Mailand: „Fedora“, Umberto Giordano

Die vorletzte Produktion vor der Eröffnung der neuen Saison geriet als ziemlicher Schlag ins Wasser. Umberto Giordanos zweite Oper kann hinsichtlich textlicher und vor allem musikalischer Qualität ihrer populären Vorgängerin „Andrea Chénier“ nicht das Wasser reichen (um bei diesem Element zu bleiben) und ist ein Werk, an das der Regisseur aufrichtig glauben und den Mut haben muss, den schon dem von Victorien Sardou für Sarah Bernhardt inhärenten
Charakter der Kolportage nicht zu verleugnen.

Dieser Mut schien dem von mir sonst überaus geschätzten Mario Martone durchaus zu fehlen, weshalb er seine Zuflucht zu aufgepfropfter Intellektualität nahm. War der 1. Akt der in unsere Zeit verlegten Handlung noch realistischer Natur mit überzeugendem Bühnenbild (Margherita Palli), wo das Personal den Vorraum eines Apartments bevölkert und sich das Schlafzimmer des zu Tode verwundeten Verlobten Fedoras, Dimitrij, hinter einem Vorhang befindet, so steigt Martone ab dem 2. Akt in die Welt des Surrealisten René Magritte ein. So sehen wir während des festlichen Empfangs in Paris die „kopflosen“, weil von dichten Tüchern umhüllten Paare, die wir von einem berühmten Bild des Malers kennen, oder während des Loblieds auf die russischen Frauen verfallen die Tabletts tragenden Serviererinnen in rhythmische Zuckungen, die man nur als Parodie auffassen kann. Im 3. Akt ist dann „Der bedrohte Mörder“ zu sehen, das bekannte Bild mit einem großen Grammophontrichter. Martone erklärt das im Interview als Reverenz vor dieser Oper, denn für den männlichen Protagonisten Loris träfe dieser Titel ja zu. Eine ziemlich an den Haaren herbeigezogene Erklärung. Im 2. Akt fehlt durchaus die festliche Stimmung, denn das eigentliche Fest findet im 1. Stock einer (recht bescheiden ausgefallenen) Villa statt, während Fedora, Loris, Olga und De Siriex ihre Szenen vor dem Gebäude haben. Den Hintergrund im 3. Akt bildet eine wie von Ferdinand Hodler gemalte Bergkulisse, die uns zum Symbolismus zurückkehren lässt.

© Brescia&Amisano

Ein eigenes Kapitel sind die Kostüme von Ursula Patzak, die vor allem für Fedora selbst sehr unglücklich ausgefallen sind. Im 1. Akt noch in Pelz und Leder, trägt sie im 2. eine mehr als biedere Robe, im 3. aber einen schrecklich billig wirkenden Schlafrock und nachdem sie diesen abgelegt hat, eine Art grauen Arbeitskittel. Bei Loris ist die Sache einfacher: Smoking für den 2. Akt, Jeans für den 3. Smokingträger De Siriex wird in seinem Aussehen im 3. mit ältlicher Garderobe vom Diplomaten zum Buchhalter (ohne dieser Kategorie nahetreten zu wollen) degradiert. Sehr schön hingegen Olgas Kleid für das Fest, wobei man unterstreichen muss, dass die Interpretin dieses auch entsprechend zu tragen wusste.

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In der Titelrolle wirkte Sonya Yoncheva als ob das Ganze sie nichts anginge. Nicht einen Moment war sie die zur Rache für den Tod ihres ermordeten Verlobten entschlossene Frau, nicht einen Moment die Frau, die ihre Liebe nach Loris‘ Geständnis leben will und gleichzeitig weiß, dass das Idyll nur so lange dauern kann, bis Loris erfährt, wer am Tod seines Bruders und der Mutter schuld ist. Wenn man sich wenigstens mit der gesanglichen Leistung trösten könnte,
aber auch das blieb dem Publikum verwehrt, denn die Tessitura der Rolle liegt für Yoncheva viel zu tief, was zu vollkommen klang- und farblosen Phrasen führt. Leider eine reine Fehlbesetzung!

Roberto Alagna verlieh seinem Loris all das Gefühl, all die Leidenschaft, die seiner Partnerin fehlten. Natürlich besitzt der Stimme nach 30 Karrierejahren (und viel schwerem Fach für einen im Grunde lyrischen Tenor) nicht mehr den verführerischen Glanz vergangener Jahre, aber Alagna überzeugte mit Einsatz und einem dem Verismo geschuldeten Stil, der nie Geschmacksgrenzen überschritt. De Siriex fand in George Petean einen korrekten, aber blässlichen Vertreter. Was man aus einer an sich undankbaren Rolle machen kann, zeigte Serena Gamberoni mit ihrer lebendigen Olga, der sie auch stimmliches Gewicht verlieh. Im 3. Akt musste sie fast ihren gesamten Part singen, während sie mit dem Rad Runden drehte, eigentlich eine Zumutung, die sie aber brillant überwand. Aus den pauschal zu lobenden zahlreichen Klein- und Kleinstrollen stachen der schöne Mezzo von Caterina Piva und der sonore Bass von Andrea Pellegrini hervor.

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Bei der Premiere hatte es heftige Missfallenskundgebungen gegen Martone und vereinzelte gegen Yoncheva gegeben. Bei dieser dritten Vorstellung, die außer Abonnement stattfand, weshalb sich besonders viele Touristen im Publikum befanden, gab es nur Zustimmung. Es war auch Alagnas letzter Auftritt in dieser Produktion, denn die weiteren Abende übernahm, wie vorgesehen, Fabio Sartori, während die übrige Besetzung unverändert blieb.

Eva Pleus, 30. Oktober 2022


Umberto Giordano – „Feodora“ / Premiere am 15. Oktober 2022

Teatro alla Scala, Mailand

Inszenierung: Mario Martone

Musikalische Leitung: Marco Armiliato

Orchestra del Teatro alla Scala