Dresden: „Platee“

Zum Zweiten

6.4.2019

Komödie mit traurigem Ausgang

Jean-Philippe Rameaus Ballet bouffon Platée brachte die Semperoper am 6. 4. 2019 verdienstvoll als Dresdner Erstaufführung heraus. Das 1745 in Versailles uraufgeführte Werk war hier in der Pariser Fassung von 1749 und in einer Inszenierung von Rolando Villazón zu sehen. Der einstige Startenor und heutige Allrounder als Moderator, Zeichner, Autor und Regisseur ist bekannt für sein clowneskes Naturell und den Sinn für ausufernde Komik. So hatte man auch in dieser Produktion viel Spaß und witzige Turbulenzen erwartet, nicht aber eine solch problematische konzeptionelle Idee. Aus der hässlichen Sumpfnymphe Platée, die sich freilich schön und unwiderstehlich wähnt, gar an eine Hochzeit mit dem göttlichen Jupiter glaubt und sich am Ende schändlich betrogen und verspottet sieht, machte er einen jungen Mann, der keineswegs hässlich ist, aber unsicher in seiner sexuellen Identität, sich statt in der kurzen Hose im Faltenröckchen wohler fühlt. Eingebettet ist die Geschichte in eine mythologische Rahmenhandlung mit Göttern, Halbgöttern und Nymphen. Die auf ihren notorisch untreuen Göttergatten eifersüchtige Juno soll durch eine Scheinhochzeit ihres Gemahls geheilt werden, wenn sie an seiner Seite eine abstoßend hässliche Braut erblickt. Opfer dieses infamen Spaßes ist Platée. Der Schauplatz bei Villazón ist in einem College von scheußlicher futuristischer Architektur mit lukenartigen Fenstern angesiedelt (Bühne: Harald Thor), wo die Jugendlichen in einheitlichen dunkelblauen Internatsuniformen (Susanne Hubrich) an Kantinentischen herumtollen. Der Choreograf Philippe Giraudeau hat ihnen vorwiegend hampelnde gymnastische Übungen verordnet. Platée mit grünen Haaren und in femininer Kleidung sehen sie als unliebsamen Außenseiter, nötigen ihn bald, den Rock gegen die Hose auszutauschen. Sogar die derzeit aktuelle Gender-Problematik bediente der Regisseur, wenn er zwei Dixi-Klohäuschen für die beiden Geschlechter hereinfahren lässt und Platée zu beiden der Zutritt verwehrt wird. Bei Rameau ist die Nymphe definitiv eine Frau, gesungen von einem Mann mit der Tessitura eine haute-contre – einer Travestie-Rolle also, wie es im Barock eine gängige Praxis war, die sich über die Belcanto-Ära bis zu Richard Strauss fortsetzte. Philippe Talbot blieb darstellerisch zunächst seltsam profillos und auch stimmlich verhalten, verfügte zwar über die quäkenden, flötenden, jammernden, schmachtenden Töne, auch über die Flexibilität für die kurzen Noten, konnte aber den Charakter der Figur und deren tragische Dimension nicht genügend vermitteln. Im zweiten Teil, wenn er im weißen Brautkleid und in silbernen Pumps auf die ersehnte Hochzeit wartet, von der Spaßgesellschaft dann gedemütigt und halb entkleidet wird, vermochte er stärker zu berühren, offenbarte allerdings in dieser Finalszene auch eine deutliche stimmliche Überforderung. Unter den Spöttern ist auch Juno, die seine sexuelle Identität erkennt, und höhnisch seinen scheinbaren Busen zertrümmert. In grenzenloser Verzweiflung vermag Platée nur noch zu schluchzen, greift schließlich zur Pistole und richtet diese zunächst auf die Umstehenden, dann auch ins Publikum, dem mit dieser Geste das Lachen im Halse stecken bleiben soll.

Trotz einer Überfülle an Einfällen zog sich der Premierenabend zäh dahin. Der Inszenierung mangelte es an Charme, Zauber und Poesie, die szenischen Effekte, zumeist hektisch und konfus, erschöpften sich schnell. Omnipräsent sind phantastische Tierwesen von bizarr buntem Aussehen – es sind die lebenden Doubles von jenen kleinen Puppen, die Platée im Rucksack mit sich führt und mit ihnen spielt, sich damit seine eigene kleine Welt schafft. Dieses bunte Völkchen, angeführt von einem Teddybär in grünem Fell, wird von Tänzern dargestellt, die immer dann zu Boden stürzen müssen, wenn Platée seine Puppen fallen lässt. Natürlich gibt es auch Gelegenheit für zirzensische Szenen (denn schließlich sieht man eine Inszenierung von Villazón), so die drei Grazien in der Hochzeitszeremonie mit gänzlich ungraziösen tänzerischen Bewegungen und roten Clownsnasen. Auch die Begleiter der Folie in blau glitzernden Westen tragen solche und leiten den spektakulären Auftritt von Inga Kalna als La Folie ein. Aus einem weißen Zelt erscheint sie in golden flimmerndem Fummel und wüster Frisur, versucht zunächst einer E-Gitarre Töne zu entlocken, bis sie schließlich das Instrument zum Ruder umfunktioniert und sich damit durch die Untiefen der Koloraturen ihrer Nummer zu manövrieren versucht. Der Gesang ihres überreifen Soprans war peinigend schrill, von grellen Schreien und verwaschenen Koloraturen durchzogen – der Auftritt von durchaus Raum greifendem Zuschnitt konnte nur als Persiflage verstanden werden.

Solide stimmliche Leistungen hörte man von Giorgio Caoduro als König Cithéron mit virilem Bariton und Andreas Wolf mit präsentem, zuweilen dramatisch dröhnendem Bassbariton als Jupiter, der mit Goldflitter im Haar, Sonnenbrille und goldenen Schuhen als göttliche Parodie daherkommt. Ute Selbig sang die Juno mit einem Sopran von keifendem Klang, was nicht unbedingt angenehm zu hören war, der eifersüchtigen Gattin aber angemessen schien. Arg effeminiert war der Mercure gezeichnet, der auf einem Kinderroller hereinrollt, im Rollstuhl fährt, in goldenem Röckchen auf einem Steckenpferd reitet, auf Skiern oder mit Schwimmflossen erscheint. Mark Milhofer, der im Prolog mit weichem Tenor auch den Thespis gesungen und dabei in der Höhe stimmliche Grenzen offenbart hatte, kam mit dem Götterboten besser zurecht und vermochte die Rolle gemäß der konzeptionellen Anlage auch darstellerisch zu profilieren. Sebastian Wartig als Halbgott Momus klang matt in der Tiefe, durfte in Vertretung des Liebesgottes (mit munterem Sopran: Tania Lorenzo) mit dessen Flügeln auf dem Herrenklo sitzend Zeitung lesen. Iulia Maria Dan als Muse Thalia, präsent in Stimme und Spiel, komplettierte die Besetzung.

Der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Cornelius Volke) engagierte sich stimmlich und darstellerisch hör- und sichtbar für das Unternehmen. Am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden stand mit Paul Agnew ein mit dem Werk vertrauter Dirigent, der in seiner früheren Karriere als Tenor die Titelrolle in vielen Aufführungen verkörpert hatte. Mit der Kapelle hatte er freilich kein im barocken Idiom erfahrenes Orchester vor sich. Dessen Klang war stets kultiviert und delikat, aber zu weich und eher romantisch. Da vermisste man oft den rhythmischen Drive, den frechen Esprit, die aufgereizt-kratzigen Töne der historischen Instrumente. Das Publikum jedoch feierte am Ende alle Mitwirkenden mit anhaltendem und lautstarkem Jubel.

Bernd Hoppe 9.4.2019

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