Winterthur: „Gauthier Dance Stuttgart“, Gastspiel

Der Abend begann mit einer launigen, sympathisch-witzigen und zugleich informativen Ansprache des Gründers und Chefs von Gauthier Dance, Eric Gauthier. Darin drückte er erstmal seine Liebe zu Winterthur und vor allem zum Winterthurer Publikum aus. Es war dies nicht das erste Gastspiel der renommierten und mehrfach preisgekrönten, 2007 von Eric Gauthier gegründeten Tanztruppe aus Stuttgart, die eben erst wieder von der Fachzeitschrift Tanz als Glanzlicht der deutschen Tanztheaterlandschaft ausgezeichnet wurde. Eric Gauthier erwähnte, wie gern sie seit 12 Jahren nach Winterthur kämen, da sie hier jeweils für drei Shows verpflichtet werden, im Gegensatz zu anderen Gastspielorten, wo sie jeweils nur für eine Aufführung engagiert würden. So fühlen sich die Tänzer und er hier schon fast wie zu Hause, da sie inklusive An- und Abreise fünf Tage in der Eulachstadt verbringen dürften. Gauthier Dance kommt ohne Subventionen aus, lebt von den Aufführungen im Theaterhaus Stuttgart und den zahlreichen Gastspielen in Deutschland und dem Ausland. Daneben unterhalten sie auch das das Outreach Programm, mit dem sie als Tänzer zu Menschen kommen, die nicht mehr so mobil sind, besuchen Seniorenheime, Krankenhäuser, Behindertenheime

Der exzellente Ruf der Compagnie hat unterdessen alle renommierten Choreografen der Zeit angelockt, für die Truppe zu choreographieren. So auch für das nun in Winterthur vorgestellte Programm „The Seven Sins“, mit Choreografien von Sidi Larbi Cherkaoui – er arbeitete u.a. mit Beyoncé, und Alanis Morisette, erstellte die Choreografie für den Hollywood Film Cyrano, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, leitete das Ballett Vlaanderen und ist nun auch Chef des Ballet du Grand Théâtre in Genf, Aszure Barton – sie choreographierte u.a. Die Dreigroschenoper mit Cindy Lauper, schuf Werke für das Bayerische Staatsballett und das Ballett am Rhein, war Artist in Residence bei Baryshnikows Tanzzentrum in New York und hat ihre eigene Truppe Aszure Barton&Artists, Marcos Morau, der „Salvador Dalì“ der spanischen Choreografen – er hatte kürzlich einen Riesenerfolg mit Nachtträume beim Ballett Zürich, hat sein eigenes Künstlerkollektiv La Veronalin Barcelona).

(c) Jeanette Bak,

Marco Goecke ist prägender deutscher Choreograph, eigenwillig, originell und mehrfach ausgezeichnet, Artist in Residence bei Gauthier Dance, Ballettchef in Hannover bis zum „Hundekot“-Eklat, Hofesh Shechter (weltweit gefragt, gründete seine eigene Hofesh Shechter Company, Artist in Residence bei Gauthier Dance), Sasha Waltz („Grande Dame“ und Ikone der deutschen Tanzszene, gründete 1993 die Compagnie Sasha Waltz&Guests in Berlin, Co-Chefin des Staatsballetts Berlin, Mitglied der Akademie der Künste und Ernennung „Commandeur del l’ordre des Arts et des Lettres“) und Sharon Eyal (war als Tänzerin der Batsheva Dance Company die Muse des Choreografen Ohad Naharin, gründete zusammen mit Gai Behar das Ensemble L-E-V, choreographiert weltweit, z.B. für das Nederlands Dans Theater, für Hubbard Street Dance Chicago oder das Royal Swedish Ballet).

Eric Gauthier erklärte augenzwinkernd auch, weshalb das Wort „deadly“ im Titel des Programms fehlt: Das Projekt eines Abendfüllers über die sieben Todsünden entstand mitten in der Corona-Krise, deshalb fand er das Adjektiv „deadly“ unangebracht.

1. HABGIER: Ganz aus dem Dunkel heraus lässt Sidi Larbi Charakoui aus einem Knäuel von sieben Tänzern heraus und untermalt mit elektronischer Musik und Textfetzen (Musik: Aexandre de Castaing) die Gier erforschen, einander Schaden durch das Baggern nach immer mehr Geld zufügen. In faszinierendes Licht getaucht robben die Tänzer sich schließlich an die Rampe, grapschen nach dem in langen Halstuchschlangen aufgereihten Geldscheinen, wickeln sich darin ein, bis sie ganz vermummt sind – und am Ende daran ersticken. Rauch steigt aus dem toten, mit Banknoten umwickelten Menschenhaufen auf. Großartig, auch das Lichtdesign von Mario Daszenies.

2. FAULHEIT: Aszure Barton spürt dem Widerspruch zwischen Faulheit und Tanz nach. Dabei stellt sei ein Männerpaar auf die Bühne, das sich in langsamen Bewegungen immer wieder auf den Boden hinunterziehen lässt, das Verrenkungen zeigt, die eigentlich immer ins Leere laufen, sinnlos und müde wirken, manchmal meint man Schnecken auf der Bühne zu sehen. Im Hinterkopf hatte Aszure Barton nach eigenen Aussagen die durch die Technologie müde und faul gewordenen Menschen, die sich dadurch von ihrer Menschlichkeit entfernen. Das Ganze ist sehr präzise und fesselnd choreografiert und mit fantastischer Präzision von den beiden Tänzern ausgeführt.

3. HOCHMUT: Marcos Morau zeigt vier Frauen in blauen, wadenlangen Röcken, sie tanzen in unterschiedlichen Lichtverhältnissen mit großartiger Synchronizität und vor allem ungemein kraftvoll, selbstbewusst, stets in einer Reihe und doch ohne aufeinander zu schauen. Ungemein packend, gerade mit der Musik von Juan Cristobál Saavedra. Die Komplexität der Choreographie bewirkt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Was ist Überheblichkeit, was gesundes Selbstvertrauen, was Stolz? Diesen Fragen geht Marcos Morau mit offenem Ausgang nach.

(c) Jeanette Bak,

4. VÖLLEREI: Mit dem Untertitel Yesterday’s Scars zeigt Marco Goecke in seiner Umsetzung der vierten Todsünde für einen Solotänzer, der in Pose und Outfit an Freddy Mercury erinnert, die Folgen der Völlerei; nicht der Völlerei des Fressens, sondern des jahrelangen Raubbaus am Körper durch ein Übermaß an Drogen. Das für Goeckes choreografische Handschrift so charakteristische nervöse Zucken des Oberkörpers kontrastiert mit oft bis in die Fingerspitzen gestreckten Armen und subtiler Beinarbeit. Luca Pannacci setzt die Choreografie zur immer schmerzlicher werdenden Musik von The Velvet Underground und Jesse Callaert derart intensiv um, dass man die Pein unmittelbar selbst spürt. Eine Choreografie, die wie keine andere beim Betrachter körperlich regelrecht so“einfährt“, dass es einen fast zerreißt. Riesenapplaus!

5. WOLLUST: Hofesh Shechter hat die Musik zu seiner Choreographie selbst komponiert, sie kommt wie atmende Dampfwalzen daher, ein An- und Abschwellen von Atem, Klängen, Blut, das in den Adern schwillt und wallt. Dazu eine Gruppe von weißgekleideten Menschen auf der Bühne, sie sehen aus wie Sektenmitglieder in den züchtigen, uniformartigen Gewändern. Alle bewegen sich synchron in Zeitlupe, nichts von testosterongetriebener, brachialer Erotik, eher deren erzwungene Unterdrückung, Andeutungen von aus den Geschlechtsteilen aufsteigender Lust, mehr nicht. Immer wieder tanzen die zehn Tänzer in festgefügten Formationen. Stumme Schreie symbolisieren wohl heimliche oder erwünschte Orgasmen. Endlich schreit eine Frau mal laut los, ein Paar will Sex haben, wird aber schnell von den anderen eingekreist. Am Ende präsentieren fünf Menschen ihren erhobenen Schoss, die fünf andern knien davor, aber bevor es zu Berührungen oder oralem Sex kommen kann, erfolgt ein durch einen Blitz verursachter Kurzschluss. Dunkel! Aus!

6. ZORN: Sasha Waltz hat die von ihr gewählte Todsünde am augenfälligsten aller Arbeiten für dieses Programm umgesetzt: Ein Paar (Mann-Frau) erscheint neben zwei Lautsprechern, aus denen wütende Geräusche ertönen, auf der Bühne. Immer wieder geht das Licht aus, wir sehen das Paar an neuer Position. Die Frau schreit beständig, hysterisch, legt eine keifende Wut an den Tag, der Mann scheint in stoischer Ergebenheit gefangen, nimmt alles hin. Die Tobsucht steigert sich, sie reißt an seinen Haaren, ihr Gekreische wird über die Lautsprecher noch verstärkt, vervielfacht, was selbst den Stoiker nun aus der Ruhe bringt, auch er beginnt zu schreien und zu toben, die Konstellation dreht sich um 180 Grad. Rote Lichteffekte blitzen an der Rückwand auf, der Boden wird ebenfalls rot, blutrot. Stroboskop-Gewitter folgen, bis man selbst in Angst und Bange ist vor lauter Lärm und Zorn. Sie ergreifen die Lautsprecher, die wie Betonklötze an langen Bändern hängen, beginnen diese unendlich lange im Kreis zu schwingen und die Zuschauer hoffen nur, dass die beiden Tänzer sie nicht loslassen, tödliche Gefahr droht, für uns, für die beiden, bis sie erschöpft aufgeben. Au Weia!

7. NEID: Da kommt die ruhige Cellokantilene, die Anna Müller für Sharon Eyals Interpretation der siebten Todsünde komponiert hat, gerade recht zur vermeintlichen Entspannung. Wir sehen drei Frauen in weißen Trikots auf der Bühne, etwas Theaternebel steigt auf, schon fast wähnt man sich im weißen Akt eines klassischen Balletts wie Giselle oder Schwanensee. Allerdings wird nicht auf der Spitze getanzt. Die drei Frauen beäugen sich aber ganz genau, eine macht ihr eigenes Ding, die beiden andern verschwören sich irgendwie gegen sie – Mobbing? Alles wirkt repetitiv, ein Ostinato an perfekter Fuß Arbeit versetzt in Erstaunen. Shraon Eyal sagt im Programmheft, dass Neid ihr Angst mache, sie abstoße und traurig mache. Die drei Frauen auf der Bühne haben ihre Menschlichkeit verloren, tanzen immer weiter, wie gefühllose Maschinen.

Der Jubel des Publikums am Ende war gigantisch, hoffentlich ist sich Winterthur bewusst, was für ein herausragendes Programm auf allerhöchstem Niveau dieses Gastspieltheater der Stadt bietet. Heute Abend gibt’s nochmals die Gelegenheit, GAUTHIER DANCE zu erleben!

Kaspar Sannemann, 20. April 2023


Gauthier Dance Stuttgart

Winterthur

The Seven SIins

14.04.2023

Choreografien von Aszure Barton, Sidi Larbi Cherkaoui, Sharon Eyal, Marco Goecke, Marcos Morau, Hofesh Shechter und Sasha Waltz