Essen: „Lucrezia Borgia“, Gaetano Donizetti

Lieber Opernfreund-Freund, wenn in der Woche vor der Premiere einer Opernrarität drei der vier Hauptdarsteller erkranken, ist das eigentlich kein gutes Zeichen. Dass die gestrige Premiere von Gaetano Donizettis hierzulande selten gespielter Lucrezia Borgia dennoch ein Erfolg war, ist vor allem dem exzeptionellen Dirigat des designierten Essener GMD Andrea Sanguineti und einer bestens disponierten Sängerriege zu verdanken. Vielleicht aber spielte der Essener Produktion auch der Zufall in die Hände, dass sich zwei der Einspringer und der auch ursprünglich für die Tenorrolle des Gennaro vorgesehenen Francesco Castoro schon von einer Produktion der Oper im Mai dieses Jahres in Bologna kannten und so sehr schnell eine gemeinsame Spielfreude entwickelte, die sich bei anderen Produktionen erst nach einigen Vorstellungen einstellt, wie Intendantin Dr. Merle Fahrholz konstatierte, als sie vor der Vorstellung die Ausfälle verkünden musste.

(c) Bettina Stöß

Lucrezia Borgia, die tatsächlich an der Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert gelebt hat, umrankt eine Vielzahl von Geschichten, teils wahr, teils blanker Mythos: Papsttochter, Giftmischerin, Gattenmörderin, Femme fatale – doch das allein reichte Victor Hugo nicht, als der 1833 sein Drama um die historische Figur schuf, das Vorlage zu Donizettis Oper aus dem gleichen Jahr wurde: er ergänzte den unehelichen Sohn Gennaro, den Lucrezia abseits des Hofes hat aufziehen lassen und der sich bei der ersten Begegnung mit seiner Mutter in sie verliebt – ohne zu wissen, wer sie ist. Auch Lucrezias Mann Don Alfonso vermutet hinter Lucrezias Fürsorge für Gennaro ein Liebesverhältnis. Lucrezia will aus Rache die Freunde ihres Sohnes auf einem Fest vergiften, erkennt zu spät, dass auch Gennaro unter den Gästen ist. Er verweigert selbstlos ein Gegengift, ersticht Lucrezia und stirbt in ihren Armen, nachdem sie sich ihm in letzter Sekunde offenbart hat. Donizetti lässt dann in seiner musikalischen Umsetzung den Muttermord unter den Tisch fallen – doch der ist Dreh- und Angelpunkt der Interpretation von Regisseur Ben Baur.

Der würzt seine Regiearbeit mit allerlei Surrealem, zeigt immer wieder Phantasien, Gedanken und Hirngespinste der Protagonisten: da springen junge Lucrezias jeden Alters umher, selbst Gennaros Freund Maffio Orsini wird zwischenzeitlich als Lucrezia kostümiert; da tummeln sich die blutigen Leiber von Lucrezias ermordeten Gatten neben ihren Vater, dem Papst; und wieder und wieder ersticht Gennaro seine Mutter – da hätte ein wenig weniger viel mehr sein können. Doch immer wieder gelingen Baur auch wunderbare stimmungsvolle Bilder, die an Gemälde aus dem 16. Jahrhundert erinnern, die das gelungene Licht von Michael Heidinger ausleuchtet. Auch die Kostüme von Uta Meenen passen wunderbar in die Zeit – doch das goldene Schnürmieder, das Don Alfonso unter seinem ausladenden Pelzmantel tragen muss, sorgt für unfreiwillige Lacher. Die Personenführung wechselt zwischen Trubelszenen recht statischen Passagen – das rauschende Fest der Negroni beispielsweise verkommt zur Stehparty rund um den Küchentisch – und bleibt so doch recht konventionell. Das aber wiederum versetzt die drei Einspringer in die Lage, scheinbar mühelos in die Inszenierung einzusteigen.

(c) Bettina Stöß

Und auch die zweite Wahl kann erste Garde sein, wie der gestrige Abend beweist. Marta Torbindoni ist eine Wucht in der Titelrolle, glänzt vom ersten Moment an mit überragender Bühnenpräsenz, zeigt halsbrecherische Koloraturen, schillernde Höhen, eine bedrohliche klingende Mittellage und immensen Ausdruck. So leuchtet sie alle Facetten der Lucrezia Borgia aus, ist besorgte Mutter, glühende Rächerin und bedrohliche Mörderin zugleich und bleibt der Rolle nichts schuldig – außer dem Spitzenton in der Finalszene. Davide Giangregorio gefällt mir ausnehmend gut als Don Alfonso mit seinem durschlagenden Bass voller profunder Tiefe. Als Orsini, eine Hosenrolle, überzeugt die junge Israelin Na’ama Goldman mit sattem Mezzo voll leidenschaftlichem Timbre. Als einziger vor Anfang an auf der Bühne geplant war Francesco Costaro. In ihm findet Lucrezias illegitimer Sohn Gennaro einen einfühlsamen Interpreten, der die jugendliche Unbedarftheit seiner Figur mit strahlend hellem Tenor füllt. Der Chor unter der Leitung von Klaas-Jan de Groot ist, wie auch die übrigen Solisten, glänzend aufgelegt und macht den Abend aus vokaler Sicht perfekt.

Im Graben entfacht Andrea Sanguineti ein wahres Klangfeuerwerk, badet gerade noch in düstersten Klängen, um die Musikerinnen und Musiker im nächsten Moment zu einem Höchstmaß an Italianità anzufeuern, wählt getragene Tempi in den Canzonen und peitscht Sänger und Musiker durch die Koloraturarien, ohne je die Präzision vermissen zu lassen. Das lässt auf viele begeisterungswürdige Abende unter der Leitung des designierten Generalmusikdirektors hoffen. Da ist es schade, dass die Partitur an der einen oder anderen Stelle dann doch gekürzt wurde, was darin gipfelt, die Schlussarie auf eine Strophe zu beschränken.

(c) Bettina Stöß

Das kann allerdings auch der Einspringerin Marta Torbidoni geschuldet sein – die hatte sich nämlich als ein wenig indisponiert ansagen lassen. Dem Publikum im ausverkauften Haus war’s egal – der Applaus für alle Beteiligten ist schier endlos. Um herauszufinden, ob an den übrigen Abenden die komplette Arie erklingt, muss ich wohl noch einmal in Aalto-Theater; und das empfehle ich auch Ihnen: genießen Sie diese Belcantoperle noch bis in den März hinein.


Ihr Jochen Rüth, 27. November 2022


Gaetano Donizetti: „Lucrezia Borgia

Aalto Theater Essen

Besuchte Premiere: 26. November 2022

Inszenierung: Ben Baur

Musikalische Leitung: Andrea Sanguineti

Essener Philharmoniker

Weitere Vorstellungen: 30. November, 4. Dezember, 5. und 14. Januar, 4. und 15. Februar, 10. März