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Nationaloper Sofia

www.operasofia.bg/en/

 

 

Parsifal

Bulgarische Erstaufführung am 4. Juli 2017

Viel Emotion bei hohem Abstraktionsgrad

Mittlerweile hat sich die Nationaloper Sofia international einen Namen gemacht mit ihren sehenswerten Inszenierungen wichtiger Werke Richard Wagners, stets als bulgarische Erstaufführungen. Dabei wurde und wird großer Wert gelegt auf ein weitgehendes Befolgen Wagners Werkaussage und Regieanweisungen. Dem westeuropäischen Wagnerschen Regietheater erteilt man hier eine klare Absage. Der unermüdliche Motor hinter dieser Pionierbewegung ist der Intendant Prof. Plamen Kartaloff, der bisher einen viel beachteten „Ring des Nibelungen“ inszeniert hat, welcher bereits im Festspielhaus Füssen gastierte und im Mai des kommenden Jahres am Bolschoi Theater Moskau zu sehen sein wird. Im vergangenen Jahr kam Kartaloff mit einer ebenfalls großartigen Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ heraus. So war es kaum verwunderlich, dass als nächstes Werk des Bayreuther Meisters „Parsifal“ - gewissermaßen als Herzensangelegenheit - anstand, zumal Richard Trimborn, musikalischer Coach der bulgarischen Sänger bei der Einstudierung all dieser Musikdramen, auch den „Parsifal“ für die Sofioter Bühne präferierte. Diese beiden Männer scheinen menschlich und künstlerisch auf das Beste miteinander zu harmonieren, ganz gewiss ein Element des nun schon einige Jahre andauernden Erfolges. So kam es Anfang Juli also zur bulgarischen Erstaufführung des „Parsifal“, immerhin 135 Jahre nach der Uraufführung.

Kartaloff geht es bei der Konzeption dieses „Parsifal“ vor allem um die Vermittlung emotionaler Inhalte, wobei die Kategorien Brüderlichkeit, Menschlichkeit und Nächstenliebe eine Verbindung mit göttlicher Strahlkraft und spiritueller Heilung eingehen. Das spirituelle Mysterium der „Parsifal“-Legende sowie die philosophischen Botschaften der Charaktere und ihr Verlangen nach einem „finalen Nirwana“ sollten im Mittelpunkt stehen. Das zu zeigen verlangt einen hohen Grad an Abstraktion und eine fein ausgefeilte Personenregie, was beides bereits im 1. Aufzug und durch das ganze Stück eindrucksvoll zu erleben ist.

Nach einem getragen und mit mystischem Aplomb musizierten Vorspiel blickt man in den heiligen Wald aus kunstvoll miteinander verflochtenen Tuchbahnen, die sich bei der Verwandlung zur Gralsburg unmerklich in Säulen verwandeln. Dass die Zeit dabei zum Raum wird, legt das Wandeln von Gurnemanz mit Parsifal in diesem sich nahezu unmerklich wandelnden Bühnenbild nahe. In einer Retrospektive sehen wir auf der Drehbühne, wie Klingsor Amfortas den Speer entwendet. Amfortas wird auf einem Rollstuhl in einem weißen Gewand mit der Blutspur der Wunde hereingeführt – man kann ihn später im Bühnenhintergrund beim Baden im See gewahren. Gurnemanz und die Ritter erscheinen in von Stanka Vauda geschmackvoll gestalteten weißen Kostümen mit den typischen Mönchskapuzen und geben damit einen wirksamen Kontrast zu den eher dunklen Bühnenbildern von Numen+Ivanka Jonke. Das Lichtdesign von Andrej Hajdinjak ist stets auf die stimmungsvollen Bilder abgestimmt. Der verwundete Schwan ist ein gefiederter Balletttänzer, der so dem Tier eine stärkere Persönlichkeit verleiht und Parsifal umso intensivere Schuldgefühle abverlangt. Sehr fantasievoll und mit großer Symbolkraft wirkt die Gralserhebung im 1. Aufzug: Während Amfortas - und Titurel steht dabei vor ihm - die Hände hebt, bildet sich der Gral durch das Ineinanderlaufen mehrerer vom Bühnenplafond herunter hängender Seile, die das Gefäß in seiner Struktur erahnen lassen - nur ein Beispiel für den Abstraktionsgrad, mit dem der Regisseur hier arbeitet. Einen interessanten Akzent setzt Kartaloff am Schluss des 1. Aufzugs: Statt als „Gänser“ von Gurnemanz hinaus geworfen zu werden, geht dieser umgehend ab und Parsifal bleibt allein auf der Bühne zurück. Nach dem Erlebten erkennt man an seiner begeisterten Mimik, dass er seinen Auftrag, Amfortas zu erlösen, verstanden hat und sich also „wissend“ auf die Odyssee macht…

Im 2. Aufzug agiert Klingsor umtriebig auf einem bühnenweiten Podest, auf dem eine Stellage montiert ist, die einen Laserstrahl erzeugt - wohl Ausdruck seiner vergeblichen Versuche, eine Lösung für seine unlösbare Problematik zu finden. Der Zaubergarten entfaltet sich sodann im wahrsten Sinne des Wortes in Form eines riesigen roten Luftkissens, in dem die sechs Blumenmädchen der 1. und 2. Gruppe - der restliche Damenchor singt aus dem Off - und später Kundry um Parsifal buhlen. Immer wieder wirkt dieses Luftkissen wie ein großer roter Mund, ohnehin eine naheliegende Assoziation zu dem darin statt findenden Kuss. Im Hintergrund droht ständig Klingsors Wirkungsfeld, von hier wirft er auch den Speer auf Parsifal, was nicht so ganz klappt.

Im 3. Aufzug sehen wir wieder den heiligen Wald, nun etwas kontrastreicher beleuchtet, und die folgende Verwandlung zu den Säulen des Gralstempels in der letzten Szene. Nachdem Parsifal Amfortas mit von seiner Wunde befreit hat, führt er in der Bühnenmitte den Speer in die Höhe unter den sich wieder aus den Seilen bildenden Gral, die durch Lasereffekte nun viel heller erleuchten als im 1. Aufzug – die Vereinigung von Gral und Speer wird somit optisch wirkungsvoll dokumentiert. Die Gralsritter liegen im Kreis um Parsifal herum und deuten damit die Wiederherstellung des Gralsordens an. Kundry singt vorn entseelt zu Boden – alles genauso wie Wagner es haben wollte, wie es aber im Wagnerschen Regietheater heute unvorstellbar wäre… Dafür gelingt dem Regieteam mit relativ begrenzten szenischen Mitteln, die aber in ihrer optischen Assoziation sehr wirksam eingesetzt werden, ein hoher Aussagegrad des Stückes, der es auch dem bulgarischen Publikum, das es überwiegend noch nie erlebt hat, verständlich werden lässt. Entsprechend war auch der starke Applaus am Schluss.

Mit dem jungen Dirigenten Constantin Trinks ist dabei gelungen, was Plamen Kartaloff als Maxime für das Zusammenwirken von Musik und Handlung gerade bei diesem Werk Wagners aufgestellt hatte – die Visualisierung der Musik. Das Orchester der Sofia Oper und Ballett lässt sich von seiner besten Seite hören, mit feiner Tongebung bei meist getragenem Rhythmus, ohne je in unangemessenes Pathos zu verfallen. Man merkte in jeder Phrase, dass es über die vergangenen Jahre ein großes Verständnis und Gefühl für die Musik Wagners entwickelt hat. Nur die Glasglocken hätten besser intoniert werden können. Der von Violeta Dimitrova geleitete Chor der Sofia Oper war bestens choreografiert und sang kraftvoll bei guter Transparenz. Venetsia Karamanova leitete den Kinderchor des Bulgarischen Nationalradios.

Während all dieser Jahre hat Plamen Kartaloff einen beachtlichen Stamm guter Wagnersänger aufgebaut, mit der Hilfe Richard Trimborns und durch intensives Proben. Dieser Stamm erlaubt es ihm nun, die Hauptpartien sogar doppelt zu besetzen! Sämtliche Sängerinnen und Sänger absolvierten an diesem Premierenabend ihre jeweiligen Rollendebüts und dies bereits mit durchaus beachtlichem Ergebnis: Kostadin Andreev gab einen sehr baritonal unterlegten aber mit kräftigem tenoralen Aplomb versehenen Parsifal, der wie schon bei seinem Siegfried im „Ring“ sehr energisch agiert. Er muss allerdings weiter an seinem Deutsch arbeiten, um auch sängerisch besser verstanden zu werden. Der noch sehr junge Atanas Mladenov sang einen lyrisch betonten Amfortas bei bester Wortdeutlichkeit. Er war der Gunther im „Ring“. Angel Hristov, der Hagen und Hunding im „Ring“, gestaltete den Gurnemanz mit seinem tragfähigen, für diese Partie nicht allzu großen Bass, bei bester Wortdeutlichkeit fast kontemplativ.

Biser Georgiev gab einen eindringlichen Klingsor mit einem etwas zu gutturalen und nicht immer verständlichen Bassbariton, was er aber mit seiner intensiven Darstellung gut überspielen konnte. Die Sofioter Isolde Radostina Nikolaeva sang eine gute Kundry, wenn auch die blendenden Spitzentöne ihres Soprans mehr überzeugten als ihre Tiefe, die bei der Kundry ja auch gefragt ist. Darstellerisch machte sie ihre Sache bestens. Petar Buchkov war ein ansprechender Titurel. In den weitgehend gut besetzten Nebenrollen sangen Hrisinir Damyanov und Stefan Vladimirov als 1. und 2. Gralsritter. Rada Toreva, Ina Petrova, Krasimir Dinev und Kalin Dushkov verkörperten die Knappen. Gesanglich und optisch anregend agierten die Blumenmädchen der 1. und 2. Gruppe, Lyubov Metodieva, Mariela Alexandova, Ina Petrova, Mirela Yabandzhieva, Angelina Mancheva und Alexandrina Stoyanova-Andreeva.

Mit dieser „Parsifal“-Produktion hat die Nationaloper Sofia ihren so erfolgreichen Weg zu Richard Wagner eindrucksvoll fortgesetzt. Die Inszenierung würde manchem großen Haus in Westeuropa zur Ehre gereichen.

9.7.2017 Klaus Billand

Bilder (c) Svetoslav Nikolov / Nationaloper Sofia

 

 

 

 

DER RING DES NIBELUNGEN

WA - 21.-27. Mai 2016

nochmal im Ganzen besprochen

In diesem Jahr feiert die Nationaloper Sofia ihr 125jähriges Bestehen. Nicht zuletzt zu diesem hier besonders wichtigen Ereignis hat Generaldirektor Plamen Kartaloff die Internationalen Wagner Wochen ausgerufen, in deren Rahmen er eine Wiederaufnahme seines sehenswerten „Ring des Nibelungen“ vom 21. bis 27. Mai zeigte. Dieser „Ring“ wurde im letzten September auch im Festspielhaus Füssen im Allgäu mit großem Erfolg präsentiert.

Der „Ring“ in Sofia hatte mit dem „Rheingold“ unter der Stabführung von Manfred Mayrhofer mit dem Orchester der Nationaloper Sofia einen guten Start. Kartaloff hat mit seinem Story Board den „Ring“ aus der Musik und Werkaussage Richard Wagners inszeniert und damit eine außergewöhnlich große Harmonie zwischen Optik, fein ausgestalteter Personenregie und der Musik aus dem Graben erreicht. Wir erblicken im Wesentlichen einen beliebig variationsfähigen bühnengroßen Ring sowie einige kegelförmige Konusse, reduziert auf bestimmte symbolische Bedeutungen. Kartaloff setzt sie in ständiger Variation über den ganzen Zyklus hinweg dramaturgisch ein, wobei das Multimedia Design von Vera Petrova und Georgi Hristov sowie die Lichtregie von Andrej Hajdinjak eine ganz entscheidende Rolle spielen. Es gelingt dem Regieteam, mit den Bühnenbildelementen und fantastischen Figurinen von Nikolay Panayotov sowie dem facettenreichen Multimedia-Design, den Mythos des „Ring“ mit einer nahe an Wagners Regieanweisungen operierenden Dramaturgie mit großem Unterhaltungswert zu verbinden. Farbintensive und eindringliche Bilder waren da zu sehen, insbesondere die Regenbogenbrücke über die sieben hochstehenden Konusse auf dem Ring. Sie sehen wie Zinnen einer Burg, also Walhalls, aus.

Unterhaltsam waren wie immer in dieser Produktion die drei Rheintöchter, die auf Trampolinen unermüdlich mit ihren Sprüngen und Saltos (zeitweise von drei Akrobatinnen gedoubelt) eine Art Herumtollen im Rheinwasser suggerierten. Milena Gurova als Woglinde, Silvia Teneva als Wellgunde und Elena Marinova als Flosshilde sangen dazu klang- und ausdrucksvoll mit bestem Deutsch. Bühnenbeherrschend waren Nikolay Petrov als Wotan und Daniel Ostretsov als Loge. Und wenn diese beiden Figuren gut sind, kann im „Rheingold“ eigentlich nichts mehr schiefgehen – wie eben an diesem Abend. Petrov sang mit seinem gut geführten und kraftvollen Bassbariton einen beeindruckenden Wotan. Ostretsov gab einen sehr musikalischen und geschickt die Strippen ziehenden Loge. Biser Georgiev ist seit seinen letztjährigen Auftritten als Alberich noch besser geworden, sowohl stimmlich, wie auch darstellerisch – er lieferte eine beeindruckende Rollenstudie des Nibelungenfürsten. Stefan Vladimirov war ein wohlklingender Fasolt mit profundem Bass. Petar Buchkov stand ihm mit mehr Prägnanz in der Stimme kaum nach. Rumyana Petrova spielte als Fricka stark, blieb aber stimmlich etwas spröde. Silvana Pruchcheva war eine intensive Freia mit gut ansprechendem Sopran und großer Höhensicherheit. Svetozar Rangelov sang einen starken Donner mit viel Aktion auf der Bühne, und Hrisimir Damyanov gestaltete den Froh lyrisch klangschön. Plamen Papazikov war ein guter, fast baritonaler Mime, und Blagovesta Mekki-Tsvetkova ließ einmal mehr als Erda stimmliche Qualitäten vermissen - zu unscharf und klanglos ist ihr Mezzo für diese so wichtige Partie.  

In der „Walküre“ begeisterten wie immer die acht Streitrosse der Walküren, die nun auf den zu Pferdeköpfen stilisierten Konussen saßen. Die Bilder des Walkürenritts lösten so auch einen intensiven Szenenapplaus aus. Alle acht Wotanstöchter waren stimmlich einwandfrei und wirkten so besonders in den Ensembleszenen sehr stark. Ebenso eindrucksvoll war auch der romantisch gezeichnete Wonnemond im 1. Aufzug, in dem Martin Iliev als tragischer Held Siegmund mit dem melancholisch klingenden Timbre seines eher schweren Tenors glänzen konnte. Das „Wälsungenblut“ am Ende des 1. Aufzugs konnte Iliev spektakulär lange halten. Er spielte die Rolle auch mit einem hohen Maß an Emotionalität und Authentizität, sodass die Darstellung des Wälsungenpaars sehr intensiv zu erleben war. Seine Partnerin Tsvetana Bandalovska war mit einem für die Rolle vielleicht etwas leichten Sopran, eine aber dennoch stimmlich und noch mehr durch ihre emphatische Gestaltung gute Sieglinde. Sie konnte vor allem mit ihrer Facettierung der Partie und ihrer Höhensicherheit beeindrucken. Angel Hristov sang als Zombie verkleidet einen Furcht einflößenden Hunding mit großer Durchschlagskraft seines kräftigen Basses. Eine wahrlich beeindruckende Rollenstudie lieferte aber Nikolay Petrov als Wotan, der das Debakel des Gottes schon während des Zwiegesprächs mit Fricka mit einer außergewöhnlich intensiven emotionalen Darstellung über die Rampe brachte. Dieser Gott fiel tief bis hin zu sichtbarer Verwirrung! Auch stimmlich konnte Petrov mit seinem dunkel konturierten Bassbariton überzeugen, wenngleich er nicht immer in vollständiger Harmonie mit dem Orchester lag. Die Fricka von Rumyana Petrova klang hingegen mit einem nicht besonders gut geführten, etwas verquollenen Mezzo weniger gut, konnte aber darstellerisch die Rolle voll ausloten. Der Star des Abends und auch in der „Götterdämmerung“ war aber einmal mehr Iordanka Derilova als Brünnhilde. Mit welcher stimmlichen Intensität sie die Höhen und langen Bögen der Partie meisterte und dabei auch spielerisch gestaltete, war wieder äußerst beeindruckend. Hinzu kommt ein gutes und jugendliches Aussehen, sodass man ihr die „reisige Maid“, aber dennoch später auch das wissende Weib, optisch perfekt abnimmt.

Im „Siegfried“ erlebte man Szenen mit Retrospektiven aus den beiden Abenden zuvor, die zunächst Mimes Erzählungen im 1. Aufzug begleiteten und sodann Siegfried, ohne dass er es bemerkte, beim Waldweben erschienen, immer wieder in Form seiner Eltern Siegmund und insbesondere Sieglindes. Kostadin Andreev war mit seiner heldentenoralen und baritonal unterlegten Stimme sowie beeindruckender Vitalität des jungen Naturburschen ein einnehmender Siegfried, auch wenn seine deutsche Diktion einige Wünsche offen ließ. Krasimir Dinev gab einen Mime auf Augenhöge mit einem metallischen Tenor, der durchaus heldischen Aplomb hören ließ. Er legte einen unglaublich aktiven Zwerg auf die Bretter der Nationaloper - anders kann man es nicht sagen, wenn man sah, was Siegfried in seiner Mürrischkeit so mit ihm trieb. Martin Tsonev war ein souveräner Wanderer, sowohl was seinen klangvollen und technisch besten geführten Bassbariton wie sein überzeugendes und engagiertes Spiel angeht. Er konnte die Souveränität des als Wanderer daher ziehenden Gottes bestens verkörpern. Die junge Radostina Nikolaeva sang eine vornehmlich lyrisch geprägte Brünnhilde und schloss an diesem Abend mit großem Erfolg an ihre Isolde aus dem Vorjahr an. All ihre hier so fordernden Höhen sang sie mit Bravour und stets guter Resonanz. Ihr hohes C am Schluss konnte sie bedeutend länger halten als viele führende Rollenvertreterinnen. Biser Georgiev war wieder ein engagierter und stimmlich intensiver Alberich. Petar Buchkov sang den aus nun blutrot beleuchteten Konussen bestehenden Fafner mit kraftvollem Bass, der noch von einem Megaphon verstärkt wurde. Die Erda von Blagovesta Mekki-Tvetkova ließ stimmlich einmal mehr an Präzision und Klarheit zu wünschen übrig, konnte die Rolle aber ansprechend gestalten. Milena Gurova sang einen klangvollen und differenzierten Waldvogel, der im Hintergrund auf einer Schaukel auf und nieder "flatterte" - ein sehr poetisches Bild.

Die „Götterdämmerung“ begann mit einer eindrucksvollen Nornenszene, in der mit viel Aktion Tsvetana Sarambelieva als Erste, Ina Petrova als Zweite und Lyubov Metodieva als Dritte Norn ein gutes stimmliches Terzett bildeten. Das Vorspiel wurde aufgrund der vokal und darstellerisch großartigen Leistung von Martin Iliev als Siegfried und Iordanka Derilova als Brünnhilde einer der Höhepunkte des Abends und provozierte an seinem Ende wiederum Szenenapplaus. Atanas Mladenov sang einen klangvollen Gunther mit nicht allzu großer Stimme und die Sieglinde Tsvetana Bandalovska gab nun eine stimmlich etwas leichte Gutrune. Angel Hristov verkörperte einen finsteren Hagen mit kraftvollem und prägnantem Bass, hatte im 2. Aufzug aber etwas Mühe bei einigen Höhen. Biser Georgiev war ein eindringlicher Alberich, während Tsvetana Sarambelieva in der langen Solopartie der Waltraute mit einer etwas unsauberen Stimmführung nicht ganz überzeugen konnte. Bei den wiederum guten Rheintöchtern ersetzte Irina Zhekova Milena Gurova als Woglinde. Düster dräuend wirkten die Mannen mit ihren fledermausartigen Standarten, die an die Vögel im gleichnamigen Film von Alfred Hitchcock erinnerten. Der nicht allzu große, von Violeta Dimitrova geleitete Chor, war relativ weit hinten aufgestellt und verlor so etwas an Klangfülle. Stimmlich und von der Transparenz her war aber alles in Ordnung. Szenisch besonders beeindruckend war das Ende dieser „Götterdämmerung“, als man zunächst das sich in unendlich viele Splitter auflösende Walhall gewahrte und ganz zum Schluss zum Motiv der Mutterliebe Sieglindes ein Lichstrahl wie ein Zeichen der Hoffnung auf die leere Bühne fiel…

Manfred Mayrhofer hatte mit dem Orchester der Sofia Oper einen guten Start in diesen „Ring“, wobei kleinere Ungenauigkeiten einiger Musiker kaum ins Gewicht fielen. Er steigerte sich jedoch erheblich in der „Walküre“, in der er das Orchester zu großer Intensität anregte und sowohl die lyrischen Passagen wie die besonders dynamischen und dramatischeren Momente sehr gut heraus arbeitete. Musikalisch konnte sich dieser „Ring“ im „Siegfried“ weiter steigern. Denn hier war offenbar die ganze Erfahrung des Orchesters mit der Tetralogie aus dem Vorjahr wieder zugegen. Mayrhofer dirigierte ein erstklassiges Vorspiel zum 3. Aufzug und konnte auch das Durchschreiten des Feuers durch Siegfried mit guter musikalischer Facettierung dirigieren. Dass er die Tetralogie viele Jahre nicht dirigiert hatte, wurde  niemandem bewusst. Folgerichtig bekam der Dirigent nach der „Walküre“ und dem „Siegfried“ besonders emphatischen Applaus. Das hohe Niveau setzte sich schließlich in der „Götterdämmerung“ fort, sodass man am Ende von einem sehr guten musikalischen „Ring“ sprechen konnte, wobei Mayrhofer stets sehr engen Kontakt zwischen Graben und Sängern sicher stellte. Es gelang eine Tetralogie im Sinne des Gesamtkunstwerk-Begriffs Richard Wagners wie aus einem Guss. Großer Applaus für alle Mitwirkenden, teilweise mit signifikanten Bravi.

Am 27. Mai, dem Tag der „Götterdämmerung“, moderierte der Verfasser dieser Kritik wie schon in Füssen 2015 wieder ein Symposium zum Thema „Wagnersches Regietheater gegenüber traditionellen Inszenierungsstilen“. Es fand bei gutem Besuch  im Goethe-Institut Sofia statt.

Fotos bei den Einzelbesprechungen unten

Klaus Billand, 27.6.2016

 

 

 

 

DAS RHEINGOLD

Wiederaufnahme am 21. Mai 2016

In diesem Jahr feiert die Nationaloper Sofia ihr 125-jähriges Bestehen. Nicht zuletzt zu diesem hier besonders wichtigen Ereignis hat Generaldirektor Plamen Kartaloff die Internationalen Wagner Wochen ausgerufen, in deren Rahmen er eine Wiederaufnahme seines sehenswerten „Ring des Nibelungen“ vom 21. bis 27. Mai zeigt. Dieser „Ring“ wurde im letzten September auch im Festspielhaus Füssen im Allgäu mit großem Erfolg präsentiert.

Der „Ring“ in Sofia hatte mit dem „Rheingold“ unter der Stabführung von Manfred Mayrhofer mit dem Orchester der Sofia Oper gestern Abend einen guten Start. Wir erblicken im Wesentlichen einen großen, beliebig variationsfähigen bühnengroßen Ring, einige kegelförmige Konusse, reduziert auf wesentliche symbolische Bedeutungen. Kartaloff setzt sie in ständiger Variation dramaturgisch ein, wobei Multimedia Design und Beleuchtung von Vera Petrova und Georgi Hristov sowie die Lichtregie Andrej Hajdinjak eine ganz entscheidende Rolle spielen. Es gelingt dem Regieteam, mit den Bühnenbildelementen und fantastischen Figurinen von Nikolay Panayotov und dem facettenreichen Multimedia-Design, den Mythos des „Ring“ mit einer nahe an Wagners Regieanweisungen operierenden Dramaturgie und ausgefeilten Personenregie mit großem Unterhaltungswert zu verbinden. Farbintensive und eindringliche Bilder sind da zu sehen, insbesondere die Regenbogenbrücke über die sieben hochstehenden Konusse auf dem Ring. Sie sehen wie Zinnen einer Burg, also Walhalls, aus.

Unterhaltsam sind wie immer in dieser Produktion die drei Rheintöchter, die auf Trampolin unermüdlich mit ihren Sprüngen und Saltos (von drei Akrobatinnen gedoubelt) eine Art Herumtollen im Rheinwasser suggerieren. Milena Gurova als Woglinde, Silvia Teneva als Wellgunde und Elena Marinova als Flosshilde singen dazu klang- und Ausdrucksvoll mit bestem Deutsch. Bühnenbeherrschend sind Nikolay Petrov als Wotan und Daniel Ostretsov als Loge. Und wenn diese beiden Figuren gut sind, kann ein „Rheingold“ eigentlich nicht mehr schiefgehen – wie eben an diesem Abend. Petrov singt mit seinem gut geführten und kraftvollen Bassbariton einen beeindruckenden Wotan. Ostretsov gibt einen sehr musikalischen und geschickt die Strippen ziehenden Loge. Biser Georgiev ist seit seinen letztjährigen Auftritten als Alberich noch besser geworden, sowohl stimmlich, wie auch darstellerisch – er liefert eine beeindruckende Rollenstudie des Nibelungenfürsten ab.

Stefan Vladimirov ist ein wohlklingender Fasolt mit profundem Bass. Petar Buchkov steht ihm mit mehr Prägnanz in der Stimme kaum nach. Rumyana Petrova spielt als Fricka stark, bleibt aber stimmlich etwas spröde. Silvana Pruchcheva ist eine intensive Freier mit gut ansprechendem Sopran und großer Höhensicherheit. Svetozar Rangelov ist ein starker Donner mit viel Aktion auf der Bühne, und Hrisimir Damvanov singt den Froh lyrisch klangschön. Plamen Papazikov ist eine guter Mime, und Blagovesta Mekki-Tsvetkova lässt einmal mehr als Erda stimmliche Qualitäten vermissen - zu unscharf und klanglos ist ihr Mezzo für diese so wichtige Partie. 

Manfred Mayrhofer hatte mit dem Orchester der Sofia Oper ebenfalls einen guten Start in diesen „Ring“, wobei kleinere Ungenauigkeiten einiger Musiker kaum ins Gewicht fielen. Großer Applaus für alle Mitwirkenden, teilweise mit signifikanten Bravi. Man kann also gespannt sein auf die heutige „Walküre“. Am 27. Mai, dem Tag der „Götterdämmerung“ wird der Verfasser dieser Kritik wie schon in Füssen wieder ein Symposium zum Thema „Wagnersches Regietheater versus traditioneller Inszenierungsstil“ moderieren. Es findet im Goethe-Institut Sofia statt.

Fotos: Svetoslav Nikolov

Klaus Billand 22.05.2016

 

 

SIEGFRIED & GÖTTERDÄMMERUNG

Kurzbericht Sofia 7. – 9. Juli 2015

Vorgestern fast um Mitternacht ging die zyklische Aufführung des „Ring des Nibelungen“ an der Oper Sofia mit stehendem Applaus des zahlreich erschienenen und zu großem Teil internationalen Publikums zu Ende, allen voran für die Dessauer Brünnhilde Jordanka Derilova und Erich Wächtermit dem Orchester der Sofia Oper und Ballett. Es hatte über die letzten fünf Jahre, in denen dieser wahrlich sehenswerte „Ring“ entstanden ist, enorme Fortschritte gemacht. Im „Siegfried“ erlebte man den stimmstarken Kostadin Andreev als jungen Siegfried, der zwar mit beachtlichem Höhepotenzial aufwartete, aber im musikalischen Duktus, in Phrasierung und deutscher Aussprache noch einige Wünsche offen ließ. Dennoch, durch seine Aktivität auf der Bühne und sehr authentische Rollendarstellung konnte er einige Sympathien wecken. Radostina Nikolaeva, die hier eine gute Isolde in vergangenen Februar sang, war die Brünnhilde im „Siegfried“. Sie gestaltete die Partie mit einer vorwiegend sängerischen Note, wenngleich sie mit der Brünnhilde in ihrer noch so jungen Karriere etwas vorsichtig sein sollte. In der „Götterdämmerung“ war die in Dessau engagierte und dort das gesamte schwere Fach singende Jordanka Derilova als Brünnhilde der Star des Abends. Mit einer hervorragenden Leistung erhielt sie zu Recht den größten Applaus. Neben ihrer ausgezeichneten Technik und einem beachtlichen Durchstehvermögen ist sie auch bildhübsch und sollte Wagners Idee von einer jungen und attraktiven Brünnhilde sehr nahe kommen. Noch weniger als zwei Wochen zuvor hatte sie in Dessau – der Rezensent war auch dort und eine Rezension folgt – noch alle drei Brünnhilden im dortigen „Ring“ gesungen und gestaltet. Ihr Partner in Sofia war der Sofioter Tristan, Martin Iliev, der trotz geringer Ermüdungserscheinungen gegen Ende der „Götterdämmerung“ einen sehr musikalischen und charismatischen Siegfried gab, mit einem schönen, baritonal unterlegten Timbre und ebenfalls exzellenten Höhen. Martin Tsonev, beeindruckender Boris Godunov hier im Vorjahr, war ein sehr guter Wanderer mit exzellentem Deutsch, guter Phrasierung und großer Musikalität. Er empfahl sich an diesem Abend für die Besetzung auch des Wotans im „Rheingold“ und in der „Walküre“, die er schon 2013 sang (detaillierte Rezension unter http://klaus-billand.com/deutsch/rezensionen/ring-des-nibelungen/sofia-der-ring-des-nibelungen-ni-22-bis-29-juni-2013.html). Auch der Hagen von Angel Hristov konnte stimmlich und mit einer den allgegenwärtigen üblen Strippenzieher verkörpernden Darstellung voll überzeugen.

 Vom 12. bis 17. September d. J. wird dieser „Ring“ nun als Gastspiel im Festspielhaus Füssen zu erleben sein, wo einst das König Ludwig II Musical gespielt wurde. Im Anblick von Neuschwanstein und Hohenschwangau wird das im übertragenen Sinne eine Rückkehr Richard Wagners an einen wichtigen Ort seines künstlerischen Lebens, in gewissem Maße auch eine Hommage…. Man darf gespannt sein.

Klaus Billand 12.7.15

 

 

TRISTAN UND ISOLDE

Premiere am 26.2. und 1. Rep. 1.3.2015

 Nach einer überaus phantasievollen und auch beim internationalen Wagner-Publikum erfolgreichen Neuinszenierung von Richard Wagners “Ring des Nibelungen“ in den vergangenen Jahren, der übrigens Mitte September diesen Jahres am Festspielhaus Füssen im Schatten der Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau gezeigt werden wird, hat sich der Direktor der Nationaloper Sofia, Acad. Plamen Kartaloff, nun Wagners opus summum, „Tristan und Isolde“ vorgenommen. Es wurde ebenso wie beim „Ring“ die Erstaufführung dieses Werkes in Bulgarien – 150 Jahre nach der Uraufführung! Das allein zeigt schon, welch große Momente die Nationaloper Sofia unter der visionären und engagierten Führung Kartaloffs in diesen Jahren, und das nicht nur hinsichtlich des Oeuvres des Bayreuther Meisters, erlebt.

 Hatte Richard Wagner „Tristan und Isolde“ unter anderem auch aus der Überlegung heraus komponiert, mit einer vermeintlich relativ leicht zu spielenden Oper – nur wenige große Sänger sind erforderlich – seiner prekären finanziellen Situation abzuhelfen und das Werk gar nur als eine „Handlung in drei Aufzügen“ bezeichnet, machte Plamen Kartaloff mit seinem Bühnenbildner Miodrag Tabacki sowie dem Licht-Designer Andrei Hajdinjak, dem Multimedia-Designer Georgi Hristov und dem geschmacksicheren Kostümbildner Leo Kulas daraus nun ein Musikdrama im besten Sinne des von Wagner geschaffenen Begriffs des Gesamtkunstwerks. Selten, wenn überhaupt, war bei diesem dramaturgisch ja nicht immer besonders handlungsintensiven Werk ein solch intensives thematisches Ineinanderwirken von Szene – hier besonders einem sehr variablen Bühnenbild – gesanglicher Gestaltungskraft und Musik zu erleben. Kartaloff wählte diese Interpretation aus der Überzeugung heraus, dass Wagners „poetisches Meisterwerk“ in einer verständlichen, emotionalen, dynamischen und musikalisch expressiven Theatersprache zu gestalten sei. In Anlehnung an die Ausführungen Schopenhauers zur Rolle der Musik in der Oper war es dem Regisseur ein Herzensanliegen, ihren tiefen philosophischen Charakter zur Grundlage der Regiearbeit zu machen: Diese Musik sollte in der Optik und Dramaturgie auf der Bühne in sublimer und poetischer Form sichtbar werden, und zwar mit einem Duktus, der den Zuschauer auf ganz natürliche Weise nachvollziehen ließ, wie eine große romantische Liebe nach einer alten Legende wieder auflebt.

 Daran hat sich Kartaloff den ganzen Abend stringent gehalten – und dazu sogar einen theatralischen Prolog geschaffen. Noch bevor das Vorspiel zum 1. Aufzug anhebt, gewahren wir in einem nebeligen Grau vergangener Tage, wie die Könige von Irland und Kornwall dem fatalen Kampf Tristans und Morolds zusehen – mit erklärenden Übertiteln. Isolde erkennt sodann an Tristans Schwert, wer ihren Verlobten getötet hat und erhebt es gegen ihn – der ihr genau in diesem Augenblick in die Augen sieht… Die Szene endet mit der durch Irlands König abgesegneten Überfahrt Isoldes mit Tristan nach Kornwall. Wenn auch der Kampf etwas weniger plastisch hätte ausfallen können, so war das doch eine ebenso ungewöhnliche wie beeindruckende Idee, in die Szene des 1. Aufzugs einzuführen, zumal der größte Teil des bulgarischen Publikums das Werk zum ersten Mal erlebt haben dürfte.

 Die Inszenierung lebt sodann in großem Einklang mit der Musik von stimmungsbezogenen Farbspielen, die manchmal an jene Heiner Müllers bei seinem Bayreuther „Tristan“ erinnern. Der Bühnenboden ist in mehrere Segmente unterteilt, die fast unmerklich gegeneinander verschoben werden und damit ständigen Wandel in der Optik bieten, immer in Einklang mit der jeweiligen Handlung. So kommt der Seemannschor schemenhaft aus einem Spalt aus dem Untergrund wie eine Warnung der Realität gegenüber der beginnenden Annäherung Tristans und Isoldes. Wenn diese allerdings den Liebestrank getrunken haben, bildet sich im Zentrum ein rotierendes Podest, auf das sie sich unmittelbar begeben – es stellt fortan „ihre“ Welt, gewissermaßen ihre Insel in dieser für sie so feindlichen Umgebung dar, in der während des 2. Aufzugs immer wieder Melot spionierend herum streicht. Während bei Heiner Müller die tristen Brustpanzer die ganze Konvention und Enge am Hofe König Markes ausstrahlten, lässt Kartaloff den König am Ende des 1. Aufzugs in überbordendem Ornat völlig versteift wie eine museale Figur auf die Bühne fahren. Auch Isolde ist zu Beginn des 2. Aufzugs in ein überdimensionales Stanniol-Korsett gezwängt, das sich über die ganze Vorderbühne ausbreitet – es wirkt wie ein riesiger Keuschheitsgürtel. Dazu halten neun junge Damen des Balletts Wache, die sich später auch an Tristans Krankenlager finden. Ein surrealistisch anmutender Wachtturm, ebenfalls die feindliche Umgebung der beiden Liebenden charakterisierend, dient später als Beobachtungsposten für König, Melot und Gefolge. Marke verabschiedet sich vor dem Gang zur Jagd überaus formell von seiner neuen Ikone, die offenbar jedem unerlaubten Zugriff entzogen sein soll. Das ändert sich schlagartig, nachdem die an der Wand abgebildete mondäne Leuchte erloschen ist und sich Isolde bei Tristans Auftritt aus dem Kostüm zwängt. Unmittelbar tritt zunächst wieder herzliche Menschlichkeit in der Begrüßungsszene ein. Was man in Sofia als Liebesduett nun zu sehen bekommt, könnte man als eine äußerst phantasievolle romantisierende Apotheose der Liebe bezeichnen, und es ist zweifellos der Höhepunkt des Abends. Kartaloff lässt die beiden auf zwei Hebebühnen zu schillernder romantischer Optik in die Höhe schweben. Beim Höhepunkt des Duetts scheinen sie wirklich dieser Welt entzogen, und das Konzept des Regisseurs, die ganze Poesie und Philosophie in Wagners Musik zu zeigen, geht hier voll auf.

 Im 3. Aufzug erscheint Tristan als Leidender im weißen Büßerkleid, sorgsam von Kurwenal betreut. Einen besonderen Akzent setzt hier der Hirte, den der Regisseur als den nahenden Tod in seinem kleinen Nachen darstellt, der immer wieder aus dem Bühnennebel an Tristans Krankenlager auftaucht. Auch das gesamte Englischhorn-Solo ist von diesem guten Einfall begleitet, der die Tristesse der Situation bildhaft untermauert. Die Szenen erinnern an Böcklins „Toteninsel“. Der finale Kampf gerät mit sechs Kampf-Statisten wieder etwas plastisch, aber all das hindert Tristan und Isolde nach deren Liebestod nicht, in inniger Umarmung auf ihrem kleinen Podest, ihrer Insel des Glücks, in die Welt der unbesiegbaren virtuellen Liebe zu entschweben…

 Wieder konnte man in Sofia einen Abend erleben, an dem alle Sängerdarsteller ihr jeweiliges Rollendebut gaben. Das ist als Hintergrund vor den gezeigten Leistungen zu betonen, obwohl diese in vielen Fällen ganz ausgezeichnet waren. Der bewährte Richard Trimborn hatte wieder die musikalisch-sprachliche Einführung in die Rollen vorgenommen. Martin Iliev, der Siegmund und „Götterdämmerung“-Siegfried des Sofioter „Ring“, sang einen – ganz zur Dramaturgie passend – leicht depressiven Tristan mit großer vokaler Präsenz, Musikalität und guter Diktion, sicher in der Höhe, im Halten auch der langen Bögen und mit einem schönen, leicht abgedeckten Timbre in der Mittellage. Er ist auch zu ansprechendem Legato fähig („Isolde, wie schön bist du!“). Radostina Nikolaeva gab ihre erste Isolde mit einer lyrischen und eher an den italienischen Gesangsstil erinnernden Note mit voller, leuchtender Mittellage und auch großer Leichtigkeit in den Höhen. Die beiden hohen Cs im 1. Aufzug waren ebenso wie die tückischen Höhen in der Begrüßungsszene des 2. Aufzugs perfekt. Wie Iliev ist auch sie ein ganz großes Talent für diese so bedeutende Rolle. Die Sofioter „Walküre“- Brünnhilde, Bayasgalan Dashnyam, sang die Brangäne, sicher etwas überraschend für die Besetzung dieser Mezzorolle, die eigentlich gegen die Isolde dunkel abgesetzt sein sollte. So fühlte sie sich besonders wohl im 1. Aufzug, sang auch die beiden Rufe sehr klangvoll. Im Zwiegespräch mit Isolde im 2. Aufzug offenbarten sich jedoch in den tieferen Lagen gewisse klangliche Defizite. Dashnyam spielte ebenso wie Nikolaeva ihre Rolle mit großem Engagement und viel Emphase. Angel Hristov sang den König mit voluminösem Bass, der aber in den dramatischeren Momenten etwas an Klangfülle einbüßte und es an Phrasierung missen ließ. Veselin Mihaylov spielte einen umtriebigen Melot, dem Tristan das Schwert zur Selbstverletzung entriss. Plamen Papazikov sang die Stimme des jungen Seemanns etwas dunkel, aber mit viril unterlegtem Tenor. Krasimir Dinev gab den skurrilen Hirten als Tod mit leichter Stimme, und Nikolay Petrov komplettierte als Steuermann. Der von Violeta Dimitrova einstudierte Chor sang stimmkräftig, aber teilweise etwas zu rau. Bei Biser Georgiev, dem beherzten und engagierten Kurwenal, machte sich im Laufe des Abends eine starke Indisposition bemerkbar – auch in Sofia ging die Grippewelle um.

 Für den musikalischen Leiter Constantin Trinks war dieser „Tristan“ ebenfalls ein Debut, das letzte Werk Wagners, welches ihm noch fehlte. Davon merkte man aber gar nichts. Mit sehr ruhiger, ja bedachtsamer Hand und unglaublich viel Gefühl für die Sänger ließ er die wunderbare Musik Wagners in vornehmlich zarten und lyrischen Tönen erklingen. Sehr getragen begann bereits das Vorspiel zum 1. Aufzug. Trinks kam es offenbar auf die psychologische Detailzeichnung an, damit dem Konzept Kartaloffs entgegen kommend, obwohl er dann auch gute und stets transparent und sorgsam gestaltete Staffelungen für die diversen Steigerungen und Höhepunkte dirigierte. Trinks und das Orchester der Oper Sofia bekamen für die gute musikalische Leistung auch einen starken Auftrittsapplaus vor dem 3. Aufzug. Auch am Schluss zeigte sich die Begeisterung des Publikums durch lang anhaltenden starken Applaus für alle Beteiligten. Mit diesem neuen „Tristan“ hat die Oper Sofia nach dem „Ring“ einen weiteren Eckstein zu einer bemerkenswerten Belebung des Ouevres von Richard Wagners in Bulgarien gesetzt.

 

1. Reprise am 1.3.2015

Mittlerweile hatte die Grippe auch Constantin Trinks heimgesucht, sodass er sich nach dem ersten Aufzug durch den ohnehin für eine spätere Reprise vorgesehenen Dirigenten Velizar Genchev, der das Stück auch mit dem Orchester einstudiert hatte, ersetzen lassen musste. Auch für Genchev, schon weit in den Sechzigern, war es eine Werks-Premiere! Er legte weit mehr als Trinks wert auf Expressivität und Dynamik, gegen Ende des 3. Aufzugs geriet allerdings manches zu laut. Es gab drei wichtige Zweitbesetzungen. Die Sieglinde des Sofioter „Ring“, Tsvetana Bandalovska, übernahm die Isolde und fiel gegenüber der Premierenbesetzung signifikant ab. Die Stimme, trotz guter Höhensicherheit, hat noch nicht ausreichend Volumen und Mittellage für die große Rolle, was auch zu einer unzureichenden Phrasierung und Wortdeutlichkeit führte. Mit etwas mehr Zeit und Erfahrung mag Bandalovska jedoch in die Rolle der Isolde hineinwachsen. Der junge Atanas Mladenov ersetzte des erkrankten Biser Georgiev als Kurwenal und überzeugte mit seinem hellen, sehr musikalischen und klar artikulierenden Bariton sowie großer Spielfreude. Petar Buchkov war nun als Marke zu hören, sang ähnlich wie Hristov mit einem voluminösen Bass, der aber mit etwas mehr Phrasierungskunst ausdrucksvoller hätte klingen können. Daniel Ostretsov sang nun den Melot mit seinem ins Charakterfach weisenden Tenor, den er schon als Loge im Sofioter „Rheingold“ vorstellte. Beeindruckend war wieder, wie Martin Iliev den Tristan nicht nur vokal, sondern auch konditionell nach nur zwei Tagen Ruhe wieder meisterte. Der Heldentenor Peter Svensson sang diese Rolle dann noch in der vorletzten Reprise.

Klaus Billand 15.3.15

Foto: Svetoslav Nikolov

 

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