DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Styriarte

(c) H. List

 

http://styriarte.com/

 

Die sommerlichen Musikfestspiele styriarte bestehen seit 1985 und formulieren ihr Konzept so:

„Die styriarte sollte den bahnbrechenden Dirigenten Nikolaus Harnoncourt enger an seine Heimatstadt Graz binden. Harnoncourts künstlerische Erkenntnisse, die ihn zu einem Weltstar gemacht haben, wurden zum Maßstab für die Aufführungen der Festspiele. So ermöglicht die styriarte heute Begegnungen mit verlorengegangen Sichtweisen unseres musikalischen Erbes, und sie spiegelt die heutige Vielfalt an spannenden Zugängen zur alten Musik wider, zur Musik zwischen Mittelalter und Romantik.“

 

STYRIARTE 2020

Prächtiges Finale!

Kammermusik von Schubert und barocker Glanz

23. und 25.7.2020 in der Helmut-List-Halle

 

In diesem Bericht fasse ich zwei Konzerte zusammen, die paradigmatisch für die Programmgestaltung der diesjährigen styriarte unter dem Motto Geschenke der Nacht sind: Da gab es einerseits die kammermusikalische Raffinesse mit Schubert und andererseits den barocken Glanz mit Fux, Bach und Händel. Aber der Reihe nach:

Das Programm der ersten von zwei Schubertiaden  war Schuberts einzigem Privatkonzert mit ausschließlich eigenen Werke im März 1828 nachempfunden. Damals erklang der 1.Satz des erst posthum im Druck erschienenen Streichquartetts in G, diesmal exzellent interpretiert von Maria Bader-Kubizek, Aki Saulière, Axel Kircher und Rudolf Leopold, wobei – zumindest von meinem Platz aus – Bratsche und Violoncello speziell im 1.Satz dynamisch dominierten. Der krasse Dur-Moll-Wechsel des breit ausladenden ersten Satzes im G-Dur-Quartett, D 887 eröffnete eindrucksvoll diesen Abend. Der 2. Satz mit der melancholischen Liedmelodie des Cellos in moll gelang ganz wunderbar. Das Publikum hielt den Atem an.

Zwischen den Streichquartett-Sätzen erklangen drei Lieder aus dem zitierten Privatkonzert Schuberts und drei Abendlieder. Die seit 10 Jahren an der Wiener Staatsoper wirkende Mezzosopranistin Stephanie Houtzeel war dafür nach Graz zurückgekehrt, wo sie ihre Opernkarriere begonnen hatte. Sie wurde am Hammerflügel stilgerecht, wenn auch ein wenig zurückhaltend von Florian Birsak begleitet. Waren zunächst im wunderbaren Lied Die Sterne noch kleine stimmliche Unausgewogenheiten zu registrieren, hatte sich Houtzeel sehr schnell auf die spezielle akustische Situation des großen Saals in Verbindung mit dem zarten Hammerklavierklang eingestellt. Sie fand in ihren Interpretationen eine ideale Balance zwischen großer Geste (etwa in Fragment aus Aeschylus) und berührender Innerlichkeit in Jägers Abendlied . Man erlebte eine reife und facettenreiche, eine großartige Liedgestalterin. Da musste ich daran denken, dass ich die junge Stephanie Houtzeel erstmals im Schubertjahr 1997 beim 3. Internationalen Wettbewerb Franz Schubert und die Musik des 20.Jahrhunderts in Graz gehört hatte. Sie erreichte damals die 3. und letzte Runde - und so wie ich verstanden damals viele im Publikum die Jury-Entscheidung nicht, warum ihr kein Preis zuerkannt wurde. Nun – Stephanie Houtzeel hat dennoch ihren Weg zu einer bedeutenden Sängerpersönlichkeit geschafft – auch hochrangige Jurys können irren!

Das Abschlussstück des Abends war das berühmte Ständchen Zögernd leise – diesmal allerdings in der Fassung mit Frauenchor, wie es in Schuberts Privatkonzert 1828 tatsächlich erklungen war. Zu Stephanie Houtzeel und Florian Birsak gesellten sich nun die 16 Damen der Camerata Styria – wie schön, erstmals wieder einen Chor im Konzert zu erleben. Man genoss das fein aufeinander abgestimmte Musizieren.

Diesmal gab es wieder ein sehr gelungenes Kurzvorspiel im Foyer das unbedingt Erwähnung verdient. Im Programmheft liest man darüber:

Im September des Jahres 1827 weilte Franz Schubert in Graz und amüsierte sich mit Freunden auf Ausflügen in die Umgebung. Unter anderem ging es hinaus ins Hallerschlössl am Ruckerlberg. Tatsächlich hat sich aus dieser Zeit ein Theaterzettel aus der Hand einer ominösen schönen Witwe erhalten, der auf ein Stück verweist, das dort gespielt wurde. Titel „Der Fußfall im Hallerschlössl, oder: Zwilchen’s mi nit so“, also übersetzt etwa: „Belästigen Sie mich nicht“. Außerdem erfahren wir, welche Rollen im Stück besetzt waren und wer sie spielte – was uns einen schönen Einblick in die Spitznamen des Schubertkreises verschafft: Pachleros und Haren-gos sind die Rechtsanwälte Pachler und Haring, Schilcherl ist der trinkfreudige Anselm Hüttenbrenner, und Schwammerl der kleine, füllige Franz Schubert.

Diese Episode arrangierte Thomas Höft geschickt für eine musikalische Mini-Komödie, in der vier Herren des Arnold-Schönberg-Chors heitere A-Cappella-Quartette des Schubertfreundes Anselm Hüttenbrenner sangen.

Zwei Tage später begann dann der glanzvolle Abschluss der diesjährigen styriarte, die in der Zeit vom 1. bis 26. Juli trotz der Corona-Einschränkungen höchst erfolgreich und vom Publikum begeistert aufgenommen insgesamt 77 (!) einstündige Veranstaltungen auf die Bühne gebracht hatte.

Unter dem Titel Feuerwerksmusik hatten sich das Ensemble Zefiro und das styriarte Festspiel-Orchester geleitet vom Oboisten Alfredo Bernardini zu einem prächtigen Barockprogramm zusammengefunden. An sechs Terminen (jeweils drei pro Tag) erklangen in großer Besetzung Glanzstücke der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Johann Joseph Fux (1701) – Johann Sebastian Bach (1721) – Georg Friedrich Händel (1749)

Es war übrigens wahrlich ein völker- und künstlerverbindendes Projekt, bildeten doch erstmals Musikerinnen und Musiker aus Österreich und aus einem ursprünglichen italienischen Corona-Krisengebiet ein gemeinsames Orchester. Es lohnt sich nicht zuletzt deshalb, das Videogespräch zwischen styriarte-Intendanten Mathis Huber und Alfredo Bernardini nachzuverfolgen.

Die Auszüge aus der Serenata in C von Johann Joseph Fux begannen mit einem feierlichen Solo des ersten Trompeters – virtuos gespielt von Gabriele Cassone. Die Fux-Serenata ist ein abwechslungsreiches und brillantes Stück, in dem zur großen Streicherbesetzung auch immer wieder die Trompeten treten. Alfredo Bernardini hatte es verstanden, um sich großartige Instrumentalisten zu versammeln und diese mit erfahrenen Grazer Musikerinnen und Musikern der Alte-Musik-Szene zu einem idealen großen Barockorchester zusammenzuführen.

Auf die für ein kaiserliches Hochzeitsfest des österreichischen Hofs geschriebene Fux-Serenata folgte ebenso prächtige Hochzeitsmusik von Johann Sebastian Bach: sein Brandenburgisches Konzert Nr. 1, das er für eine fürstliche Hochzeit in Weimar geschrieben hatte. Anstelle der Trompeten bei Fux stehen bei Bach nun die Hörner im Vordergrund – auch sie wurden überzeugend gespielt . Den ganzen Abend hindurch hatte – wie einst auch bei Nikolaus Harnoncourt – immer die Authentizität und das engagiert-mitreissende Musizieren Vorrang vor der Perfektion .

Im Adagio-Satz gab es ein geradezu ideales Zusammenspiel zwischen der Konzertmeisterin Cecilia Bernardini auf dem violino piccolo und ihrem Vater Alfredo Bernardini als Oboisten und Dirigenten.

Zum bombastischern Abschluss des Konzertes vereinigten sich alle Trompeten und Hörner mit dem übrigen großen Orchester zu der Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel. Gespielt wurde nicht die Blasorchesterfassung der Uraufführung – damals verlangte Händel dreifaches Blech, 12 Oboen, 8 Fagotte und 3 Pauken, um in einem Londoner Park gebührend das Ende des österreichischen Erbfolgekrieges zu feiern, in dem England mit der österreichischen Kaiserin Maria Theresia verbündet war.

Eigentlich hätten ja alle sechs Aufführungen im Innenhof des barocken Schlosses Eggenberg stattfinden sollen. Allerdings mussten die ersten beiden Aufführungen aus Witterungsgründen in die List-Halle verlegt werden. Mein Bericht bezieht sich auf die erste Aufführung, die im Saal stattfand. Die 3.Aufführung konnte dann tatsächlich im Schlosshof gespielt werden. Der Saal ist natürlich nicht annähernd so stimmungsvoll wie der Schlosshof, aber dafür konnte hier gespielt werden, wo auch die Generalprobe stattgefunden hatte und wo man auch als Publikum alle musikalischen Feinheiten genießen konnte. Die große Einsatzbereitschaft aller Ausführenden (natürlich auch des technischen Teams) kann nicht hoch genug gelobt werden. Man muss sich vergegenwärtigen, dass dieses vor allem für die Bläser sehr fordernde Programm 4x an einem Tag gespielt wurde: am Vormittag in der Generalprobe, um 15 und 18 Uhr im Saal und dann noch die Übersiedlung in den Schlosshof für das Freiluftkonzert um 21 Uhr – eine großartige Leistung aller Beteiligten!

Es war jedenfalls ein großartiger Schlusspunkt eines mutigen Festspiels, das am ersten rechtlich möglichen Termin gestartet war und Corona-bedingt viele Programmanpassungen vornehmen musste. Das stimmt einen optimistisch für das Jahr 2021 – da soll die styriarte vom 25. Juni bis 25.Juli statfinden!

 

Hermann Becke, 26.7.2020

Fotos: Styriarte, © Nikola Milatovic und Matthias Wagner

 

 

 

DON GIOVANNI IN NÖTEN

Musikalisch geglückt, szenisch allzu simpel!

17.7. 2020 , Helmut -List-Halle Graz

 

Ursprünglich sollte in der Styriarte 2020 der Don Giovanni ein exklusives und zentrales Ereignis des Festspielprogramms werden: Andrés Orozco-Estrada sollte seinen ersten Don Giovanni dirigieren, man hatte ein sehr junges Sängerteam eigens dafür in einem internationalen Probesingen ausgewählt und der vom Straßentheater kommende Regisseur Adrian Schvarzstein wollte das Stück im Zirkus spielen lassen. Doch dann kam Corona und man konnte nicht mehr an eine vollständige szenische Aufführung denken. Also verdichteten der Regisseur und der Styriarte-Dramaturg Karl Böhmer als Librettist das Werk auf 60 Minuten, nannten es Don Giovanni in Nöten und gerieten dabei wahrlich in Nöte. Die Nöte begannen schon mit dem vorangestellten Satyrspiel zum Anfang , mit dem das Publikum schon im Foyer empfangen wurde.

Der Regisseur und seine Partnerin Jurate Sirvyte fegten als Saaldiener durch das versammelte Publikum – putzend und den rechten Corona-Sicherheitsabstand einmahnend. Das war eher allzu simples Blödeln als ein dem Don Giovanni angemessenes Satyrspiel. Schon hier blieb Schvarzstein deutlich unter jenem Festspielniveau, das er selbst im Jahre 2017 bei der Styriarte mit einer temperamentvoll-köstlichen Inszenierung einer unbekannten spanischen Barockoper vorgegeben hatte. Auch die von ihm bereits 2019 in halb-privatem Rahmen gezeigte Fassung einer Pergolesi-Oper unter dem Titel Il Ciarlatano, die heuer eigentlich für das styriarte-Programm vorgesehen war und leider Corona zum Opfer fiel, war komödiantisches Theater im besten Sinn und auf hohem Niveau. Für die Einleitung zum Don Giovanni war ihm allerdings offenbar nichts Geistvolles eingefallen. Und leider setzte sich dieser Eindruck fort, als man den Saal betreten hatte. Adrian Schvarzstein war für das szenische Arrangement des Don Giovanni verantwortlich, das ebenso wenig überzeugen konnte wie die dafür verfassten Texte von Karl Böhmer. Auch hier erlebte man nur platte, vordergründige Komik, die dem doppelbödigen, sich zwischen Tragödie und Komödie bewegenden Dramma giocoso von da Ponte und Mozart nicht angemessen war.

Gott sei Dank wurde man musikalisch entschädigt! Und dies, obwohl es sehr kurzfristige und einschneidende Umbesetzungen gab – hier der Wortlaut der Mitteilung des Veranstalters:

Andrés Orozco-Estrada musste seine Mitwirkung an dieser Produktion aufgrund gesundheitlicher Probleme leider absagen. Es ist der styriarte gelungen, für ihn in Michael Hofstetter einen genialen Ersatz am Dirigenten-Pult zu finden. Auch unser Don Ottavio musste kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen umbesetzt werden. Für Angelo Pollack springt Daniel Johannsen ein.

Natürlich bedauerte man, dass Andrés Orozco-Estrada abgesagt hatte, aber Michael Hofstetter, der ja seit Jahren mit der Styriarte und ihrem Orchester verbunden ist, machte seine Sache großartig. Im styriarte-Festspiel-Orchester werden Grazer MusikerInnen mit international agierenden Gästen zusammengeführt, die ihre spezifische Erfahrung in das Projekt einbringen. So setzt sich das Orchester 2020 aus MusikerInnen von recreation, vom Concentus Musicus Wien und vom Chamber Orchestra of Europe zusammen, nebst weiteren internationalen Gästen. Die Streicher spielen auf Darmsaiten, das Blech auf Naturinstrumenten und auch das Holz auf historischen Instrumenten. Die engagiert-intensive Wiedergabe der Ouvertüre durch Orchester und Dirigent übertrug sich spontan auf das Publikum und man war – trotz der simplen Moderationstexte – endlich beim Don Giovanni „angekommen“.

Mit dem Auftritt von Tetiana Miyus entstand dann sofort echte Opernatmosphäre. Mit großem Impetus und mit einer in allen Lagen ausgewogenen und diesmal auch farbenreich differenzierenden Stimme überzeugte sie als Donna Elvira und tat damit zweifellos einen wichtigen Schritt zu einer Facherweiterung. Ihre Elvira hatte dramatische Überzeugungskraft und sie geriet auch akustisch nicht ins Hintertreffen gegenüber dem unmittelbar hinter ihr postierten Orchester. Die 32-jährige Tetiana Miyus bot in ihren drei Szenen für mich stimmlich und interpretatorisch die reifste Leistung des Abends – Gratulation!

Die erst 23-jährige Miriam Kutrowatz als Zerlina ist zweifellos auf dem Weg zu einer schönen Karriere. Sie überzeugte mit natürlicher Ausstrahlung und klarem Sopran, der sich noch weiter festigen wird. Mit berechtigtem Stolz konnte ihr Vater Eduard Kutrowatz – gemeinsam mit seinem Bruder Johannes Intendant des Liszt-Festivals Raiding – die sehr erfreuliche Leistung der vielversprechenden jungen Sopranistin verfolgen. So wie die Zerlina ist auch der aus Straßburg stammende Don Giovanni Damien Gastl noch in Ausbildung. Er verbindet seine gute Bühnenerscheinung mit einem flexiblen Bassbariton – auch seine weitere Entwicklung darf man mit Interesse verfolgen. Den Don Ottavio hatte in dankenswerter Weise ganz kurzfristig der erfahrene und auch bei der Styriarte geschätzte Konzertsänger Daniel Johannsen übernommen. Zweifellos ist für die kultivierte Evangelisten-Stimme der Ottavio eine Grenzpartie – aber Johannsen hat die Aufgabe glänzend gemeistert. Da die Produktion an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je dreimal (18 Uhr, 19h30 und 21 Uhr) angesetzt ist, kann man seinen befriedigten Seufzer auf Facebook – nach den ersten beiden Aufführungen – sehr gut verstehen:

So, oamål geht’s no! „Dalla sua pace“ und „Il mio tesoro“ demnächst zum 4. Mal an einem Tag. So etwas kann man auch nur bei der styriarte kennenlernen (wie etwa 2015 eine 11-Uhr-Matinée mit „Il Barbiere di Siviglia“). EIN TRAUM mit diesem Festspielorchester, mit meinem lieben Michael Hofstetter und GANZ TOLLEN Kollegen.

Don Giovannis Ständchen begleitete musikantisch und bühnenwirksam das musikalische Multitalent Eddie Luis (siehe das Foto zu Beginn des Beitrags) – das war eines der wenigen szenisch gelungenen Details.

Der einzige musikalische Wermutstropfen in dieser musikalischen Kurzversion: man vermisste die für Mozart charakteristischen großen Ensembles, weil eben nur vier Stimmen vorhanden waren. Beim verkürzten, von Tetjana Miyus souverän angeführten Schlussensemble fehlte die Donna Anna und anstelle von Leporello und Masetto sang der Don Giovanni die Bass-Stimme…..

Ein Protagonist ist bisher noch unerwähnt geblieben: der in Film und Fernsehen erprobte Schauspieler Harry Lampl. Er hatte die wenig dankbare Aufgabe, die moderierenden Verbindungstexte zu sprechen und einen exaltierten Regisseur zu mimen, der diese Corona-bedingte Rumpffassung über die Runden bringen sollte. Und damit bin ich bei der von mir gewählten Überschrift für diesen Bericht: der Abend war musikalisch geglückt und szenisch allzu simpel! Dennoch: das Publikum reagierte mit freundlichem Beifall – wohl nicht zuletzt deshalb, weil man glücklich und dankbar ist, nun endlich wieder Opernszenen mit Orchester erleben zu können!

 

 

Hermann Becke, 18.7.2020

Szenenfotos: Styriarte, © Nikola Milatovic

 

Hinweis:

Neuerlich sei ausdrücklich auf das großzügige Streaming-Angebot der styriarte hingewiesen. Hier kann man auch diese Veranstaltung im vollen Umfang online nacherleben. Damit hat die styriarte eine zeitgemäße Möglichkeit geschaffen, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, auch wenn im Saal selbst nach wie vor nicht mehr als 250 Personen pro Vorstellung sein dürfen.

 

 

UNA NOTTE VENEZIANA

Casanova, Vivaldi und venezianischer Belcanto

Ein Programm als Gesamtkunstwerk!

 

8.7. 2020 , Helmut List Halle

 

Innerhalb des überaus vielfältigen styriarte-Programms hatte es seit 2012 durch viele Jahre eine eigene Programmschiene gegeben: die „SOAPS“. Der Mix aus Musik, Aktion und Texten sei ein neues Konzerterlebnis, wobei das Ganze mehr ist als die Summe der einzelnen Elemente - so formulierte es damals Intendant Mathis Huber. Den Titel SOAP gibt es inzwischen nicht mehr, allerdings hat die styriarte diese damalige Programmidee geschickt aufgegriffen und zu einem in seiner Komprimiertheit speziell in Post-Corona-Zeiten idealen, einem Gesamtkunstwerk nahekommendem Format weiterentwickelt.

Diesmal war der Mittelpunkt Casanova – virtuos verkörpert durch eine Frau: die international renommierte Schauspielerin Chris Pichler!

Bevor man noch den Saal betrat, hatte der Abend allerdings schon mit einem heiter-geistvollen Vorspiel im Foyer unter dem Titel Eine Nacht vor Venedig begonnen. Das Publikum war zu einem Glas Wein eingeladen und ein bestens disponiertes und spielfreudiges junges Sänger-Trio präsentierte – von einem Akkordeon begleitet -Ausschnitte aus Eine Nacht in Venedig von Johann Strauß: zunächst das eigentlich als Quartett gedachte Alles maskiert, alles maskiert - besonders reizvoll neben den großen Warntafeln Maskenpflicht bis zum Sitzplatz!

Dann gab es noch den Tenor-Schlager Komm in die Gondel und die Barkarole aus Hoffmanns Erzählungen, bei der das Publikum ausdrücklich eingeladen war mit zu summen – eine Einladung, die deutlich vernehmbar angenommen wurde. Beschwingt betrat man nach diesem Vorspiel den Saal, der zwar über 1000 Sitzplätzen Raum bietet, aber Corona-bedingt sehr geschickt so arrangiert war, dass er nicht leer wirkte, obwohl nur die derzeit zugelassenen 250 Plätze aufgebaut waren. Für gebührenden Abstand und Sitzkomfort war gesorgt.

Chris Pichler als Casanova begrüßte das Publikum.

Chris Pichler las nicht nur ungeheuer plastisch aus Casanovas Erinnerungen, sondern moderierte auch sehr charmant das gesamte musikalische Programm. Dadurch wurde dem Publikum sehr schön das Musik- und Gesellschaftsleben des 18.Jahrhunderts in Venedig präsent. Köstlich, wie es Chris Pichler gelingt, sich einerseits viril-breitbeinig auf die Chaiselongue zu lümmeln, über die luststeigernde Eigenschaften von hartgekochten Eiern, Austern und Champagner zu plaudern und andererseits die geheimnisvolle Nonne M.M. zu verkörpern, der Casanova zwei Kapitel in seinen 1800 Seiten umfassenden Erinnerungen gewidmet hatte. Welch‘ reizvolle Idee, diesmal Casanova durch eine Frau darstellen zu lassen! Dem Styriarte-Dramaturgen Josef Beheimb ist sehr für seine Moderationstexte zu danken und es lohnt sich unbedingt, das von ihm redigierte Programmheft zu lesen. Es ist im vollen Umfang hier verfügbar.

Den ersten musikalischen Programmteil mit dem Titel Concerto da Camera  bestritt die Palais Attems.Hofkapelle, über die in der ursprünglichen Styriarte-Ankündigung zu lesen war:

Für eine intensive Bespielung der Heimstatt der styriarte, das prachtvolle barocke Palais Attems, hat Intendant Mathis Huber heuer mit der Palais Attems.Hofkapelle ein neues „Orchester“ gegründet. In diesem Ensemble werden sich die Alte-Musik-Spezialisten des Landes mit internationalen Größen vereinigen.

Nun – Corona hat Konzerte im engen Stadtpalais unmöglich gemacht und man musste in die geräumige Helmut-List-Halle  – aber das Programm blieb  erhalten. Der musikalische Leiter Michael Hell hatte eine höchst profilierte Musikergruppe um sich versammelt – darunter die Geigerin Susanne Scholz und den Lautenisten Sören Leupold . Man erlebte Musik des Venezianers Antonio Vivaldi, den schon Casanovas Eltern geschätzt hatten und der in Wien gestorben ist. Michael Hell brillierte nicht nur als Blockflötist in einem Blockflötenkonzert und im berühmten Flötenkonzert La Notte, sondern war auch ein souveräner Continuo-Spieler am Cembalo. Für mich war allerdings die (elektronische) Klangaussteuerung nicht optimal. Michael Hell geriet mit seinem warm-weichen Flötenton gegen die robuste Bassgruppe akustisch ein wenig ins Hintertreffen. Aber dennoch – es war sehr plastisch gestaltete Vivaldi-Musik auf höchstem Niveau.

Nach den (gelesenen) Liebesnächten des Casanova folgte der abschließende Programmteil mit dem Titel Belcanto Veneziano. In dessen Mittelpunkt stand die italienische Sopranistin Adriana Ferrarese del Bene. Sie war in Venedig ausgebildet und später Mozarts Fiordiligi und die Geliebte von Lorenzo da Ponte, mit dem Casanova befreundet war. Die venezianischen Arien von Pasquale Anfossi und Ferdinando Bertoni – beide von Casanova hochgeschätzt – sang die 32-jährige „ukrainische Wahlgrazerin“ (so vom Styriarte-Intendanten benannt) Tetiana Miyus mit glaubhafter Primadonnen-Allüre. Sie hat sich seit ihrem Start im Grazer Opernstudio höchst erfreulich entwickelt und beeindruckt durch ein sehr schönes, in allen Lagen ausgeglichenes Timbre, durch absolute technische Sicherheit und sympathische Ausstrahlung. Wenn es ihr gelingt, noch vielfältigere Klangfarben zu entwickeln, dann kann man ihr eine große Karriere prophezeien. Sie wurde am Hammerflügel höchst stilgerecht von Eva Maria Pollerus begleitet.

Die beiden waren schon im Vorjahr bei der Styriarte in einem Mozart-Abend ein bezauberndes Lied-Duo. Und Mozart kam auch diesmal zu Ehren. Der Bezug ist nicht dessen Venedig-Reise im Jahre 1771, sondern eben die oben genannte italienische Operndiva. Die erste Susanna, Nancy Storace, war 1790 von der Sopranistin Ferrarese del Bene abgelöst worden. Diese forderte Ersatzstücke für die Rosenarie und Susannas Arie „Venite… inginocchiatevi“ im zweiten Akt. Mozart schrieb anstelle der letzteren Un moto di gioia, Im Programmheft liest man dazu:

Die Walzerarie „Un moto gioia“ komponierte Mozart 1790 für „Le nozze di Figaro“, als die Oper mit der neuen Primadonna wieder aufgenommen wurde. Da die Ferrarese zum Pathetischen neigte, zweifelte Mozart am Effekt der kleinen Arie, wie er seiner Frau Constanze gestand: „Das Ariettchen, so ich für die Ferrarese gemacht habe, glaub’ ich soll gefallen, wenn anders sie fähig ist, es naiv vorzutragen, woran ich aber sehr zweifle. Ihr hat es zwar sehr gefallen, ich habe dort gespeist.“ Offenbar hatte er die Arie zum Mittagessen bei Ferrarese mitgenommen und ihr Placet erhalten.

Tetiana Miyus und Eva Maria Pollerus trugen diese Ariette in aller Einfachheit und ohne pathetische Übertreibung als charmantes Schlussstückt vor, nachdem zuvor Eva Maria Pollerus in gebührendem Schwermut ein Fragment aus einer Mozart-Fantasie effektvoll gespielt hatte.

Am Ende konnte das Publikum befriedigt und mit herzlichem Beifall das eingangs zitierte Wort bestätigen:

Es war ein wunderbares Konzerterlebnis, wobei das Ganze mehr ist als die Summe der einzelnen Elemente – Gratulation allen Ausführenden und der styriarte zu einem rundum gelungenen Abend!

 

Hermann Becke, 9.7. 2020

Szenenfotos: Styriarte, © Nikola Milatovic

 

Hinweise:

Es lohnt sich, das Einführungsvideo mit Chris Pichler und Michael Hell anzuschauen – und es sei ausdrücklich auf das großzügige Streaming-Angebot der styriarte hingewiesen. Hier kann man die gesamte Veranstaltung nacherleben.

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J. J. FUX

GESCHENKE DER NACHT

Erstes österreichisches Festspielspektakel nach Corona!

 

1.7.2020, Helmut List Halle

 

Dem seit 30 Jahren erprobten und stets vorwärtsblickenden Styriarte-Intendanten Mathis Huber ist es gelungen, die Corona-Situation effektvoll und klug zu Neuem zu nutzen! Er beklagte in Corona-Zeiten nie die staatlichen Pandemie-Regelungen, sondern arbeitete konsequent und optimistisch mit seinem Team an einer Umarbeitung des ursprünglich vorgesehenen Programms. Dieser Mut wurde belohnt: seit 1.Juli ist es zulässig, für 250 Personen in geschlossenen Veranstaltungsräumen zu spielen. Und sofort an diesem ersten Tag eröffnete die Styriarte mit einem wahrhaft zeitgemäßen Barock-Spektakel, das nicht nur die Entdeckungsreise durch die Meisterwerke des großen steirischen Barockkomponisten Johann Joseph Fux fortsetzte, sondern uns gleich auch noch die Uraufführung einer „Minioper“ bescherte, die in wahrer Rekordzeit entstanden und einstudiert war. So konnte man also wesentliche Teile der geplanten Fux-Oper erleben, die ein Auftragswerk des kaiserlichen Hofes war und nur ein einziges Mal im August 1709 aufgeführt wurde – und das verschränkt mit einem mehr als 300 Jahre später geschriebenen Auftragswerk, das bei der diesjährigen Eröffnung wohl auch nur dieses einziges Mal erklungen sein wird, ist diese Minioper doch untrennbar mit dem Auftreten der politischen Prominenz verbunden. Die Repräsentationsbedürfnisse der Habsburger-Zeit wurden so effektvoll mit unserer heutigen Zeit gespiegelt.

Mathis Huber war es gelungen, dass erstmals seit 30 Jahren der österreichische Bundespräsident nach Graz kam, um die Styriarte zu eröffnen. Das bewirkte natürlich, dass auch die weitere politische Prominenz von Stadt Graz, Land Steiermark und der Bundesregierung kam und zur Eröffnung das Wort ergriff.

Die Reden der fünf männlichen Exponenten (Intendant Mathis Huber, Grazer Kultur-Stadtrat Günther Riegler, Landeshauptmann Hermann Schützenhofer, Vizekanzler sowie Kunstminister Werner Kogler sowie Bundespräsident Alexander van der Bellen) wurden dramaturgischer Bestandteil des Kompositionsauftrags an die junge Komponistin Flora Geißelbrecht, die über den Text des Styriarte-Dramaturgen Thomas Höft Die Musen des Parnass für sechs Frauenstimmen a-cappella-Musik komponiert hatte. Da waren plötzlich die männlichen Honoratioren von acht jungen Frauen umrahmt (2 Soprane, 2 Mezzos, 2 Altistinnen, einer Dirigentin und eben der Komponistin – schon das ein sehr reizvolles Szenarium! Den Bundespräsidenten in einer Opern-Sprechrolle, das gibt’s nur bei der styriarte - ….wie wichtig es ist, dass heute nicht nur die „Männer quatschen“ – alles nachzuhören in einem Gespräch mit Komponistin und Librettisten.

Nun – die Redner hatten sich geduldig und charmant den Anweisungen und Einwürfen der vom Parnass (hoch oben im Publikum) auf die Bühne herabgestiegenen Musen gefügt. Ein Meister im geistvollen Plaudern – verbunden mit klugen Worten zur Bedeutung der Kunst - ist der vom Publikum herzlich akklamierte Bundespräsident Alexander van der Bellen.

Die zentrale Botschaft des Bundespräsidenten:

Wir sind zwar noch weit entfernt von einem Festivalbetrieb, wie wir ihn kannten, aber das schmälert die Freude nicht. In den letzten Wochen wurden wir sehr oft daran erinnert, dass Kunst und Kultur wesentlich sind. Kunst bedarf keiner Rechtfertigung – das ist eines ihrer Wesensmerkmale. Kunst ist. Das alleine macht sie so faszinierend, so einzigartig.

Die Musik von Flora Geißelbrecht bewegt sich durchaus effektvoll zwischen dem Madrigalstil von Palestrina bzw. Fux und der gegenwärtigen Hip-Hop-Szene mit stereotyp sich wiederholenden Gradus-ad-parnassum-Rufen. Warum es nur 6 – und nicht die von Hesiod überlieferten - 9 Musen Apollos waren, erschloss sich mir nicht. Wahrscheinlich waren es wie bei Auftragswerken aller Zeiten wohl ganz pragmatische Gründe, weil eben in der Kürze der Zeit nur 6 qualifizierte Sängerinnen aufgetrieben werden konnten. Man könnte auch spekulieren, dass Palestrina, der sich in dem berühmten in Dialogform verfassten Kontrapunktlehrbuch Gradus ad Parnassum den Fragen von Fux stellt, überwiegend sechsstimmige Madrigale geschrieben hat….

Wie auch immer: die Mini-Oper war gebührend grell und gleichzeitig  ernst und heiter mit einem optimistischen Ausblick  erfüllte ihren Zweck bestens. Gleichzeitig erfüllte das Auftragswerk einen in diesen Zeiten ganz wichtigen Aspekt: sechs bestens qualifizierte Sängerinnen und eine ebenso kompetente junge Dirigentin hatten wieder die lang vermissten Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten!

Aber das Eröffnungsspektakel beschränkte sich musikalisch nicht auf diese Uraufführung, sondern brachte auch Musik von Johann Joseph Fux mit dem styriarte Festspiel-Orchester unter seinem Mentor Alfredo Bernardini und das prächtig-musikantische Ensemble Spafudla, das in schwungvollem Elan Johann Joseph Fux mit heutiger alpenländischer Volksmusik verbindet. Dieser Eröffnungsfestakt war damit wahrlich ein Gesamtkunstwerk im barocken Sinne, das alte und neue Musik, Sprache und Aktion miteinander sehr schön verband. Das Publikum spendete begeisterten Beifall.

Diese knapp einstündige Eröffnung ging nahtlos in die „Corona-Neufassung“ der Oper von Johann Joseph Fux – Gli Ossequi della Notte – Die Geschenke der Nacht über. Diese Oper hatte Fux über kaiserlichen Auftrag für den Namenstag der Kaiserin Amalie Wilhelmine geschrieben. Aus diesem Anlass wurde sie im August 1709 ein einziges Mal im Garten der kaiserlichen Favorita in Wien aufgeführt. Seither ruhte sie in den Archiven. Im Programmheft, das in dankenswerter Weise wie immer bei der styriarte online verfügbar ist, heißt es dazu:

An der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat die „Arbeitsstelle der Fux-Gesamtausgabe“ Aufführungsmaterialien für „Gli Ossequi della Notte“ erarbeitet, die anschließend in der Online-Reihe „Fux concertato“ als open access publiziert werden. Das Stimmenmaterial für die Aufführung wird der styriarte dankenswerterweise kostenlos zur Verfügung gestellt.

Man erlebte 11 Nummern und erfreute sich an der ungeheuer farbigen und kontrastreichen Klangsprache von Fux. Alfredo Bernardini spielte Oboe und leitete das animiert spielende styriarte Festspiel-Orchester stehend von seinem Pult aus. Die Rezitative und Arien der beiden Hauptfiguren La Notte und Il Sonno interpretierten die junge Sopranistin Maria Ladurner und der in Graz schon aus den letzten beiden Jahren bekannte Tenor Valerio Contaldo. Die Sopranistin verfügt über eine klar-timbrierte zarte Stimme, die am Beginn einer vielversprechenden Karriere steht, wenn sie sich auch bei vollem Orchesterklang im Finale nicht recht durchsetzen konnte, die aber mit sympathischer Ausstrahlung für sich einnahm. Der Tenor überzeugte in den lyrischen Passagen – etwa im wunderschönen Caro mio ben - sowohl durch souveräne stilsichere Phrasierung als auch mit virilem Timbre.

Die Fux-Oper wurde durchaus stilgerecht in dieser Fassung durch zwei nächtliche Instrumentalkonzerte ergänzt. Nach dem ersten Teil der Opernszenen erklang das köstliche Concerto in d, Le dolcezze e l’amarezze della notte von Fux mit drastischen Klangbildern in einem Gesang des Nachtwächters, einem „gestampften“ Menuett und einem „schnarchenden“ Kontrabass. Und dann baute man noch Vivaldis Concerto La Notte ein, in dem Marcello Gatti auf der Querflöte brillierte und sich mit dem Fagottisten  Ivan Calestani die musikalischen Pointen zuwarf.

Dieses etwa einstündige Programm spielte man am 1. und 2. Juli jeweils dreimal hintereinander – um 18 Uhr, um 19h30 und um 21 Uhr. Bei jeder Vorstellung durften 250 Personen in den rund 1000 Plätze fassenden Saal. Damit hatte man zwar nicht die bei der styriarte in den vergangenen Jahren übliche Auslastung erreicht – aber immerhin: es war eine kluge und praktikable Lösung, die den derzeit geltenden Platzbeschränkungen Rechnung trägt und dennoch einen großen Publikumskreis ansprechen kann. Hoch erfreut erlebte man nach langer Pause wieder Live-Musik und Live-Aktion!

 

Hermann Becke, 2.7. 2020

Szenenfotos: Styriarte, © Nikola Milatovic

 

Hinweis:

Die gesamte Eröffnungsveranstaltung kann hier als Livestream nacherlebt werden.

 

Corona-Meditation

Opernkomponist Gerd Kühr in Quarantäne!

Uraufführung am 30.April 2020 im Internet

 

Die Styriarte ist wie derzeit alle Festival-Veranstalter in ganz Europa durch die Corona-Situation genötigt, Veranstaltungen abzusagen bzw. als Ersatz neue Formate zu erfinden. Und Styriarte-Intendant Mathis Huber ist seit bald 30 Jahren wahrhaft ein erfindungsreicher Prinzipal seines Festivals!

Heute konnte Mathis Huber in einer Internet-Pressekonferenz ein überaus spannendes Projekt mit dem weltweit renommierten Komponisten Gerd Kühr vorstellen. Zu diesem Projekt kam es so:

Gerd Kühr hielt sich zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland auf, um die Premiere seiner Oper „Stallerhof“ im Theater Hof zu besuchen. Mit diesem Stück nach einem Text von Franz Xaver Kroetz hatte Gerd Kühr bei der Münchner Biennale 1988 einen durchschlagenden Erfolg. Die Premiere in Hof wurde Corona-bedingt abgesagt und Gerd Kühr musste, bevor er nach Österreich zurückreisen durfte, 14 Tage in Berlin in Quarantäne bleiben. Anstatt in dieser Quarantäne-Zeit an dem Auftragswerk für die Oper Leipzig Paradiese , die am 9. Juli 2021 ihre Uraufführung erleben wird, zu arbeiten, schrieb Kühr die Corona-Meditation - „ein Stück für beliebig viele Klaviere und für Pianisten der verschiedensten künstlerischen Niveaus, aufzuführen in jenem Raum, der der Kunst im Moment gerade offen steht, im Internet.“

In einer überaus anregenden, etwa halbstündigen Pressepräsentation stellte Mathis Huber gemeinsam mit Gerd Kühr, der jungen lettischen Pianistin Olga Chepovetsky und mit dem für die technische Umsetzung des komplexen Unterfangens Verantwortlichen Matthias Wagner die Entstehung des Werkes, seinen strukturellen Aufbau und die geplante Umsetzung vor.

Es lohnt sich unbedingt, diese Präsentation anzuschauen - sie ist hier nach wie vor verfügbar. Geistvoll-unterhaltsame Details waren da zu hören - zur Etymologie des Wortes Quarantäne (die Präsentation fand gerade am vierzigsten Tage der österreichischen Corona-Beschränkungen statt), zu Gerd Kührs Liebe zu den Primzahlen und zum gewählten konsequent durchgehenden, sehr langsamen Tempo (eine Viertelnote = 37 - das kann ich auf meinem bescheidenen Metronom gar nicht einstellen, das geht nur bis 40!), über den Übergang zum Fieber bei 37 Grad und warum das Stück mit einem Pausentakt samt Fermate beginnt… und vieles Anregendes mehr, das Lust macht, diese Uraufführung zu erleben.

Die Pianistin Olga Chepovetsky wird  in Graz mit dem Spiel beginnen - in der nächsten Phase wird der zweite Pianist Philipp Scheucher aus seinem Wohnzimmer in Hannover über Zoom dazukommen und im dritten Teil können dann über Zoom beliebig viele Pianist/inn/en - Profis und Amateure aus der ganzen Welt mitspielen. Einzige Voraussetzung für die Mitwirkung: rechtzeitige Anmeldung - Die Partitur ist schon jetzt hier abrufbar.

Ab 27.4. gibt es die genauen technischen Anweisungen und am 29.4. die einzige Probe aller Ausführenden. Wie viele Gäste werden mitwirken?? Huber sprach von mindestens 20 bis 100, Kühr wünscht sich eine Million - lassen wir uns überraschen, wie viele es wirklich sein werden!

Was sagten Styriarte und Gerd Kühr noch zu diesem Projekt:

Das Stück ist von Gerd Kühr schon mit allen zu erwartenden Unschärfen, den Verschiebungen in Tonhöhen, Klang und Tempi, konzipiert und will damit eine neu Art von „Hauskonzert“ hervorbringen, wozu sich der Komponist folgend äußert:

„Das Stück war plötzlich da und musste sein! Wir erleben eine Zeit der Besinnung, die Gelegenheit zur Meditation bietet. Der ruhige Grundpuls, nicht durch ein Metronom koordiniert, sorgt dafür, dass das Zusammenspiel der prinzipiell unendlich vielen Klaviere kaum präzise ausführbar wird. Diese Unschärfe, gepaart mit der langsamen Auffüllung des Tonraums, sorgt für einen Ausdehnungseffekt, analog der Ausdehnung des Kosmos. Das Stück ruht in sich und erweitert sich zugleich. Unschärfen in Timing, Klavierstimmung und Klangqualität sind explizit erwünscht. Das Werk wird dadurch ein präziser Kommentar zur gegenwärtig aufblühenden Streamingkultur, in der eben ein gewohnt perfektes Echtzeit-Zusammenspiel, wie wir es vom konventionellen physischen Konzert kennen, nicht möglich ist.“

Wie kommt man als Zuhörer und Zuseher zu den Tickets dieser Uraufführung:

Um die Live-Uraufführung am 30. April um 20.20 Uhr (MESZ) als Konsument mitzuerleben, können Musikfreunde sich ab Montag, 27. April um 15 Uhr, für 9 Euro (oder auch 99 bzw. 909 für den KünstlerInnen-Hilfsfonds der styriarte J) ein Ticket kaufen und erhalten dann per Mail einen Zugangslink zur Übertragung aus dem styriarte Kartenbüro.

Bestellung über www.styriarte.com/events/corona-meditation/

oder per Mail an tickets@styriarte.com

Und noch ein zusammenfassendes Zitat aus der Presseaussendung:

„Das Besondere und Hochaktuelle an dieser Unternehmung ist wohl, dass wir eben keinen vorproduzierten Content streamen, sondern tatsächlich ein hochambitioniertes Live-Konzert via Internet, an dem sich voraussichtlich KünstlerInnen aus vielen Ländern beteiligen. Die technischen Limitierungen (siehe Beschreibung) werden dank einer klugen Werkkonzeption sogar in künstlerische Tugenden umgewandelt. Und dann ist da noch dieses Stück mit seiner jungen Entstehungsgeschichte, das die aktuelle Lage der Welt und der Kunst auf mehreren Ebenen exakt auf den Punkt kommentiert.“

Es ist also zweifellos ein spannendes Projekt, das internationale Aufmerksamkeit verdient!

 

Hermann Becke, 24. April 2020

Alle Fotos: © Styriarte

 

 

 

 

STYRIARTE 2019

Bericht 4

Absolute Höhepunkte zum Abschluss

19. und 21. Juli: Helmut-List-Halle

Wie erwartet und erhofft: die geschickte Dramaturgie des Festivals mit 55 Einzelvorstellungen in einem Monat machte es auch heuer möglich, dass die Styriarte 2019 mit zwei absoluten Höhepunkten zu Ende ging - und das mit zwei Ensembles, die die Styriarte seit Jahrzehnten künstlerisch entscheidend mitprägen: Der CONCENTUS-MUSICUS-WIEN war schon bei der Gründung des Festivals im Juni 1985 dabei. Jordi Savall ist seit 1993 regelmäßiger Gast und bestreitet seit einigen Jahren traditionell das Schlusskonzert.

Natürlich hat der Concentus Musicus Wien im Laufe seines über 60-jährigen Bestehens die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach unter Nikolaus Harnoncourt wiederholt aufgeführt und auch auf Tonträger aufgenommen - auf dem Produktionsfoto aus dem Jahre 1982 sieht man Erich Höbarth, Andrea Bischof und Anita Mitterer, die auch noch 37 Jahre später dabei sind! Und die Erklärungen von Nikolaus Harnoncourt sind auch medial festgehalten. Diesmal vermittelten der Dramaturg der Styriarte Karl Böhmer und der Ensembleleiter Stefan Gottfried allerdings eine völlig neue Sichtweise auf die wohl berühmtesten Konzerte Bachs. Im Programmheft heißt es dazu:

Im heutigen Konzert wagt der Concentus Musicus Wien das Experiment, die sechs Konzerte in den Zusammenhang barocker Herrscherallegorie zu stellen. Götter der Antike thronen über jedem der sechs Werke wie auf den Deckengemälden eines Barockschlosses. Diesen Zusammenhang erklärt Stefan Gottfried vor jedem Konzert in einem kleinen Film.

Mit diesem Kunstgriff gelang es nicht nur, die Aufmerksamkeit und Hörbereitschaft des Publikums wirksam zu steigern, fast konnte man auch meinen, die Konzerte würden tatsächlich im prachtvollen Planetensaal des Schlosses Eggenberg musiziert und nicht in der nüchtern-modernen Konzerthalle, die eigentlich mit ihren 1200 Plätzen  für diese subtilen Werke zu groß ist. Jedenfalls gelang mit diesen Filmeinspielungen das, was Intendant Mathis Huber unlängst in einem TV-Interview als ein zentrales Anliegen der Styriarte formuliert hatte: Vermittlung der Kunst an die Welt von heute.

Mit dieser Höranleitung erlebte das Publikum den Barockfürsten nacheinander als Jäger und als Krieger, den Musenfürsten und den Hirten seiner Untertanen, den Liebhaber mit starken Lenden und den Denker mit dem scharfen Verstand. Dem Concentus gelang eine ausdrucksstarke, farbige und ungemein abwechslungsreiche Interpretation mit großartigen Solisten - Konzertmeister Erich Höbarth auf dem Violino piccolo, die prächtig auftrumpfenden Hornisten Athanasios Ioannu und Dániel Pálkövi, Sieglinde Größinger auf der sanft-phrasierenden Traversflöte, Gabriele Cassoni mit virtuosem Trompetenklang, Rahel Stoellger und Lydia Graber auf den Blockflöten mit bezaubernden Echo-Effekten, die kräftig artikulierenden Gamben von Pierre Pitzl und Christoph Urbanetz und die melancholischen Oboen, angeführt von Hans Peter Westermann. Sie alle gruppierten sich unter dem als Primus inter pares vom Cembalo aus koordinierenden Stefan Gottfried um das Kernstück des Concentus - um die wunderbare Streichergruppe mit rhythmisch-federndem Violoncello- und Kontrabassfundament. Das war traditionsreiches und gleichzeitig ganz auf der Höhe unserer Zeit stehendes Musizieren auf Originalinstrumenten -  großartig!

Die ORF-KLANGWOLKE übertrug dieses Ereignis in die ganze Steiermark, ORF III übertrug österreichweit - hier noch vier Tage nachzusehen und nachzuhören. Und wem das zeitlich zu knapp ist, der kann alles auch noch am 10.August 2019 hier bei 3Sat erleben. Damit ist die weltweite Vermarktung gesichert.

Am Tag nach Brandenburgischen Konzerten beschloss Jordi Savall mit dem von ihm gegründeten Instrumentalensemble Le-Concert-des-Nations die Styriarte 2019 mit A Midsummer Night’s Dream - Bühnenmusiken von Robert Johnson (1583-1633), Matthew Locke (1621-1677) und Henry Purcell (1659 -1695) zu den Dramen von William Shakespeare. Für den Musikliebhaber war es ein besonderer Genuss, zwei weltweit führende Original-Klang-Ensembles im unmittelbaren Vergleich zu erleben - umso mehr als man ja auch noch die letzte szenische Produktion mit Nikolaus Harnoncourt im Bewusstsein hat: Es war dies vor fünf Jahren Purcells Fairy Queen!

War es 2014 ein rein musikalisches Opernspektakel ohne gesprochenen Shakespeare gewesen, so hatte man diesmal den großartigen Schauspieler Johannes  Silberschneider gewonnen, der zwischen den Musikstücken kurze Auszüge aus Das Wintermärchen, Macbeth, Der Sturm und  Ein Sommernachtstraum las. Das machte Silberschneider wahrhaft virtuos. Ihm gelang es, in den Shakespeare-Texten mit Musik-Bezug - übrigens von Clara und Robert Schumann zusammengestellt!! - immer sofort plastische Bühnenatmosphäre entstehen zu lassen, ohne sich ungebührlich in den Vordergrund zu drängen. Auch die Übergänge von Musik zu Text waren immer kongenial und höchst musikalisch gestaltet.

Le Concert des Nations besteht seit 1989 - und in diesem wunderbaren Ensemble ist es so wie im Concentus Musicus Wien - da gibt es Mitglieder, die praktisch von Beginn an mit Jordi Savall musizieren, wie etwa den spanischen Percussionisten Pedro Estevan oder den argentinischen Konzertmeister Manfredo Kraemer - im Laufe der Jahre sind dann weitere Mitglieder dazugekommen, wie z.B. der italienische Cembalist Luca Guglielmi. Diese erfahrenen Mitglieder zählen seit Jahren zum Kernensemble und nehmen ganz organisch die jungen neuen Mitglieder in das traditionsreiche Musizieren mit. Das Ensemble war das erste Orchester, das hauptsächlich aus Musikern aus romanischen und lateinamerikanischen Ländern (Spanien, Lateinamerika, Frankreich, Italien, Portugal usw.) bestand und auch heute noch besteht. Alle diese Musiker sind herausragende internationale Spezialisten in der Interpretation der Alten Musik. Ihre Herkunft bestimmt natürlich das Klangbild des Ensembles - da erlebt man mediterrane Frische und südliche Musizierfreude. Das tut der frühbarocken englischen Musik gut und der Schwung überträgt sich auf das Publikum, das am Ende die Ausführenden begeistert feiert.

Und wie immer bei Savall gibt es ein von ihm charmant moderiertes Zugaben-Programm. Da wird zwar durch einen von Johannes Silberschneider humorvoll vorgetragenen Auszug aus dem Kaufmann von Venedig zunächst ein Shakespeare-Bezug hergestellt, aber die Bourrée stammt zwar aus der selben Zeit, aber eben aus Frankreich: es ist ein Hochzeitsstück für den französischen König Ludwig XIII - vielfach erprobt als Savall’sches Zugabenstück und natürlich auf youtube hier leicht aufspürbar und für Fans nachhörbar.

Jordi Savall lobt nicht nur das heutige wunderbare Konzert, sondern baut in heiter-gelöster Manier den heuer zu begehenden 30.Geburtstag des Ensembles in seine Moderation ein. Er lädt das Publikum ein, mitzufeiern und beim nächsten Stück auch aktiv mitzuwirken. Hatte er im letzten Styriarte-Konzert vor einer Woche, das Publikum zum Singen gebracht, so werden wir diesmal sozusagen als Percussionskollektiv eingeladen, auf Savalls Zeichen einen bestimmten immer wiederkehrenden Rhythmus zu klatschen. Es geht um eine lebhafte Contredanse aus Les Boréades von Rameau. Das Publikum macht begeistert mit - auch dieses Stück findet sich - natürlich! - mit Jordi Savall   hier auf youtube. Wenn ich’s recht im Ohr habe, dann hat das Grazer Publikum disziplinierter „mitmusiziert“ als das Publikum in Vicenza vor sechs Jahren….

Wie auch immer:

Intendant Mathis Huber hat mit berechtigtem Stolz Bilanz gezogen über die Styriarte 2019 mit 92 Prozent Auslastung und mehr als 30.000 Besuchern   - siehe dazu  hier sein ganz aktuelles Interview.

Und Graz freut sich auf die nächste Styriarte vom 19. Juni bis 19.Juli 2020 unter dem Motto Geschenke der Nacht - und ist natürlich speziell gespannt auf die Beiträge des Concentus Musicus Wien und von Jordi Savall !!

 

22. 7. 2019, Hermann Becke

 

 

 

STYRIARTE 2019

Eigenes und Importiertes auf hohem Niveau

8. Juli: Schloss Eggenberg, 12. Juli: Listhalle, 13. Juli: Stift Rein

Die einen Monat lang dauernde Styriarte mit weit über 40 Einzelveranstaltungen bietet natürlich nicht nur Eigenproduktionen, sondern lädt immer auch Bewährtes und Beliebtes ein. Dieser Bericht lässt sehr schön einen Vergleich zwischen Eigenem und Importiertem zu - da gab es zunächst das alljährliche Fest im Schloss Eggenberg als Eigenproduktion unter dem Titel Schule der Liebe, dann gab es in der Listhalle mit Seaven Teares ein Jazz-Gastspiel von Christian Muthspiel und tags darauf im nördlich von Graz gelegenen Welt-ältesten Zisterzienserkloster Stift Rein Jordi Savall mit seinem Biblischen Tiergarten.

Vorweg mein Gesamteindruck: alle drei Aufführungen waren von hohem Niveau - in einem Fall bringe ich persönlich gefärbte Einschränkungen an.

Das Schloss Eggenberg und sein Park ist seit 2010 UNESCO-Welterbe. In der Begründung für diese hohe Auszeichnung ist ausdrücklich die schwierige und museal vorbildlich gelöste Aufgabe Vom Leben in einem Gesamtkunstwerk erwähnt - und was wäre ein Gesamtkunstwerk ohne musikdramatischen Inhalt! Schon allein deshalb ist der Styriarte sehr zu danken, dass es hier jährlich ein prächtiges Spektakel gibt, das die Räume, ihre Kunstwerke, Musik, Bewegung und Text zu einem wahrhaften Gesamtkunstwerk verbindet. Dies ist in diesem Jahr dem erfahrenen und bewährten Dioskuren-Paar Thomas Höft (Konzeption & Regie) und Michael Hell (musikalische Konzeption) besonders gut gelungen. Im Zentrum des Abends, an dem 600 Menschen - organisatorisch sehr geschickt in Gruppen geteilt - durch und um das Schloss wanderten, stand diesmal Venus and Adonis - a Masque for the entertainment oft the King - von John Blow (1649 - 1708), ein Werk das 1683 entstand und als erste englische Oper gilt. Dieses Werk wurde höchst stilgerecht im Planetensaal des Schlosses aufgeführt, der genau um diese Zeit fertig gestellt wurde.

Die Neue Hofkapelle Graz (NHG ) ist wie in den Jahren davor das höchst solide und musikantische Fundament der Aufführung. In barocker Tradition leiten Lucia Froihofer (Violine) und Michael Hell (Cembalo & Blockflöte) die Formation in Doppeldirektion. Dazu kam diesmal - durchaus zu englischer Musiziertradition passend - ein exzellenter und weltweit vielfach ausgezeichneter Grazer Schulchor, der HIB.art.chor unter der Leitung von Maria Fürntratt, der höchst charmant die Amoretten und die Grazien darstellte und präzise und wortdeutlich sang. Auch die wichtige Solopartie des Cupido war mit einem 14-jährigen Mädchen dieses Chors ausgezeichnet besetzt - neben diesem jugendlichem Charme samt natürlicher Musizier- und Spielfreude war es für übrigen Solisten gar nicht ganz leicht zu bestehen. Aber die Solisten waren klug gewählt.

Die erfahrene englische Barockspezialistin Sophie Daneman gestaltete die Partie der Venus hervorragend - vor allem die Lamentoszene am Ende war großes Musiktheater und berührte. Der deutsche Bassbariton  Norman D. Patzke war ein sonor-viriler Adonis. Rund um dieses zentrale Werk des Abends brillierte in der Schlosskirche Andreas Böhlen auf der Blockflöte und auf dem Saxophon mit Variationen über den berühmten Flöten-Lusthof  von Jacob van Eyck. Dann war man unterwegs zu den „verliebten“ Gemälden in der Alten Galerie und erfuhr vieles über die Geschichte des Schlosses. Im Schlossgraben erhielt man Erfrischungen und wurde durch eine wunderbare Artistentruppe erfreut.

Zum Finale trafen sich alle Ausführenden und Publikumsgruppen wieder im Schlosshof und musizierten am Ende gemeinsam Der Mond ist aufgegangen. Ein wunderbarer barocker Abend, ein wahrhaftes Gesamtkunstwerk ging nach vier Stunden, die nie Längen hatten, mit großem Beifall zu Ende.

 

Das Jazzgastspiel Seaven Teares mit dem Christian-Muthspiel-Quartett in der Helmut-List-Halle war dann ein richtiges Kontrastprogramm. Ausgangspunkt ist auch hier englische Musik - der berühmte und zutiefst melancholische Zyklus Lachrimae, or Seaven Teares , von John Dowland für fünf Gamben und Laute geschrieben.

Christian Muthspiel hatte diese Dowland-Musik für Jazzquartett bearbeitet und reist damit seit 2012 sehr erfolgreich durch ganz Europa, wie man auf seiner Homepage nachlesen kann. Auch 2019 ist er mit identem Programm, aber mit neuen Quartett-Partnern unterwegs - an den beiden Tagen vor dem Grazer Konzert war das Quartett in Oberösterreich und in Wien. Da erlebt man durchaus virtuoses Spiel und professionell-routinierte Moderation, die sich auch durch Technik-Probleme nicht aus der Fassung bringen lässt, aber in dieser elektroakustischen Verfremdung und dynamisch-klanglichen Verflachung berührt mich die Dowland-Musik nicht. Und ich war nicht der einzige im Saal, der das so empfunden hat, wie ich aus Gesprächen weiß. Allen interessierten Musikfreunden sei empfohlen, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen: Das Konzert wurde aufgezeichnet und kann am 28. Juli in Radio-Steiermark nachgehört werden.

 

Erst am nächsten Tage beim Konzert von Jordi Savall mit den von ihm gegründeten Ensembles La Capella Reial de Catalunya und Hespèrion XXI wurde mir so recht bewusst, was ich bei Muthspiels Konzert vermisst hatte.

Es ist ja wirklich eine eigentümliche Fügung, dass Jordi Savall - so wie Christian Muthspiel mit seinem Dowland-Programm - auch seit 2012 mit diesem Programm der christlichen Tierbilder in der spanischen Musik des 12. und 13. Jahrhunderts europaweit unterwegs ist. Savall hatte das Programm nach dem Tode seiner Frau Montserrat Figueras zusammengestellt, wie der Interessierte hier in einem Programmheft vom April 2012 nachlesen kann.

Das Wunder aller Konzerte mit Jordi Savall ist für mich, dass es ihm und seinen Ensembles immer gelingt, an jedem Abend dem Publikum die absolute Frische, ja Neuheit der aufgeführten Musik zu vermitteln. Es ist für mich ein Wunder, wie die jahrzehntelange Routine im Moment der Aufführung die Musik neu, erfrischend und anrührend entstehen lässt. Das zeugt von wahrhafter Meisterschaft.

Es war natürlich auch der gewählte Aufführungsort ein besonderer.  Das Zisterzienserstift Rein nördlich von Graz wurde 1129 gegründet. Es ist das älteste Zisterzienserkloster der Welt, das ohne Unterbrechung aktives Kloster ist. Die barockisierte Basilika wurde 1138 eingeweiht. Und an diesem Ort erklangen nun spanische Gesänge aus dem 12. und 13.Jahrhundert, die in der königlichen Zisterzienserinnenabtei in Burgos aufgezeichnet wurde. Dazu gab es Ausschnitte aus den Cantigas de Santa María, die der weise kastilianische König Alfons X aufzeichnen ließ. Das Programmheft schreibt dazu: In den Manuskripten sind zahlreiche Miniaturen enthalten, die das Leben am Hofe Alfonsos abbilden. Und so sieht man Spielleute mit arabischem Kopfschmuck, Musiker mit jüdischen Kappen und sogar Frauen, die gemeinsam mit Männern musizieren. Alle gemeinsam stimmen Loblieder auf die Jungfrau Maria an, die im Stile der Troubadourkunst als „Hohe Dame“ besungen wird.

Genau das erlebt man nun durch die exzellente Musikerschar, die Jordi Savall um sich versammelt hat: vier Sängerinnen, vier Sänger und acht Instrumentalisten, die in einer unglaublichen dynamischen und klanglichen Vielfalt diese mittelalterliche Musik prachtvoll erklingen lassen (natürlich ohne jegliches elektroakustisches Hilfsmittel!) - zehn von ihnen waren übrigens schon 2012 dabei. Und an diesem Abend denkt man wehmütig an die Dowland-Musik des Vortags zurück und wünscht sich, dieses Werk auch in Graz einmal in Savalls Interpretation zu hören. 2019 müsste man dazu nach Salzburg reisen - dort spielt nämlich Savall die Seaven Teares demnächst in der Ouverture-spirituelle.

Und eines sei auch betont: unvergleichlich ist nicht nur die musikalische Meisterschaft, sondern auch die unprätentiöse Art von Jordi Savall, mit der er sein Ensemble leitet, aber auch die Verbeugungen organisiert und die Zugabe ansagt. Die Zugabe war eine Hymne an Maria, bei der das Publikum bereitwillig den Refrain Ave Maria  auf Savalls Einsatzzeichen mitsang. Dem Zauberer Savall ist es wieder einmal gelungen, das Publikum völlig in seinen Bann zu ziehen. Der Abend war sicher ein Höhepunkt der Styriarte 2019. Aber Achtung: weitere Höhepunkte stehen bevor - Der Concentus Musicus spielt Bachs Brandenburgischen Konzerten und -  als Finale der styriarte 2019 inszeniert Jordi Savall Shakespeare-Metamorphosen in Orchestersuiten von Robert Johnson, Matthew Lock und Henry Purcell: A Midsummer Night’s Dream

Natürlich wird auch darüber im Opernfreund zur gegebenen Zeit darüber berichtet werden!

 

16. 7. 2019, Hermann Becke

 

 

 

STYRIARTE 2019

Vielfalt des vokalen Glanzes

26. und 27. Juni: Helmut-List-Halle, 30.Juni: Palais Attems

Die Fülle der Styriarte-Veranstaltungen - in Ausnahmefällen gibt es sogar bis zu vier pro Tag - lässt es nicht zu, über jede einzelne gesondert zu berichten. Daher bietet der Opernfreund Sammelberichte. Das diesjährige  Festival-Motto Verwandelt  verbindet thematisch das gesamte Programm. Und wenn man beim Verfassen des Berichts chronologisch vorgeht, dann ergeben sich - über das sehr allgemein gehaltene Motto hinaus - Gemeinsamkeiten, die die Zusammenfassung rechtfertigen. Diesmal wird über drei Abende berichtet: zuerst Greensleeves, dann Transzendent und zuletzt Mozart im Salon. Das Verbindende bei diesen drei Abenden war zweifellos der Gesang - und zwar in ganz unterschiedlichen Ausformungen.

Das erste hier besprochene Konzert bestritten the superlative vocal sextet The King’s Singers. Sie hatten 2018 ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert und sie waren im Rahmen ihrer weltweiten Jubiläumstournee  im vergangenen November auch in Graz. So hat man dieses großartige Ensemble daher noch sehr gut in Erinnerung. Was fällt einem im Vergleich auf: 

Man erlebte diesmal ein völlig anderes Programm und im Ensemble gab es zwei neue Mitglieder. Es lohnt sich übrigens, die Lebensläufe der sechs Herren zu lesen - sie finden sich hier auf deren Homepage. Da stellt man fest, dass Countertenor Edward Button und der Bariton Nickh Ashby erst seit Jänner 2019 Ensemblemitglieder sind und ist beeindruckt, dass das Klangbild genauso ausgewogen und perfekt ist, wie man es von den vielen CD-Aufnahmen und vom letzten Auftritt vor einem guten halben Jahr in Erinnerung hat. So kann ich nur begeistert wiederholen, was ich damals geschrieben hatte:

Es ist den King’s Singers gelungen, eine völlig homogene Klangpyramide zu bilden, bei der sich die hohen Stimmen auf ein kräftiges Fundament der Baritone und des Basses stützen. Nie entsteht im Klang eine Lücke oder gar ein störender Registerbruch.

Im ersten Teil beeindruckten die Renaissance-Stücke von William Byrd - z.B. die ausgedehnte und berührende Amen-Phrase der Motette für die englische Königin. Bei den Choral Dances von Benjamin Britten wiederum bewiesen die King’s Singers, dass sie die meisterhafte Stimm-und Klangbalance auch dann beherrschen, wenn die Besetzung einzelner Teile kleiner ist - etwa im Countertenor-Duett Country Girls. Das David-Stück von Thomas Tomkins ließ an das großartige Fili, mi absalon seines berühmten deutschen Zeitgenossen Heinrich Schütz denken.

Der 2.Teil eröffnete mit dem titelgebenden „Schlager“ Greensleeves in einem Arrangement von Bob Chilcott. Alle nun folgenden Traditionals waren extra für die King’s Singers arrangiert - sie nutzen speziell die raffinierten Harmonierückungen virtuos. Und am Ende folgten die beliebten Arrangements aktueller Songs in „close harmony“ samt Beatles-Zugaben. Das Publikum in der vollen Konzerthalle war begeistert - man hatte wahrhaft exquisiten a-capella-Gesang erlebt.

Am Tag darauf gab es dann unter dem Titel Transzendent etwas ganz anderes. Da war Musik aus den meditativen Übungen der Sufi-Bruderschaften verbunden mit ekstatischer Musik des 19. und 20. Jahrhunderts von Georges I. Gurdjieff und Eric Satie. Und auch da gab es ganz wesentliche Gesangsbeiträge:

Teil des großartigen Ensembles Sarband unter der Leitung von Vladimir Ivanoff waren die auf mittelalterliche Musik spezialisierte Harfenistin und Sopranistin Miriam Andersén und der syrische Sänger Rebal Alkhodari.

Da erlebte man nun völlig andere Vokalwelten. Der schlanke, instrumental geführte Sopran und der aus dem Orientalischen kommende helle Klang des Sängers - am ehesten unserem europäischen Countertenor verwandt - vermittelten eindrucksvoll eine geheimnisvolle Klangwelt -  etwa eine Vokalimprovisation über Worte des mittelalterlichen muslimischen Mystikers Rumi oder eine griechische Hymne aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert (nachzuhören hier mit Miriam Andersén) - und dazwischen die meditativen Drehtänze der beiden türkischen Derwische. Für mich war an diesem Abend besonders eindrucksvoll, wie ungeheuer diszipliniert die über tausend Besucher auf das 85-minütige Programm (ohne Pause) reagierte - da gab es kein Hüsteln, keinerlei Unruhe, sondern nur konzentrierte Stille. Am Ende gab es stürmischen Beifall - aber natürlich keine Zugaben. Das hätte zu dem durchkomponierten Programm auch überhaupt nicht gepasst.

Und zuletzt gilt es über ein besonders gelungenes neues Konzert-Format der Styriarte zu berichten. Die ersten beiden heute rezensierten Konzerte fanden ja in der großen modernen Helmut-List-Halle mit über 1000 Plätzen statt - und das räumliche Kontrast-Programm war nun Mozart im Salon, im prächtigen barocken Palais Attems, dem bedeutendsten Adelspalais der Steiermark. Im Musiksalon dieses Palais, das 1703 erbaut wurde, finden gerade 70 Gäste Platz. Der heutige Gastgeber ist der Styriarte-Intendant Mathis Huber, der gescheit-launig und sich nicht - wie so manch andere Moderatoren - in den Vordergrund redend, in das wunderbar ausgewählte Programm einführte und dabei auch die beiden Interpretinnen zu Wort kommen ließ. Was Mozart in den Jahren 1786 bis 1788 für den Wiener Salon der Familie von Jacquin komponiert hat, ist Gegenstand des Mozart-Salons. Die beiden Interpretinnen waren auf dem gewohnt hohen Niveau der Styriarte. Die aus Graz stammende Eva Maria Pollerus - seit kurzem Ausbildungsdirektorin des Instituts für Historische Interpretationspraxis der Frankfurter Musikhochschule - spielte auf einem Hammerflügel nach Anton Walter (um 1780) von Robert Brown kleine Kostbarkeiten von Wolfgang Amadeus Mozart und begleitete die Mozart-Lieder. Sie tat dies überaus facettenreich und farbig, immer stringent klar und nie larmoyant.

Die sechs Mozart-Lieder vom Mai 1787 sang die junge ukrainische Sopranistin der Oper Graz Tetiana Miyus , deren erfreuliche Entwicklung ich seit ihrem Beginn im Operstudio verfolgen konnte. Diesmal hörte ich sie erstmals als Liedsängerin - sie bekannte im Gespräch, das sei ihr „neue Leidenschaft“. Nun - beim ersten Lied Sobald Damötas Chloën sieht hörte man noch ein wenig steife Soubrettenhaftigkeit, aber im Laufe des Abends gewann Miyus merklich an Profil als Liedgestalterin. Sie singt technisch absolut sicher und intonationssauber. Was ich schon bei ihren Opernpartien festgestellt hatte - etwa auch bei ihrer ersten Figaro-Susanna vor zwei Jahren -, fiel auch diesmal auf: Miyus kommt immer primär von der musikalischen Linie, vom runden, warmen Gesangston und nicht vom Text. Diesmal konnte man allerdings erfreut erleben, dass die Beschäftigung mit dem Lied - und wohl auch mit der transparenten Hammerklavier-Begleitung - Früchte trägt. Die Texte waren präzis artikuliert, da und dort wird noch nachzuschärfen sein - nun ist man jedenfalls auch auf ihre weitere Entwicklung als Liedsängerin gespannt. Da, wo Miyus eine kleine dramatische Szene gestalten kann - etwa im Lied der Trennung oder auch in  Als Luise, die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte - überzeugte sie besonders. Aber auch die Abendempfindung - der hohe Prüfstein für jede Liedsängerin und für mich eines der schönsten Lieder überhaupt - gelang sehr schön. Ihre Interpretation ist natürlich völlig anders als die der elegant-kühl-distanzierten Dame Elisabeth Schwarzkopf (hier nachzuhören), aber Miyus überzeugte durchaus mit ungekünstelter und geradlinig-warmer Ehrlichkeit.

Dass das Publikum vor dem Konzert zu einem Glas Sekt und zu köstlichen Canapés eingeladen war und nach dem Konzert noch mit den Künstlerinnen ins Gespräch kommen konnte, verstärkte natürlich den Eindruck eines exquisiten Hauskonzertes. Die nächsten Salonkonzerte sind Joseph Haydns Klaviertrios gewidmet. Das neue Konzertformat ist allen Liebhabern subtiler Kammermusik sehr zu empfehlen - Näheres hier

Weitere Styriarte-Sammelberichte für den Opernfreund kann ich gerne ankündigen - das Festival endet ja erst am 21. Juli!

 

2. 7. 2019, Hermann Becke

 

Nochmals ein Hinweis auf die informativen Programmhefte, die alle online verfügbar sind:

Programmheft Greensleeves

Programmheft Transzendent  (in diesem Fall mit besonders lesenswerten Beiträgen über eine uns wenig bekannte Musikwelt - wer kennt schon z.B. die spirituelle Welt des Eric Satie)

Programmheft Mozart im Salon

 

 

STYRIARTE 2019

J. J. FUX

DAFNE IN LAURO

21. Juni 2019, Helmut List Halle

Rundum gelungenes Eröffnungsopernfest

„Verwandelt“ – so heißt das Motto der styriarte 2019. Abgeleitet ist es vom Highlight des Festivals, von der Oper „Dafne in Lauro“ des genialen Barockmeisters Johann Joseph Fux, mit der die styriarte ihre zweite Ausgabe des Fux.OPERNFESTs füllt. Verwandlung, Veränderung, Variation – das, was unser Leben spannend macht, durchströmt die Festspiele 2019. So liest man es auf der reichhaltig-informativen Homepage der Styriarte 

Dem drei Stunden langen, aber nie ermüdend-lange werdenden Barockabend wurde eine Szene vorangestellt, die der Styriarte-Dramaturg Karl  Böhmer verfasst hatte, und in der der Herr Hofkapellmeister Fux intime Einblicke in seine Dafne gab. So wie bereits im Vorjahr führte der junge Schauspieler Christoph Steiner als Johann Joseph Fux charmant in das Stück ein - samt Dank an Sponsoren. Erst dann trat das  Zefiro - Barockorchester mit seinem Leiter Alfredo  Bernardini auf und man blickte auf die übliche Situation für die Styriarte-Opernaufführungen in der Konzerthalle: Im Vordergrund das Orchester, dahinter ein Podium samt Rundhorizont und drei Auftrittsöffnungen.

Diesmal ist geradezu idealtypisch das gelungen, was schon 2013 im Programmheft der Harnoncourt-Produktion Barbe-Bleue von Jacques Offenbach zu lesen war: „Wir versuchen tatsächlich, Musiktheater im einfachsten Sinn des Wortes zu machen, ohne dabei  von vornherein von den üblichen Spielregeln des Opernbetriebs auszugehen. Kann man vielleicht das Verhältnis von Musik und Bühne anders

ausbalancieren? Kann man der Musik etwas mehr Raum geben, ohne dabei die Lust am Theater hintanzustellen? Muss es unbedingt eine konventionelle Bühne sein mitsamt einem komplett ausgeführten Buhnenbild?“

Und genau so war es bei dieser Fux-Produktion! Im Zentrum der diesjährigen Produktion stand unzweifelhaft die großartige musikalische Interpretation durch Orchester und Solisten. Die szenische Umsetzung des fast ausschließlich aus Rezitativen und Arien bestehenden Werks war einfach, aber nicht bloß bebildernd  - geschickt durch grell-bunte Kostüme und sich ständig wandelnde Videoprojektionen belebt, die sich nicht ungebührlich vor die Musik drängten. Die mythologische Fabel wurde konsequent und gleichzeitig augenzwinkernd-fantasievoll  erzählt. Dem gesamten szenischen Team kann man dazu gratulieren: Wolfgang Atzenhofer (Inszenierung), Lilli Hartmann (Bühne & Kostüme), Eva Grün und Max Kaufmann (Videobild und Animation), Jörg Weinöhl (Choreographie). Aus den durchwegs sehr gut besetzten fünf Gesangspartien ragten für mich aus dem hohen Niveau zwei besonders hervor:

Arianna Vendittelli (Dafne) und Raffaele Pe (Apollo) waren schauspielerisch und stimmlich ein exzellentes Paar. Die römische Sopranistin taucht als Puck-artiges Wesen aus dem Wald auf und gestaltet dieses Wesen zwischen Natur und Mensch stets überzeugend. Dazu singt sie mit klarer und in allen Lagen ausgeglichener Stimme. Sie verfügt über die nötige Attacke (Serba il tuo cor per te) und Koloraturensicherheit ebenso wie über die lyrische Gestaltungskraft in ihrer großen Verwandlungsszene (Lascio d’esser Ninfa). Der Countertenor Raffaele Pe gestaltete die Kastratenpartie des Apollo überaus eindrucksvoll mit seiner großen Stimme. Da gibt es kein Falsettieren - die hohen Tönen werden kräftig produziert und sogar effektvolle Schwelltöne sind ihm möglich - wirklich eine voce naturale, wie man sie in der Barockzeit für dieses Fach gepriesen hatte. Dazu spielt er den eitlen Schönling Apollo geradezu genussvoll-überzeugend und man glaubt ihm, dass er am Ende nur ungern von den irdischen Vergnügungen Abschied nimmt, in den Götterhimmel zurückzukehren.

Aber auch die anderen Partien sind ausgezeichnet und absolut rollendeckend besetzt. Sonia Tedla (Amore) und Valerio Contaldo (Mercutio) überzeugen mit drastischen Tönen. Sonia Tedla zieht lausbubenhaft als Amore die Fäden des Geschehens und singt gebührend soubrettenhaft. Valerio Contaldo ist ein handfester, gegen Ende gar heldischer Tenor, der seine Koloraturen nicht nur sicher singt, sondern auch sehr wirkungsvoll zur Charakterzeichnung einsetzt. Dazu kommt die erfahrene Sopranistin Monica Piccinini als rätselhafte Göttin Diana. Sie hat von den drei Damen das kleinste Stimmvolumen, artikuliert ausgezeichnet und hebt sich mit ihrer lyrischen Stimmgebung markant von der energischen Dafne und dem quirligen Amore ab. Das ist in dieser Besetzung mit drei hohen Frauenstimmen und zwei hohen Männerstimmen eine wichtige Qualität. Rätseln mag man, warum sie als Schwarze in weißem Kleid auftritt - vielleicht die Symbiose von schwarzer und weißer Göttin, also von Tod und Leben? Jedenfalls ein optisch reizvolles Bild zwischen den übrigen grellen Kostümen.

Alle fünf Gesangssolisten vereinigten sich in den wenigen Chorensembles und boten auch hier höchste Gesangskultur. Großartig und auch heuer wieder wahrhaft festspielwürdig war das Zefiro-Barockorchester unter Alfredo Bernardini. Da erlebte man ständige musikalische Spannung - im Lyrischen ebenso wie im Dramatischen und genoss die vielfältigen Klangfarben, die in der Fux-Partitur stecken. Man weiß gar nicht, wen man aus dem exzellenten Instrumentalensemble besonders hervorheben soll. Sehr reizvoll sind z. B die bloß vom Continuo begleitete Diana-Arie Fan gli amanti , die Vogel-Arie der Dafne Và, prigioniero mit Chalumeau und Flöte - und gegen Ende natürlich die große und wahrhaft berührende Abschieds- und Verwandlungsszene der Dafne mit der Gambenbegleitung. Die vier Ballettdamen (Choreographie: Jörg Weinöhl) sind am Ende des ersten Teils und im Finale sparsam, aber effektvoll als pittoreske Waldnymphen eingesetzt.

Ein Wort noch zur Szenerie: die Videoprojektionen wandeln sich im Laufe des Abends von einem schäbig wirkenden Renaissance-Palast in einen kahlen Wald, der wie nach einem Atomunfall aussieht,  dann zu griechischen Ruinen, zwischen denen später auch Telefonmasten, ein Autobahnhinweisschild und moderne desolate Hochhäuser und offenbar Müllberge sichtbar werden. Dazwischen erlebt man wild wogendes Meer und mancherlei Getier, man sieht die Sonne wabernd über den Himmel wandern. Die wenigen Versatzstücke auf der Bühne sind alte Autoreifen, Matratzen und eine fallweise rot aufleuchtende Stehlampe sowie eine Jupiter/Zeus-Büste. Für mich erschloss sich das alles zunächst überhaupt nicht - erst als in der Schlussszene all diese schäbig-deprimierenden Bilder zu Lorbeerbäumen wurden, die Götter auf Erden zu Statuen erstarrten, während ihr Geist in den Götterhimmel zurückkehrte, vermeinte ich, die Idee des Inszenierungsteams zu erfassen:

Offenbar ist es nur die Natur, die den Menschen in seinem irdischen Jammertal erlösen kann. Aber vielleicht habe ich das ganz falsch verstanden - wer weiß?

Zusätzlich hatte ich jedenfalls eine ganz und gar ortsaktuelle, bedrückende  Assoziation: rund um die Listhalle entsteht derzeit ein völlig neues Grazer Stadtviertel, die sogenannte, von Politik und Medien hochgelobte Smart-City-Graz - nach meinem Empfinden eine völlig sterile, jegliche Fantasie tötende Einheitsarchitektur, die mich fatal an die Endzeit-Hochhäuser erinnert, die wir gerade als Video-Projektion erlebt hatten. Wäre es nicht wunderbar, wenn diese Architekten- und Stadtplanungsschar sich auch in Lorbeerbäume verwandelte und damit wieder den reizvollen Barockgarten entstehen ließe, der noch im Vorjahr das Styriarte-Publikum erfreute…..?? Na ja - träumen wird man wohl noch dürfen!

Aber zurück zum barocken Opernfest. Diesmal wurde das eingelöst, was Intendant Mathis Huber in einem Interview versprochen hatte: „Ein Festival ist dazu da, Feste zu machen, und Feste sind nicht konventionelle Kammerkonzerte, sondern Feste sind mehr. Dieses ‚mehr‘ ist das, was die Zukunft unserer Musik sichern wird, weil es die Leute in der Vielfalt attraktiv finden und in der Einfärbigkeit nicht mehr kaufen werden“ Das Publikum war jedenfalls begeistert.

 

Hermann Becke, 22. 6. 2019

Szenenfotos: Styriarte, © Nikola Milatovic

 

Hinweise:

-         Rundfunkaufzeichnung in ORF-OE1 am 3. Juli 2019

-         Neuerlich sei gelobt, dass die Styriarte für alle 45 Veranstaltungen des Festivals das jeweilige Programmheft online zur Verfügung stellt. In diesem Fall seit das gut redigierte Heft um drei Hinweise mit Graz-Bezug ergänzt:

1) ohne den bedeutenden, ursprünglich aus Graz stammenden Mainzer Musikwissenschaftler Helmut Federhofer wäre die heutige Fux-Renaissance undenkbar - er hatte schon vor 60 Jahren die erste  Fux-Ausgabe initiiert.

2) Den renommierten Grazer Konzerttenor Martin Klietmann kann man auf der im Jahre 1990 in Paris entstandenen, bisher einzigen und im Jahre 2008 neuaufgelegten  CD-Aufnahme von Dafne in Lauro unter René Clemencic hören.

3) 2010 gab es an der Grazer Kunstuniversität eine musikalisch respektabel gelungene Aufführungsserie von Dafne in Lauro zum 350. Geburtstag von Johann Joseph Fux

 

Zu Schluss kann ich es mir nicht verkneifen, auf eine Kuriosität hinzuweisen:

Eine Watchgroup gegen sexistische Werbung hatte vor etwa einem halben Jahr zum ersten Plakat der Styriarte geschrieben: „Die steirischen Festspiele „Styriarte“ zeigen für die kommende (2019) Reihe ein Sujet, das eine nackte Frau mit goldfarbener Haut zeigt. Ihre Brust, ihr Bauch und ihr Genitalbereich sind mit Zweigen, Blättern etc. bedeckt.“ Bei Interesse kann das inkriminierte Plakat hier angeschaut und der vollständige Text der Watchgroup hier nachgelesen werden.

Die Styriarte hatte darauf reagiert und nun sieht das Plakat so aus, wie Sie es am Beginn meines Beitrages sehen. Jede/r möge sich selbst eine Meinung bilden.

 

 

KRIEG UND FRIEDEN

Ein musikalisches Geschichtspanorama mit Jordi Savall

22. Juli 2018, Helmut-List-Halle

Schon vor einigen Jahren hatte Jordi Savall unter dem Titel Krieg und Frieden eine Doppel-CD herausgebracht - damals mit Musik aus der Zeit von 1614 bis 1714. Das neue Programm mit dem selben Titel umfasst die Zeit des Heiligen Römischen Reiches der beiden Habsburgerkaiser Maximilian I. und seines Enkels Kaiser Karl V. - also 1459  bis 1558 - und passte damit ideal zum diesjährigen Generalmotto der Styriarte Felix Austria. In diesem Falle ist es besonders wertvoll, dass das Konzertprogramm online verfügbar ist, weil es eine ausgezeichnete und unbedingt lesenswerte Zusammenschau zwischen der geschichtlichen Entwicklung und der aufgeführten Musik bietet.

Jordi Savall ist seit Jahren jene herausragende Musikerpersönlichkeit unserer Zeit, die es großartig versteht, in ihren Programmen „die Musik zu einem Mittel der Verständigung und des Frieden zwischen unterschiedlichen und manchmal verfeindeten Völkern und Kulturen“ zu machen. Und so wurde der Abend - wie erhofft und erwartet - zu einem abschließenden Höhepunkt der diesjährigen Festspielserie.

Seit Jahrzehnten versteht es Jordi Savall, um sich in seinen Ensembles Persönlichkeiten zu versammeln, die so wie er selbst nicht nur auf höchstem Niveau, sondern auch ohne jegliche sich  in den Vordergrund drängende Selbstdarstellung musizieren. Je nach Thema des Konzerts werden die Ensembles neu zusammengestellt - und so überrascht es nicht, dass diesmal zum größten Teil ganz andere Musiker zu erleben waren als knapp drei Wochen davor beim ersten Savall-Konzert der Styriarte (siehe dazu bei Interesse unten den Bericht vom 4. Juli). Jede/r Einzelne unter ihnen wirkt auch in anderen Zusammenhängen der internationalen Alte-Musik-Szene mit - und jede/r Einzelne ist eine individuell geprägte Persönlichkeit. Jordi Savall gelingt es dann immer durch seine bezwingende Persönlichkeit, diese künstlerische Vielfalt zu einem unverwechselbaren Ganzen zu bündeln. Diesmal musizierten die Ensembles in folgender Besetzung - und sie müssen ganz einfach alle genannt werden:

LA CAPELLA REIAL DE CATALUNYA:

Lucía Martín-Cartón, Sopran

Viva Biancaluna Biffi, Mezzosopran

Kristin Mulders,Mezzosopran

Pascal Bertin, Countertenor

David Sagastume, Countertenor

Víctor Sordo, Tenor

Lluís Vilamajó, Tenor

Furio Zanasi, Bariton

Daniele Carnovich, Bass

HESPÈRION XXI:

Jean-Pierre Canihac, Zink

Béatrice Delpierre,Schalmei

Daniel Lassalle, Posaune

Elies Hernandis, Posaune

Joaquim Guerra, Dulzian

Jordi Savall,Diskantviola

Imke David,Tenorviola

Philippe Pierlot, Bassviola

Lorenz Duftschmid, Bassviola

Xavier Díaz-Latorre, Vihuela & Gitarre

Marco Vitale, Orgel

Dimitri Psonis, Perkussion

Leitung: Jordi Savall

 

Im ersten Programmteil standen Werke des großen holländischen Renaissancemeisters Heinrich Isaac (ca 1450-1517) im Zentrum, der 15 Jahre lang Hofkapellmeister von Maximilian I. war. Ein besonderes Erlebnis war Isaacs großartige (und heikel zu intonierende!) sechsstimmige a-cappella-Motette Virgo prudentissima, in der Jordi Savall von Beginn an die Orgel zur behutsamen Unterstützung der Gesangsstimmen einsetzte. Sehr hilfreich war für das Publikum, dass die gesungenen Texte in deutscher Übersetzung eingeblendet wurden, weil man dadurch sehr gut nachvollziehen konnte, was das politische Anliegen von Maximilian war, der das Stück beim Reichstag von Konstanz aufführen ließ: eine Parallele zwischen der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel und seiner eigenen Erhöhung zum Kaiser.

Ganz anders geartet, aber ebenso großartig und gleichzeitig bedrückend war das sephardische Gebet, zu dem vier Männerstimmen zusammentraten, um der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 zu gedenken. Davor erklang bombastisch-dominant, ja fast grell die Frottola Viva el gran Re Don Fernando, mit der die Rückeroberung der mächtigen Festung Granada von den muslimischen Mauren im Jahre 1492 (nach 770 Jahren!) gefeiert wurde. Da wurden geschichtliche Themen musikalisch lebendig, die uns auch heute noch beschäftigen - die Reconquista, die „Rückeroberung“  Spaniens von den muslimischen Mauren.

Nach der Pause ging es um die Zeit Karls V. mit Musik der spanischen Renaissance-Komponisten Christóbal de Morales, Mateo Flecha, Antonio de Cabézon, aber u. a. auch mit Musik von Adrian Willaert und  Josquin Desprez  mit dem Lieblingslied Karls V. Mille regretz (kann hier in einer alten Savall-Aufnahme nachgehört werden). Auch in diesem Teil war klug und kunstvoll die politische Geschichte mit entsprechenden Musikbeispielen verknüpft. Mit dem Tod Karls V. und der fünfstimmigen Motette Circumdederunt me gemitus mortis von Christóbal de Morales, die sich nach einem ruhigen Beginn breit ausladend entfaltet,  klang das Programm sehr ruhig und besinnlich aus.

Der Jubel des Publikums im ausverkauften Saal war riesig und so gab es zwei Zugaben. Savall meinte, dass ein wichtiges in den Zeitraum des Programms fallendes weltgeschichtliches Ereignis nicht berücksichtigt worden sei: die Entdeckung Amerikas. Also stimmten die Ensembles zunächst eine fröhliche Ciacona aus der Neuen Welt an, bevor dann ein mexikanisches Lied aus dem 17. Jahrhundert den Schlusspunkt setzte - von dieser letzten Zugabe vermittelt das von der styriarte zur Verfügung gestellte Kurzvideo jenen musikantisch-lebhaften Eindruck, der für alle Savall-Konzerte so charakteristisch ist. Die Musizierfreude und Schaffenskraft des bald 77-jährigen Jordi Savall ist ungebrochen. Es ist geradezu unglaublich, wie viele Konzerte er bestreitet - in seinem  Terminkalender sind allein bis Ende August 23(!) Konzerte in Österreich, Deutschland, Frankreich, Spanien und Holland mit ganz verschiedenen Programmen verzeichnet! Das Grazer Publikum freut sich jedenfalls schon, wenn Jordi Savall wieder kommt - die Styriarte 2019 findet vom 20. Juni bis 21. Juli 2019 statt.

Hermann Becke, 24. 7. 2018

 

 

 

DIE HABSBURGER:

HERSCHER MIT LEIER UND SCHWERT

Zwei prächtige Veranstaltungen für einen Kaiser und seine Enkelin

17. 7. 2018: Hochzeitsfest in Eggenberg

18. 7. 2018: Haydn Imperial

 

 

Der Habsburger Leopold I war fast 50 Jahre (von 1658 bis 1705) Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Wegen der zentralen Rolle der Türkenkriege - die erfolgreich abgewehrte Belagerung von Wien im Jahre 1683 fiel in seine Regierungszeit - erhielt Kaiser Leopold den Beinamen „Türkenpoldl“. Für ihn passt also besonders gut der Mythos als Herrscher „mit Leier und Schwert“ - ein Mythos, der schon seit der Frühneuzeit Gegenstand habsburgischer Staatspropaganda war. Denn Leopold war auch ein begabter Komponist und Musikliebhaber, der mehrere Instrumente spielte und sein Kammerorchester selbst dirigierte. Er hinterließ über 230 Kompositionen verschiedener Art, von kleineren geistlichen Kompositionen und Oratorien über Ballette bis hin zu deutschen Singspielen.

Und um diesen Leopold ging  es diesmal - die styriarte gedachte seiner zweiten Hochzeit, die er 1673 in Graz gefeiert hatte, und lud zu einem barocken Fest ins prachtvolle Schloss Eggenberg ein.

Für derartige Feste hat die styriarte in den letzten Jahren eine bewährte Dramaturgie und ein ausgeklügeltes Konzept entwickelt, das die rund 600 Festgäste aufgeteilt in 8 Gruppen so geschickt durch das Programm lotst, dass alle die vielfältigen Programmpunkte erleben können, ohne dass dadurch die anderen Gruppen beeinträchtigt sind. Konzeption und Regie stammen vom unermüdlichen Thomas Höft, der als Haushofmeister launig durch das Programm führt. An der musikalischen Konzeption ist maßgeblich Michael Hell beteiligt, der gemeinsam mit Lucia Froihofer  die Neue-Hofkapelle-Graz auf Originalinstrumenten leitet, die alle musikalischen Programmpunkte kompetent bestritt  und die Gesangssolisten aufmerksam begleitete. Ergänzt wurde das musikalische Programm durch „Die geheimen Berichte des Giovanni Chiarommani“, der als Spitzel (ja - den gabs wirklich - bei Interesse findet man hier Näheres) nach Florenz über die kaiserlichen Hochzeitsfeierlichkeiten aus Graz berichtete - virtuos vorgetragen durch den jungen Schauspieler Christoph Steiner,  der die einzelnen Gästegruppen in und um das Schloss führte.

Musikalisch gab es zwei Schwerpunkte: im prächtigen Planetensaal des Schlosses wurden Ausschnitte aus dem für diese Hochzeit geschriebenen  Auftragswerk von Antonio Draghi   Gli’Incantesimi disciolti  - Aufgelöste Zaubereien - gespielt. (Übrigens: die gesamte rekonstruierte Oper konnte man schon einmal in Graz anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2003 in einer Aufführung der Kunstuniversität Graz erleben.)

Eine stilistisch versierte und spielfreudige Solistengruppe stand zur Verfügung: die Sopranistin Julla von Landsberg, die beiden Tenöre Benedikt Kristjánnsson und Mario Lesiak sowie der Bassist Thomas Stimmel.

Der zweite musikalische Schwerpunkt waren die beiden Arien, die aus der Hand des Kaisers selbst stammen und in der Rokoko-Schlosskapelle vorgetragen wurden - als ich mit meiner Gruppe zu diesem Programmpunkt in die Kapelle kam, war es schon ganz finster und der Raum nur durch 8 Altarkerzen (und durch die Beleuchtung des Orgelnotenpults) erhellt. Die Sopranistin Theresa Dlohy sang in dieser geheimnisvoll-mystischen Stimmung zunächst  die zwei Strophen der kaiserlichen Aria Das menschliche Leben ist nichts als Streit mit klarer Stimme und guter Textartikulation, die dann in der italienischen Aria Dio, ch’ai l’ali ein wenig fehlte. Kompetenter Begleiter an der aus 1759 stammenden Orgel war Dmitry Bondarenko, der die beiden kaiserlichen Arien stilgerecht mit Stücken von Johann Caspar Kerll und Alessandro Poglietti ergänzte.

Das war ein höchst stimmungsvoller kammermusikalischer Abschluss eines (vier Stunden langen!) abwechslungsreichen Festes, bevor sich dann alle Musiker- und Gästegruppen im Schlosshof zum prächtigen Finale vereinten. Wie im Vorjahr erklang auch diesmal der Chor aus Cestis Il pomo d’oro mit dem Lobpreis auf den Habsburger: Freut euch, dass das Schicksal uns unter den Schutz eines so erhabenen Geschlechts gestellt hat. Das Publikum in der ausverkauften Veranstaltung war begeistert - eigentlich wie immer bei derartigen Festen.

Und eine ganz berühmte Repräsentantin des erhabenen Geschlechts der Habsburger stand im Mittelpunkt des Konzerts am Tage darauf - die Enkelin von Kaiser Leopold I: Maria Theresia.

Auch auf sie passt das Wort Mit Leier und Schwert. Sie musste den Erbfolgekrieg und den Siebenjährigen Krieg bestehen. Sie erreichte die die Wahl und Krönung ihres Gatten Franz Stephan zum römisch-deutschen Kaiser. Wie jede Gattin eines Kaisers wurde sie, obwohl nicht selbst gekrönt, als Kaiserin tituliert. Und eben diese Maria Theresia hat regiert, aber auch selbst musiziert. Ihre Musiklehrer waren neben anderen immerhin Johann Adolf Hasse und Gottlieb Muffat.

 

Haydn Imperial

Unter diesem Titel beschloss am 18. Juli 2018 der  Concentus-Musicus-Wien seine Saison mit einem Haydn-Programm  in der Helmut-List-Halle bei der Styriarte.

 

Im Programmheft für dieses Konzert liest man in einem Zitat aus dem Jahre 1812 über die besondere Beziehung von Joseph Haydn zu seiner Kaiserin Maria Theresia:

„Andere feurige und erhabene Sinfonien wurden für die Geburts-und Namenstage seiner fürstlichen Gönner geschrieben oder für andere festliche Gelegenheiten des Hauses Esterházy. Maria Theresia beehrte den Fürsten Nikolaus einige Male mit ihrer kaiserlichen Gegenwart, indem sie sich auf sein Schloss begab. Bei solcher Gelegenheit ließ es Haydn niemals an einer neuen Sinfonie fehlen, um Teil des Unterhaltungsprogramms zu Ehren seiner angebeteten Herrscherin zu sein.“

Nun - der direkte Bezug des gewählten Haydn-Programms zu Maria Theresia ist vielleicht etwas weit hergeholt - aber unbestritten war es ein wahrhaft imperiales Konzert! Nach dem barocken Programm des Hochzeitsfestes war man nun auch musikalisch zwei Generationen weiter - bei der Wiener Klassik Joseph Haydns. Mittelpunkt des Konzertes war die Sinfonia concertante in B, die Haydn 1795 in London komponiert hatte - als einzige(!) Sinfonia concertante unter seinen 107 Sinfonien.

In diesem Werk ist ein Streicherduo (Violine und Violoncello) einem Bläserduo (Oboe und Fagott) und dem Orchester gegenübergestellt. Die Solisten sind Meister ihres Fachs - allesamt aus dem durch lange Tradition gewachsenen „Humus“ des Concentus: Erich Höbarth (Violine), Christophe Coin (Violoncello), Hans-Peter Westermann (Oboe) und Alberto Grazzi (Fagott). Da kann man keinen hervorheben - die vier musizierten gemeinsam auf höchstem partnerschaftlichem Niveau. Das restliche Ensemble begleitete unter der aufmerksam-straffen Koordination des Dirigenten Stefan Gottfried ebenso meisterhaft.

Vor der Sinfonia Concertante erklang Haydns Sinfonie Nr. 53 in D mit dem Beinamen L’Impériale und zum Abschluss die Sinfonie Nr. 48 in C, die erst nach Haydns Tod den Beinamen Maria Theresia erhielt.

Zwei Gedanken sind mir an diesem Abend bei der großartigen Wiedergabe durch den Concentus Musicus Wien durch den Kopf gegangen:

Zunächst kann ich nur das wiederholen, was ich vor schon vor einiger Zeit einmal geschrieben hatte: Ich musste an diesem Abend neuerlich an den englischen Biologen Rupert Sheldrake denken, der die Theorie der morphischen Felder vertritt - und der sich in diesem Zusammenhang mit der Steigerung des menschlichen Leistungsvermögens im Laufe der Zeit beschäftigt. Der Concentus ist ein durch Jahrzehnte gewachsener und sich entwickelnder Organismus, der gleichsam ein kollektives Gedächtnis hat. Dadurch hat sich die technische Beherrschung der alten Instrumente in diesen Jahrzehnten überdurchschnittlich gesteigert. Vereinfacht gesagt: Die neueintretenden Ensemblemitglieder profitierten von dem technischen Können, das ihre Vorgänger erarbeitet hatten und steigern dies weiter. Wer sich für meine naturwissenschaftliche Assoziation interessiert, kann hier nachlesen, wie dies Sheldrake erklärt.

Und der zweite Gedanke, der mich an diesem Abend beschäftigte, ist der der Weiterentwicklung von der Großeltern- zur Enkelgeneration. Um im Bild dieses Berichts über zwei ganz unterschiedliche und doch zusammengehörende Veranstaltungen zu bleiben:

So wie Maria Theresia als Enkelin des Kaisers Leopold I die habsburgische Tradition mit Leier und Schwert weiterentwickelte - und so wie Joseph Haydn auf den barocken Meistern aufbauen konnte, so trägt auch die Enkelgeneration des vor 65 Jahren von Nikolaus Harnoncourt gegründeten Concentus Musicus Wien - ganz im Sinne des Gustav-Mahler-Wortes Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche - das Feuer seines Gründers überzeugend und mit merklichem persönlichem Engagement jedes einzelne Mitglieds weiter. Hatte das Ensemble bei seiner Gründung mit Monteverdi begonnen, so hatte sich das Repertoire unter Nikolaus Harnoncourt bis zu Haydn, Mozart und Beethoven geweitet.

Diesmal erlebte man in Graz Joseph Haydn - überzeugender kann man dessen Werke derzeit wohl nicht interpretieren. Das Publikum war begeistert - und so erklang als Zugabe dieses bejubelten Konzertes nochmals der dritte Satz der Sinfonie „Maria Theresia“ - es war ein großer Abend der diesjährigen Styriarte!

 

Hermann Becke, 18. 7. 2018

Fotos (soweit nicht anders gekennzeichnet):

Styriarte © Werner Kmetitsch

 

Hinweis:

Das Haydn-Konzert kann am 9. August im Radio auf Ö1 nachgehört werden - nähere Informationen hier

 

 

 

FIDELIO

Heute so bewegend-aktuell wie vor 200 Jahren!

14. Juli 2018, Helmut-List-Halle

 

Thomas Höft ist seit 24 Jahren ein entscheidender Mitgestalter der Styriarte - als Dramaturg, Autor, Regisseur und Moderator. Ich habe ihn speziell in seiner Funktion als Moderator sehr oft wegen eines gewissen Hangs zu manieriert-übersteigerter Selbstdarstellung kritisiert. Diesmal ist ihm - und damit der styriarte - allerdings uneingeschränkt zu gratulieren: Mit dieser Fidelio-Produktion ist nämlich zweifellos ein Stück beeindruckenden und packenden zeitgemäßen Musiktheaters gelungen! Lassen wir Thomas Höft zu seinem Konzept selbst zu Worte kommen. Er schreibt u. a. im (wie immer bei der styriarte sehr lesenswerten und auch online verfügbaren) Programmheft :

Wenn man heute „Fidelio“ spielen möchte, braucht es keine

künstliche Aktualisierung, Die Gegenwart ist immer schon da, liegt

sozusagen offen vor uns….Die entscheidende Frage: in welchem Thema, das uns heute alle angeht und das die gesellschaftliche Diskussion bestimmt, spielen die Fragen nach Freiheit und Hoffnung die entscheidende Rolle? Die Antwort braucht man gewisslich nicht lange suchen. Die Debatten über Flucht und Vertreibung, über Asyl und Abschottung prägen die politische Diskussion seit längerem und sind inzwischen verantwortlich für eine Spaltung des gesellschaftlichen Konsenses, für die Vergiftung des Diskurses und für radikale Wahlentscheidungen in vielen Ländern Europas. Meine Überlegung war: Könnte es nicht sein, dass unter den vielen Menschen, die sich in Österreich in Sicherheit bringen konnten, auch solche sind, die das, was Beethoven in „Fidelio“ schildert, am eigenen Leib erfahren haben? Und wären die vielleicht sogar bereit, uns davon zu erzählen? So hat sich die styriarte auf die Suche gemacht und hat mit Menschen und Institutionen gesprochen, die in der Steiermark Flüchtlingen helfen und sie betreuen. Dabei haben wir Menschen kennengelernt, die uns alle, die an den Vorbereitungen beteiligt waren, tief bewegt und beeindruckt haben.

Thomas Höft entwickelte aus diesem Grundgedanken heraus ein schlüssiges und überzeugendes Konzept:

Sämtliche Dialoge wurden gestrichen und durch die Stimme eines Erzählers aus dem Off ersetzt, die knapp den Fortgang der Fidelio-Handlung schilderte. Diesen Erzähler-Text verfasste und sprach Thomas Höft selbst - klar und angenehm sachlich. Zwischen den einzelnen Nummern der Oper wurden dann zusätzlich insgesamt sieben Interviews eingebaut, die thematisch dazu passten. Das sah z. B. Im ersten Akt so aus:

Nr. 3,Quartett Marzelline, Leonore, Rocco, Jaquino: Mir ist so wunderbar

Video-Einspielung Jemshed und Anita aus Afghanistan

Nr. 4, Arie Rocco Hat man nicht auch Gold beineben

Sowohl der Erzähltext als auch die Video-Einspielungen waren so einfühlsam  in den Ablauf des Abends eingebaut, dass nie die Gefahr bestand, dadurch den musikalischen Gesamtbogen zu stören.

Das szenische Konzept passte ideal zur gegebenen Raumsituation: die Helmut-List-Halle ist ein Konzertsaal und keine Opernbühne.

Dieses Manko wurde geschickt genutzt. Die handelnden Personen agierten auf dem Podium - zwischen dem Chor, der  den ganzen Abend durchgehend auf der Bühne war, und dem davor sitzenden Orchester bzw. den unmittelbar daran anschließenden Publikumsreihen. Chor, Orchester, Solisten und Dirigent waren alle in jeansblauer Kleidung (Kostüme: Lilli Hartmann), ohne dass dies zwanghaft uniformiert wirkte. Dadurch wurde für mich sehr stark und überzeugend der Eindruck vermittelt, dass sich das Schicksal von Leonore und Florestan „unter uns“ abspielt - es sind menschliche Einzelschicksale, die es immer wieder gab und auch heute gibt.

Ein zentraler und entscheidender Pluspunkt der Produktion ist zweifellos der 40-jährige kolumbianische Dirigent Andrés Orozco-Estrada . Er ist inzwischen nicht nur weltweit gefragt, sondern auch in besonderem Maße mit Graz verbunden. Zu Beginn seiner Karriere war er nämlich von 2005 bis 2009 Chefdirigent des Grazers Orchesters recreation  - es bildet den Kern des diesmal spielenden styriarte-Festspielorchesters - , und nach dem Tode von Nikolaus Harnoncourt übernahm er am Pult des Concentus Musicus Wien Beethovens Neunte bei der styriarte 2016. Man weiß, dass ihm dieses Fidelio-Projekt besonders am Herzen lag und dass er auch in dessen szenische Gestaltung eingebunden war. Als Südamerikaner weiß er sehr gut Bescheid über Diktaturen, über Bestechlichkeit und über Entführung und Einkerkerung von Menschen. Er leitete die Aufführung mit großer Konzentration, nie nachlassender Spannung und dem ihm eigenen Temperament. Da war jede musikalische Feinheit präzise herausgearbeitet, die Tempi waren straff, aber nie gehetzt - und auch die lyrischen Ruhepunkte wurden wunderbar ausmusiziert. Unter seiner Leitung ist das Orchester geradezu über sich hinausgewachsen und bewältigte auch die heiklen Solostellen ausgezeichnet. In einem jüngst in Wien erschienenen großen Zeitungsinterview sagte Orozco-Estrada: Ich dirigiere um mein Leben. Dafür bin ich da. Diese Intensität übertrug sich an diesem Abend auf alle: auf Orchester, Chor, Solisten und Publikum - es war ein überaus intensiver und bewegender Abend.

Das Solistenteam gestaltete seine Partien mit merkbarer innerer Beteiligung. Johanna Winkel ließ sich zwar wegen Indisposition entschuldigen, war aber dennoch eine ausgezeichnete Leonore mit schlanker Stimmführung und überzeugender Ausstrahlung. Tetiana Miyus war eine exzellente Besetzung für die Marzelline, Thomas Stimmel ein Rocco mit großer Wortdeutlichkeit und lyrischer, ein wenig einförmiger, nicht allzu großer Bassstimme.  Jochen Kupfer (Pizarro) dominierte mit großem Stimmvolumen die Szene und man verzieh ihm dank seiner Intensität den verfrühten Einsatz im Quartett des 4. Aktes.

Schwächer leider die beiden Tenöre: Jan Petryka war ein stimmlich recht blasser Jacquino, der auch den Part des 1. Gefangenen übernahm und Johannes Chum  war an diesem Abend mit dem Florestan schlichtweg überfordert. Am Ende seiner Arie flüchtete er sich bei der gefürchteten Stelle führt mich zur Freiheit in’s himmlische Reich ins Falsett und er hatte seine seit Jahren bekannte und geschätzte Wortdeutlichkeit zugunsten von Vokalverfärbungen (zur Stimmvergrößerung?) aufgegeben. Schade - er sollte weiterhin beim Jacquino bleiben, wie zuletzt im Theater an der Wien und in Paris. Als Don Fernando war Adrian Eröd eine Klasse für sich. Mit seiner stimmlichen und darstellerischen Autorität zeichnete er großartig die Zwiespältigkeit dieser Ministerfigur. Franz M.  Herzog hatte den aus 14 Nationen zusammengesetzten und eigens für diese Aufführung gebildeten Fidelio-Chor ausgezeichnet vorbereitet. Der Laienchor im Alter zwischen 17 und 70 Jahren, darunter auch einige sangesfreudige Migrantinnen und Migranten, war mit großer Begeisterung und beachtlichem Niveau bei der Sache.

Am Ende gab es große Begeisterung und Bravorufe des Publikums - vor allem für Johanna Winkel, Tetiana Miyus und Adrian Eröd. Man hatte den Eindruck: Beethovens Botschaft in aktuellem Gewande war angekommen - das Publikum verließ begeistert, aber gleichzeitig bewegt und nachdenklich die Aufführung. Der styriarte und allen Ausführenden ist für eine außergewöhnliche Produktion zu danken!

 

Hermann Becke, 15. 7. 2018

Fotos: Styriarte, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-      Durch den zweiminütigen TV-Bericht bekommt man einen guten Eindruck, was mit dieser Produktion angestrebt wird

-      Und letztlich sei, angeregt durch diese vorbildliche Fidelio-Gestaltung,  auf ein seit zwei Jahren in Graz bestehendes flüchtlingspädagogisches Projekt hingewiesen, das unter dem Motto Keine Bildung ohne Kunst aktives Kunstausüben - darunter auch Singen! - in die Bildung der Halbwüchsigen zentral einbezieht. Ganz nach dem Nietzsche-Wort: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Wer sich für dieses Projekt, dem die Schulaufsicht „Vorbildcharakter“ bescheinigt, interessiert, findet hier weiterführende Informationen.

 

 

 

 

 

CLAUDIO MONTEVERDI, 8. MADRIGALBUCH

Monteverdi und Savall - ein musikdramatisches Wunder!

4. Juli 2018, Helmut-List-Halle

 

Die Auftritte von Jordi Savall mit seinen von ihm geleiteten Ensembles fanden seit Jahren bei der styriarte immer gegen Ende des Festivals statt und waren dann immer ein unbestrittener, ja ein nicht zu überbietender Höhepunkt. Heuer ist der programmatische  Ablauf ein anderer: Jordi Savall kommt zweimal nach Graz - einmal in der ersten Hälfte und dann nochmals am Ende des einmonatigen Festivals mit über 40 Veranstaltungen. Und dieser erste Auftritt, über den hier zu berichten ist, war so großartig und auf derart hohem Festspielniveau, dass man fürchten muss, dass viele der noch folgenden interessanten Programmpunkte daran gemessen werden …..

Das über 500 Notenseiten umfassende Achte Madrigalbuch von Claudio Monteverdi passt ideal zum Festspielmotto Felix Austria und ebenso ideal zu Graz, ist doch der Habsburger Kaiser Ferdinand II., dem das Werk ursprünglich zugedacht war, in Graz geboren und im Mausoleum neben dem Grazer Dom begraben. Dieses monumentale Bauwerk steht so wie die Musik Monteverdis am Übergang zwischen Renaissance und Barock.  Sein Sohn Ferdinand III., dem das Madrigalbuch letztendlich von Monteverdi gewidmet worden war, war ebenfalls ein gebürtiger Grazer.

Jordi Savall mit den von ihm gegründeten Ensembles La Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations hat seine Auswahl aus dem Madrigalbuch in zwei Teile gegliedert: vor der Pause erklangen reine Madrigale und ein Ballo - also ein Ballett mit Gesang - und nach der Pause die Stücke in genere rappresentativo , die der kraftvolle und unvergleichliche Beginn einer heute bald vierhundertjährigen Operngeschichte sind.

War man schon nach dem ersten Teil der ungeheuer plastisch und nuancenreich vorgetragenen Madrigale überzeugt, Zeuge einer maßstabsetzenden Interpretation sein zu dürfen, gab es im zweiten Konzertteil noch eine weitere Steigerung!

Hier erlebte man überaus eindrucksvoll und überzeugend die praktische Umsetzung des berühmten Wortes von Monteverdi L’orazione sia padrone del armonia e non serva - Das Wort sei Gebieterin der Musik (des Tonsatzes) und nicht ihre Dienerin.

Wenn man erlebte, wie hoch musikalisch, plastisch und spannungsvoll der überaus erfahrene Bariton Furio  Zanasi als Testo (Erzähler) in Il combattimento di Tancredi e Clorinda den Text von Torquato Tasso (auswendig!) rezitierte, wenn man die kurzen Einwürfe von Tancredi (Lluís Vilamjó ) und Clorinda (Marianne Beate Kiellandaufmerksam verfolgte, dann war dies wahrhaft Musiktheater auf höchstem Niveau, das sich auf wenige andeutende Gesten beschränken konnte, weil sich die gesamte Dramatik der Szene durch exzeptionelle Stimmkunst vermittelte. Text und Musik waren hier ideal verbunden. Und das Orchester musizierte ebenso hervorragend - stellvertretend seien für das exzellente Instrumentalensemble Manfredo Kraemer (Violine I) und Andrew Lawrence-King an der Doppelharfe genannt. Und Jordi Savall koordinierte das Ganze mit sparsamen, stets den Gesamtzusammenhang wahrenden Gesten. Es sei nochmals gesagt: das war höchste Kunst - da erlebte man ein musikdramatisches Wunder!

Die große Kunst von Jordi Savall besteht zweifellos unter anderem auch darin, dass er seine Gesangs- und Instrumentalensembles immer wieder neu zusammenstellt - jede/r einzelne unter ihnen ist ein Meister des jeweiligen Fachs und auch in anderen Zusammenhängen solistisch und in renommierten anderen Ensembles für Alte Musik aktiv. So erlebte man beispielsweise in Graz erstmals bei Jordi Savall den Bassisten Mauro Borgioni und die Sopranistin Monica Piccinini  - von beider Qualität konnte man sich bereits bei der Styriarte-Eröffnung in der Fux-Oper überzeugen (siehe dazu unten den OF-Bericht vom 24. Juni)

Als Gegenstück zum Kriegsmadrigal des Combattimento erlebte man danch das Liebesmadrigal Lamento della ninfa.

Monica Piccinini gestaltete mit großer, aber nie vordergründig zur Schau gestellten Kunstfertigkeit die Verzweiflung der verlassenen Nymphe - ebenso beeindruckend das homogene und dennoch individuell gefärbte Männertrio der die Nymphe belauschenden Hirten. Überaus subtil wurde die Liebesklage begleitet, ja gleichberechtigt  mitgestaltet von einem Instrumentalquartett - Bassviola, Doppelharfe, Theorbe und Jordi Savall an der Altviola und Koordinator. Auch diese Szene war ein Wunderwerk an Gleichrangigkeit von Werk und Interpretation.

Jetzt habe ich zwei Höhepunkte des Programms herausgegriffen - es sei aber ausdrücklich betont, dass auch die nicht erwähnten Gesangs-und Instrumentalsolisten ebenso hohes Niveau bewiesen. Daher seien zum Schluss alle Ausführenden aus dem online verfügbaren Programmheft angeführt:

La Capella Reial de Catalunya:

Monica Piccinini, Sopran

Marianne Beate Kielland, Mezzosopran

Raffaele Pe, Countertenor

Cyril Auvity, Tenor I

Lluís Vilamajó, Tenor II

Furio Zanasi, Bariton

Mauro Borgioni, Bass

Le Concert des Nations:

Manfredo Kraemer, Violine I

Guadalupe del Moral, Violine II

Jordi Savall, Altviola

Lorenz Duftschmid, Bassviola

Imke David, Bassviola & Lirone

Xavier Puertas, Violone

Andrew Lawrence-King, Doppelharfe

Josep Maria Martí, Theorbe & Gitarre

Luca Gugliemi, Cembalo

Leitung:

Jordi Savall

 

Ihnen allen verdanken wir einen Monteverdi-Abend höchster Qualität! Das Publikum in der ausverkauften Helmut-List-Halle war begeistert. Als Zugabe wiederholte das Ensemble das Petrarca-Sonett Hor che’l ciel e la terra.

Wir können uns heute schon auf das letzte Konzert der Styriarte 2018 freuen - da kommt Jordi Savall am 22. Juli mit einem Programm Krieg und Frieden - Ein klingendes Geschichtspanorama von Kaiser Maximilian I. bis zu Kaiser Karl V. Man kann nur allen Musikinteressierten dringend empfehlen: sich rasch um Karten bemühen!

 

Hermann Becke, 6. 7. 2018

Fotos: Styriarte, © Werner Kmetitsch

 

Ein kritisches Wort (samt Fotobeleg) kann ich mir am Ende dieser Eloge allerdings nicht verkneifen:

 

 

Der Umschlag des Programmhefts verschweigt Monteverdi und Savall und vermittelt den Anschein, als sei das Achte Madrigalbuch vom Sponsor des Abends - vom international tätigen Zellstoff-Unternehmen sappi . Bei allem Verständnis für unverzichtbares und zu bedankendes Kultursponsoring: das ist ein Fehlgriff in der Programmheftgestaltung!

 

 

 

LE CINESI

30. Juni 2018, Helmut List Halle & Glücksgarten

Fest für Maria Theresia mit Glucks Oper

Die styriarte schreibt auf ihrer Homepage :

Die Helmut List Halle, wo wir 2018 mit dem Fux.OPERNFEST in eine neue Zukunft aufbrechen (der OF berichtete - siehe unten), bekommt mit diesem Garten für die Dauer der styriarte 2018 einen Wohlfühlplatz dazu. Teile unserer Produktionen spielen direkt in diesem Garten, und immer lädt er in unseren Konzertpausen und nach den Vorstellungen zum Verweilen, zum Flanieren, zum Reden, zu einem kleinen Imbiss oder Drink ein.

Das Konzept  ist durchaus klug und praxisorientiert:

Man fügt selten gespielte, klein besetzte Werke mit geringem szenischem Aufwand unter einem Motto zusammen. Intendant Mathis Huber sagte in einem InterviewMan soll Leute mit seinen Projekten nicht belehren, sondern sie unterhalten. Und indem man sie in eine angenehme Situation bringt, öffnet man sie für Ideen, denen sie sich sonst verschließen würden.

Und das Publikum kommt in erfreulich großer Zahl, genießt schon vor Vorstellungsbeginn in dem in einem Zelt aufgebauten und von einem Haubenkoch betriebenen Restaurant „Im Glücksgarten“ ein styriarte-Menü (vom Berichterstatter bereits ausprobiert und mit Überzeugung weiterempfohlen!), tritt dann in den Garten und erfreut sich an einer Joseph Haydn zugeschriebenen Feldparthie - animiert und frisch gespielt.

Der berühmteste Satz dieses Divertimentos, das in der ursprünglichen Besetzung  mit zwei Oboen, zwei Hörnern, drei Fagotten und Serpent erklang, ist jener Chorale St. Antoni, den Brahms später als Thema seiner Haydn-Variationen unsterblich machte. Weder weiß man, ob das Divertimento wirklich von Haydn stammt, noch, was es mit dem eigenartigen Choral auf sich hat. Im November 1870 fand jedenfalls Brahms das Divertimento bei einem befreundeten Haydnforscher in Wien und notierte sich das Choralthema, ungeachtet der Zweifel an der Echtheit, die schon damals bestehen mussten.

Nach dieser Einleitung wurde das Publikum in den Saal gebeten - und nun ging es um Maria Theresia. Im Programmheft ist zu lesen:

Im September 1754 kam es zu einem denkwürdigen Besuch des

Kaiserpaars auf Schloss Hof in Niederösterreich, dem wir eine der

schönsten Opernminiaturen des 18. Jahrhunderts verdanken: „Le

Cinesi“ von Christoph Willibald Gluck. Der Titel heißt auf Deutsch

„Die Chinesinnen“, denn ursprünglich hatte der Wiener Hofdichter

Metastasio diese einaktige Oper für drei junge Frauen ohne männ-

lichen Beistand geschrieben. Es waren keine Geringeren als die

achtzehnjährige Maria Theresia, ihre jüngere Schwester und eine

Hofdame. Dass die Kaiserin in ihrer Jugend leidenschaftlich gerne

sang, war bekannt, und die Rolle der Chinesin Lisinga war ihr wie

auf den Leib geschneidert. Inzwischen aber waren zwei Jahrzehnte

ins Land gegangen. Aus der Erzherzogin war die Königin von

Ungarn und Gemahlin des Kaisers geworden, und Antonio Calda-

ras Musik von 1735 hatte Patina angesetzt. Unvermindert populär

war hingegen das Thema der Oper, die Chinoiserie, also die Imi-

tation des reichen China in Kostüm, Dekor und Handlung. Im

Rokoko der 1750er-Jahre hatte das Interesse daran eher noch

zugenommen. Daher kam der Schlossherr in Schloss Hof auf eine

geniale Idee, um das Kaiserpaar zu unterhalten: Er ließ „Le Cinesi“

von seinem Kapellmeister Gluck neu vertonen, ließ von Metastasio

eine männliche Figur in die Handlung hineindichten und umgab

das Ganze mit dem Flair grandioser Opernstimmen und einer

unglaublich kostbaren Inszenierung.

Der damaligen Hofkapelle gehörte der 15-jährige Carl Ditters von Dittersdorf als Geiger an. Dieser hatte im Alter seine Memoiren verfasst und darin ausführlich über das Fest auf Schloss Hof berichtet.

Bevor die Gluck-Oper erklang, spielte also das Orchester recreationBAROCK  unter der Leitung des jungen steirischen Dirigenten Erich Polz eine der griechischen Mythologie gewidmete Sinfonie von Dittersdorf. Der Styriarte-Dramaturg und Regisseur des Abends Thomas Höft trat auf in der von ihm so geliebten Rolle als Moderator, Präsentator - manche meinen wohl auch als institutionalisierter „Styriarte-Hofnarr“ - und trug zwischen den Sätzen der Sinfonie das entsprechende Kapitel aus den Dittersdorf-Lebenserinnerungen in der ihm eigenen überspitzten Manier  vor (der Dittersdorf-Text ist übrigens im Internet hier vollständig verfügbar).

Der Dirigent sorgte bei Dittersdorf für ausgewogene musikalische Ruhe ohne je zu schleppen - besonders schön gelang der ruhige Beginn mit dem großen Oboen-Solo. Das Orchester spielte konzentriert und mit spürbarem Engagement. Die Dittersdorf-Sinfonie war jedenfalls ein musikalischer Höhepunkt des Abends.

Nach der Pause erklang dann die Gluck-Oper, das Auftragswerk für Maria Theresia. Die Handlung wurde nicht durch die Rezitative vermittelt (man schaue sich den umfangreichen Text im Originallibretto an), sondern durch den auf offener Bühne zum pittoresken Chinesen eingekleideten Erzähler Thomas Höft. Das ist an sich eine sehr plausible Idee - endlose italienische Rezitative ermüden den heutigen Hörer. Aber die mit manieriertem Genuss vorgetragene Textfassung - inklusive Einbau der MeToo-Debatte - sorgte für eher platten Humor. Die Sängerbesetzung war gut, aber nicht außergewöhnlich - Elisabeth Breuer  führte als höhen-und koloraturensichere Silvene das Damentrio sicher an, Monika Schwabegger als Lisinga und Anna Manske als Tangia waren stilsichere und spielfreudige Mezzos, aber eigentlich sieht die Partitur Contraltos vor und so hatten sie beide ein wenig mit der Tiefe zu kämpfen. Ganz kurzfristig war der isländische Tenor Benedikt  Kristjánnsson eingesprungen - er machte seine Sache ausgezeichnet. Die Kostüme von Lilli Hartmann waren köstlich und gebührend prächtig -  warum das Stück allerdings in einem derart hässlichen Bad spielen muss, erschloss sich mir nicht.

Insgesamt war das Ganze doch allzu vordergründig-klamaukhaft umgesetzt. Dazu kamen leider bei Gluck auch musikalisch so manche nicht zu überhörende Koordinierungsprobleme zwischen Orchester und Solisten. Es war ein heiterer, ein vergnüglicher Abend - weder bei der Solisten-, noch bei der Orchesterbesetzung darf allerdings einen Qualitätsvergleich zur Fux-Eröffnung anstellen.

Hermann Becke, 1. 7.  2018

Fotos: Styriarte, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-        Auf Youtube finden sich interessante Vergleichsaufnahmen von Glucks Opernminiatur: im Jahre 2014 gab es am Uraufführungsort im Schloss Hof in Niederösterreich eine szenische Aufführung (übrigens auch damals mit Anna Manske als Tangia) - Sie finden die vollständige Aufnahme hier . Und im Jahre 2017 hat Fabio Bondi in Valencia das Werk konzertant aufgeführt - hier ist diese Aufnahme. Und dann gibt es noch die Audioaufnahme unter René Jacobs und der Schola Cantorum Basilienis u.a. mit Anne Sofie Otter - sie findet man auf der  Website der Styriarte.

 

 

 

 

J. J. FUX: JULO ASCANIO, RE D`ALBA

Ein Opernfest - musikalisch großartig!

22. Juni 2018, Helmut List Halle & Glücksgarten

 

Passend zur Hundertjahrfeier der Republik Österreich hat die STYRIARTE 2018 (22. Juni bis 22. Juli)  das Motto  „Felix Austria“ gewählt und mit einem barocken Opernspektakel eröffnet, das den Auftakt zu einer mehrjährigen Serie von Werken des steirischen Komponisten Johann Joseph Fux bildet. Dieser hatte seine Serenata „Julo Ascanio, Re d’Alba“ zum Namenstag Kaiser Josephs I komponiert. Sie war am 19. März 1708 in der Wiener Hofburg als Höhepunkt eines

„Hofgalatags“ von typisch barockem Gepränge uraufgeführt worden und wurde nun wieder zu szenischem Leben erweckt.

Mit ihrem ersten Fux.OPERNFEST betritt die styriarte neue Gärten der Kunst, sowohl was die Figur betrifft, die im Zentrum steht (der steirische Superstar der Barockmusik Johann Joseph Fux), als auch was das Format betrifft, das Opernfest. Für dieses Format hat die styriarte heuer einen Garten erschaffen, in dem Sie sich vielleicht jetzt gerade aufhalten. Der Garten und das Fest sind nicht Rahmen, sie sind Teil unserer Vorstellung. Und in der Mitte unseres Festes erklingt die älteste erhaltene Oper von Johann Joseph Fux, „Julo Ascanio“ aus dem Jahr 1708 - das schreibt styriarte-Intendant Mathis Huber im Programmheft.

Und so wird das Publikum vor Beginn der Opernaufführung zunächst zu einem Aperitif in den neben der Listhalle neu errichteten Glücksgarten geleitet und dort von Johann Joseph Fux persönlich ( einprägsam gespielt von Christoph Steiner) und einem Spezialensemble für historische Volksmusik launig begrüßt.

Nach diesem Prolog im Freien nimmt das Publikum im Saal Platz und das Ensemble Zefiro unter seinem Leiter Alfredo Bernardini tritt auf - hinter dem Orchester ein karges Podium mit der in der List-Halle (nicht zuletzt aus akustischen Gründen) bewährten gekrümmten Rückwand, auf die die üppigen, sich stets wandelnden und meist floralen Bilder projiziert werden, die die Medienproduktionsfirma  OchoReSotto geschaffen hat. Mir hat sich nicht erschlossen, was diese Projektionen mit dem Stück zu tun haben und inwiefern sie eine „barocke Zauberbühne“ suggerieren sollten - das in der Programmankündigung heraufbeschworene „visuelle Erlebnis“ war es zumindest für mich nicht.

Auch die statische Inszenierung von Wolfgang Atzenhofer hatte erst im Finale einige wenige theatralisch-heitere  Einfälle, sonst blieb es eher bei der ermüdend-gleichförmigen Aufeinanderfolge von Rezitativ und Soloarie ohne szenische Belebung. Einzig die drastisch-prächtigen Kostüme von Lilli Hartmann trugen Wesentliches dazu bei, dass doch ein wenig Barocktheater spürbar wurde.

Großartig und wahrhaft festspielwürdig war allerdings die musikalische Umsetzung. Das Zefiro Barockorchester unter Alfredo Bernardini interpretierte die Fux’ Vertonung in ihrem weitgespannten Spektrum wunderbar plastisch und leuchtete die  Stimmungen differenziert aus. Virtuose Soloinstrumente wie Chalumeaux, Cembalo, Trompete, Gamben und Fagotte boten besondere Klangfarben. Und dazu kamen auch noch fünf ausgezeichnete Gesangssolisten.

Kai Wessel  gehört zweifellos zu den führenden Vertretern seines Fachs und war ein idealer Interpret der Titelfigur. Sein durchaus viriler Altus ist souverän in allen Lagen geführt und er gestaltet mit wenigen stilisierten Gesten überzeugend die Königsfigur. Die von Ascanio verehrte und zunächst verfeindete Emilia verkörpert die junge römische Sopranistin Arianna Vendittelli stimmlich und optisch mit herber Schönheit - großartig beispielsweise ihre von Fagotten drastisch begleitete Arie T’aborrisco,ah!

Ihr Bruder und Gegenspieler Ascanios ist der Barockspezialist Mauro Borgioni , der mit plastischer Rezitativartikulation, szenischer Präsenz und Koloraturengewandtheit auffällt. Den Ascanio-Vertrauten Teucro gibt Valerio Contaldo mit sicherem und robustem Tenor. Die in der internationalen Barockszene arrivierte Sopranistin Monica Piccinini gestaltet mit klarer Stimme die Mutterfigur, die für das Happy-End sorgt und die am Ende die - von den Holzbläsern wunderschön begleitete - Licenza auf den Habsburger-Kaiser anstimmt. Im Schlussstück vereinen sich dann alle fünf Solostimmen zum Chor und alles endet im Tanzrhythmus, den der Choreograph des Abends Jörg Weinöhl in heitere Ausgelassenheit umsetzt. Man ist im letzten Viertel des etwa 1 ½ Stunden dauernden Stückes geradezu dankbar, dass (endlich!) durch die Choreographie etwas Leben in die statische Abfolge von Rezitativ - Arie (und das 14 Mal!) kam. Und so gab es ein versöhnlich-heiteres Ende mit großem Beifall des Publikums.

Aber damit war der Abend noch lange nicht zu Ende: Das Publikum wurde wieder in den Garten geleitet und zunächst mit Speis und Trank gelabt. Dazu gab es ein reichhaltiges Volksmusikprogramm, das eindrucksvoll dokumentierte, wie sehr der gestrenge Musiktheoretiker Johann Joseph Fux in seinen Werken (etwa im Concentus Musico-Instrumentalis) aus der Volksmusik geschöpft hat. Leider spielte das Wetter nicht mit - es hatte zwar aufgeklart, aber es blies ein kalter Wind und es hatte kaum 14 Grad. Das Publikum zog sich in die Zelte zurück und der liebevoll angelegte Garten blieb recht leer.

Das war ganz einfach kein Wetter für Freiluftaufführungen - und ich gestehe, dass ich bei diesem Wetter - wie so manch anderer Gast - nicht mehr die für den Schluss angekündigte Aria abwartete, die aus der Hand von Kaiser Joseph I stammt.

Wie auch immer: das musikalische Niveau dieser Styriarte-Eröffnung war sehr hoch - und man lernte eine Fux-Oper kennen, die durch ihre farbige Vielfalt, nicht aber durch dramatische Kraft überzeugte. Man kann gespannt sein, welche Fux-Entdeckungen für die nächsten Jahre zu machen sein werden.

 

Hermann Becke, 23. 6. 2018

Fotos: Styriarte, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-      Weitere Vorstellungen am 23. und 25. Juni 2018

-      Das vollständige Programmheft

-       Eine wertvolle Verbindung ist  die Kooperation von Styriarte und der am IKM der österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelten Fux-Ausgabe: Eigens für das Fux.Opernfest wurden hier Aufführungsmaterialien erstellt, die nach dem Konzert als ‚praxiserprobte‘ Stimmen open access auf www.fux-online.at zum Download zur Verfügung stehen werden. Darüber hinaus wird das Werk in die gedruckte Ausgabe Johann Joseph Fux – Werke aufgenommen.

 

 

 

 

 

 

  

STYRIARTE 2017

Tanzmusik aus Frankreich, Deutschland und Peru

21. und 23. Juli 2017, Helmut-List-Halle

Prächtiger Styriarte-Abschluss mit JORDI SAVALL

Jordi Savall ist eine der vielseitigsten Persönlichkeiten unter den Musikern seiner Generation. Seit mehr als fünfzig Jahren macht er die Welt mit musikalischen Wunderwerken bekannt, die er dem Dunkel der Gleichgültigkeit und des Vergessens entreißt. Er widmet sich der Erforschung der Alten Musik, weiß sie zu lesen und interpretiert sie mit seiner Gambe oder als Dirigent - so liest man im Programmheft.

Was nicht im Programmheft steht: Mit Graz besteht eine besondere und jahrzehntelange Verbundenheit. Das Grazer Konzertpublikum füllt bei jedem seiner Auftritte den Saal und feiert den Meister stets begeistert. In diesem Jahr ist er in ununterbrochener Reihenfolge zum 25. Male Gast der Styriarte. Aber er war schon lange davor zum ersten Male in Graz: schon im Jänner 1975, knapp nach Savalls erster Orchestergründung, gastierte er in Graz mit dem Gamerith-Consort in kleinem Rahmen und interpretierte deutsche und englische Barockmusik, darunter auch die „Musicall Humors“ von Tobias Hume, die er dann 40 Jahre später auch bei der Styriarte spielte.

 

Terpsichore - Ballett-Suiten von Jean-Féry Rebel und Tafelmusik von Georg Philipp Telemann (21. Juli)

Sein erstes Styriarte-Konzert in diesem Jahre bestritt Jordi Savall mit dem von ihm gegründeten Orchester Le Concert des Nations . Zu Beginn erklangen Werke von Jean-Féry Rebel (1666 - 1747), dem ersten Meister der Ballettmusik in der französischen Musikgeschichte - so etwa Les Caractères de la Danse. Da werden in prägnanter Kürze fast alle Standardtänze der französischen Suite vorgestellt. Jordi Savall - an diesem Abend „nur“ Dirigent - leitete mit sparsamen, konzentrierten Gesten das exzellente 22-köpfige Ensemble. Alle Orchestermitglieder sind zweifellos Spezialisten auf ihren jeweiligen Instrumenten - vielleicht kann man diesmal speziell den Konzertmeister Manfredo Kraemer und die beiden Flöten sowie das stimmführende Violoncello besonders hervorheben. In der die Caractères abschließenden Sonate ist mir das besonders dicht und gleichmäßig, geradezu sturmartig anschwellende Crescendo in Erinnerung geblieben. Ein wahrhaft pittoreskes Orchesterstück ist das dem Programm den Namen gebende La Terpsichore mit seinem illustrativen Kriegslärm.

Nach der Pause wird dem französischen Ballettmeister der diesjährige deutsche Jahresjubilar Georg Philipp Telemann (250. Todesjahr) mit seiner Ouvertüre „La Bizarre“ und Ausschnitten aus seiner Tafelmusik gegenübergestellt. Das geradezu atemlose Presto und das abschließende Furioso - als Zugabe am Ende wiederholt - machen gebührenden Effekt und rufen begeisterten Beifall hervor. Als erste Zugabe ein Stück aus dem Übergang von der Renaissance zum Barock für Louis XIII, dann die erwähnte Telemann- Wiederholung - und weil der Beifall noch immer nicht nachließ, folgte ein wohlbekannter „Savall-Schlager“: die effektvolle Marche pour les Matelots von Marin Marais, die hier nachgehört werden kann.

 

Fiesta Criolla - Cachuas, religiöse und weltliche Tänze aus Peru (23. Juli)

An diesem Abend trat Jordi Savall mit drei Ensembles auf: er führte das von ihm 1974 gegründeten Ensemble für Alte Musik Hespèrion-XXI und das ebenfalls von ihm gegründete Vokalensemble La Capella Reial de Catalunya mit dem mexikanischen TEMBEMBE-Ensamble-Continuo zusammen, um peruanische Musik aus dem „Codex Trujillo del Perú - 1780-1790“ aufzuführen. Im Programmheft liest man über diesen Codex:

Als um 1780 der Bischof von Trujillo, Baltazar Jaime Martínez Compañón, eine umfassende Bestandsaufnahme der alltäglichen Kultur im Peru seiner Zeit beauftragte, wollte er sich ein Denkmal setzen. Heute überwiegt ein anderer Aspekt: Der Bischof hinterließ eine einmalige Dokumentation des Alltagslebens, in der auf tausenden Blättern nicht nur Aquarelle die Menschen und ihre Tätigkeiten einfangen, sondern auch ihre Musik verewigt wurde. Genau 20 Tänze sind es, die der Codex überliefert, und in Jordi Savall und seinen Musikern findet dieser einmalige Blick in eine fremde Welt den beredtsten Anwalt für deren Vergegenwärtigung.

Und es hat sich gefügt, dass das Thema ganz aktuell und Bestandteil der Tagespolitik ist! Worum geht es:

Der Codex liegt in Spanien. Unlängst wollte das Museum in Lima bei einer Versteigerung neu aufgetauchte Aquarelle erwerben, aber Spanien erließ ein Ausfuhrverbot, weil es sich um „spanisches Kulturerbe“ handle.

Die Empörung in den lateinamerikanischen Staaten, insbesondere in Peru, war massiv und ist bis heute nicht abgeklungen. Wie kann es sein, dass das Land der Kolonisatoren, das über Jahrhunderte Unrecht und Versklavung nach Amerika brachte, immer noch die Errungenschaften der Lateinamerikaner für sich in Anspruch nimmt?

Inzwischen hat man einen Kompromiss gefunden - die Aquarelle gingen als Dauerleihgabe an das Museum in Lima. Ende Juni ist in der Kunstzeitschrift artnet.news ein reich bebilderter Bericht über den Codex Trujillo und den Streit zwischen Spanien und Peru erschienen. Es lohnt sich unbedingt, die Bilder anzuschauen - sie vertiefen den Eindruck, den man im Konzert durch die Musik gewonnen hat.

Jordi Savall leitete die Fiesta Criolla als Mitspieler auf der Diskantviola mit ruhiger Autorität - mit kleinen Kopf- und Körperbewegungen, mit Blicken oder mit dem Bogen dirigierend und das große Ensemble souverän zusammenhaltend. Das temperamentvolle Musizieren ließ geradezu vergessen, dass nicht auch getanzt wurde. Man hatte die seltene Gelegenheit, einmal durch großartige Musiker und Musikerinnen zu erleben, wie eine Musik entstanden ist, die sich aus europäischen, afrikanischen und indigenen Elementen zusammenfügt. Das Publikum in der ausverkauften Konzerthalle war begeistert und wurde bei den Zugaben mit einer Wiederholung der Tonadilla „El Palomo“ und mit einer Ciaconna belohnt. Jordi Savall und seine verschiedenen Musikgruppen bleiben in Graz besondere Publikumslieblinge - mit ihnen fand die Styriarte 2017 ein effektvolles und höchst qualitätsvolles Ende.

 

Daten der nächsten Styriarte: 22. Juni bis 22. Juli 2018 - der Opernfreund wird wieder berichten!

25. 7.  2017, Hermann Becke

Fotos: Styriarte

 

Hörhinweise:

- Das Konzert (Rebel und Telemann) vom 21.7. kann am 11. 8. hier im ORF nachgehört werden

-   Jordi Savall und seine Ensembles haben im Exklusivlabel AliaVox ein Riesenangebot von CDs, DVDs und Hörbüchern. Der peruanische Codex scheint da noch nicht auf - aber ich bin überzeugt, auch diese Lücke wird in Savalls Medienkatalog bald geschlossen sein. Wer allerdings schon jetzt ein wenig in diese peruanische Musik hineinhören will, der muss sich noch mit Aufnahmen anderer Ensembles begnügen - ein Beispiel findet sich hier

 

 

 

MARGARITA

15. Juli 2017, vor dem Schloss Schielleiten

Ergötzliches Barockopern-Pasticcio mit Pferdeballett

Gleich vorweg: Das Konzept ist aufgegangen - Styriarte-Intendant Mathis Huber kündigte für die zentrale Produktion dieses Jahres an: keine „Rekonstruktion“ eines ganz spezifischen Festes, sondern eine – durchaus augenzwinkernde – Vergegenwärtigung einer vergessenen Kunstform zwischen Fest, Oper und Reitkunst

Und so war es - es war wahrhaft ein opulentes Fest, das durch fünf Stunden die Besucher mit den unterschiedlichsten Vergnügungen erfreute - ein barockes  Gesamtkunstwerk unserer heutigen Zeit! Das Fest ist inspiriert von einer Kaiserhochzeit vor 350 Jahren. Im Jahre 1667 heiratete der Habsburger und deutscher Kaiser Leopold I die spanische Infantin Margarita. Aus diesem Anlass kam es im Rahmen der ausgedehnten Feierlichkeiten zur Aufführung der Festa a Cavallo „La Contesa dell’aria e dell’acqua“, also des Freudenfestes zu Pferde „Der Wettstreit von Luft und Wasser“ im großen Wiener Burghof. Das war eine mit Kulissenwagen, aufwendigsten Theatermaschinen und Musik vom Hofkapellmeister Antonio Bertali erzählte Geschichte, in deren Verlauf auch tanzende Pferde zur Musik von Johann Heinrich Schmelzer auftraten, darunter Speranza, das Lieblingspferd des Kaisers, geritten von Leopold selbst.

Soweit also der historische Anlass, der vom Styriarte-Dramaturgen Thomas Höft geschickt in ein Libretto für ein köstliches Opern-Pasticcio verarbeitet wurde.

Das Schloss Schielleiten liegt etwa eine Autostunde von Graz und eineinhalb Stunden von Wien entfernt. Die Parkplätze sind weit weg, aber durch einen Shuttle-Dienst ist der Veranstaltungsort mit seinem über 40 Hektar großen Park gut erreichbar. Schon wenn man ankommt - diesmal bei strahlender Sonne, klarer Fernsicht, aber kühlem Wind - ist man in einer anderen, in einer friedlich-ländlichen Welt.

Die freundlichen Mitarbeiterinnen der Styriarte reichen dem schon drei Stunden vor Beginn der Opernaufführung ankommenden Gast Apfelschaumwein aus der Region als Aperitif und das informative Programmheft  - beides kostenlos(!). Gott sei Dank findet man im Programmheft einen Lageplan, um sich im weitläufigen Gelände zurechtzufinden.

Denn man will möglichst viele der angebotenen Reize genießen: das dreigängige Festmenü, eine Weinverkostung am Schlossweiher, ein spanisch-maritimes Tapas-Buffet, edle Champagner Auswahl in der Champagner-Lounge….. - und natürlich gibt es begleitende Barockmusik von Schmelzer, Biber sowie Tanzmusik des 17. und 18.Jahrhunderts, dargeboten von den Mitgliedern der Neuen Hofkapelle Graz, die in die reizvollen Kostümen der Generalausstatterin des Festes Lilli Hartmann gekleidet sind und wie aus der Natur herausgewachsen wirken.

Nachdem man durch den Schlosspark gewandert ist und sich mit Musik, Speis und Trank gelabt hat, nähert man sich dem eigentlichen Veranstaltungsort für die barocke Opernaufführung mit dem Pferdeballett.

Vor der spätbarocken Schlossfassade ist ein Podium aufgebaut mit einem floral-bunten Bühnenportal nach der Art eines Papierausschneidebogens - und davor liegt ein Reitplatz zwischen den beiden großen Zuschauertribünen, die insgesamt 1200 Gäste aufnehmen können. Viele des Publikums sitzen schon lange vor Vorstellungsbeginn auf ihren Plätzen, um die ungarische Reitertruppe Epona beim Training mit ihren  feurigen Andalusierhengsten zu beobachten. Sobald sich diese zurückgezogen haben, ist es fast ein wenig wie in Bayreuth: der Trompeten Consort Innsbruck lädt mit markigen Signalen das Publikum ein, endgültig die Plätze einzunehmen.

Und dann betritt der Tausendsassa Thomas Höft die Bühne - ganz im Sinne des Zettel im Sommernachtstraum: Lasst mich den Löwen auch spielen ist er Autor der Dialoge, ist Regisseur, ist mitverantwortlich für die musikalische Konzeption und tritt auch selbst als Schauspieler auf - als Obersthofmeister Eusebius Lobkowics. Wenn man Name und Titel liest, denkt man, das sei eine Erfindung im Geiste von Herzmanosky-Orlando - aber nein: diesen Vertrauten des Kaisers Leopold I gab es wirklich, wie man bei  Wikipedia nachlesen kann.

Wie ich weiß, scheiden sich bei Thomas Höft die Geister im Publikum - da gibt es leidenschaftliche Verehrer(innen!), aber auch ebenso enragierte ablehnende Stimmen. Ich finde, diesmal war Thomas Höft als moderierender Haushofmeister und Verfasser eines klugen Librettos ganz recht am Platz. Wie auch immer die Meinungen sind, man merkt, er genießt die Bühne und das von ihm konzipierte Spektakel, das geschickt Mythologisches mit der Kaiserhochzeit verbindet. Musikalisch erleben wir ein reichhaltiges Pasticcio mit Arien von Cavalieri, Cavalli, Cesti, Stradella und vom Kaiser Leopold I selbst. Dazwischen gibt es fünf Pferdeballette nach der Musik von Johann Heinrich Schmelzer - ganz so wie beim historischen Hochzeitsfest.

Die Reiterinnen und Reiter der ungarischen Gruppe Epona leisteten mit ihren recht selbstbewussten andalusischen Hengsten Außergewöhnliches und erhielten wiederholt verdienten Szenenapplaus. Auch als Nichtfachmann konnte man sehr schön das nachvollziehen, was die Pferde-Choreographin Dorottya Borsó schreibt: Pferde sind sehr fleißig und klug….. Und sie wollen etwas tun. Also spielen. Und zum Beispiel ist eine Traverse, die wir im heuti­gen Programm häufig sehen werden, eine schwierige und keine natürliche Figur. Aber sie sind doch aus natürlichen Bewegungen abgeleitet… Man kann gar nichts erzwingen. Pferde sind individuell. Und nach ein paar Jahren zeigt sich, für was sie geeignet sind. Springer zum Beispiel sind sehr nervöse Tiere. Die wollen springen. Die Schwierigkeit ist nur, sie zur rechten Zeit springen zu lassen. Sie wollen nämlich nicht warten, sondern gleich loslegen.

Ebenso hervorragend sind alle Instrumentalisten - der Trompeten-Consort Innsbruck  (Leitung: Andreas Lackner) und die Neue Hofkapelle Graz (NHG ) unter der Leitung ihrer Konzertmeisterin Lucia Froihofer und des Cembalisten und Flötisten Michael Hell, der auch für die musikalische Gesamtleitung und die musikalische Konzeption verantwortlich ist. Besonders beschwingt und animierend werden die geradezu jazzig daherkommenden heiteren Intermezzi musiziert. Auch das Sängerteam ist wirklich gut und ausgewogen: die klare Sopranistin Julla von Landsberg als La Musica im Prolog und dann als strahlende Margarita, um die sich alles dreht. Flavio Ferri-Benedetti ist ein Koloraturen-gewandter und spielfreudiger Altus, der vielleicht noch etwas prägnanter artikulieren könnte. Daniel Johannsen als Tenor ist ein würdevoller Kaiser, der seinen Part sehr farbenreich und differenziert vorträgt. Jochen Kupfer spielt souverän seine internationale bassbaritonale Erfahrung an großen Häusern aus und beeindruckt mit großen Tönen, aber auch Stimmbeweglichkeit in den Verzierungen. À propos Töne: eine angeblich erstmals eingesetzte Mikrophon- und Lautsprechertechnik bewährte sich sehr - man hörte alle feinen Nuancen und hatte nie den Eindruck von steriler Künstlichkeit.

Es war ein lebendiges zweistündiges Spektakel, zu dem auch die beiden Buffo-Figuren (Hofzwerg Thomas Gartner und Hof-Riese Martin Schober) ihren Teil beitrugen.

Die Styriarte hat mit dieser Aufführung  - nach dem Tode von Nikolaus Harnoncourt, der bisher das zentrale Element des Festivals war - wohl eine neue Perspektive für die nächsten Jahre eröffnet. Nach einem aktuellen Radio-Interview mit dem Intendanten Mathis Huber, dürfen wir uns „in den nächsten sechs bis sieben Jahren“ auf ähnliche Projekte freuen - mit einem Schwerpunkt auf den steirischen Barockkomponisten Johann Joseph Fux - da gibt es insgesamt 18 kaum bekannte und gespielte Opern zu entdecken…..

Es ist schon, wie eingangs gesagt wurde: heute geht es nicht um eine sterile Kopie alter Aufführungspraktiken - es sind neue und zeitgemäße Aufführungsformen zu finden, die Vergangenheit und Gegenwart verbinden - das ist diesmal sehr erfolgreich gelungen.

 

16. 7.  2017, Hermann Becke

Fotos: Styriarte, © Werner Kmetitsch (soweit nicht anders angegeben)

 

Hinweis:

Noch 6 Tage ist die Liveaufnahme der besprochenen Aufführung verfügbar- sie ist allen Freunden barocker Lebensfreude unbedingt zu empfehlen!

 

Tanzende Derwische und Händel

Telemann-Wassermusik

7. Juli und 11. Juli: Helmut-List-Halle

Was haben türkisch-syrische Musik für tanzende Derwische und Händel/Telemann mit ihren Wassermusiken Gemeinsames??

Wenn man zwei Styriarte-Konzerte mit diesen konträren Programmen besucht und dann darüber berichtet, entdeckt man überrascht so manches, was verbindet!

Ensemble Sarband und tanzende Derwische (7. Juli)

Auf der Homepage des seit über 30 Jahren bestehenden Ensembles liest man: „Sarband bedeutet Verbindung. In der nahöstlichen Musiktheorie steht dieser Begriff für die improvisierte Verbindung zwischen Teilen einer musikalischen Suite. Das Ensemble Sarband lädt Hörer wie auch Musiker mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen dazu ein, «zusammen zu finden», «verbunden» mit musikalischen Erfahrungen, die zuvor vielleicht als fremd wahrgenommen wurden.“

Diesmal brachte das Ensemble ein Programm nach Graz, in dem Musik und Tanz religiöser Ausdruck sind. Die Tänze der „Wirbelnden Derwische“ aus der Türkei und aus Syrien wurden mit Instrumentalmusik und Gesängen begleitet, vor allem nach Texten des muslimischen Mystikers Rumi aus dem 13.Jhdt. Der Großteil der Musik, die an diesem Abend erklang, stammte aus dem 17. Jahrhundert. Im Programmheft heißt es dazu:

Nehmen wir nur eine musikalische Hauptfigur unseres Programms:

Alî Ufkî, der eigentlich Wojciech Bobowski hieß und an den osmanischen Hof entführt wurde, wo er eine unglaubliche Karriere machte. War der nun Pole oder Türke? War er Muslim oder Christ? Im Endeffekt beides. Und mehr als das. Er hat alles aus seinem Leben geschöpft, was man schöpfen kann und unvergleichliche Kunst hinterlassen. Und das macht

ihn so beispielhaft.

Der Abend begann mit der Rezitation einer Koransure und es war ganz erstaunlich, mit welcher Konzentration das über 1000-köpfige Publikum das ohne Pause ablaufende Programm von etwa 80 Minuten aufnahm. Am Ende wurden Musiker und Tänzer mit großem Beifall bedacht.

Dank der Hinweise im Programmheft konnte man auch sehr schön den Unterschied im Tanzstil zwischen den türkischen und syrischen Derwischen erkennen: „Die türkischen Mevlevi betonten – als Teil einer asiatischen Kultur – mehr die stille innere Versenkung. Die arabischen

Bruderschaften – bei uns ein Mavlavya-Derwisch aus Syrien

– konzentrierten sich zunehmend auf die nach außen gekehrte Ekstase, das göttliche Theater, denn die arabische Welt ist auch ein Teil Afrikas.“

Bei den türkischen Derwischen sah man deutlich diese innere Versenkung - etwa wie beim Drehtanz die rechte Handfläche nach oben zeigt, um den Segen Gottes zu empfangen, und wie die linke Handfläche nach unten weist, um den Segen in dieser Welt zu verteilen. Beim syrisch-arabischen Derwisch stand das Theatralische im Vordergrund. Einen kleinen Eindruck bekommt man, wenn man sich das kurze Video ansieht, das der Veranstalter von der Zugabe zur Verfügung stellte.

Nach der konsequent durchgehaltenen Konzentration haben sich dann letztlich doch die westlichen Konzertgewohnheiten durchgesetzt - eine Zugabe musste sein, auch wenn sie nicht zum streng rituellen Ablauf des religiösen musikalisch-tänzerischen Programms passte. Sie war aber eben die Verbindung zwischen zwei Welten, die dem Ensemble ein grundsätzliches Anliegen ist. Und in diesem Sinne mag man auch akzeptieren, dass sich nach dem Ende der Zugabe das Podium öffnete und der Styriarte-Intendant das Publikum auf die Hinterbühne einlud - zur „Tanz-Party im Ballroom zum Mittanzen nach Belieben“ (so der Wortlaut im Programm)

Wie auch immer: es war ein großartiger und bewegender Abend, der uns Mitteleuropäern ein Fenster zu einer anderen Welt öffnete, die aber auch ein Teil von uns ist (oder sein sollte!) - ganz im Sinne des Goethe-Wortes: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen."  

Und damit ist der Übergang gefunden zu einem zweiten überaus bemerkenswerten Konzert der diesjährigen Styriarte:

 

Concentus Musicus Wien - Wassermusik von Händel und Telemann (11.Juli)

Das renommierte,  vor über 60 Jahren von Nikolaus Harnoncourt gegründete Ensemble war seit Jahren ein wichtiger und unverzichtbarer Teil des Styriarte-Programms. Im Vorjahr waren ursprünglich 11 Konzerte mit dem Concentus  vorgesehen, die dann nach dem Tode von Nikolaus Harnoncourt auf 7 reduziert wurden. Heuer sind es gar nur mehr zwei Konzerte - einmal „Bach pur“ und einmal in der List-Halle die „Wassermusik“, über die hier berichtet sei.

Ich gestehe, ich hatte mich auf dieses Konzert besonders gefreut - dies nicht zuletzt deshalb, weil es in der ursprünglichen Ankündigung zu den ganz wenigen Styriarte-Veranstaltungen zählte, die ohne Spracherläuterungen oder mediale Zutaten - ganz konzentriert auf die Musik -  vorgesehen waren. Kurzfristig war es dann doch anders: man hatte den Schauspieler Michael Dangl gebeten, Texte (des Dramaturgen Thomas Höft) zu den Telemann-Werken zu lesen. Das war speziell bei der Wassermusik sehr hilfreich und ließ die Figuren Thetis, Neptun, Tritonus, Aeolus sowie die Najaden, denen die einzelnen Sätze gewidmet sind plastisch vor uns entstehen. Michael Dangl machte dies außerdem so großartig und ohne sich je ungebührlich in Szene zu setzen, dass mein ursprünglicher Vorbehalt geradezu wegschmolz. Michael Dangl hatte das Publikum schon im Foyer begrüßt und mit einer Kurzeinführung erfreut.

Auch über die musikalische Seite des Abends kann man nur schwärmen. Da wurde frisch-zupackend und mit gemeinsamer Musizierfreude aufgespielt. Man könnte meinen, dass die Händel‘schen und Telemann’schen Wassermusiken nicht unmittelbar zum Festival-Motto „Tanz des Lebens“ passen. Aber der Einwand geht ins Leere: Barockmusik ist immer aus dem Geiste des Tanzes geboren - und wenn man beispielsweise die beiden großartigen Kontrabassistinnen beobachten konnte, mit welch tänzerischer Freude sie das rhythmische Fundament bilden und gleichzeitig die Musik vorantreiben, dann sind auch die Wassermusiken Tanzmusik. Dieses Kompliment gilt natürlich für alle Gruppen des rund 30-köpfigen Ensembles, das zu zwei Drittel aus Damen besteht - nur die prächtig auftrumpfenden Naturhörner sind noch eine Männerdomäne.

Natürlich denken alle im Publikum - darunter auch seine anwesenden drei Brüder - an Nikolaus Harnoncourt. Er fehlt uns allen unendlich - aber er freut sich bestimmt über das unprätentiöse Dirigieren des jungen Stefan Gottfried, der nun den Concentus Musicus Wien gemeinsam mit dem Konzertmeister Erich Höbarth und der Geigerin Andrea Bischof kollegial leitet. Auch bei diesem Konzert jubelte das Publikum in der ausverkauften Halle und wurde mit der Wiederholung eines Telemann-Satzes belohnt.

Und um die Brücke zum ersten Konzert zu schlagen:

Der polnisch-osmanische Komponist Alî Ufkî, der Rumi-Texte vertonte und für die tanzenden Derwische seine Musik schrieb ist nur rund 70 Jahre älter als Telemann und Händel - zwei musikalische Welten, die Bestandteil unserer großen Weltmusik sind. Wie schön, dass man beides bei der Styriarte erleben kann!

12. 7.  2017, Hermann Becke

 

Eine Anmerkung:

Schade, dass es vom Concentus-Konzert keine besseren Fotos gibt - der Veranstalter konnte keine anbieten…..

Und ein erfreulicher Hinweis:

Es war zu erfahren, dass im nächsten Jahr der Concentus Musicus Wien wieder öfter Gast der Styriarte sein wird - auch die ungeheuer beliebten Kirchenkonzerte in Stainz sollen wieder stattfinden

 

 

Tschaikowskys Ballett-Suiten

1. Juli Stefaniensaal, 5. Juli: Helmut-List-Halle

Konträre Orchesterwelten

Zwei Orchesterkonzerte - zwei Orchesterwelten - zwei profilierte Dirigierpersönlichkeiten - die Styriarte hat auch auf dem Gebiete der großen Orchesterliteratur Interessantes zu bieten!

Im klassischen großen Konzertsaal von Graz gab die Ukrainerin Oksana Lyniv, ab Herbst Chefdirigentin der Oper Graz und des Grazer Philharmonischen Orchesters, ihr bejubeltes Grazer Konzertdebüt - allerdings nicht mit ihrem zukünftigen Orchester, sondern mit dem styriarte Festspiel-Orchester. Dieses Orchester besteht im Grunde aus dem im Jahre 2002 gegründeten recreation-orchester Graz mit einigen Gästen in den Stimmführerpositionen. Auf dem Programm standen wesentliche Teile der Nussknacker-Suite und der Schwanensee-Suite von Peter Iljitsch Tschaikowski. Die Musik wurde ergänzt - eigentlich ist man versucht zu sagen: zerrissen - durch Lesungen aus den Texten, die den Ballett-Werken zugrunde liegen. Und dieses Konzept erwies sich als ein Schwachpunkt des Abends. Der ständige Wechsel zwischen Musik und Lesung zerriss sowohl den musikalischen als auch den literarischen Zusammenhang und Spannungsaufbau. Dazu kam, dass die renommierte Filmdarstellerin Nora Waldstätten die Texte - speziell bei E.T.A. Hoffmanns Weihnachtserzählung „Nussknacker und Mausekönig“ - mit allzu neutral-kühler Stimme las.

Tschaikowskis weltberühmte Ballett-Musik - speziell bei Schwanensee, aber natürlich auch im Blumenwalzer aus dem Nussknacker - lebt vom schwärmerisch-üppigen, laut Adorno gar kitschigen Orchester- insbesondere Streicherklang. Den erlebte man an diesem Abend nicht.

Oksana Lyniv vermittelte uns mit elegant-energischer Zeichengebung ein straffes Klangbild und klare Strukturen. Vielleicht ist das bei den Möglichkeiten dieses Orchesters der richtige Ansatz - erwärmen konnte man sich jedenfalls nicht so recht. Man kann gespannt sein auf Lynivs erste Opernpremiere - Tschaikowskis Eugen Onegin im Dezember 2017. Eines steht jedenfalls fest: die energische junge Dame hat das Publikum für sich eingenommen - der Beifall war groß! Und ein zweites Faktum steht auch fest:

Styriarte-Intendant Mathis Huber versteht es, junge Talente zu finden und zu gewinnen. Das Engagement von Oksana Lyniv zur Styriarte 2017 erfolgte lange vor ihrem ersten Gastauftritt in der Grazer Oper im Oktober 2016 und vor ihrer Bestellung zur Chefdirigentin im Februar 2017 (über beides berichtete hier der Opernfreund).

In einem lesenswerten Interview erklärte Intendant Mathis Huber schon im Vorjahr überzeugend, warum er auf der Suche nach dirigierenden Frauen ist. Dieser Abend bewies jedenfalls, dass der Intendant auf dem rechten Weg war und ist.

Hier kann das Konzert 7 Tage lang auf OE1 nachgehört werden.

 

Südamerikanisches Feuer und Strawinskis Sacre du Printemps

 

Nach sechs Konzerten in Deutschland beendete das im Jahre 2010 gegründete Colombian Youth Philharmonic Orchestra - oder wie es im Original heißt: La Filarmónica Joven de Colombia - seine erste Europatournee mit zwei Styriarte-Konzerten in der Helmut-List-Halle.

Schon die animierte Konzerteinführung durch Intendant und Dirigent ließ Unkonventionelles  erwarten: vor der Pause effektvolle, wenn auch vielleicht allzu plakativ-reißerische lateinamerikanische Musik des 20.Jahrhunderts - und so wie im vorigen Sommer in Frankfurt war da auch diesmal das Publikum zum Mitmachen eingeladen. Das Programmheft schreibt dazu:

Muschelhörner und Vogelpfeifen: Der junge peruanische Komponist Jimmy López eröffnet sein Orchesterstück „América Salvaje“ mit zwei Dutzend dieser Inka-Instrumente. Im letzten Sommer waren sie der Renner beim Open-Air-Konzert des hr-Sinfonieorchesters in Frankfurt, weil sie Andrés Orozco-Estrada nicht nur von den Profis im Orchester, sondern auch von Kindern und Eltern im Publikum spielen ließ. (Hier ist das Video aus Frankfurt und hier eine Live-Minute aus dem Grazer Konzert) Vor 500 Jahren füllte ihr Klang die Täler der Anden, bevor die spanischen Eroberer kamen. Die Christen aus Europa werden durch einen bedrohlich heranmarschierenden Choral der Blechbläser symbolisiert, die Sklaven aus Afrika durch eine ganze Schlagzeug-Batterie. So hat Jimmy López, Jahrgang 1978, in seinem zwölfminütigen Orchesterwerk „Wildes Amerika“ die Geschichte seiner Heimat Peru erzählt.

Der Dirigent hatte Mühe, das mitmachfreudige Publikum zu bändigen und zu einem werkgerechten Einsatz anzuleiten - einige wollten ihre wassergefüllten Vogelpfeifen gleichsam als ein Continuo fast pausenlos betätigen. Aber letztlich klappte es doch ganz gut.

Zuvor war das Konzert knallig eröffnet worden: mit Escaramuza der multikulturellen Komponistin Gabriela Lena Frank - ein Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit lateinamerikanischer Folklore. Dann gab es noch Sensemayá - ein fetziges Stück für großes Orchester des mexikanischen Komponisten Silvestre Revueltas und zuletzt vor der Pause die Suite aus dem Ballett „La Estancia“ des Argentiniers Alberto Ginastera. Auch hier war wieder Publikumsmitwirkung gefragt - dem charmant und wortreich moderierenden Dirigenten war es gelungen, eine Dame aus dem Publikum zu animieren, die verbindenden Texte zwischen den Suiten-Teilen zu lesen - die Dame machte das übrigens ausgezeichnet.

Das Programmheft bezeichnet den Dirigenten Andrés Orozco-Estrada nicht zu Unrecht als „tanzenden Schamanen inmitten der

gut 100 ekstatischen jungen Musiker aus seiner Heimat Kolumbien“. Es gelang dem Dirigenten schon im ersten Programmteil mit ungeheurem, aber durchaus werkgerecht-lebhaftem Körpereinsatz sein jugendliches Orchester und das Publikum zu begeistern.

Nach der Pause folgte dann das Hauptwerk des Abends und natürlich ein Prüfstein für das jugendliche Orchester: Le Sacre du Printemps von Igor Strawinski. Es ist ein wahrhaft faszinierendes Werk - der renommierte Münchner Journalist Walter Panofsky schrieb einmal dazu: Die meisten Themen sind kurze Floskeln aus vier Tönern. Nur die Melodie des Anfangs, vom Fagott in extremer, hoher Lage geblasen (diesmal übrigens sehr ordentlich!), stammt aus einem litauischen Volkslied. Das Themenmaterial  wird aufgespaltet, rhythmisch verändert, zusammengeschweißt und wieder getrennt….Es gibt keinen „schönen“ Klang, sondern nur barbarische Klangexplosion. Unerbittlich treiben die Rhythmen das Geschehen voran: zum ersten Mal in der Musikgeschichte siegt das rhythmische Element über das melodische.

Das ganz groß besetzte kolumbianische Jugendorchester (8 Kontrabässe, 8 Celli und wohl an die 30 Violinen) spielte die schwierige Partitur mit eminentem Einsatz - vom Dirigenten souverän zusammengehalten.

Das Besondere dieser Aufführung war, dass den Orchestermusikern auch die Bewegungsgestaltung übertragen war. Ich gestehe, dass ich nach Betrachtung des Trailers ein wenig skeptisch war, ob das nicht ein wenig dilettantisch und von der Musik ablenkend werden würde - aber dann hat mich das Ergebnis überzeugt: 

Nichts war vordergründig-illustrierend, man hatte den Eindruck, dass alles aus dem unmittelbaren Empfinden der Musik kam. Die junge Musikerschar leistete wirklich Erstaunliches in der Verbindung von ernsthaftem Musizieren und Bewegung. Der Grazer TV-Probenbericht gibt einen ausgezeichneten Eindruck dessen wieder, was angestrebt und tatsächlich erreicht wurde. Schade nur, dass man dem Programm nicht entnehmen konnte, von wem die sehr professionelle Choreografie und die Lichtregie stammen.

Das Publikum war begeistert - diese Begeisterung setzte sich im Foyer nach dem Konzert fort: die jungen kolumbianischen Musikerinnen und Musiker spielten und tanzten - das Publikum ließ sich von dieser Lebensfreude gerne anstecken!

6. 7.  2017, Hermann Becke

 

 

Fallweise Weltklasse

25. und 26. Juni: Helmut-List-Halle

28.Juni: Schloss Eggenberg

Die Fülle der Styriarte-Veranstaltungen - in Ausnahmefällen gibt es bis zu vier pro Tag - lässt es nicht zu, über jede einzelne gesondert zu berichten. Daher bietet der Opernfreund Sammelberichte. Das Festival-Motto Tanz des Lebens verbindet thematisch das gesamte Programm. Und wenn man beim Verfassen des Berichts chronologisch vorgeht, dann ergeben sich - über das sehr allgemein gehaltene Motto hinaus - Gemeinsamkeiten, die die Zusammenfassung rechtfertigen. Diesmal wird über drei Abende berichtet: zuerst Ginger&Fred.SOAP, dann Celtic Baroque und zuletzt Der König tanzt.

Der Intendant der Styriarte hat eben einer Tageszeitung ein kluges und lesenswertes Interview gegeben. Daraus sei ein Satz zitiert: Ich habe immer bevorzugt, die Musikvermittlung zum Gegenstand der Programmgestaltung zu machen, und sie nicht hinterher dazuzukleistern.

Das Publikum nimmt diese Programmgestaltung begeistert an - die Veranstaltungen in der über 1000 Plätze fassenden Helmut-List-Halle waren immer ausgezeichnet besucht und natürlich fand auch das Schlossfest seine Fans. Das Programm ist ja wahrhaft bunt: nach der spanischen Eröffnung - der Opernfreund berichtete über die rare spanische Barockoper - folgte Amerikanisches des 20. Jahrhunderts, dann Englisches, Schottisches und Irisches des 17. Jahrhunderts und beim Fest im Schloss Französisches aus der Zeit Ludwig XIV.

Aber der Reihe nach:

Die SOAPs sind seit Jahren ein Publikumsmagnet - aber was ist denn eigentlich eine SOAP? Die Styriarte beschreibt das so: Sie durchbrechen auf ihre eigene Art die unsichtbare Wand zwischen Podium und Publikum – durch Lesung und Musik, Warm-Upper und Großaufnahmen ins musikalische Geschehen. Natürlich werden 2017 Geschichten rund um den Tanz erzählt……Aber mit dem nötigen Augenzwinkern … Denn so leidenschaftlich wie unsere Künstler Musik und Wort präsentieren, so humorvoll bleiben sie dabei. Sie lassen sich vom neugierigen Blick der Kameras auch in ganz privaten Momenten einfangen. Unsere Regie erlaubt sich, dem Publikum auch schon mal ein „Applaus“-Zeichen und andere Hinweise zu geben. Und unser Warm-Upper bringt Sie in jene heitere Grundstimmung, in der man die styriarteSOAPs am besten genießt: als den fröhlichen Teil der Festspiele …

Diesmal ging es um Ginger Rogers und Fred Astaire, das legendäre Traumpaar Hollywoods. Beide haben Autobiographien geschrieben - und beide traten gleichsam personifiziert auf: Susanne Konstanze Weber (drastisch-lebhaft) und Thomas Höft lasen klug zusammengestellte Ausschnitte aus den Biographien, Vesna Petkovic (leider recht ausstrahlungslos) und Matúš Uhliarik (effektvoll) sangen Songs von Gershwin, Berlin u.a. - Conny Leban-Ibrakovic und Dado Ibrakovic waren ein äußerst elegantes Tanzpaar zu den Klängen der ausgezeichneten R.S.wing Band unter der Leitung von Reinhard Summerer, von dem auch die effektvollen Arrangements stammten.

Der Jubel des Publikums in der randvollen Halle war sehr groß - dennoch ist für mich das SOAP-Konzept diesmal nicht aufgegangen - und zwar vor allem aus zwei Gründen:

Ein spezieller Reiz der SOAPs war es bisher immer, große Komponisten (Mozart, Schubert, Beethoven, Mahler, Verdi…) durch bedeutende Schauspielpersönlichkeiten und mit den medialen Mitteln unserer Zeit dem Publikum näher zu bringen. Ginger Rogers und Fred Astaire sind durch das Medium des Films weltberühmt geworden - da bringt der mit bescheidenen Mitteln betriebene Live-Medienaufwand nichts Neues.

Und mein Haupteinwand: Thomas Höft ist seit Jahren ein erprobter und beliebter „Warm upper“, aber als Verkörperung von Fred Astaire ist er einfach nicht geeignet. Er ist kein Schauspieler - etwa vom Rang eines Peter Simonischek (Verdi) oder eines Johannes Silberschneider (Mozart, Mahler),  Thomas Höft ist vor allem er selbst und sicherlich nicht das, was er über Fred Astaire im Programmheft schreibt: ein sehr zurückhaltender, stets an sich selbst zweifelnder, aristokratisch-vornehmer Mann. (Siehe dazu das unvergleichliche Original Ginger&Fred im Video )

 

Der zweite Abend hingegen brachte Weltklasse nach Graz!

Unter dem Titel Celtic Baroque gastierte ein großartiges Ensemble bei der Styriarte: die derzeit wohl weltweit führende Blockflötistin Dorothee Oberlinger tat sich zusammen mit dem exzellenten italienischen Gambisten Vittorio Ghielmi und seinem Ensemble Il-Suonar-Parlante , das diesmal aus Fabio  Biale (Violine und die irische Trommel Bodhrán), dem Dudelsackvirtuosen Fabio  Rinaudo und der Harfenistin Johanna  Seitz bestand.

Das war musikantische Musizierfreude und technische Meisterschaft auf höchstem Niveau. „Masters and Ladies, welcome!” Willkommen im Reich der höfischen Ver-

gnügungen, die im frühen 17. Jahrhundert nirgends üppiger blühten als am

Hof der Stuart-Könige in London. Es war nicht alles englisches Gold, was hier

glänzte: Auch die „Reels“ der Iren und die „Highland Dances“ der Schotten er-

strahlten dank der königlichen „Private Musick“ in hellem Glanz. Dorothee Ober-

linger und Vittorio Ghielmi treten in die Fußstapfen jener höfischen Elite-

musiker, die keine Berührungsängste mit der „Folk Music“ kannten.“  Im sehr lesenswerten Programmheft - siehe den Hinweis am Ende - gibt es umfassende Informationen über die Stücke, sodass ich mich auf die Wiedergabe beschränken kann - und diese war wirklich großartig. Man kennt die Virtuosität der Dorothee Oberlinger - ihr Musizieren verband sich ideal mit den italienischen Erzmusikanten. Oberlinger hat nicht nur den nötigen ruhigen und schier endlosen Atem, um die großen lyrischen, meist melancholischen Melodiebögen zu spannen - etwa bei Henry Purcell. Sie beweist in einem der wohl virtuosesten Beispiel eines „Ground“ im England der Purcell-Zeit - den Diverse Bizzarrie  des in England wirkenden Neapolitaners Nicola Matteis - ihre wahrhaft atemberaubende Kunstfertigkeit, die nie zum Selbstzweck wird, sondern immer die Frische des Werks vermittelt. Das Programm enthielt auch Improvisationen und Variationen über irische und schottische Volksmelodien in der Bearbeitung von Vittorio Ghielmi - da kamen die vielfältigen Klangfarben der Bagpipes ideal zur Geltung. Es war ein großer, ein vom Publikum umjubelter Abend. Jenen im Opernfreund-Leserkreis, die Facebook nutzen, sei unbedingt das Kurzvideo empfohlen, das die Styriarte hier mit dem Vermerk anbietet: Zugabe Nummer 3 im famosen Konzert "Celtic Baroque" - bravi!!

Dem kann man sich nur uneingeschränkt anschließen!

Der dritte Abend, über den hier zu berichten ist, war ein vierstündiges Fest für Ludwig XIV. in und um das Schloss Eggenberg - der größten und bedeutendsten barocke Schlossanlage der Steiermark.

Es war überaus reizvoll, nun - gleichsam als Gegenüberstellung zur englisch/schottisch/irischen Barockmusik - Französisches dieser Zeit zu hören: Lully, Marais, Couperin, Hotteterre und weniger bekannte französische Kleinmeister - und das verbunden mit gelesenen Texten, vor allem aber mit Tanz.

Den größten Teil des musikalischen Programms bestritt sehr qualitätsvoll die Neue Hofkapelle Graz (NHG ) unter der straffen Doppelleitung durch die „Maestra di capella“ Lucia Froihofer (Violine) und den „Maestro al cembalo“ Michael  Hell, der sich auch als Blockflötist bewährte und sich bei der einleitenden Lully-Ouvertüre des damals üblichen großen, auf den Boden stampfenden Dirigierstabes bediente (Gott sei Dank ohne dabei jenen Unfall zu erleiden, der bekanntlich Lully zu Tode gebracht hatte!). Die beiden waren auch für die wohl gelungene und ausgewogen-überzeugendende musikalische Gesamtkonzeption des Festes verantwortlich.

Zwei gewichtige Programmpunkte wurden im wunderbaren Planetensaal des Schlosses gespielt. In der Mitte des Deckengemäldes strahlt die Sonne (es lohnt unbedingt, sich über die Symbolik der Planetenbilder näher zu informieren) - und unter dieser Sonne trat der französische Spezialist für Barocktanz Bruno Benne  als personifizierter Sonnenkönig in mehrfachen Szenen auf - ganz unter dem Motto: Le Roy danse.

Das Eggenberger Deckengemälde stammt übrigens aus dem Jahre 1685 - der legendäre „Sonnentanz“ des damals 15-jährigen Ludwig XIV fand rund 30 Jahre früher statt (Bruno Benne verkörperte geradezu ideal den jugendlichen König) -  1669 trat Ludwig XIV zum letzten Male als Tänzer öffentlich auf. Damals erklang wie heute Lullys „Ballet Royal de la Nuit“, das erst zum 300.Todestag des Sonnenkönigs im Jahre 2015 vom französischen Musikologen Sébastien Daucé  rekonstruiert worden war. Wenn sich auch das äußere Erscheinungsbild des prächtigen Schlosses Eggenberg (trotz der enormen Unterschiede in der Dimension) stilistisch eher am Madrider Escorial als an Versailles orientiert, so ist gerade wegen der prächtigen Innenausstattung das Schloss zweifellos prädestiniert für ein Fest für den Sonnenkönig.

Das Publikum - organisatorisch geschickt in acht Gruppen geteilt, die so durch die Räume im Schloss sowie durch Park und Schlossgraben geleitet wurden, dass alle Programmpunkte erlebt werden konnten - war begeistert und feierte alle Ausführenden, ob dies die Neue Hofkapelle Graz mit dem Barocktänzer Bruno Benne war oder der Gambist Lorenz Duftschmid mit dem Lautenisten Rolf Lislevand mit stilvoll-elegantem Marin Marais in der Kirche, die köstlichen Volksmusikanten Albin Paulus und Roman List mit Dudelsack, Schalmei und Tambour im Schlossgraben oder die Schauspielerin Gabriele Schuchter, die (solange es das Wetter zuließ) im Park aus den Briefen der Schwägerin des Sonnenkönigs - der berühmt-berüchtigten „Liselotte von der Pfalz“ - las und dabei die ideale Balance zwischen drastischer Direktheit und distanzierter Noblesse fand. Nicht zu vergessen sind auch die stilgerechten Kostüme aller Ausführenden - von Bettina Dreissger effektvoll gestaltet.

Und damit komme ich an den Anfang dieses Sammelberichtes zurück.

So wie der Styriarte-Dramaturg Thomas Höft  drei Tage davor bei Ginger Rogers & Fred Astaire  für Konzeption und Regie verantwortlich war, so war er dies auch bei dem Fest für den Sonnenkönig. Es war eine sehr kluge und anregende Programmzusammenstellung, die das Publikum den König einen Tag lang vom Aufstehen bis zum Schlafengehen begleiten ließ.

Und auch diesmal trat Thomas Höft wieder selbst auf - er war der Maître de Plaisir, der durch die Ensemblestücke leitete und die Auftritte des Königs ankündigte. Natürlich war er auch in dieser Rolle ganz der seit Jahren gewohnte „Warm upper“, aber ehrlich gesagt: als schrulliger, zwar sich selbst stets in Szene setzender, aber sich doch nicht allzu sehr in den Vordergrund drängender Haushofmeister war er diesmal jedenfalls viel eher passend.

Schade, dass das Wetter nicht ganz mitspielte - Beginn und Ende, beides für das Freie geplant, mussten gekürzt werden, aber dennoch: es war ein würdiges Fest mit einem qualitätsvollen künstlerischen Programm. Sicher wird die Wiederholung am zweiten Tage ebenso ausverkauft sein wie die Premiere.

Weitere Styriarte-Sammelberichte für den Opernfreund kann ich gerne ankündigen - das Festival endet ja erst am 23. Juli!

29. 6. 2017, Hermann Becke

 

Nochmals ein Hinweis auf die informativen Programmhefte, die alle online verfügbar sind:

Programmheft Ginger&Roger.SOAP

Programmheft Celtic Baroque

Programmheft Der König tanzt

 

 

LOS ELEMENTOS

Barockoper von Antonio de Literes

 

Helmut-List-Halle am24. Juni 2017

Effektvoller Styriarte-Auftakt

In diesem Jahr steht das Festival styriarte (23. Juni bis 23.Juli 2017) unter dem Motto Tanz des Lebens.  Bei hochsommerlichen Temperaturen - samt einem kurzen Gewitter zu Beginn (Motto: Ein bisschen Regen kann uns nicht erschüttern!) - gab es am Abend des Eröffnungstages ein frei zugängliches und sehr gut besuchtes Fest in der seit 1999 zum Weltkulturerbe zählenden Altstadt von Graz - Zitat aus der Ankündigung: Dabei kann man viel erfahren über das Programm der kommenden Wochen und sich inspirieren lassen, wenn ein Pferd die Hohe Schule des Rossballetts zeigt oder der Sonnenkönig Ludwig XIV. zum Menuett auffordert. Vom Rock’n’Roll bis zum Wiener Walzer, vom Fruchtbarkeitstanz bis zum klassischen Ballett entfaltet sich zum Festivalauftakt die ganze Welt des Rhythmus.

Am Tag darauf folgte in der Helmut-List-Halle die erste der insgesamt 33 Festival-Produktionen - die Oper Los Elementos des spanischen Komponisten Antonio de Literes (1673 bis 1747).

Wer unter den Opernfreunden weiß wohl etwas über ihn?? 

Ich kannte Antonio de Literes  bisher nicht und war froh, mich bereits vor der Aufführung im Abendprogramm vorinformieren zu können. Die styriarte ist nämlich ein vorbildlicher Veranstalter: alle Programmhefte sind von Anfang an online verfügbar - und so sei daraus zitiert:

Antonio de Literes stammt aus Mallorca, im 17. Jahrhundert nicht gerade der Hotspot der damaligen Welt, allerdings als Hafen durchaus belebt und international angebunden. An eine Karriere als Künstler wäre dort allerdings nicht zu denken, also wird der hochbegabte Jüngling in den Chor der Capilla Real in Madrid aufgenommen, wo er eine gründliche Ausbildung erfährt. Literes wählt die tiefen Streichinstrumente – Violone, Gambe und Cello – zu seinen wichtigsten Instrumenten, allerdings komponiert er sehr bald auch selbst. Eine Anstellung als Hofcellist ermöglicht ihm den Kontakt in höchste Kreise in Madrid, und bald werden seine Musiktheaterwerke häufig aufgeführt und hoch gelobt. Literes und seinen Förderern geht es darum, eine genuin spanische Musik zu entwickeln, die sich an den nationalen Eigenheiten orientiert, vor allem der Sprache und den Tanzrhythmen. So entsteht eine ganz eigene Kunstform, zu der Literes einiges Entscheidende beigetragen hat, die Zarzuela.

Die Handlung der Kurzoper ist im Original einfach und entspricht der damaligen Vorliebe für allegorische Gestalten: jede der vier Frauengestalten - Feuer, Wasser, Erde und Luft - erzählt in ihre Arien vom Warten auf die Morgenröte im Dunkel der Nacht, ständig von der Figur der Zeit (Bariton) an die Vergänglichkeit erinnert.

Das Ensemble Le-Tendre-Amour aus Barcelona und sein Regisseur Adrián Schvarzstein verlegen das Stück in eine spanische Bar der 50-Jahre des vorigen Jahrhunderts mit einem hektisch-griesgrämigen Wirt: Und hier treffen sich nicht nur die leichtlebigen Frauen auf der Suche nach ein wenig Amüsement, sondern auch ein Tanzpaar, das eine veritable Liebesgeschichte ohne Worte erzählt. Dazu haben die Musiker von Le Tendre Amour eine ganze Reihe zeitgenössischer Tänze in das Stück von Literes integriert, eine typische Verfahrensweise, die Literes durchaus selbst oft angewandt hat.

Mit dieser Produktion ist der styriarte 2017 ein schwungvoller und vom Publikum freudig akklamierter Auftakt gelungen. Es ist eine Produktion, die schon aus dem Jahre 2011 stammt -  damals allerdings ohne das nun eingefügte Flamenco-Tanzpaar. Immerhin sind drei Sängerinnen  und drei Instrumentalisten und natürlich der szenische Motor Adrián Schvarzstein von Anfang an dabei.

Da merkt man die ungeheure Routine und Erfahrung und freut sich, dass dennoch die unmittelbare Spielfreude und Frische erhalten ist. Das liegt natürlich auch daran, dass die Inszenierung immer auf das Publikum und seine Reaktionen eingeht - im Schlussteil werden sogar einzelne Gäste aus dem Zuschauerraum auf die Bühne geholt.

Die Musik des Antonio de Literes ist barock-konventionell - das Instrumentalensemble unter der Leitung des Ehepaars Katy Elkin (Oboe) und Esteban Mazer (Cembalo) musiziert nicht nur engagiert und auf hohem Niveau, sondern ist auch animierter und animierender Bestandteil des szenischen Arrangements. Ihnen gelingt perfekt das, was sie generell in ihrer Arbeit anstreben: das gemeinsame Vorhaben, Musik des späten 17. und 18. Jahrhunderts so auf die Bühne zu bringen, dass sie auf das Publikum von heute inspirierend wirkt. Ja - es war erfrischend-inspirierendes Musizieren!

Das gleiche ist vom gesamten Gesangsensemble zu berichten, wobei stimmlich die beiden Sopranistinnen Luanda Siqueira (Luft) und Maria Hinojosa-Montenegro (Wasser - und als Aurora mit dem auch musikalisch sehr reizvollen Stück Dormida fatiga) noch speziell hervorgehoben seien.

Publikumslieblinge waren das exzellente Flamenco-Tanzpaar Carolina Pozuelo und Miguel Lara. Sie gestalteten die sehr geschickt eingebauten Tanzstücke der Literes-Zeitgenossen Santiago de Murcia, Gaspar Sanz und Antonio de Santa Cruz virtuos und publikumswirksam.

Adrián Schvarzstein war nicht nur der szenische Leiter, sondern auch der auf der Bühne und im Auditorium gleichsam omnipräsent-herumwieselnde Wirt, der einerseits gerne die Handlungsfäden ziehen will und andererseits von der weiblichen Armada und dem Tanzpaar geradezu hinweggefegt wird - im Finale gelingt es ihm als virtuos-artistischer  Feuerschlucker und Möchte-gern-Stierkämpfer nochmals kurz die Aufmerksamkeit ganz  auf sich zu ziehen, aber letztlich endet der Abend mit einer Apotheose der Weiblichkeit.

Bevor wir uns dem einhelligen Schlussbeifall zuwenden, sei doch ein prinzipieller Einwand formuliert:

Die Helmut-List-Halle fasst über 1000 Plätze - das ist einfach für das subtile Kammerspiel zu groß. Akustisch half eine durchaus geschickt gesteuerte Tonanlage, optisch konnte man aus den hinteren Reihen allerdings so manche der liebevoll gestalteten szenischen Details kaum wahrnehmen und auch die Übertitel waren schwer lesbar.

Zuletzt war die Produktion sehr erfolgreich bei den Musikfestspielen Potsdam-Sanssouci . Der Saal im Orangerie Schloss Sanssouci fasst maximal 200 Plätze - die Helmut-List-Halle ist rund fünfmal so groß - da müssen szenische und musikalische Details ein wenig untergehen. (Übrigens ist der Kritik in Potsdam ein kleiner Irrtum unterlaufen, wenn über die Produktion berichtet wurde: eine barockexotische Ausgrabung, wie sie in unseren Breiten neuerlich nur bei den Musikfestspielen Potsdam-Sanssouci angeboten wird…….)

Aber genug der einschränkenden Anmerkungen:

Die Grazer Aufführung war ein riesiger Publikumserfolg, der zwei Zugaben erzwang - eine effektvolle Eröffnung der Styriarte 2017!

 

Hermann Becke, 25. 6. 2017

Aufführungsfotos: styriarte, © Sandra Wanderer

 

Hinweise:

-         Ein Video-Ausschnitt - allerdings aus 2011. Da wurde die Produktion zum ersten Male bei der Trigonale in St. Veit/Glan präsentiert und seither wiederholt bei europäischen Festivals gezeigt.  

-         Die einzige CD-Aufnahme des Werks aus dem Jahre 2002 (ohne die in dieser Produktion eingelegten Tanznummern)  

 

 

JORDI SAVALL

Die Routen der Sklaverei

Großartiges Musizieren aus erschütterndem Anlass

Graz, Helmut-List-Halle 24. Juli 2016

Schon immer ist es ihm um nicht weniger als das Ganze gegangen: Jordi Savall, der Philosoph und Magier mit der Gambe, zeichnet in seinen großen musikalischen Panoramen die Weltgeschichte in Klängen nach. Und für sein neuestes Projekt spannt der den Bogen besonders weit. Er reist von Spanien nach Mali ins Herz des afrikanischen Kontinents und von dort in die amerikanischen Kolonien. Mit seinem Ensemble Hespèrion XXI und Gästen folgt er der Route der Sklavenhändler, die mit den Menschen auch Kulturen über die Ozeane verschifften. Und er wäre nicht der große Humanist der Alten Musik, wenn er nicht eine grundsätzlich positive Botschaft im Gepäck hätte: In allem Leid der Sklaverei hat sich immer auch die Hoffnung auf Freiheit erhalten, nicht zuletzt durch die Kunst …

So wurde die Schlussveranstaltung der Styriarte 2016 angekündigt - und es wurde in der ausverkauften Helmut-List-Halle mit 1200 Plätzen ein umjubeltes, farbiges Panorama, das die Styriarte 2016 effektvoll abschloss. Ich konnte aus dem mit rund 50 Veranstaltungen in einem Monat prall gefüllten Programm der styriarte  über jene Veranstaltungen berichten, die durch ihr musikdramatisches Gewicht speziell für den Leserkreis des Opernfreundes interessant waren. Und Dramatik war auch an diesem letzten Abend wahrhaft zu erleben!

Um seine beiden Stammensembles herum - die vier Sänger von La capella Reial de Catalunya und die 11 Instrumentalisten von Hespèrion XXI - versammelte Jordi Savall weitere 15 Musikerinnen und Musiker aus Mali, Madagaskar, Marokko, Mexiko, Kolumbien, und Brasilien. Das Programm steht unter der Patronanz der UNESCO und wurde seit 2015 schon wiederholt aufgeführt - in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland, Spanien. Eine Reihe von Konzerten in Südamerika folgt im September.

Soweit ich das überblicken kann, wurde in Graz allerdings erstmals eine Sprecherin in das Programm eingebunden, die zwischen den einzelnen Stücken Texte von Aristoteles, aus alten Chroniken, aus Königsbriefen, aus Predigten, aus grauenvollen Strafberichten (die offenbar im Publikum zwei Damen so bewegten, dass sie den Saal verließen!) und von Montesqieu bis zu Martin Luther King las. Die in Deutschland geborene farbige Schauspielerin Denise M’Baye - aus deutschen Fernsehserien bekannt - trug diese Texte mit merklicher innerer Betroffenheit, wenn auch nicht durchwegs sehr wortdeutlich vor.

Zu den Musikstücken schreibt Jordi Savall im Programmheft :

In unserem Konzert wird die lebendige Musik als Erbin alter Traditionen der Versklavten, die tiefe Spuren im Gedächtnis der Völker von der Westküste Afrikas über Brasilien, Mexico bis hin zu den karibischen Inseln hinterlassen hat, in einen Dialog mit europäischen Musikformen eintreten, deren Inspiration in ebendiesen Lieder und Tänzen der Sklaven und Ureinwohner wurzelt. So wird das afrikanische Erbe mit dem amerikanischen verbunden - mittels musikalischer Formen aus der Renaissance und dem Barock.

Und das war wirklich faszinierend, wie diese Verbindung von ganz Unterschiedlichem optisch durch die pittoresken Gewandungen und musikalisch durch das Urmusikantentum aller Ausführenden erlebbar wurde. Eigentlich müsste man ja jeden einzelne Musiker besprechen und würdigen - alle waren großartig. Aber da würde wohl die Lesbarkeit des Beitrags allzu sehr leiden!

Und so seien vor allem jene drei hervorgehoben, die gemeinsam mit Jordi Savall für die Auswahl der Stücke verantwortlich waren und diese Stücke einerseits mit eindrucksvoller Individualität interpretierten und sich andererseits  ideal in das Gesamte einfügten. Es waren dies aus Mali  der Sänger Kassé Mady Diabaté in seinem wunderbaren blauen Gewand, der mexikanische Marimba-Spieler Leopoldo Novoa Mantallana und für Brasilien die Sängerin Maria Juliana Linhares . Für Interessierte lohnt es sich in jedem einzelne Falle, den angebotenen links nachzugehen, aber auch in die deutschen Übersetzungen der Lieder hineinzuschauen, die nicht nur während des Konzerts projiziert wurden, sondern auch im Netz hier eingesehen werden können.

Jordi Savall  war nicht nur für die Gesamtkonzeption des Programms verantwortlich, sondern natürlich auch für die musikalische Gesamtleitung verantwortlich. Er saß bescheiden am Bühnenrand mit seiner Diskantgambe und hielt den ganzen Abend mit seiner Autorität und wenigen sparsamen Gesten stets sicher zusammen. Zu Beginn der Veranstaltung musste er kleine Programmumstellungen ankündigen, weil zwei Sängerinnen wegen unvorhergesehener Flugumbuchungen verspätet eintrafen - sie fügten sich dann im 2.Teil des Programms nahtlos in das Ensemble.

Besonders berührend dann die Schlussworte von Jordi Savall - unsere heutige Zeit habe nichts aus den vergangenen Zeiten gelernt, die dieses Programm musikalisch gezeigt hatte. Auch heute noch gibt es laut internationalem Sklaverei-Index über 45 Millionen Menschen in Sklaverei. Savall zählte mit ruhiger Stimme auf, in welchen Ländern es die höchsten Zahlen gibt - erschüttert musste das Publikum dies zur Kenntnis nehmen. Und dennoch: der unerschütterliche Humanismus des an die Kraft der Musik glaubenden Jordi Savall vermittelte Optimismus - am Ende des mehr als dreistündigen(!) Abends jubelte das Publikum und feierte alle Ausführenden!

Hermann Becke, 24. 7. 2016

Aufführungsfotos: styriarte, © Werner Kmetitsch

Hinweise:

-         In diesem knapp 5 Minuten langen Video gewinnt man einen sehr guten Eindruck des Abends

-         Das Grazer Zeitungsinterview mit Jordi Savall ist unbedingt lesenswert

-         Daten der nächsten Styriarte: 23. Juni bis 23. Juli 2017 - der Opernfreund wird wieder berichten!

 

 

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de