Frankfurt, Konzert: Brahms, Dvorak, Mendelssohn Bartholdy

Zu einem Gipfeltreffen erlesener Musiker lud die Frankfurter PRO ARTE Konzertdirektion. Und das Publikum erschien in großer Zahl in Frankfurts Musentempel Alte Oper. Wie es manchmal so ist, da war Felix Mendelssohn Bartholdy Zeuge einer Vorstellung von Konradin Kreutzers Oper „Melusina“ und war von der Berliner Aufführung tief beeindruckt. Dies blieb nicht folgenlos und so komponierte Mendelssohn eine Konzertouvertüre, die zwei Jahre später in ihrer finalen Fassung 1835 das Publikum (noch) nicht im Sturm eroberte. Kollegen, wie Robert Schumann zeigten sich hingegen begeistert und lobte den kreativen Erfindungsgeist seines Kollegen. Dieser war darüber gar nicht so angetan und wollte seine Musik nicht als reine Theatermusik verstanden sehen. Vielmehr ging es Mendelssohn darum, maritime Stimmungen zu beschreiben.

© Ansgar Klostermann

Das traditionsreiche London Philharmonic Orchestra zeigte sich gleich zu Beginn von seiner besten Seite. Feiner Klangsinn und hohe Spielkultur ließen Mendelssohns Werk in allen bunten Farben leuchten. Dazu trug der neue Chefdirigent des Orchesters, der Engländer Edward Gardner maßgeblich bei. Gardner ist auch langjähriger musikalischer Direktor des Bergen Philharmonic Orchestra, bevor er 2024 Musikchef der National Opera Norway wird. Gardner zeigte sich hier bereits als einfühlsamer Gestalter, der mit feinen rhythmischen Pointierungen und viel Klangsinn Mendelssohns Ouvertüre zu schöner Wirkung verhalf.

Danach war es so weit. Die wunderbare Anne-Sophie Mutter spielte zusammen mit ihrem ebenso hinreißenden Cello Kollegen Pablo Ferrández das Doppelkonzert von Johannes Brahms. Beide Musiker beschäftigen sich seit einiger Zeit mit diesem Spätwerk und haben es in einer fabelhaften CD-Aufnahme mit der Tschechischen Philharmonie unter Manfred Honecks Leitung soeben veröffentlicht. Das letzte Orchesterwerk schrieb Brahms 1887, zwei Jahre nach seiner letzten, der vierten Sinfonie. Dieses Meisterwerk ist eines der zentralen Stücke seiner Gattung und wirkt durch die Behandlung des Orchesters, wie eine Sinfonie mit zwei obligaten Soloinstrumenten.

In unnachahmlicher Weise gelang es Brahms, einen bewegenden und mitreißenden Musikdialog zu komponieren. Die Musik interagiert permanent und gewährt den Solisten größte Freiräume für die Entfaltung der musikalischen Gedanken. Beste Grundlage also, dass diese beiden begnadeten Musiker mit ihrem Vortrag dem Genie Johannes Brahms ein musikalisches Denkmal schenkten. Größtes Engagement, absolute Natürlichkeit vereint mit perfekter musikalischer Meisterschaft prägten den Vortrag.

Bereits der Beginn ließ aufhorchen, denn Pablo Ferrándezeröffnete seinen Part mit dominanter Charakternote und intensivstem Ton. Das war eine überaus klare Ansage und sollte den weiteren Verlauf des Konzertes maßgeblich prägen. Ferrández wird in seinem künstlerischen Werdegang durch die Anne-Sophie Mutter Stiftung unterstützt. Wer nun glaubte, dass ihn dies zur spielerischen Ehrfurcht gegenüber seiner Förderin verpflichtete, sah sich getäuscht. Ferrández spielte immer auf Augenhöhe mit seiner Partnerin und legte eine staunenswerte Intensität in die Tongestaltung seines Parts. Mit nie nachlassender Energie gab es einen der spannendsten musikalischen Dialoge zu bewundern, die die Alte Oper in den letzten Jahren präsentierte. Das Publikum wurde Zeuge einer intensiven Auseinandersetzung, die außergewöhnlich persönlich geriet, ja zuweilen betont intimen Charakter hatte. Dies war nicht nur ein Austausch von These und Antithese. Hier umkämpften und verführten sich Mann und Frau im lustvollen Spiel.

© Ansgar Klostermann

Neben dem außerordentlichen musikalischen Können der beiden Künstler, wurde dies durch die nonverbale Kommunikation untereinander überaus deutlich. Während Ferrández wie der Fels in der Brandung saß, wendete er so gut wie nie den Blick ab seiner berühmten Partnerin. Ein cellistischer Troubadour, der permanent um die Gunst seiner Muse warb.

Anne-Sophie Mutter wirkte im Gestus zuweilen etwas nervös, was zu keinem Zeitpunkt in ihrem Spiel zu hören war. Aber es war schon auffällig, wie sie immer in den orchestralen Interludien sich zum Orchester hinwendete, mittaktierte und die mimische Gelassenheit ihres Partners meist unerwidert ließ. Diese Wechselseitigkeit im persönlichen Umgang, machte diese Konzertdarbietung zu einem Geschenk allererster Güte. Glich das einleitende Allegro noch einem Katz- und Mausspiel, so wurde im folgenden Andante die musikalische Schatzkiste noch weiter geöffnet. Nun kam es zu einer musikalischen Vereinigung, einer Verschmelzung der beiden Künstler, wie sie schöner und inniger nicht sein kann. Anne-Sopie Mutter phrasierte ihre Kantilenen in süßesten Farben, während Ferrández am Cello dahinschmolz und seinem herrlichen Instrument wärmste Nuancen zu entlocken wusste. Was für ein Zauber! Das musikalische Paradies, es ist keine Fiktion, die zahlreichen Zuhörer der Alten Oper konnten es erleben. Ein Privileg, wer dabei sein konnte und diesen seltenen Augenblick in sich aufzunehmen wusste. Gelöst und ein Fest der Lebensfreude dann im beschließenden Vivace. Eine heile, helle Welt zeigten nun die beiden Solisten und diese Gelöstheit, im Verbund mit perfekter Virtuosität wurde auch hervorragend vom Orchester entgegnet.

Dankenswerterweise beschränkte sich Edward Gardner mit dem London Philharmonic nicht auf eine reine Begleitfunktion, ganz im Gegenteil. Das Orchester war der dritte Solist im Bunde. Selbstbewusst, klangschön, wuchtig in den Akzenten und dazu die richtigen Tempi in bester dynamischer Ausbalancierung machten das erlebte Doppelkonzert zu einem großen Fest der Sinne! Entsprechend groß war die Begeisterung beim Publikum.

Hauptwerk des Abends war die siebte Sinfonie von Antonin Dvořák. Der 22. April 1885 sollte einer der glücklichsten Tage im Leben des großen Tschechen bleiben. Die Uraufführung war ein gewaltiger Erfolg und sein Heimatland war besonders stolz auf dieses Werk. Der kämpferische Duktus wirkte intensiv auf Dvořáks Landleute, die sich so sehr einen Nationalstaat wünschten. Mit der siebten Sinfonie gelang ihm ein Meisterstreich, den er mit den Sinfonien acht und neun noch zu übertreffen wusste. Seither gehört die siebte Sinfonie in das Repertoire vieler internationaler Orchester.

So war es eine besondere Freude, Dvořáks herrliche Musik von einem Elite-Klangkörper zu hören. In ihm konnte das London Philharmonic Orchestra alle seine Vorzüge blendend ausspielen. Sehr gut waren die Kontrastwirkungen im ersten Satz herausgearbeitet. Die Musik beginnt düster und unheilvoll. Mit dem zweiten Thema gelangen Licht und Naturstimmungen in das Werk. Ein Wechsel zwischen Hell und Dunkel begann. Auch das folgende Adagio folgt einem ähnlichen dramaturgischen Aufbau. Kämpferische Abschnitte werden empfindsamen Lyrismen entgegengesetzt. Wieder einmal beschenkte Dvořák die Solo-Flöte mit herrlichen Tonfolgen. Bläser und Streichermassierungen verschaffen diesem Satz stets neue Steigerungen und bestechende Höhepunkte. Wie aus einer anderen Welt erklang das walzerhafte Scherzo. Sehr gut gelang es Gardner, dem Orchester einen doppeldeutigen Spielansatz zu entlocken. Dieses Scherzo ist nicht heiter. Auch hier lugt permanent drohendes Unheil aus allen Winkeln. Ein beruhigendes Trio verschaffte eine kurze Atempause. Dann trieb Gardner sein Orchester wieder nach vorne. Herrlich wie hier die Holzbläser und Hörner brillierten. Im beschließenden Allegro werden die zentralen Themen der Komposition intensiv verarbeitet. Die Musik erklingt auch hier unheilvoll und kämpferisch zugleich. Dvořák gibt mit dem freundlicheren zweiten G-Dur Thema einen Ausblick auf eine mögliche Befriedung. Und mit entschiedener Geste lassen die engagierten Musiker des London Philharmonic Orchestras diese hinter sich. Der Kampf ist noch nicht zu Ende und so folgen noch einmal heftige orchestrale Auseinandersetzungen, die Gardner spannend mit präzisen Akzenten versah. Bewusst erlebt und klug vorbereitet setzte der Dirigent mit seinem Top-Orchester einen markanten Schlusspunkt mit der stürmischen Coda. Die wiederkehrenden Schlussakkorde meißelte der Dirigent wie schwere Ausrufezeichen in den Saal.

© Ansgar Klostermann

Das London Philharmonic Orchestra zeigte sich von seiner besten Seite. Die große Streicherbesetzung phrasierte vorbildlich und exquisit in ihrer klanglichen Ausgestaltung. Die Holzbläser hätten aus Böhmen stammen können, so authentisch und voller Charakter waren deren Beiträge zu vernehmen. Strahlende Hörner und edel tönende Trompeten, Posaunen sorgten für eine noble Grundierung im Tutti-Klang. Gardner gab auch dem Paukisten Freiraum, deutlich zu akzentuieren, so dass auch diesem Spieler wichtige Impulse zu verdanken sind.

Der lange Beifall wurde mit einer kurzen, sehr ruhigen Streicherzugabe bedankt: William Walton: Touch her soft lips.

Dirk Schauß, 19.11.2022


Besuchtes Konzert am 18.11.2022 in der Alten Oper Frankfurt

Antonin Dvořák – Sinfonie No. 7 d-moll op. 70

Felix Mendelssohn Bartholdy – Konzertouvertüre op. 32 „Die schöne Melusine“

Johannes Brahms – Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-moll op. 1

Anne-Sophie Mutter, Violine

Pablo Ferrández, Violoncello

London Philharmonic Orchestra

Edward Gardner, Dirigent