Bayreuth: „Junge Klaviertalente“

Vor einigen Jahren veranstalteten einmal einige Musikfreunde – vielleicht waren es auch Pianistenhasser, wer weiß das schon? – einen Test. Man hörte sich verschiedene Aufnahmen der selben Stücke an: zum einen von denen, die im Licht (der Öffentlichkeit und des Ruhms) wandeln, zum anderen von denen, die im Schatten (der Unbekanntheit) sitzen. Das Ergebnis war, zumindest für die wirklichen Kenner, weniger erstaunlich als erhellend, denn qualitative Unterschiede konnte man zwischen der Aufnahme der soundsovielten Beethoven-Sonate durch X.Y. und N.N. nicht mehr wahrnehmen. Egal, ob Eugen Müller oder Alfred Brendel, Emilia Meier oder Maurizio Pollini das Debussy-Stück spielten: es war alles eins.

Das beruhigt – zumindest den Musikfreund, dem es weniger auf die Aura der „großen Persönlichkeit“ als die Dignität der Interpretation ankommt.

Ich fühle mich an die Geschichte erinnert, als ich gestern Abend in einem Konzert mit Stundentinnen der  Hochschule für Musik Nürnberg, Klavierklasse Prof. Wolfgang Manz, eine junge Pianistin bei der Arbeit hörte, die ich garantiert nicht mehr in meinem Leben hören werde. Sie heißt Chiaya Kakutani,

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ist eine von unendlich vielen aus dem asiatischen Raum angereisten Klavierspielerinnen, die sich an den nationalen und internationalen Musikhochschulen den letzten Schliff holen und ebenso wie ihre vielen Kollegen und Kolleginnen einem Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, der die allermeisten von ihnen nach ihrem Abgang von der Schule in die Unendlichkeit des sog. freien Markts schleudern wird. Sie beherrscht ihr Handwerk aus dem Eff-Eff und spielt, quasi als Höhepunkt des Konzerts, Liszts Soirées de Vienne und Ravels Valses nobles et sentimentales mit größtem technischem Know how und mit scheinbar lässiger Hand (das Leichtklingende, das so schwer zu machen ist). Sie spielt Liszts Schubert-Variationen mit jenem Schmäh, den Jou Yu Shieh zu Beginn des Konzerts, bei einer Auswahl aus Schuberts Ländlern und Tänzen, noch ausblendet, weil sie eher auf die Brillanz spitzer Töne setzt (auch hier: vollkommene technische Artikulation). Kakutani spielt hinreißend, es macht einfach Freude, dieser Mischung aus Rasanz und Entspanntheit, vokaler Durchhörbarkeit und impressionistischem Farbklang zu lauschen. Schade also, dass ich sie sie nie wieder hören werde.

Begonnen hatte das Konzert, das mit den Tanzformen in der Klaviermusik ein schönes Programm hatte, mit Beethovens lustigen Eccossaisen. Shieh fügte Bachs erste Partita an, in der der Komponist fünf Tänze unterbrachte und sich zu Charakterstücken anverwandelte. Allemande, Corrente, Sarabande, Menuett und Gigue kommen schnell und frisch; die Deutung neigt sich, pointiert ausgedrückt, eher dem sachlichen als dem „romantischen“ Auge zu. Dass die Pianistin Schuberts Ländler dann genauso anlegt, entfernt diese vom Wiener Tanzsaal, wobei es doch unverkennbar ist, dass Schubert mit einzelnen dieser Tänze tief in die schroffen Moll-Regionen hineinleuchtete. Vielleicht, denkt sich der Hörer, wäre hier ein Hammerklavier das passendere Instrument für diese merkwürdigen Gebilde aus Gebrauchsmusik und Tiefensicht.

Bleibt der Mittelteil des Konzerts. Cosima Fischer von Mollard hält die Mitte zwischen der nötigen Robustheit und feinen Nuancen, wenn sie Chopins zwei Polonaisen op. 26 und Brahms‘ Neue Walzer op. 39 spielt. Die Polonaisen sind Heldengedichte, keine Tänze; Fischer von Mollard bringt sie mit Verve in den Raum – und entzückt uns schließlich mit einer Stück für Stück abgestimmten Interpretation der 16 Brahms-Walzer, die uns bedauern lässt, dass Brahms, neben den einzigartigen Liebeslieder-Walzern, viel weniger Tänze hinterliess als Schubert. Und wenn der As-Dur-Walzer ertönt, haben die Schönheiten leider auch schon fast ihr Ende erreicht.

Kennen Sie übrigens die Einspielung von op. 39/15 durch Vladimir Horowitz? Auch nicht schlecht…

P.s: Es bleibt ein Rätsel, wieso die Hochschule das Konzert mit „Pianist:innen“ ankündigt, da doch weit und breit kein Mann auf dem Podium zu sehen ist. Der Rezensent (Doktor der Germanistik) bittet um sprachliche Aufklärung.

Frank Piontek, 25.11. 2022


Junge Meisterpianistinnen der Hochschule für Musik Nürnberg:

Tanzformen in der Klaviermusik von Bach bis Ravel

Steingraeber Saal

Konzert am 24.11.2022