Düsseldorf: „Turandot“, Giacomo Puccini

Nach der Premiere in Duisburg am 5. Dezember 2015 hatte Puccinis Oper Turandot am 6. März 2017 auch in Düsseldorf eine umjubelte Erstaufführung erlebt. Ziemlich genau nach sechs Jahren stand Puccinis Monumentalwerk erneut auf dem Programm der Düsseldorfer Oper am Rhein. Und wieder feierte das Publikum im ausverkauften Haus alle Beteiligten mit enthusiastischem, ja geradezu frenetischem Beifall. Und in der Tat erlebt man an diesem Abend vor allem auf musikalischem Gebiet Außergewöhnliches.

(c) Andreas Etter

Catherine Foster, die als Isolde, Brünnhilde oder Elektra nicht nur in Bayreuth, sondern an allen großen Bühnen der Welt Triumphe feiert, ist auch in der Partie der Turandot, die sie bereits in London, Hamburg oder Köln verkörpert hat,  eine Ausnahmeerscheinung.  Man kann diese Partie nicht besser singen als Frau Foster. Schon ihre große Auftrittsarie im 2. Akt „In questa reggia“ zeigt in Stimmmodulation, leuchtenden Spitzentönen und nie versiegender Intensität eine Ausnahmekünstlerin, wie man sie selten erlebt. Dazu spielt Frau Foster die mordlustige Prinzessin in all ihren Schattierungen und Abgründen einfach meisterhaft und haucht damit der ansonsten doch eher verhaltenen Inszenierung Momente der Spannung und Abgründigkeit ein. So wird die Rätselszene doch noch zu dem Höhepunkt, den Puccini bei seiner Oper im Auge hatte.

Der rumänische Senkrechtstarter im Tenorfach Theodor Ilincai, der mittlerweile an allen bedeutenden Opernhäusern in Europa, Amerika oder Japan zu Hause ist und auch als Kalaf beim Puccinifestival 2022 in Torre del Lago beeindruckte, überzeugt mit seiner virilen Stimmkraft als todesmutiger Prinz und Gegenspieler Turandots auf der ganzen Linie. Am schönsten klingt die baritonal gefärbte Stimme des immer noch jungen Sängers vor allem in der warm timbrierten Mittellage. Die gleißenden Spitzentöne wie z.B. das tückische hohe H in „Nessun dorma“ sind sicherlich ebenfalls sehr eindrucksvoll, vielleicht aber nicht jedermanns Geschmack. Dass sich hier allerdings ein Sänger der internationalen Spitzenklasse in Düsseldorf vorstellt, steht außer Frage. Leider verdammt ihn die Regie zu Statik und Rampensingen, sodass man über die schauspielerischen Fähigkeiten dieses Spitzentenors wenig sagen kann.

(c) Andreas Etter

Dass auch die Ensemblemitglieder der Düsseldorfer Oper mit diesem Starduo mithalten können, stellten Luiza Fatyol als Liu und vor allem Sami Luttinen mit prachtvoll balsamischem Bass als Timur unter Beweis. John Heuzenroeder, Nathan Haller und Jorge Espino sangen die drei Minister klangschön und spielten tapfer gegen die auch ihnen weitgehend von der Regie auferlegte Zurückhaltung an. Chor und Extrachor der deutschen Oper am Rhein (Einstudierung: Gerhard Michalski) sowie die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Vitali Alekseenok liefen im Verlauf des Abends immer mehr zu großer Form auf und legten einen samtweichen, dann auch wieder groß auftrumpfenden Puccini-Klangteppich, wenn auch vor allem bei den Bläsern noch einige Luft nach oben ist.
Nun doch noch ein paar Worte zur Inszenierung. An der abstrusen Geschichte der eiskalten, monströsen Prinzessin Turandot, die ohne jede Gefühlsregung Dutzenden von Heiratsbewerbern den Kopf abschlagen lässt, wenn sie die drei von ihr gestellten Rätsel nicht lösen können, haben sich schon etliche Regisseure die Zähne ausgebissen. Wie kann sich Kalaf in ein solch männermordendes Weib verlieben, wenn er mit ansehen muss, wie die treue Gefährtin seines blinden Vaters Liu, die Kalaf in selbstloser Liebe ergeben ist, grausam gefoltert und zum Selbstmord gezwungen wird? Wie kann es nach einer derart blutrünstigen und mit Grausamkeiten gespickten Handlung noch ein Hollywood reifes Happyend zwischen Turandot und Kalaf geben?

(c) Andreas Etter

Huan-Hsiung Li sieht die Lösung all dieser Probleme darin, dass er die märchenhafte Handlung als einen Traum deutet, der eigentlich unvereinbare Handlungsstränge und Entwicklungen zusammenfügt.  Eine junge Frau von heute, die der Regisseur dem Personentableau hinzufügt (Yasha Wang), erlebt das grausame Geschehen als Traum, ist nicht nur stumme Beobachterin, sondern ist aktiv in die Handlung involviert. So wird sie von den Ministern dem Prinzen als Liebes- und damit Ersatzprojekt für eine Verbindung Kalafs mit Turandot angeboten, warum auch immer. Auch der Versuch, einen Gegenwartsbezug dadurch herzustellen, dass vor allem zu Beginn und am Schluss der Oper Videos eingespielt werden, die auf den Regenschirm-Protest in Hongkong 2014 verweisen, gelingt kaum. Zwar halten die Choristinnen und Choristen die Regenschirme auch im Verlauf der historischen Geschehnisse weiterhin in ihren Händen, doch bleibt dies insgesamt  eher ein blindes Motiv. Li sieht in der Geschichte der Turandot eine Parabel für den Aufstieg Chinas, für dessen z. T. gewaltsame und grausame Auseinandersetzung mit fremden Mächten und für die Hoffnung auf ein letztlich friedliches und friedvolles Zusammenleben in einer Welt gegenseitiger Toleranz und Achtung, eine angesichts der aktuellen weltpolitischen Entwicklung  wohl doch eher unrealistische Utopie.
Im Verlauf des Abends spielt dieser Aspekt  überhaupt keine Rolle mehr. Im stimmungsvollen Bühnenbild (Jo-Shan Liang), das scherenschnittartig die Silhouette der Verbotenen Stadt hervorzaubert und diese durch die symbolische Lichtgestaltung (Volker Weinhart) in immer wechselnde Farben hüllt – Rot für Blut und Gewalt, bleiches, silbriges Weiß für die Mondnacht, Grün für die aufkeimende Hoffnung auf ein gutes Ende in Liebe und Versöhnung etc. – , wird die märchenhafte Handlung sympathisch nacherzählt. Rollbilder, die ständig vom Schnürboden herabgelassen werden, schaffen mit Kalligrafie und Landschaftsbildern Zeitkolorit. Darüber hinaus setzt Li ganz auf prachtvolle historische Kostüme (Hsuan-Wu Lai), die den Opernbesucher auch in der Tat von der doch eher spannungslosen Regie ablenken. Es wird viel an der Rampe gestanden und gesungen, es wird überhaupt viel gestanden und wenig miteinander agiert und selbst Liu steht in ihrer schmerzerfüllten Arie „Tu che di gel sei cinta“ eher regungslos am Bühnenrand und besingt das Publikum.
Doch was soll´s! Den Besucherinnen und Besuchern im Düsseldorfer Opernhaus schien auch die Inszenierung sehr gefallen zu haben. Der aufbrausende Jubel nach den letzten Tönen war jedenfalls beispiellos.

(c) Andreas Etter

Fazit: Die Wiederaufnahme der Turandot in Düsseldorf ist wegen der exzellenten Sängerinnen und Sänger, des wunderbaren Chors und der insgesamt ansprechenden Orchesterleistung mehr als lohnend. Wer nicht das Glück hat, Catherine Foster in diesem Sommer als Brünnhilde bei den Bayreuther Festspielen erleben zu dürfen, dem sei ein Besuch der Turandot in Düsseldorf dringend ans Herz gelegt.

Norbert Pabelick, 25. März 2023


Giacomo Puccini: Turandot

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf

Premiere: 6. März 2017

Wiederaufnahme: 23.März 2023

Inszenierung: Huan-Hsiung Li

Musikalische Leitung: Vitali Alekseenok

Düsseldorfer Symphoniker

Weitere Vorstellungen: 2./8./10./15./23. April