfonie

Intelligent sinnvolle Konzertzusammenstellung

Gerade bei so expressiven und extensiven Sinfonien wie sie von Schostakowitsch (oder Bruckner oder Mahler) erschaffen wurden, stellt sich immer die Frage, mit welchen Kompositionen kann man sie denn zusammen aufs Programm setzen, ohne dass die Werke vor der Pause von der nachfolgenden Sinfonie erdrückt werden. Hier haben nun Daniele Rustioni und die Philharmonia Zürich eine ganz kluge Lösung gefunden: Sie setzten vor Schostakowitsch Richard Strauss' Burleske für Klavier und Orchester an. Strauss' Jugendwerk hat mit Schostakowitschs Fünfter nicht nur die Grundtonart d-Moll gemein, auch innerhalb der beiden Werke werden Verwandtschaften hörbar, so der Zug ins Groteske im zweiten Satz der Sinfonie, der auch in Strauss' Burleske herrlich verschmitzt durchdringt und etwas an Strauss' drei Jahre nach der Burleske komponierte Tondichtung Till Eulenspiegel erinnert.

Dem extrem schwierig zu bewältigenden Klavierpart von Strauss' Burleske widemete sich Francesco Piemontesi. Er spielte die vertrackt spritzigen Läufe mit einer staunend machenden Selbstverständlichkeit, stürzte sich mit Vehemenz in die Kaskaden, entlockte dem Flügel aber auch glitzernde, perlende Klänge, versank in wohliges Gurgeln, stieg wieder auf zu gleissenden Höhen. Die hochkomplexe Rhythmik bereitete weder dem Solisten, noch dem von Daniele Rustioni sicher und mit hörbarer Spielfreude musizierenden Orchester Mühe, das klang alles überaus präzise und doch mit musikantischem Spass ausgeführt. Spannend aufgebaut wurden von Maestro Rustioni die stets erneuten Anläufe der Komposition, einen Kulminationspunkt zu erreichen, immer noch eine Drehung einzubauen, Höhepunkt an Höhepunkt zu setzen, um dann blitzschnell in vermeintliche Ruhe zurückzufallen. Auch wenn sich Strauss selbst in späteren Jahren beinahe verächtlich und verschämt über sein Jugendwerk äusserte, dem Zuhörer bereitet diese Werk stets einen Riesenspass. Nicht zu vergessen die immens wichtige Rolle der Pauke, die immer wieder auf Sturm drängt, manchmal obsiegt dann aber eine Melancholie wie von Tschaikowsky komponiert. Am Ende siegt dann natürlich die Fulminanz, die in eine durch Piemontesi auch physisch humorvoll dargestellte Erschöpfung des Solisten mündete.

Doch die Erschöpfung hielt nicht lange an, erst folgte eine herzliche Umarmung des Solisten mit dem Dirigenten, dann verlangte der begeisterte Applaus natürlich nach einer Zugabe. Die war erstmal eine ganz grosse Überraschung, denn flugs wurde ein zweiter Klaviersessel hingestellt und der Dirigent Daniele Rustioni setzte sich links neben Francesco Piemontesi und zusammen spielten sie Mozart, den 3. Satz aus dessen Klaviersonate zu vier Händen KV 381. Rasant und brillant. Wunderbar. Das war aber nicht das einzige Werk von Mozart, das in diesem Konzert erklang. Begonnen hatte man nämlich mit dem Rondo in A-Dur für Klavier und Orchester, dessen spannende Entstehungs- und Wiederaufführungsgeschichte weiter unten nachzulesen ist. Rustioni dirigierte die relativ lange Orchestereinleitung wunderbar federnd und liess den tänzelnden Charakter herrlich durchschimmern, Piemontesi antwortet mit sorgsam hingetupften Anschlägen, wunderbar sauberen Trillern, zunehmender Virtuosität; die Interpretation versprühte eine einnehmende Frische und Direktheit, zeugte von sorgfältigem gegenseitigem Mitdenken, Mitfühlen, Horchen. Doch damit nicht genug, denn Piemontesi schenkte dem Publikum auch noch einen wunderschön, sanft und sauber gespielten Bach von tief empfundener Innigkeit und Bescheidenheit.

Nach der Pause nahm dann ein Orchester auf der Bühne Platz, das noch größer besetzt war, als das für Strauss' Burleske. Aufhorchen ließen gleich zu Beginn die Streicher mit ihrem geschärften Klang. Immer wieder wurde er zwar im ersten Satz durch weichere, melancholischere, idyllischere Kantilenen abgelöst, doch die martialischen, schmerzverzerrten Passagen behielten stets die Oberhand. Schostakowitschs kaum verhohlene Kritik am Regime dringt durch. Der brachiale Marsch, von der Philharmonia Zürich mit atemberaubender Präzision gespielt, verfehlte seine unter die Haut gehende Wirkung nicht. Vom zweiten Satz war schon die Rede, diesem grotesken Gegacker der Holzbläser, das wie eine Persiflage daherkommt, unterbrochen von der verzerrt tanzenden Solovioline (wunderbar gespielt von Hanna Weinmeister, Kniefall des Dirigenten vor ihr beim Schlussapplaus) und der Soloflöte. Der dritte Satz hätte beinahe einen Zwischenapplaus ausgelöst, diese leidvolle Musik, dieses tieftraurige Largo markierte einen krassen Gegensatz zur vorhergehenden grotesken Ländlerseligkeit. Rustioni verstand es dabei, die Spannung bis zum Zerreissen aufrecht zu erhalten und eine Verinnerlichung ohnegleichen zu evozieren. Dann wieder der Schnitt zum Finalsatz, diesem kurzen, derben Heranrollen des (vermeintlichen) Triumphs. Forsch das Tempo, galoppierend, und das Riesenorchester wie eine gewaltige Siegesglocke läuten lassend. Kurz ein Verschnaufen in einer Art vorweggenommener Minimal Music, mit einer kurzen Phrase die sich höher bis in die ganz kurzen Saiten der Harfen schraubt, dann die Rührtrommel die den sich nähernden Marsch ankündigt und sich darauf mit (vom Dirigenten gerade noch genügend kontrollierter) Wucht über die Zuhörer ergiesst.

Gefährlich mitreissende Musik, die sowohl regimefreundlich als auch regimefeindlich und kritisch gehört werden kann. Der Jubel jedenfalls wollte kaum enden. Daniele Rustioni, Chefdirigent an der Opéra de Lyon, in Zürich dirigierte er Madama Butterfly und Cavalleria Rusticama / Bajazzo möchte man jedenfalls immer wieder gerne in Zürich begegnen.

Kaspar Sannemann 6.11.2018

 

 

MOZART, BRUCKNER

Konzert am 19.09.2018

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr.22 in Es-Dur

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 in E-Dur

Als eine „symphonische Riesenschlange“ bezeichnete der scharfzüngige Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick einst Bruckners 7. Sinfonie. Hanslicks Einschätzung mag leicht despektierlich klingen, unrecht hatte er damit jedoch nicht. Denn die an- und abflauenden Spannungsbögen mit ihren endlos scheinenden Steigerungswellen erinnern tatsächlich an die Windungen einer Schlange, ihr Aufbäumen, ihr Zurücksinken , ihr Aggressionspotential. Allerdings ist es eine symphonische Schlange, der man über knapp 70 Minuten gerne zuhört, sich von ihr vereinnahmen, ja geradezu blenden lässt. Gerade im zweiten Satz, diesem unter die Haut gehenden Adagio, türmen sich die beiden Motive (Wagner-Tuben Motiv und das Zitat aus Bruckners eigenem Te Deum) in Modulationen auf, winden sich, und kommen erst ganz spät zum Höhepunkt - der allerdings ist dermassen orgiastisch und erotisch-sinnlich komponiert, dass man kaum glauben kann, dass er aus der Feder des tiefgläubigen Einzelgängers Bruckner stammt.

Wenn dann noch ein so erfahrener Dirigent wie Bernard Haitink am Pult des exzellent und mitreissend spielenden Tonhalle-Orchesters Zürich steht, dann ist gerade auch in diesem Moment Gänsehaut und wohliger Schauer garantiert. Dieser Kulminationspunkt in Bruckners 7. Sinfonie gehört zu den umstrittensten Takten der Musikliteratur. Auf Drängen von Schülern und Freunden fügte Bruckner (der eigentlich ungestimmte Instrumente wie Becken und Triangel nicht mochte) dann eben doch einen Beckenschlag ein. Später wurde er überklebt, wieder eingefügt, wieder gestrichen, so dass man bis heute nicht genau weiss, was Bruckner wirklich wollte. Haitink beliess ihn in seinem Konzert von gestern Abend – meines Erachtens zu Recht. Der Beckenschlag ist an dieser Stelle (Bruckner möge mir den Ausdruck nachsehen) einfach geil. Doch nicht nur der spannende Aufbau dieses Adagios liess einen am Sesselrand in der Tonhalle Maag kleben. Im ersten Satz wurde man von Beginn weg durch die wunderschön warm intonierten Kantilenen der tiefen Streicher in einen spannungsvollen akustischen Strudel gezogen, einen Sog, der stets klar strukturiert und doch überaus sinnlich gehalten war.

Mal zog Zuversicht wellenartig in den voll besetzten Saal, dann wieder horchte man der zerklüfteten Spannung und der originellen Harmonik in der Durchführung, hörte die Orchesterfamilien wirkungsvoll aufblühen, war fasziniert vom strahlenden, tadellos intonierenden Blech. Fantastisch gestaltete Haitink zusammen mit dem konzentriert und präzise seine Intentionen ausführenden Tonhalle-Orchester das Scherzo, mit seinem mal aufbrausenden, dann wieder wiegenden Charakter, unterbrochen durch den ruhigen Fluss des Trios, in dem besonders die Holzblasinstrumente für wunderbar zarte Einsprengsel sorgten. Nach dem architektonisch so herrlich disponierten Finale mit seinen „Rheingold“ - und „Meistersinger“ - Zitaten und dem paradiesischen Blechbläser-Choral, gab es für das Publikum kein Halten mehr, stehende Ovationen für den bald 90jährigen Maestro und das einmal mehr auf allen Positionen exzellente Tonhalle-Orchester Zürich. Ein Glanzmoment, den man eben nur live erleben kann.

Vor der Pause wurde Mozarts Klavierkonzert in Es-Dur KV 482 gespielt, mit Till Fellner am Flügel. Fellner nahm mit seinem schmeichelnden Anschlag, der subtil abgestuften, spannungsvollen Dynamik, den stupend ausgeführten Trillerpassagen und der virtuosen Kadenz für sich ein. Zart und empfindsam erklang das Andante, durch sparsamen Pedaleinsatz sehr klar gehalten und nie allzu verquollen-weinerlich. Quasi attacca bogen die Musiker in das Rondo-Finale ein, in dem Fellner noch einmal seine herausragende Trillertechnik präsentieren durfte, ein einfühlsames cantabile im Andantino-Zwischenteil evozierte und mit einer herrlichen Kaskade in die Coda führte. Ein besonders Lob gebührt auch in diesem Werk den Holzbläsern, welche man in der Akustik der Tonhalle Maag ganz besonders prominent wahrnimmt.

So schön dieses Mozart-Konzert auch gespielt und interpretiert wurde, Bruckners „Riesenschlange“ nach der Pause erwürgte beinahe die Erinnerung daran. Ähnlich war es schon, als Haitink in der letzten Saison hier die vierte Sinfonie Bruckners aufgeführt hatte, auch damals wurde vor der Pause ein Klavierkonzert von Mozart gespielt. Vielleicht sollte man mal versuchen, Bruckner mit einem Werk aus dem späten 20. oder dem 21. Jahrhundert zu kombinieren und zu konfrontieren. Ein Werk, das imstande wäre, der Schlange die Stirn zu bieten.

Kaspar Sannemann 22.9.3018

 

 

Saisoneröffnung mit Jukka-Pekka Saraste

Konzert in Zürich am 12.9.

Alban Berg: Violinkonzert

Gustav Mahler 9. Sinfonie in D-Dur

Vielfältig sind die Verbindungen und Berührungspunkte zwischen diesen beiden Meilensteinen der Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Weder Berg noch Mahler erlebten die Uraufführungen ihrer letzten vollendeten Werke. Die Achtung Bergs vor Mahlers neunter Sinfonie war enorm, er bezeichnete sie als Übergang zu einer neuen Epoche, die dann tatsächlich mit ihm und Schönberg anbrechen sollte. Berg seinerseits pflegte engen, freundschaftlichen Kontakt zu Mahlers charismatischer Witwe Alma (in zweiter Ehe verheiratet mit dem Architekten Walter Gropius, in dritter mit dem Dichter Franz Werfel, Liebschaften mit Oskar Kokoschka und Franz Schreker u.a.m.). Alma Mahler unterstützte Berg auch finanziell (Drucklegung seiner Oper WOZZECK). Als Almas wunderschöne Tochter Manon Gropius im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung starb, widmete ihr Alban Berg sein Violinkonzert und gab ihm den Titel Dem Andenken eines Engels. Diesem Werk und auch Mahlers letzter vollendeter Sinfonie wohnt ein Hauch von Abschieds- und Weltschmerz inne, eine Transzendenz, mit der beide Werke enden, die tief bewegt, mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Am Beginn des Konzerts stand Bergs Violinkonzert. Schon Arnold Schönberg hatte seinem Schüler Berg eine „überströmende Wärme des Fühlens“ attestiert. Diesem Empfinden steht auch die Zwölftonmusik nicht im Wege. Davon konnte man sich gestern Abend in der Tonhalle Maag erneut überzeugen. Die Violinistin Janine Jansen (diese Saison als Artist in Residence des öfteren zusammen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und in Kammermusikkonzerten in der Tonhalle Maag anzutreffen) traf für Bergs Violinkonzert genau den richtigen Ton und evozierte bewegende Effekte. Mit kristalliner Reinheit zu Beginn intonierend, wo Berg die Schönheit, die Anmut der jungen Manon Gropius beschreibt, mit tänzerischem Aplomb dann in die Kärntner Volksweisen mündend, unbeschwert und frisch sich dem Reigen hingebend. Obwohl das Thema stehenzubleiben scheint, entwickelte das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste (er sprang relativ kurzfristig für den erkrankten Semyon Bychkov ein und übernahm das vorgegebene Programm) einen vorwärts gerichteten Drive und es kam zu einem spannungsgeladenen Dialog mit der Solistin Janine Jansen. Der kristalline, reine Ton wich im zweiten Teil dann einer packenden Vehemenz, einer gegen die Krankheit kämpfenden Manon, die mal wütend aufzubrausen schien, dann wieder ermattet zusammenbrach. Schmerzattacken und Wut steigerten sich auf aufwühlende Art, bis dann die Solovioline den von Berg meisterhaft zitierten Bach-Choral Es ist genug anstimmte, schmerzhaft in ausgeklügelter Zwölftontechnik konterkariert durch Bratschen und Fagott. Da war dann plötzlich wieder die Weichheit der Bogenführung, der warme Ton der Violine von Janine Jansen zu erleben, ein letztes Aufbäumen bevor das Werk in den höchsten Lagen der Solovioline in einer jenseitigen Unergründlichkeit verklingt, in die Janine Jansen noch ein letztes kleines Crescendo einbaute, ein letztes Einatmen vor dem Übergang ins Paradies. Das war nicht nur technisch absolute Spitze, das liess einem den Atem stocken. Eine Minute absoluter Stille im nicht ganz voll besetzten Saal, bevor der begeisterte Applaus aufbrandete.

Nach der Pause erklang dann Mahlers neunte Sinfonie, ein gewaltiger Brocken – aber für einmal ein Fels, der das Werk, das vor der Pause gespielt worden war, weder vergessen machte, noch dieses zu erdrücken drohte, sondern es auf ganz wunderbare Art ergänzte, weitere Türen in eine transzendentale Welt zu öffnen vermochte. Auf die Verbindungen zwischen den beiden klug programmierten Werke habe ich hingewiesen. Auf eine ganz besondere Affinität machte die Intendantin Ilona Schmiel vor dem Konzert aufmerksam: Mahlers Sinfonie entstand nämlich kurz vor der Eröffnung der Maag Zahnradfabrik, in derer einstiger Fertigungshalle sich nun die Ausweichspielstätte des Tonhalle-Orchesters Zürich befindet. Und tatsächlich kann man auch den dritten Satz der Sinfonie, diese die Tonalität auflösende, groteske Rondo-Burleske, als leicht maschinell und lärmig empfinden. Jukka-Pekka Saraste gelang es, den leicht stampfenden Charakter des Satzes mit seinen Blechgrundierungen markant zu präsentieren. Die Einwürfe der Holzbläser waren mal diabolisch verschmitzt, dann wieder überaus hässlich (vom Komponisten gewollt!), es entwickelte sich ein gewaltiger Kontrast zum Weltenschmerz des finalen Adagios. Der Weg dahin allerdings ist lang und beschwerlich, diese neunte Sinfonie beginnt (ähnlich wie Bergs Violinkonzert) eher suchend, zerklüftet, das weiche, Trost spendende Thema wird immer wieder durch harte Einwürfe unterbrochen, hinterfragt. Saraste und das Tonhalle-Orchester vermochten die unterschiedlichen Stimmungen genau auszuhorchen, mal depressiv, dann wieder lieblicher, um gleich darauf ins Mystische abzugleiten. Herrlich schräg und derb dann die für Mahler so typischen Ländlerpassagen im zweiten Satz (auch hier eine Parallele zu Berg, der ebenfalls Volksweisen zitiert). So erreichte man also dann nach der ausser Rand und Band geratenen Maschinerie der Burleske das Finale, 25 Minuten Hochspannung, manchmal gegen Ende hin kaum auszuhalten. Immer wieder vermeinte man, im Jenseits angekommen zu sein, doch Mahler fiel immer wieder eine neue Wendung ein, ein Aufblitzen eines Motivs oder einer Idylle, welche das Sterben hinauszögert, der Titan will nicht abtreten. Ja, er richtet sich gar noch in einer letzten gewaltigen Kulmination vollends auf (akustisch kommt der Maag Saal da an seine Grenzen, doch bei den feineren Passagen überzeugt er mit einer Klangtransparenz sondergleichen). Aber wenn das Sterben schliesslich unausweichlich wird, dann ist dies von so überirdischer, paradiesischer Schönheit (auch wie bei Berg), dass man nach dem letzten Verklingen gar nicht applaudieren mag – diese Anspannungen, Klänge und Emotionen, müssen erst verdaut werden.

Doch selbstverständlich wurden - nach einer stillen Einkehr - die Mitglieder des Tonhalle-Orchesters und der Dirigent gebührend gefeiert – zu Recht. Sicher kein einfacher, leicht verdaulicher Konzertabend – aber ein überaus lohnenswerter!

Kaspar Sannemann 17.9.2017

Foto (c) Tonhalle

 

 

Maria João Pires und Bernard Haitink

Aufführung am 20.12.2017

Lichter Altersglanz in souveräner Perfektion

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr.27 in B-Dur, KV595 | Uraufführung: 4. März 1791 in Wien | Anton Bruckner: Sinfonie Nr.4 in Es-Dur, „Romantische“

 

Die Werke zweier österreichischer Giganten unter den Komponisten (Mozart und Bruckner) standen auf dem Programm dieses Extrakonzerts in der Tonhalle Maag – zwei „Giganten“ der Klassikszene, ja lebende Legenden (die über 70jährige Pianistin Maria João Pires und der bald 89jährige Dirigent Bernard Haitink), präsentierten sie zusammen mit dem vor bald 150 Jahren gegründeten Tonhalle Orchester Zürich in der ausverkauften Interimsspielstätte Tonhalle Maag dem begeisterten Publikum.

Den Anfang machte Mozarts letztes Klavierkonzert, die Nr.27, KV595, dieser verinnerlichte, leicht melancholisch durchwobene Abschied Mozarts von der Gattung des Klavierkonzerts. Und genau diesen nach innen gerichteten Hauch von Wehmut vermochten Maria João Pires und Bernard Haitink zusammen mit dem herrlich konzentriert aufspielenden Tonhalle Orchester Zürich mit berührender Schlichtheit zu evozieren, dank perfekt disponierter Tempi, die nie überhastet wirkten und so ein tiefe Empfindsamkeit der Interpretation ermöglichten. Es gab da immer wieder atemberaubende Momente des Zusammenspiels: So die Harmonie des sanft-weichen Anschlags der Pianistin mit der Soloflöte, die sublime Hornüberleitung im Larghetto, dessen Hauptthema zuvor von Maria João Pires so wunderbar romanzenhaft vorgestellt worden war, das Dialogisieren im finalen Rondo. Über die stupende technische und rhythmische Sicherheit der Pianistin braucht man keine Worte zu verlieren, wohl aber über die Behandlung des einzelnen Tons: Wie sie diesen Tönen quasi nachzuforschen scheint, ihren Nachhall einzufangen und dynamisch zu dosieren sucht, ihrer Bedeutung wie eine Forscherin nachzuspüren gewillt ist - auch inmitten expressiver Läufe und fantastisch präziser Triller in der Kadenz des Kopfsatzes - das lässt dann schon aufhorchen. Wenn dann am Ende, nach der zweiten Kadenz im Rondo, sich das Orchester quasi auf Samtpfoten durch die Hintertür wieder hereinschleicht, dann entsteht ein solch magischer Moment des Musizierens, wie man ihn nur im Konzertsaal erleben kann.

An magischen, ja geradezu mystischen Momenten herrscht in Bruckners 4. Sinfonie, der „Romantischen“ auch kein Mangel. Bernard Haitink strahlt dabei eine überlegene Ruhe aus, lässt die crescendierenden Wogen ausgeklügelt an- und abschwellen, malt das Geheimnisvolle und Rätselhafte des Waldesrauschens zusammen mit dem mit fantastischer Präzision intonierenden Orchester mit einer faszinierenden, transparenten Palette an Klangfarben. Wunderbar die Naturquinte des Horns über den murmelnden Streichern, welche das Hauptthema des ersten Satzes eröffnet, ein Thema, welches Bruckner dann fast bis zum Exzess in diesem Satz verarbeitet hatte, dessen man beinahe – aber eben nur beinahe – überdrüssig wird, und sich dann doch freut, wenn es sich in der Coda des Finales nochmals in all seiner Grandiosität wie ein erratischer Block erhebt. Der beiden Hauptthemen des zweiten Satzes (Andante) werden von den tiefen Streichern geprägt, erst von den Celli, dann diese wunderbare Melodie in den Bratschen, begleitet von den präzisen Pizzicati der restlichen Streicher. Meisterhaft gelingen die spannenden Überleitungen, der verdeckt aufkeimende Jubel, das abrupte Absinken in mystische Tiefen und dann die im Pianissimo verklingenden Wirbel der Pauke, die einem den Atem stocken lassen. Dafür hat der Paukist einen Extraapplaus mehr als verdient, wie auch die Blechbläser, welche im Jagdscherzo Enormes zu leisten haben, und diese Aufgabe mit Brillanz und Bravour meistern. Nach dem von Flöte und Klarinette geprägten Trio mit seinem so beruhigend wiegenden Charakter erklingt nochmals der Hauptteil des Scherzos, eine schon fast gefährlich soghafte Wirkung des rasanten Hörnerklangs und Trompetenschalls stellt sich ein. Wuchtig und brucknerisch mitreissend dann die kathedralenhaften Blöcke im Finalsatz. Auch hier nimmt Haitink die Bezeichnung “bewegt, doch nicht zu schnell“ sehr genau, ermöglicht dadurch eine grandiose Durchhörbarkeit des thematischen Materials, das bei ihm nie einfach zum effektvollen Auftürmen missbraucht wird, sondern auch er (wie Pires zuvor bei Mozart) spürt den Gedanken des Komponisten nach, forscht, grübelt in den dräuenden Klängen, arbeitet Herzklopfen und tänzerische Motive heraus, lässt Themengruppen gegeneinander kämpfen. Man bemerkt ein beinahe erotisches Beben und Pochen in diesem hochromantischen Wald, wo sich Hänsel und Gretel fürchten, wo aber auch immer wieder eine unheimliche Ruhe vor dem Sturm einkehrt, ein Sturm, der manchmal sehr wild daher braust, und doch grandios ist und süchtig nach mehr macht ... . Dirigent und Orchester wurden nach diesen 70 Minuten deshalb auch mit stürmischen Ovationen gefeiert. Mehr als verdient!

Dies war mein erster Besuch in der Interimsspielstätte der Tonhalle Gesellschaft Zürich. Für drei Spielzeiten residiert das Orchester in der Maaghalle im Kreis fünf (nur wenige Schritte vom Bahnhof Hardbrücke und diversen Bus- und Tramhaltestellen, also mit ÖV beinahe besser zu erreichen als der Saal am See). Die in diese Industriehalle hineingebaute, hölzerne Konzertsaal-Box übertrifft die Erwartungen. Akustisch profitieren vor allem die Holzbläser und das Blech, auch der Flügel klang ausgezeichnet. Für die Streicher fehlt es vielleicht etwas an den Möglichkeiten zur Ausbreitung des Klangs, was zu Lasten der Wärme geht, dafür jedoch für eine beinahe kristalline Klarheit sorgt. Bei Tutti im Fortissimo besteht natürlich noch mehr die Gefahr der pastosen Lärmigkeit, doch an diesem Abend hatte Haitink dieses Problem erstaunlich souverän im Griff.

Kaspar Sannemann 4.1.2018

 

 

MISA CRIOLLA, JEREMIAH, CHICHESTER PSALMS

Konzert am 22.12.2016

Ariel Ramirez: Misa Criolla

Leonard Bernstein: Sinfonie Nr. 1 "Jeremiah" 

Leonard Bernstein: Chichester Psalms

Von einem aussergewöhnlichen „Weihnachtskonzert“ ist zu berichten, einem Konzert jenseits von „Jauchzet, frohlocket“ oder „Halleluja“ (wobei diese Erwähnung weder Bach noch Händel herabwürdigen soll). Aber die Programmgestaltung für diesen eindrücklichen Konzertabend zielte über die neutestamentarische Botschaft hinaus und bohrte tiefer, stellte Fragen nach dem Warum, zielte auf gedankliche Öffnung – gerade in dunklen Zeiten, wie sie die Menschheit leider momentan (selbstverschuldet!) durchleben muss.

Begonnen wurde mit Ramizez' MISA CRIOLLA, dieser Messe für das Volk, entstanden direkt während des Zweiten Vatikanischen Konzil zu Beginn der 1960er Jahre, als daselbst beschlossen wurde, dass die liturgischen Teile der Messen nicht mehr nur in Latein, sondern auch in einer dem Volk vertrauteren Sprache gesungen werden dürfen. Doch nicht nur die Sprache (hier also Spanisch), auch die Musik von Ramirez trägt die Züge des Folkloristischen, des im besten Sinne des Wortes Populären. Selbst in das sonst oftmals sehr andächtig und zurückhaltend reagierende Publikum liess sich vom Gloria „rocken“, spendete enthusiastischen Zwischenapplaus – wie auch zwischen den Sätzen der nachfolgenden Bernstein-Sinfonie. Das war aber auch eine mitreissende, packende und in ihrer immanenten Lebensfreude bewegende Wiedergabe dieser Messe –

gelebter Glaube in Musik UND Ausführung.

Auf dem Podium der fantastisch sicher singende und wunderschön intonierende Tenor Jorge de León und die überragend sauber und mit differenziertem Klang gestaltende Singakademie Zürich (Einstudierung: Andreas Felber) begleitet von acht Musikern: Dem Dirigenten Omer Meir Wellber am Flügel (und kurz auch mal am Cembalo), drei grossartigen Schlagzeugern, einem Kontrabassisten, Sebastián Montes (Gitarre), Daniel Cabaluz (Charango) und Oscar Velásquez (Siku/Queba). Nicht alles ist bis auf die letzte Note notiert in Ramirez' Werk – die Freiheit und die Kunst der Improvisation ist ebenfalls gefragt und wird von den Beteiligten mitreissend musikantisch wahrgenommen. Nur schon der Beginn mit dem leise summenden Chor über welchem sich die herrliche Tenorstimme mit der Anrufung des Herrn erhebt (Señor ten piedad de nosotros) erhielt gerade angesichts der tragischen Ereignisse vom letzten Montag in Berlin eine Gänsehaut erregende Bedeutung. Doch nicht nur Fragen wurden gestellt, es gab auch Antworten in Form von offensichtlicher Lebensfreud, Lust und überschäumender Fröhlichkeit.

So muss Glaube gelebt werden.

Mit dem Glauben beschäftigt hat sich zeitlebens auch der schwule Jude, Komponist, Dirigent und Kosmopolit Leonard Bernstein. In seiner ersten Sinfonie, genannt JEREMIAH, weil Bernstein sich durch die Prophezeiungen des Propheten Jeremias, die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar und Texte aus den Klageliedern aus dem Buch Jeremia der Bibel bei der Komposition inspirieren liess. Welch eine grandiose Musik ist da zu hören – und einmal mehr stellt man sich die Frage, weshalb es die Komponisten aus den USA (und auch aus Grossbritannien) so schwer haben, sich in Europa zu etablieren. Bernsteins überaus packende Sinfonie steht den Werken eines Schostakowitsch z.B. in nichts nach, weder in den genialen Klangabmischungen, der Dramatik, der Kraft, direkt ins Herz des Zuhörers zu dringen. Mit seinem energiegeladenen, überaus klug, aber auch emotional disponierenden Dirigat von Omer Meir Wellber und dem leidenschaftlichen Spiel des Tonhalle-Orchesters Zürich lieferten die Ausführenden jedenfalls ein restlos überzeugendes Plädoyer für diese Musik.

Die Mezzosopranistin Rachel Frenkel gestaltete die Klagelieder des dritten Satzes mit herrlich zentrierter, unverschnörkelter reiner Tongebung, bruchlos fliessender Stimme und bewegender Gestaltungskraft. Die bedrohlichen, eruptiven Klangballungen des Orchesters erhielten durch die verinnerlichte Kraft des Gesangs eine tröstliche Korrektur – doch wir brauchen mehr als Trost, in Bernsteins eigenen Worten ausgedrückt: “ Der Glaube und Frieden, der sich am Ende von JEREMIAH findet, ist mehr als Trost gedacht denn als Lösung. Trost ist ein Weg, um Frieden zu erlangen, aber er erreicht nicht das Gefühl eines Neubeginns.“

Einen etwas hoffnungsvolleren Weg aus der Krise zeigen Bernsteins CHICHESTER PSALMS, seine Vertonung von ausgewählten Psalmen aus dem Alten Testament in hebräischer Sprache. Die Musik erreicht auch hier eine zutiefst beeindruckende Kraft. Das Orchester ist interessant besetzt: Beim Blech fehlen die Hörner, die Holzbläser mussten das Podium nach JEREMIAH verlassen. Dadurch wirkt das orchestrale Fundament direkter, weniger verästelt, auch weniger spätromantisch. Die Botschaft dringt klar durch: Setzt euch gemeinsam an den Tisch, sucht die Eintracht, nehmt Abstand von Zielen, die ihr eh nicht versteht. Die Singakademie Zürich kann all ihre immensen Qualitäten offenbaren, von ätherischer Reinheit und Zurückhaltung zu paradiesischer Schönheit bis zu durchschlagenden Glaubensbekenntnissen. Im zweiten Teil begeistert der Knabensopran von Gianluigi Giosuè Sebastian Sartori mit seiner lichten Stimme. Wunderbar wie der Dirigent Omer Meir Wellber ihn durch sein einfühlsames Dirigat stützt und trägt.

„Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.“ (Psalm 133, Vers 1 in Teil III der CHICHESTER PSALMS)

In diesem Sinne FROHE WEIHNACHTEN!

Kaspar Sannemann 24.12.16

Bilder (c) Sannemann / Deutsche Grammophon

 

 

 

GLAGOLITISCHE MESSE

Konzert am 5.12.2105

Janáčeks Werken im Konzertsaal zu begegnen, stellt stets ein besonderes Erlebnis dar. Wie es der mährische Komponist verstanden hatte, aus kleinstem motivischem Material solch eine faszinierende, packende Wirkung zu entfalten, ist immer wieder aufs Neue begeisternd. Diese Wirkung stellte sich auch gestern Abend anlässlich des (späten) Debuts von Sir John Eliot Gardiner am Pult des Tonhalle-Orchesters Zürich ein – und zwar mit einer Eindringlichkeit sondergleichen. Gardiner eröffnete das Konzert mit Janáčeks Blanik-Ballade: Plastisch erzählend breitete das Orchester den manchmal herb, dann wieder pastoral-lieblich orchestrierten Klangteppich aus, flirrende Streicher über dumpf-rhythmischem Fundament wechselten mit strahlenden Fanfaren des Blechs und entfalteten einen beinahe mythischen Sog, der jedoch nie in spätromantischen Schwulst abglitt, sondern durchaus abrupte Wendungen enthielt, das Ohr überraschten.

Noch deutlicher wurden diese Effekte in der zweiten Konzerthälfte hörbar, einem zentralen Werk aus Janáčeks Oeuvre, der GLAGOLITISCHEN MESSE. Gardiner hatte dazu aus London den von ihm gegründeten Monteverdi Choir mitgebracht – welch ein Klangkörper funkelnder, überragend wuchtiger und dramatischer Stimmgewalt. Die aus acht Sätzen bestehende, in glagolitischer Schrift verfasste Messe wurde in der Interpretation der Ausführenden zu einem tief beeindruckenden, lange nachhallenden Hörerlebnis. Neben dem fantastischen Chor und dem die manchmal herbe und ungewöhnliche Instrumentationsweise des Komponisten grandios spielenden Tonhalle-Orchester beeindruckte auch das Solistenquartett: Luba Orgonášová mit ihrem wunderbar in himmlische Sphären weisenden, sauber geführten Sopran, Pavel Černoch mit seinem schlanken, unforcierten Tenor, Peter Mikuláš mit seinem kernigen Bass und (leider von Janáček mit nur marginalen Einwürfen bedacht) die Altistin Alisa Kolosova. Einen fulminanten, wahrlich unter die Haut gehenden Beitrag zum überwältigenden Gesamteindruck steuerte Peter Solomon bei, welcher mit seinen Orgelsoli gewichtige Akzente setzte. Gardiners Dirigat zeichnete sich durch einen vorwärtsdrängenden, doch nie überhasteten Impetus aus, scheute die zupackenden, naturalistischen Effekte nicht, liess aber auch die transzendentalen Phrasen mit berührender Zartheit aufblühen.

Es tut einem fast leid anzumerken, dass das dritte, zwischen die Kompositionen Janáčeks gestellte Werk, Dvořáks Sinfonische Dichtung DAS GOLDENE SPINNRAD, neben der innovativen Klangsprache Janáčeks fast ein wenig zu konventionell und blass wirkte. In einem anderen programmatischen Kontext hätte diese Komposition aber bestimmt mehr Eindruck gemacht, denn Dvořák spielte darin sehr gekonnt mit dem Chiaroscuro Effekt, die hellen Klänge der königlichen Jagd im Wald (wunderbar die Hornisten des Tonhalle-Orchesters) und das emphatisch aufsteigende Liebesmotiv kontrastierten gekonnt mit den brutalen und dramatischen Episoden der grausigen Geschichte. Sir John Eliot Gardiner und das Tonhalle-Orchester erzählten das Märchen mit fein abgestufter Dynamik und sehr dicht herausgearbeiteter Plastizität (näher kommendes Hufgetrappel der Pferde!).

Das Publikum im gut gefüllten Saal der Tonhalle Zürich zeigte sich zu Recht begeistert und feierte die Ausführenden nach der GLAGOLITISCHEN MESSE mit grossen Ovationen, wobei man einmal mehr konstatieren muss, dass gewisse Leute bereits in das Verklingen des letzten Tons hineinklatschen – das muss gerade bei einem geistlichen Werk nun wirklich nicht sein.

Kaspar Sannemann 17.12.15

 

STRAWINSKY | TSCHAIKOWSKY | PROKOFIEW

Konzert am 13.12.2015

Ja warum auch nicht? Warum sollen die Rituale in klassischen Konzerten immer so sakrosankt eingehalten werden, wie in einer streng regulierten, totalitären Glaubensgemeinschaft? Jedenfalls scherte sich das erfreulich junge und auch erfreulich aufmerksam zuhörende Publikum gestern Abend im Opernhaus Zürich nicht um die beinahe schon „heilige“ Übereinkunft, dass man bei Sinfonien und Solokonzerten nicht zwischen den Sätzen applaudiert, und so brandete sowohl nach dem ersten Satz des Violinkonzerts von Tschaikowsky als auch nach dem Kopfsatz von Prokofiews 5. Sinfonie begeisterter Applaus auf, verschaffte sich die angestaute Spannung Raum und galt sowohl den Ausführenden als auch den Komponisten, welche in ihren Werken die Satzfinali ihrer ersten Sätze so herrlich kulminieren und explodieren liessen.

Einzig das CONCERTO IN D von Igor Strawinsky blieb von Zwischenapplaus verschont, das lag aber beileibe nicht am Spiel der Streicher der Philharmonia Zürich noch am wunderbar die tänzerischen Aspekte herausarbeitenden Dirigat durch Gustavo Gimeno, sondern lag einzig und allein darin begründet, dass Strawinskys neoklassizistischer Stil halt etwas harscher, rauer und weniger emotional effektbeladen daherkommt als die nachfolgenden Werke der Spätromantik und der (sowjetischen) Spät- Spätromantik. Doch wenn man genau hinhört, ist Strawinskys Komposition eine wunderbare Entdeckung: Rhythmisches Staccato, nervös pulsierender Impetus und aparter tänzerischer Gestus der Ecksätze kontrastieren mit arioser Kantabilität des Andantinos.

Danach folgte also das erwähnte Violinkonzert Tschaikowskys: Grossartig, wie es der Dirigent Gustavo Gimeno verstand, die Einleitung kontinuierlich klanglich zu verdichten, dann den Teppich auszulegen für den Einsatz der Solovioline. Baiba Skride und der Klang ihrer Stradivari vermochten vom ersten, feinfühlig intonierten Aufschimmern des Hauptthemas an zu faszinieren, die Geige schien regelrecht zu singen; wie eine grosse Arie stieg das Kopfthema auf und breitete sich mit grandioser Steigerung aus. Glutvolle Emphase, leichtfüssige Variationen, funkelnde Girlanden und Glissandi, Läufe bis in die höchsten Lagen in der halsbrecherischen Kadenz – und dabei hatte man immer das Gefühl, dass sich Baiba Skride regelrecht auf die schwierigsten Stellen freute, sich auch durch ein umher flatterndes, gerissenes Haar des Bogens nie aus der Konzentration bringen liess. Kein Wunder also, dass nach der Reprise Applaus aufbrandete. Wunderbar zart dann das Cantabile des zweiten Satzes, diesem empfindsamen Tor zur russischen Seele Tschaikowskys, auch vom Orchester und dem Dirigenten mit der notwendigen Ruhe und der exquisiten Balance in der Klangabmischung gestaltet. Ja überhaupt das Orchester: Die Philharmonia Zürich spielte wunderbar an diesem Abend, hatte keine Schwierigkeiten mit den zum Teil doch beachtlich zügigen Tempovorgaben des Dirigenten mitzuhalten, auch nicht im entfesselt (aber kontrolliert) daherkommenden, tänzerisch-folkloristischen Schlusssatz dieses Bravour-Konzerts. Selbstverständlich entliess das Publikum Baiba Skride erst nach einer äusserst virtuos und konzentriert vorgetragenen Zugabe.

Im zweiten Teil dieses ganz den (gewichtigen) Russen gewidmeten Konzerts dann die grandiose Sinfonie Nr.5 von Sergej Prokofiew. Ja, die Russen konnten halt auch in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch ohne atonalen Formalismus komponieren (wenn auch nicht ganz freiwillig, übte doch das stalinistische Regime einen nicht ganz unerheblichen Druck auf die Kulturschaffenden aus ...). Aber wie dem auch sei, das Ergebnis ist einfach tief beeindruckend. (Und immerhin war Prokofiew nach seinem Aufenthalt in den USA freiwillig in die Sowjetunion zurückgekehrt, er war sich wohl auch dessen bewusst, was ihn dort erwartete!) Es ist einfach begeisternd (auch gefährlich?) sich den Klangmassen zu ergeben (der Zwischenapplaus nach dem ersten Satz lässt grüssen), sich in den Strudel der Rhythmen im Scherzo fallen zu lassen, die Blechsalven, die aggressiven Pizzicati, die mitreissenden Attacken des Schlagwerks auf sich wirken zu lassen. Fantastisch baute Gimeno die extensiven Klangschichtungen auf, wobei er darauf bedacht war, den Klang nie bloss lärmig werden zu lassen. Obwohl dies sein Debüt am Opernhaus Zürich war (hoffentlich folgen weitere Auftritte!), schien er sich der nicht unproblematischen Akustik des Hauses voll bewusst zu sein.

Mit tänzerischen Rhythmen (manchmal auch etwas sperrigen) von Strawinsky hatte das Konzert begonnen, mit der furiosen, sprühenden Rhythmik Prokofiews fand es seinen umjubelten Abschluss.

Kaspar Sannemann 17.12.15

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