Frankfurt: „Francesca da Rimini“, Saverio Mercadante (2. Besprechung)

Wenn eine im Jahr 1831 fertiggestellte Oper erst 185 Jahre später ihre Uraufführung erlebt, dann muß auch der Kritiker, den die Manier vieler Kollegen nervt, ihre Besprechungen mit Wikipedia-Wissen vollzurümpeln, einige grundsätzliche Bemerkungen an den Anfang stellen. Der Komponist Saverio Mercadante hat der Nachwelt rund 60 Opern hinterlassen. Aufgeführt werden sie selten. Die einschlägigen Datenbanken verzeichnen europaweit für die vergangenen Jahre nur eine Handvoll Produktionen, die Hälfte davon konzertant. Die musikhistorische Forschung hat zuletzt auf die Bedeutung Mercadantes für das Opernschaffen Giuseppe Verdis hingewiesen, da Mercadante eine treibende Kraft bei der Ablösung des Belcanto-Stils und der Entwicklung eines Canto dramatico war. Will heißen: Die Nummernarie als Vehikel akrobatischer Gesangskünste à la Rossini wird zugunsten eines in den dramatischen Verlauf eingebetteten Gesangs überwunden. Mercadante selbst sprach von „Reformopern“. Diese Entwicklung zeichnet sein Werk ab der Mitte der 1830er Jahre aus. Francesca da Rimini indes liegt vor dieser Schaffensphase. Ein Nichts an Handlung wird als Vorwand für das Abspulen von Arien in kunstvollem Ziergesang genutzt. Ramón Tebar, der musikalische Leiter der Frankfurter Aufführungsserie, formuliert das im Programmheft so: „Wir sollten uns auf diese Momente der Entschleunigung und auf die Schönheit der Stimmen einlassen!“ Darüber übrigens, warum die Oper zu Lebzeiten des Komponisten nicht aufgeführt wurde, kann auch das informative Programmheft nur vage Spekulationen anbieten.

Jessica Pratt in der Titelpartie / © Barbara Aumüller

Der Plot stammt aus Dantes Göttlicher Komödie: Francesca ist mit dem mißgebildeten Lanciotto verheiratet [bei Dante heißt er Giovanni], hat sich aber in dessen gutaussehenden Bruder Paolo verliebt. Über die gemeinsame Lektüre der Artus-Sage mit der Geschichte des Ritters Lancelot, der in ehebrecherischer Liebe zu Artus Ehefrau Guinevere entbrannt war, kommen sich Francesca und Paolo näher. Lanciotto entdeckt das Paar und verlangt deren Bestrafung. Einem Todesurteil entgeht Francesca durch ihren Rückzug in ein Kloster. Auf dem Weg dorthin trifft sie Paolo. Erneut werden sie von Lanciotto entdeckt. Eine tumultöse Schlußszene endet mit dem Tod des Paares.

Das Produktionsteam hat sich dazu entschieden, die Geschichte ohne Aktualisierungen zu zeigen. Die Kostüme von Raphaela Rose siedeln die Handlung in der Entstehungszeit an. Die Bühne von Johannes Leiacker wird von nackten weißen Wänden gesäumt, auf denen sich schemenhafte Lichtreflexe des Geschehens auf dem schwarzen und spiegelnden Bühnenboden abzeichnen. Den Stillstand während der zahlreichen Belcanto-Arien hat Regisseur Hans Walter Richter mit zwei bewährten Inszenierungsmitteln wirkungsvoll aufgebrochen: Da die Arien Gefühlszustände der Figuren reflektieren und verborgene Sehnsüchte offenbaren, öffnet sich zu der musikalischen Seelenschau die Bühnenwand und legt den Blick frei auf eine Wunsch- und Traumwelt. Passend dazu, daß Francesca und Paolo sich über die Lektüre der Artus-Sage in ein fiktives Mittelalter zurückträumen, zeigt das Bühnenbild als Zitat eines Gemäldes von Caspar David Friedrich die Ruine einer gotischen Kirche auf einem Felsen. „Seelenraum“ hat der Regisseur das in einem Pressegespräch genannt. Das sieht fabelhaft aus und wird sehr einleuchtend mit dem zweiten Inszenierungsmittel belebt, der Verdoppelung der Hauptfiguren durch Tänzer. Diese stellen dar, was den Protagonisten im wirklichen Leben versagt ist. Immer wieder kommt es auch zu Interaktionen zwischen den Sängern und den sie verdoppelnden Tänzern. Damit wird zwar das Rad nicht neu erfunden. Die Umsetzung dieser bekannten Inszenierungskniffe gelingt jedoch handwerklich souverän. Leider ist aber auch eine viel zu oft gebrauchte Inszenierungs-Unart anzutreffen, für deren Verwendung man die Zahlung von Bußgeldern einführen sollte: Auf der Bühne sind zahlreiche Stühle aufgestellt, die einzig dem Zweck dienen, von den Protagonisten umgestoßen oder durch die Gegend geschleudert zu werden, um Erregungszustände zu untermalen. Das ist derart abgeschmackt, daß wir ein mehrjähriges Moratorium für die Verwendung bei Neuinszenierungen fordern.

Kelsey Lauritano (Paolo) mit Doppelgänger / © Barbara Aumüller

Musikalisch bietet die Produktion drei Ensemblemitgliedern die Gelegenheit, ihr Potential in tragenden Partien unter Beweis zu stellen. Endlich ist die wunderbare Kelsey Lauritano in einer Hauptrolle besetzt. Sie gibt den Paolo darstellerisch hinreißend als leidenschaftlichen jungen Liebhaber und reißt das Publikum bereits mit der ersten großen Arie zu begeistertem Zwischenapplaus hin. Mit ihrem frischen, beweglichen, höhensicheren Mezzo serviert sie Belcanto-Kunststücke mit müheloser Souveränität. Sie ist der (gar nicht heimliche) Star des Abends. An dieser jugendlichen Frische fehlt es mitunter Gastsängerin Jessica Pratt in der Titelpartie. Sie bewältigt zwar die geforderte Vokal-Akrobatik, läßt dabei aber immer wieder die Leichtigkeit vermissen, die man bei der Darstellung einer jungen Frau erwarten möchte. Zu reif klingt dieser Sopran, zu scharf manche Koloratur, zu üppig das Vibrato. Gelegentlich gerät die Intonation in Gefahr, nach unten abzusacken. In der dritten Hauptpartie des Lanciotto bewährt sich Ensemblemitglied Theo Lebow. Er scheint mit dem Fach der Tenor-Bösewichte eine Nische gefunden zu haben, in der sich sein enormes technisches Können und seine charakteristische, herbe Stimmfärbung zu glaubhaften Rollenporträts fügen. Gelegentlich übertreibt er es damit, Eifersucht und Raserei seiner Figur durch Anschärfung des Timbres auszustellen. Einen guten Fang hat Intendant Bernd Loebe mit dem neuen Ensemblemitglied Erik van Heyningen gemacht. Der junge Baßbariton gibt Guido, den Vater Francescas, mit samtig-dunkler und doch kerniger Stimme.

Theo Lebow (Lanciotto) und Ensemble/ © Barbara Aumüller

Das Orchester unter der Leitung von Ramón Tebar zeigt sich in guter Form und präsentiert eine Partitur von ihrer besten Seite, die mehr zu bieten hat, als das schematische Um-ta-ta manch anderer Belcanto-Oper. Hier gibt es profilierte Bläsersoli und wunderbar weich intonierte Hornpassagen zu bestaunen. Der von Tilman Michael vorbereitete Chor zeigt sich in gewohnter Kraft und Klangfülle.

Die werkdienliche Inszenierung in einem sehenswerten Bühnenbild mit rollendeckender Besetzung ermöglicht das Kennenlernen der Belcanto-Oper eines Komponisten, der musikalisch den Vergleich jedenfalls mit dem viel bekannteren Donizetti nicht scheuen muß.

Michael Demel, 4. März 2023


Saverio Marcadante: Francesca da Rimini

Oper Frankfurt

Bericht von der Premiere am 26. Februar 2023

Inszenierung: Hans Walter Richter

Musikalische Leitung: Ramón Tebar

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Trailer

Weitere Aufführungen am 5., 11., 15., 18. und 25. März sowie am 2. und 8. April.