Bologna: „Don Carlo“

Vorstellung am 6.6.2018 (Premiere)

Viel musikalisches Glücksgefühl

Diese Neuproduktion der vieraktigen italienischen Fassung des seit 20 Jahren in Bologna nicht mehr gegebenen „Don Carlo“ wird in erster Linie aus musikalischen Gründen in Erinnerung bleiben, was in Zeiten der Überhandnahme einer den Regisseuren zugeschriebenen Bedeutung ein absolut positiver Faktor ist.

Die Regie kann somit in wenigen Zeilen abgehandelt werden: Henning Brockhaus verdankt seine Bekannt- und Beliebtheit in Italien immer noch der historisch gewordenen sogenannten „Traviata der Spiegel“, die in diesem Land auch heute noch immer wieder herausgebracht wird. Deren Faszinosum war das Bühnenbild von Josef Svoboda, das eben aus lauter Spiegeln bestand.

Mit dieser Regie in Bologna zeigte Brockhaus nur, dass er nicht der Mann ist, um den Sängern bzw. deren Rollen das nötige Profil zu verleihen, sodass es von den Interpreten abhing, wie scharf auf Grund der eigenen Persönlichkeit die Gestaltung der Charaktere ausfiel. Die Massen traten auf und ab (der von Andrea Faidutti einstudierte Chor des Hauses sang mehr als anständig), und wenn es zu „Einfällen“ kam, waren diese eher peinlich, wie z.B. das Gehüpfe der Hofdamen (Choreographie: Valentina Escobar), die außerdem in Bezug auf die Farbwahl der Kleidung und die abstruse Form der Hüte glatt mit dem berühmten Rennen in Ascot hätten rivalisieren können. Die Kostüme von Giancarlo Colis waren überhaupt ein Kapitel für sich: Der arme Posa im blitzblauen Anzug sah aus wie ein Firmling, die Elisabeth wirkte mit ihren aufgetürmten Löckchen wie eine Mischung aus römischer Matrone und Aida. Überzeugend war nur der Look der Eboli à la Jean Harlow ausgefallen. Auch der Titelheld musste sich mit einem Straßenanzug begnügen, der König trug eine Phantasieuniform. Peinlich auch der Auftritt der Ketzer, die halbnackt mit wie von Bodybuilding gestärkten Körpern vorgeführt wurden. Das Bühnenbild (Nicola Rubertelli) war eher abstrakt und störte nicht weiter (auch wenn man nicht wusste, was die im Laufe der Vorstellung nie benützten Sitzkissen an der Rampe sollten), obwohl es die Tore der Kathedrale im Autodafé-Bild vermissen ließ. Filippo musste seinen großen Monolog auf einer Matratze liegend singen, nachdem Eboli während der Celloeinleitung noch um ihn herumgeflattert war. Überhaupt scheint Brockhaus kein Vertrauen in musikalische Vorspiele zu haben, denn auch vor der großen Elisabeth-Arie tat sich auf der Bühne einiges Unnötige.

Doch nun zur Musik: Michele Mariotti dirigierte seinen ersten „Don Carlo“ und tat dies in bestechender Weise. Das an sich schon sehr gute Orchester des Hauses hängte sich so richtig hinein. Man kann keine Gruppe besonders nennen, denn die Streicher glänzten seidig, die Bläser (speziell das Holz) klangen geradezu aufregend. Ich hatte den Eindruck, Mariottis Interpretation ginge in Richtung Karajan, welcher Eindruck mir von anderer Seite bestätigt wurde. Gibt es ein schöneres Kompliment? (Karajan dirigierte übrigens meinen ersten „Don Carlos“, in Salzburg 1958).

In der Titelrolle war wieder einmal ein echter Spintotenor zu hören, der die schwierige und doch auch undankbare Partie ohne merkliche Anstrengung sang: Roberto Aronica gestaltete den unglücklichen Prinzen mit Kraft und Vehemenz, war aber – wie beispielsweise im Schlussduett – auch zarter Töne fähig. Luca Salsi sang einen exemplarischen Posa prachtvoll auf Linie, dem man bei jedem Ton glaubte, dass er für seine Ideale und den Freund sein Leben gerne hingab. Dieser Bariton steigert sich von Mal zu Mal, und die Wiener dürfen sich in der kommenden Saison auf ihn freuen. Veronica Simeoni, das größte schauspielerische Talent auf der Bühne, legte eine schlangengleiche Eboli hin, vor der man sich mit Fug und Recht fürchten durfte. Ihrem hellen Mezzo fielen auch die dunklen, tiefen Töne nicht schwer – eine beeindruckende Leistung. Die ausgezeichnet singende Maria José Siri (Elisabetta) wirkte, gehandicapt auch durch ihre Perücke, mehr hausbacken als königlich, sang dann aber ihre Arie im letzten Akt mit größter Ausdruckskraft, die sie auch dem abschließenden Duett mit Carlo schenkte. Mit Hilfe Mariottis verschmolz dieses Finale zu einem großen Ereignis. Vielversprechend klang der dunkle Bass von Luca Tittoto als Mönch/Karl V., zart der Tebaldo von Nina Solodovnikova und die Stimme vom Himmel von Erika Tanaka (die beiden letzteren aus dem Opernstudio des Hauses).

Nicht glücklich konnte man hingegen mit Filippo und dem Großinquisitor werden. Der Bass von Dmitry Beloselskiy klang nicht nur zu hell, sondern vor allem zu wenig edel, dazu fehlte es an vertiefender Phrasierung. Der König wirkte fast ständig hilflos, weil die Nuancen des Schwankens zwischen den Extremen fehlten. Um der vom Orchester so spannend gestalteten Auseinandersetzung des Königs mit dem Großinquisitor auch vokale Intensität zu verleihen, hätte es auch eines anderen Sängers bedurft, als es der Brasilianer Luiz-Ottavio Faria ist, dessen Stimme fast baritonal klang. Da nützte auch seine stumme Anwesenheit in fast allen anderen Bildern nichts.

Trotz dieser beiden beträchtlichen Schwachpunkte durfte man sich über ein musikalisches Fest freuen.

Eva Pleus 10.6.18

Bilder: Rocco Casaluci