Mailand: „Il Matrimonio Segreto“, Domenico Cimarosa

Wie im Herbst der letzten Jahre war die erste Produktion nach der Sommerpause dem Auftritt von Schülern der Accademia della Scala gewidmet. Ein erfahrener arrivierter Sänger ist dabei für die jungen Leute eine Art Tutor, von dem sie viel lernen und sich einiges abschauen können. Diesfalls war es Pietro Spagnoli, der den alten reichen Geizhals Geronimo, der seine Tochter Elisa an einen Adeligen verheiraten will, um die soziale Leiter weiter hinauf zu steigen, gab. Spagnoli, ein Vollblutkünstler und mehr Bariton als Bassbuffo, sang mit gesunder, schöner Stimme und – mit einer Ausnahme, allein auf weiter Flur – vorbildlicher Wortdeutlichkeit. Leider zwang ihn die Regie von Irina Brook zur Überzeichnung seiner Figur, was der erfahrene Künstler aber bis zu einem gewissen Grad abmildern konnte.
Nicht so die unerfahrenen jungen Leute. Brook sagt im Programmheft, auf Slapstick und Übertreibungen aller Art zu setzen, sei ihr als die einzige Möglichkeit erschienen, die Oper auf die Bühne bringen. Sie bezeichnete das Stück als „fiction ante litteram“ und übersah dabei völlig die Zartheit dieser Musik, die einem Libretto (Giovanni Bertati) folgt, das alles andere als eine Farce präsentiert, sondern unterhaltsame und dramatische Momente glücklich mischt.

An manchen Stellen erreicht Domenico Cimarosas Musik geradezu Mozart’sche Qualität, und die passt nun gar nicht zu schrillen Farben, Herumgehopse und vier von Brook eingeführten Dienstboten, die nur Verwirrung stiften, wenn sie sich mit ihren Servierwagen und den darauf stehenden Cocktails in die Handlung stürzen. Das skurrile Bühnenbild wird durch einen mit Meerestieren und Korallen dekorierten Vorhang vor Beginn des jeweiligen der zwei Akte angekündigt. Es stammt von Patrick Kinmonth, ebenso wie die (vor allem für die Damen) nicht wirklich kleidsamen Kostüme.

Der unterhaltsame Grundgedanke der Handlung ist, dass sich der von Geronimo angepeilte Adelige, Conte Robinson mit Namen, nicht in die ihm angebotene Elisa, sondern in ihre jüngere Schwester Carolina verliebt. Der Haken an der Sache ist, dass Carolina bereits heimlich mit Paolino, einem Mitarbeiter Geronimos, verheiratet ist. Zum Personal gehört auch Fidalma, Geronimos verwitwete Schwester, die auch ein Auge auf Paolino geworfen hat. Nachdem die heimliche Ehe aufgeflogen ist, gibt es noch ein paar turbulente Szenen, aber doch ein Happyend für Carolina/Paolino, und der Conte Robinson gibt sich schließlich mit Elisa zufrieden.
Die jungen Leute stürzten sich mit viel Schwung in ihre Aufgabe und folgten den Vorgaben von Irina Brook, wodurch so peinlich outriert wurde, dass man gar nicht mehr hinschauen wollte. Von natürlicher Beweglichkeit war der kubanische Bariton Jorge Martinez, der als Conte Robinson die beste Stimme der Absolventen der Accademia besaß (und dazu textverständlich sang). Auch die Fidalma des ukrainischen Mezzos Valentina Pluzhnikova ließ recht gutes Material hören, musste aber in der Szene, in der sie Paolino an die Wäsche geht, dermaßen übertreiben, dass man der Stimme nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit schenken konnte.
Brayan Ávila Martinez (Paolino) aus Mexiko enttäuschte mit einem nicht so sehr weißen als farblosen Tenor; dass sein Spiel ziemlich steif wirkte, will ich gern einer Abneigung gegen das Regiekonzept gutschreiben. Als Elisetta klang die Chinesin Fan Zhou über weite Strecken schrill und durch das Herumtrippeln, zu dem sie gezwungen war, gehandicapt.
Auch der Spezialist für Alte Musik Ottavio Dantone schien am Pult des Orchesters des Hauses die Regie konterkarieren zu wollen, aber dieses Gegeneinander anstatt eines Miteinanders trug im Grunde wenig Früchte.

Das mit Freunden und Verwandten der jungen Leute durchsetzte Publikum applaudierte zur Unterstützung (was ich für durchaus legitim halte).

Eva Pleus, 17. September 2022


Domenico Cimarosa – Il matrimonio segreto / Premiere am 5. September 2022

Teatro alla Scala, Mailand

Inszenierung: Irina Brook

Musikalische Leitung: Ottavio Dantone

Orchestra del Teatro alla Scala