Hamburg, Konzert: „NDR Elbphilharmonie Orchester“, Ryan Bancroft

Eigentlich sollte Esa Pekka Salonen das Konzert am 28. Januar im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie leiten, aber der Dirigent war an Corona erkrankt und man fand in Ryan Bancroft einen Einspringer. Bancroft ist aber weit mehr als das, denn alles, was dieser begabte junge Mann anfaßt, wird zu musikalischem Gold. Ebenfalls in Hamburg, aber auch in Lübeck durfte ihn ein begeistertes Publikum vor Kurzem bejubeln, als er mit Joshua Bell und dem NDR Elbphilharmonie Orchester auftrat (hier unsere Kritik).

Ryan Bancroft / (c) Benjamin Ealovega

Nun bestritt er ein Konzert, dessen – von der Repertoireauswahl her – skandinavische Grundausrichtung südlich erweitert wurde, indem der Bonner und Wahl-Wiener Beethoven an seinen Beginn gestellt wurde. Im Programmheft wurde dessen 3. Leonoren-Ouvertüre als Stück zum „Warmspielen“ bezeichnet, aber dieses Fidelio-Konzentrat war alles andere als nur eine Einspielübung.

Bancroft lotet mit dem phantastisch warm und füllig spielenden Philharmonia Orchestra alles aus, was Beethoven hier zu bieten hat. Nach einem wuchtigen Anfang wird es sehr sensibel, ja zart. Bancroft bietet eine eher romantische Interpretation des Stücks, weniger eine klassisch-festliche und so läßt er sich viel Zeit für die getragenen Passagen. Sein Dirigat ist hier von seinen charakteristischen Schleifenbewegungen geprägt, aber das wird er im Laufe des Abends immer wieder, den Werken gemäß, abwandeln. Bei den temporeichen, kraftvollen Teilen der Ouvertüre wechseln seine Armbewegungen in Sekundenbruchteilen, er tanzt auf dem Podium, mag sich kaum darauf beschränken. Forsch und entschieden jagt er die Anweisungen in den makellos spielenden Klangkörper, dessen Raumwirkung man wunderbar erweitert hat, indem das Trompetensignal von ganz oben herabschallt. Steigerungen in Tempo und Dynamik erfolgen rasch und exakt – die Musikerinnen und Musiker machen das alles sichtbar freudig mit. Das ist saftiger, markiger und zugleich seelenvoller Beethoven; mit explosiven Gesten beendet Bancroft dieses Stück.

Carl Nielsens Konzert für Violine und Orchester ist ein viersätziges Werk in zwei Abteilungen, in dem der Geiger ganze fünf Solokadenzen zu bestreiten hat; die erste wird – dies war bei der Uraufführung ein völliges Novum – von Hörnern und Fagotten untermalt. Das reizt natürlich zu Paganini-haften Posen, aber die hat der gerade mal 23-jährige schwedisch-norwegische Geiger Johan Dalene nicht nötig. Bereits bei den Eingangstönen wird sofort klar, mit was für einem Genie man es hier zu tun hat. Im buchstäblich zarten Alter von sieben Jahren gab er sein erstes Solokonzert und was dieser junge Mann hier hinlegt, ist grandiose Virtuosität, im Dienste des Ganzen. Dalene ist völlig erfüllt von der Musik, die seinen Leib völlig erfaßt; er geht mitunter so weit in die Knie, daß er fast den Boden damit berührt.

Es fällt auf, daß Bancroft die Expressivität seines Dirigats hier etwas reduziert, um dem Solisten nicht die Schau zu stehlen. Dieser Zug macht ihn noch sympathischer, als er es ohnehin schon ist.

Die beiden Abteilungen des Konzerts sind vom Charakter her völlig unterschiedlich. In Satz 1 (Largo) und 2 (Allegro cavalleresco) dominieren optimistische Stimmungen, Dalenes seidig-cremiger Strich liebkost diese Passagen geradezu. Fließend verbindet er die Motive zu melodiösen Linien und ebenso fließend greifen er und das Orchester bei der Weitergabe der musikalischen Staffeln ineinander. Volkstümliche Elemente geben dem Werk etwas Heiteres und Erdnahes, bei allen Höhenflügen der Violine. Es ist liebenswerte, leuchtende Musik mit zuweilen beschaulichen Szenen und Dalenes Stradivari zaubert Wasserwirbel wie in einem klaren Bächlein, das sich durch die dänische Flur schlängelt. Seine Flageolett-Töne entbehren nie der Schönheit; er vermeidet jegliche Herbheit.

Der Beifall nach dieser Abteilung ist verständlich und respektive des weiteren respektvollen Verhaltens des Publikums an diesem Abend sowie des Raunens, das den Applaus vorbereitet hatte, als aufrichtige Würdigung zu verstehen.

Die zweite Abteilung mit den Sätzen 3 (Poco adagio) und 4 (Rondo: Allegretto scherzando) wirkt eher in sich gekehrt und nachdenklich, das B-A-C-H-Motiv ist an sich schon eher emotional reduziert. Aber es wird auch wieder volkstümlich und das charakteristische Thema aus diesem Formenschatz erinnert in seinem Dur-Moll-Wechsel etwas an Bartok´sche Verarbeitungen ländlicher Funde. So wechselt die gereift-melancholische Stimmung hin zu einer manchmal neckischen Unbekümmertheit, aber in jeder Kadenz bannt Dalene das mucksmäuschenstille Publikum; er spielt ja auch alles auswendig.

Den verdient tosenden Beifall beantwortet der Violinist mit einer Bach-Partita, der er einen humorigen Schlußton gibt. Wer vor Kurzem Viktoria Mullowa mit der gleichen Zugabe erlebt hat (https://deropernfreund.de/sonstiges/luebeck-konzert-mahler-schostakowitsch-viktoria-mullova/), staunt vor den Welten, die zwischen deren existentialistischer Sprödheit und der bübischen Lebensfreude Dalenes liegen. So unterschiedlich kann diese Musik zum Klingen gebracht werden!

Daß einige Zuhörer in der Pause den Saal verlassen haben, begreift man nicht, denn Sibelius´ Lemminkäinen-Suite mit allen vier Teilen (Nr. 1 und 3 wurden bislang fast durchweg stiefmütterlich behandelt, was vollkommen unverständlich ist) bringen Bancroft und das Orchester mit einer bildmächtigen Farbenpracht zum Strahlen. Das ist das Gegenteil von Pastell, Sibelius hat mit starkem Auftrag der Natur und der Sagenwelt seiner Heimat ein erhabenes Denkmal gesetzt. Sein Begriff von Volkstümlichkeit ist immer verbunden mit Weite, Klarheit und Sehnsucht nach dem Echten und Tiefen, fernab jeglicher anbiedernden Folklore.

Lemminkäinen ist ein Held aus dem finnischen Nationalepos Kalevala, das, ganz anders als unser „Nibelungenlied“, viel archaischer ist und sich durch weit mehr mythische Elemente auszeichnet. „Lemminkäinen und die Mädchen auf Saari“ heißt der erste Teil, der nach einem dissonanten Beginn die typischen Naturgemälde entwirft und davon erzählt, wie der Held vor den Männern fliehen muß, deren Gattinnen er verführt hat. Wechsel in Tempo und Stimmung erzählen in rascher Folge von den Ereignissen, die Pauken wummern und zeigen an, daß Gefahr im Anzug ist.

Bordun-Motive gleiten bei Sibelius immer in die Ferne und es bauen sich Massive auf, deren ernste Majestät echte Ehrfurcht gebietet. Die Orchestrierung ist unglaublich reichhaltig und jedes Instrument bis hin zum mächtigen Schlagwerk malt auf Sibelius´ Riesenpalette mit am großen Werk. Bancroft schwimmt scheinbar mit dem Helden durch das sonnenüberstrahlte Meer und ergreift die Landschaft mit beiden Armen.

(c) Mats Bäcker

In „Lemminkäinen in Tuonela“ (dieser Teil ist hier der zweite, ansonsten steht er an dritter Stelle) stirbt der Held, aber dieser Tod ist nur vorläufig, denn seine Mutter gibt ihm ein zweites Mal das Leben. Bässe, dann Celli, weiter Bratschen, schließlich Geigen nehmen ein eilendes Motiv auf, das etwas an die Wald-Hetze zu Beginn von Wagners „Walküre“ denken läßt. Sibelius war ja auch in Bayreuth, da liegt die Assoziation nahe, aber seine Musiksprache ist doch völlig eigenständig. Wolken scheinen sich gewaltig aufzutürmen, fernes Leuchten dringt durch das Dunkel und, strukturiert durch kurze Fermaten, ändert sich ständig die Szenerie. Schwermütige Klagen gestalten Bancroft und das Orchester zum Weinen anrührend und das eine oder andere Thema erinnert an russische Schwermut, wie sie sich bei Tschaikowsky oder Prokofiev tiefgründig Bahn bricht – dieser Kulturkreis liegt ja in der Nachbarschaft, die zwar politisch selten friedlich war, aber von den Tonsetzern in freundschaftlicher Kollegialität gepflegt wurde.

Im „Schwan von Tuonela“ geht es um den großen mythischen Totenvogel und der fliegt für diejenigen, die auch mit tieferem Blick schauen können, durch den Saal, mit weitgebreiteten Schwingen – ganz ohne AR-Brille wie im Bayreuther „Parsifal“! Diese Musik ist ehrfurchtgebietend und diejenigen, die schon einmal den Verlust eines geliebten Menschen zu betrauern hatten, können die Tränen nicht zurückhalten.

Glücklicherweise bietet „Lemminkäinens Rückkehr“ einen glücklichen Ausgang, denn der Held kehrt nach bestandenen Abenteuern zu seiner Mutter zurück. Rasant nimmt dieser Finalsatz Fahrt auf und man sieht förmlich den Wind in die Segel greifen, um dem Helden eine glückliche Fahrt zu sichern. Bancroft spornt das Orchester an und mit Feuereifer wird der gute Ausgang des Epos vorangetrieben.

Für den brandenden Beifall bedanken sich Dirigent und Orchester mit einem ungarischen Tanz des „Hamburger Jung“ Johannes Brahms. Eine reizende Geste, mit der alle Beteiligten sich endgültig die Herzen der Hanseaten erobern.

Bancroft lebt diese Musik sicht- und hörbar, er ist entflammt vom Geist jedes Werks und die von ihm empfangenen Funken springen in kaum meßbarer Geschwindigkeit auf das Orchester über, das einen brillanten, vollen und stets transluziden Klang formt. Ein neuer leuchtender Stern am Dirigentenhimmel!

Andreas Ströbl, 31. Januar 2024


Hamburg
Großer Saal der Elbphilharmonie

Konzert am 28. Januar 2024

Ludwig van Beethoven, Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, op. 72
Carl Nielsen, Konzert für Violine und Orchester, op. 33
Jean Sibelius, Lemminkäinen-Suite, op. 22

Musikalische Leitung: Ryan Bancroft
Violine: Johan Dalene
Philharmonia Orchestra