Antwerpen, Ballett: „Petruschka / Die sieben Todsünden“, Igor Strawinsky / Kurt Weill

Lieber Opernfreund-Freund,

gleich zwei Ballette präsentiert Opera Ballet Vlaanderen derzeit ihren tanzinteressierten Besuchern. Neben Igor Strawinskys Dauerbrenner Petruschka sind Kurt Weils recht selten gespielte sieben Todsünden zu erlebeben. Dabei bescheren die Choreographen Ella Rothschild und Jeroen Verbruggen einen kurzweiligen Tanzabend und auch musikalisch wird einiges geboten.

(c) Philip Van Roe

Igor Strawinskys 1911 uraufgeführtes Ballett Petruschka erzählt vom russischen Pendant des Kaspers aus dem hierzulande bekannten Kasperletheater, der zusammen mit der Ballerina und dem Mohren auf geheimnisvolle Weise zum Leben erwachen. In Gent gelingt es hingegen der Tanzcompanie, der von Jan Maillard entworfenen Eselspuppe so überzeugend Leben einzuhauchen, dass man sich als Zuschauer immer wieder vergegenwärtigen muss, dass es sich nicht um ein Lebewesen handelt. In anderen Szenen zeigen die Tänzerinnen und Tänzer im Chaos der dargestellten Menschenmassen eine dermaßen hohe Präzision, dass das Hinschauen eine wahre Freude ist. Statt der Puppe, die bei Strawinsky mit ihren menschlichen Regungen kämpft, ist es bei Ella Rothschild die Gesellschaft, die sich auf der öden Bühnenwüste von Eva Veronica Born zur Menschlichkeit durchringt.

(c) Bart Grietens

Im zweiten Teil des Abends wird eine andere Art der Modernität präsentiert. Der bunte musikalische Mix von Kurt Weill untermalt dabei die Geschichte von Anna, die in zwei Facetten einer Person – als Verkäuferin und Ware in Form von Sängerin und Tänzerin – auf der Bühne präsent ist. Das „satirische Ballett mit Gesang“ Die sieben Todsünden nimmt uns mit auf die sieben Jahre dauernde Reise von Anna durch sieben Städte der USA, auf der sie die Mission erfüllen soll, für die Familie Geld für ein Haus in Louisiana zu verdienen. Dabei steht jede Station für eine der sieben Todsünden, die Weill mit Elementen aus der Unterhaltungsmusik und einem Wechsel aus Annas Erzählung und Ensemblegesang greifbar macht: Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid. Nach und nach prangen die Sünden in großen Lettern auf einer riesigen Lichtskulptur (Design: David Stokholm), die einer Reklame gleich als einziges Requisit die recht dunkle Bühne beleuchtet. Die bonbonfarbenen, skurrilen Kostüme von Teresa Vergho passen sehr gut zum schrill-bunten Kleinbürgertum der USA, doch das eigentlich faszinierende ist das Zusammenspiel von Gesang und Tanz.

Sara Jo Benoot verfügt über einen ausdrucksstarken Mezzo, dem sie in Annas Erzählungen etwas Schmutziges beimischt. Dazu singt sie mit ausgezeichneter Textverständlichkeit. Gleiches gilt für die Mutter (!) vom Bass Manuel Winckhler, der seine Rolle mit Verve stemmt. Timothy Veryser präsentiert als unsympathischer Vater einen fast zu klangschönen Tenor, während Hugo Kampschreur und Lucas Cortoos als Brüder die irgendwie abgehalfterte Familie komplett machen. Die interessiert sich beim für den erkrankten Stijn Celis kurzfristig eingesprungenen Choreographen Jeroen Verbruggen so gar nicht für Anna, sondern nutzt sie nur aus. Das Einzige, was zählt, ist, dass die Tochter respektive Schwester der Familie ein Eigenheim ermöglicht. Aus der Tänzerschar, die scheinbar fast unorganisiert die Bühne bevölkert, sticht Lara Fransen mit einer unglaublichen Geschmeidigkeit als die Körperlichkeit von Anna hervor.

(c) Bart Grietens

Im Graben gelingt Alejo Pérez der Spagat, Strawinskys Wechsel zwischen schroffer Partitur und melodiedurchdrungenen Passagen ebenso überzeugend zu musizieren, wie den Mix aus Jazz und Oper, den Weill gut zwanzig Jahre später komponiert hat. Am Ende des musikalisch, tänzerisch und sängerisch exzellenten abends gibt es zu Recht lang anhaltenden Beifall für alle.

Ihr Jochen Rüth, 3. Januar 3024


Petruschka
Ballett von Igor Strawinsky

Die sieben Todsünden
satirisches Ballett mit Gesang von Kurt Weill

Opera Ballet Vlaanderen

Premiere: 16. Dezember 2023
Choreografie: Ella Rothschild (Strawinsky) und Jeroen Verbruggen (Weill)

Musikalische Leitung: Alejo Pérez
Symfonisch Orkest Opera Ballet Vlaandere

weitere Termine: 20., 22., 28. und 30. Dezember in Gent und 24., 25., 27. und 28. Januar sowie 1. und 4. Februar in der Stadtschouwburg Antwerpen

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