Pilsen: „Der Kuss“, Bedřich Smetana

© Frank Piontek

Hand aufs Herz: wer kennt nicht nur die Verkaufte Braut, sondern auch Libussa, Dalibor, Der Kuss oder gar Die Teufelswand? Wer hat sie das letzte mal auf einer deutschen Bühne gesehen?

Selbst die einmal unverwüstlich scheinende Verkaufte Braut hat längst ihren Tribut an ein in den letzten 30 Jahren erneuertes Musiktheater zahlen müssen. Dass jedoch zum jetzigen Zeitpunkt selbst im Smetana-Jahr, in dem man den 200. Geburtstag des großen tschechischen Komponisten feiert – oder eben nicht mit Aufführungen feiert –, laut Operabase keine einzige seiner acht genialen Opern hierzulande zu sehen sein wird, ist, gelinde gesagt, ein Versäumnis. Zwar hatten es alle Opern des Gründers einer sog. tschechischen „Nationalmusik“ (die es niemals gegeben hat) nach einer abgelaufenen Erfolgszeit bei uns schwer, beliebt zu bleiben, bevor es nach dem zweiten Weltkrieg erneute Versuche gab, die Zwei Witwen und andere Meisterwerke wieder einzubürgern. Ergebnis: Wer im Smetana-Jahr Smetana auf einer Bühne erleben möchte, muss nach Tschechien fahren. Dort, und dort vor allem im Tyl-Theater in Pilsen, hat man sich tatsächlich, obwohl oder weil der überragende Opernkomponist auch dort schon längst nicht mehr zum tschechischen Kernrepertoire gehört, vorgenommen, 2024 und 2025 alle acht Bühnenwerke zu spielen: von den Brandenburgern in Böhmen bis zur Teufelswand.

© Martina Root

Jeder Opernfreund, der sich einmal intensiv mit den acht, wie gesagt: genialen Stücken auseinandergesetzt hat, weiß, dass es keine nationale Pflichtübung, sondern ein pures Vergnügen ist, Smetana zu spielen bzw. zu hören, mag auch mancher Musikwissenschaftler und Opernfreund, der Libretti (nichts gegen Libretti!) ernster nimmt als die Hauptsache, monieren, dass diese Handlung doch reichlich dünn und jene reichlich verworren sei. Da immer noch der Ton die Musik macht, kann festgestellt werden, dass die Realisierung von Smetanas Bühnengesamtwerk gar nicht genug gelobt werden kann – in Pilsen konnten wir also endlich Bekanntschaft mit dem wirklichen Kuss machen.

Smetana nannte Hubička eine „einfach-nationale Oper“, wie Prostonárodni opera wörtlich übersetzt werden kann. Einfach und scheinbar schlicht: So kommt tatsächlich die von Smetanas getreuer Eliška Krásnohorská gedichtete Handlung daher, die mit einem Satz beschrieben werden kann: Ein Paar, das, wie in der Verkauften Braut, kurz vor der Hochzeit steht, zerstreitet sich, weil er auf dem obligatorischen Verlobungskuss besteht, den sie ihm, aus Respekt vor seiner ersten, gestorbenen Frau, verweigert, bevor sie beide sich, auf ihren Eigensinn freiwillig verzichtend, gegenseitig verzeihen. Ein Nichts von Handlung, aber Smetana hat sie „mit seiner blühendsten Musik geadelt“, wie Smetanas glühendster deutschsprachiger Verteidiger, Kurt Honolka, einst nannte.

© Martina Root

Die „einfach-nationale Oper“ markierte einen neuen Anfang in Smetanas Werk, denn inmitten der ländlichen Umgebung von Jabkenice wurden, als der Komponist längst völlig ertaubt war, die schönsten lyrischen und heiteren, freilich auch tief melancholischen Passagen geboren. Der Kuss, uraufgeführt am 7. November 1876, war zudem die erste komplett durchkomponierte Oper Smetanas, ohne dass wir es mit einer Wagner-Adaption zu tun haben. Der Anklang an den Beginn des Rheingold während der Szene des Sonnenaufgangs mag als Hommage an Wagner, den Smetana schätze, aber nicht imitierte, gedeutet werden; während der Live-Aufführung in Pilsen merkt man, wie eigenständig der Komponist auch hier agiert hat. Die Schemata der „alten“ Oper mit ihren Arien und Ensembles schimmern noch durch, doch hat Smetana mit dem Kuss einen weiteren Schritt in Richtung Moderne gemacht, ohne seinen Stil zu verleugnen. Nur in einem Fall hat er sich zu einer Art Einlage hinreißen lassen. Das Dienstmädchen Barce singt im 3. Akt ein scheinbar dramaturgisch überflüssiges Lied mit einer Lerche – „und doch: welch jubelnder E-Dur-Hymnus an die Herrlichkeit der Sonne, der Natur, des nackten Lebens!“, wie Honolka schrieb.

So finden wir, nach dem bewegten Beginn, eine Fülle von hinreißenden Melodien, Höhepunkte in den lyrischen Arien, Köstlichkeiten im Zank-Duett von Vendulka und Lukás und in dessen Spott-Polka, Witziges beim polternden Vater Vendulkas, Paloucký, einer sog. Bombenrolle. Besonders bemerkenswert sind die beiden Wiegenlieder, die Vendulka zu singen hat: das erste ist ein vorgefundenes Lied, das zweite hat Smetana komponiert, um bewusst zu demonstrieren, dass er sich auf sog. volkstümliche Weisen gut versteht. Das zweite Lied wurde denn auch fast ebenso populär. Kein Zufall, dass dies Smetanas größter Erfolg nach der Verkauften Braut wurde. Ihn nun in Pilsen zu erleben, macht Freude, auch wenn die weibliche Hauptrolle leider nicht ganz glücklich besetzt wurde.

© Martina Root

Ivana Veberová hat bedauerlicherweise eine enge und seltsam fiepsig klingende Höhe. Gut spielend, repräsentiert sie auch vokal eine bereits etwas ältere Frau, was zum Sujet – das Paar kennt sich bereits seit Jahren – und dem Alter ihres Vaters passen mag. Ihr geliebter Sturkopf Lukáš heißt Richard Samek, der mit seinem Heldentenor bühnenfüllend agiert, wobei die Akustik im relativ kleinen wie schönen Theater seine Vitalität und Dominanz verstärkt; in seiner großen lyrischen Arie im zweiten Akt wünscht man sich mehr Dezenz – und dies nicht allein deshalb, weil’s eine Nachtszene ist, aber insgesamt macht Samek eine hervorragende Figur. Treffend besetzt wurde auch der alte Paloucký: Pavel Klečka spielt die Type vokal sehr konturiert und szenisch gleichsam rollendeckend, so dass auch die Wiederholungen seines „Ich hab’s ja gewusst“, auf die der Komponist zurecht stolz war, noch 2024 ihre Wirkung tun. Neben Lukáš steht sein Freund und Schwager Tomeš, der mit Martin Bárta erstklassig besetzt wurde, was heißt: Es macht einfach Freude, einem derart charakteristisch singenden und spielenden Bariton zu begegnen. Jana Foff Tetourová spielt die kleine, aber nicht unbedeutende Rolle der Martinka, im Original eher ein Figur des Rollentypus „Komische Alte“, hier eine junge Frau, Jevhen Šokalo die kleine, gleichfalls nicht unwichtige Rolle des liebenswürdigen Schmugglers Matouš, der dem Liebesglück des Paares auf die Sprünge hilft, und Radka Sehnoutková schließlich die kleine, aber unverzichtbare Rolle der Barce: weil sie ihr entzückend jubilierendes Lerchen-Lied zu singen hat. Mag man auch hier und da als Stimmfetischist an der vollkommenen Güte der vokalen Leistungen zweifeln: insgesamt befindet sich die Aufführung, nicht zuletzt dank des ausgesprochen guten, von Jakub Zicha geleiteten Chors, auf einem schönen Niveau. Das Orchester aber spielt unter dem erfahrenen Jiří Štrunc einen Smetana, wie ihn sich der Smetana-Freund nur wünschen kann: emphatisch, doch entspannt, leidenschaftlich, doch kammermusikalisch gut durchgearbeitet, klanglich schön und tempomässig geradezu ideal, dabei immer bei den Sängern.

© Martina Root

Charakteristisch singend und spielend: so könnte auch die Inszenierung von Magdalena Švecová beschrieben werden. In den Bühnenbildern und Kostümen der Zuzana Přidalová verbirgt sich keine radikale Umdeutung oder Brutalisierung des (möglichen) Me-too-Stoffs (denn für den Mann ist das „Nein“ der Frau zunächst kein „Nein“), sondern eine saubere Erzählung, deren optische Mittel das „Volksstück“ nicht über Gebühr folklorisieren. Gezeigt wird ein im zweiten Bild buchstäblich über der Bühne schwebender landestypischer böhmischer Blaudruck, der in den Kleidern beständig wiederkehrt. Die Häuser stammen jedoch nicht aus einem böhmischen Freilichtmuseum, sondern deuten die äußeren Formen nur an; im winterlichen Nachtbild der Schmuggler dürfen, das ist sehr witzig, die Männer auf Ski, später Lukáš und Tomeš, nach ihrem grandios zündenden Duett, mit dem Schlitten eine Schräge beifallauslösend hinunterfahren. Der Konflikt zwischen den Streitparteien, der jederzeit, das ist so Smetanas Art und Großartigkeit, in eine kleine Tragödie umschlagen könnte, wird Ernst genommen: die Figuren werden in der Zeitlosigkeit dessen, was hinter dem Konflikt steht, ohne viel Aufwand, doch mit genauen Begegnungen ins Heute gebracht. Herzschmerz, Ehrgefühl, verletzte Eitelkeit sind schließlich immer: bis zum glücklichen Ende, das nicht kritisiert werden muss. Und tief bewegend bleiben, dank Smetana und seiner Interpretin Ivana Veberová, die beiden Wiegenlieder, die Smetana fand und erfand, um etwas zu transportieren, das über alle Ländergrenzen und zeitliche Distanzen zu ergreifen vermag.

So bleibt Der Kuss ein Werk für heute. Dass er in Deutschland so gut wie nie gespielt wird, ist mehr als schade, ja: ist schier unverständlich. Denn so viele Spielopern des 19. Jahrhunderts, die man noch guten Gewissens auf die auch deutschen Bühnen bringen könnte, gibt es ja bekanntlich nicht…

Frank Piontek, 16. Mai 2024


Der Kuss
Bedřich Smetana, Eliška Krásnohorská

J. K. Tyl-Theater Pilsen

Premiere: 27. April 2024
Besuchte Vorstellung: 14. Mai 2024

Regie: Magdalena Švecová
Musikalische Leitung: Jiří Štrunc
Orchester und Chor des des J.K. Tyl-Theaters Pilsen