Bonn: „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ Weill/Brecht

Es gibt Opern, mit denen tut man sich schwer; Werke an denen man sich überhört hat, zu denen man keinen Zugang findet, die man irgendwie unbegründet nicht so mag. Es ging mir sehr lange mit Weill/Brechts Mahagonny“ so; oft als historisches Brecht-Theater abgefeiert, mit den üblichen Hits „Moon of Alabama“ und „Wie man sich bettet…“, etwas spröde ob der akademischen Formen Weills, doch änderte sich das Bild mit Barrie Koskys Essener Inszenierung, die unangenehm und auch etwas ekelhaft war. Letzte Saison inszenierte Kosky an der Komischen Oper Berlin das Werk erneut, gemildert in den Bildern, betörend in seiner glitzernden Traurigkeit, mit viel Liebe und Respekt zu Weill. Jetzt dazu Bonn innerhalb seiner Werkreihe „Fokus `33„, gereizt daran hatte mich vor allem die Sängerbesetzung, sowohl wegen „lange nicht gehört“, als auch „kann ich mir gut und spannend vorstellen“.

Doch Volker Löschs Inszenierung beginnt ungewohnt, denn über eine Videoleinwand erzählen Menschen aus dem Ahrtal wie sie das letzte Jahr erlebten, nach der Flutkatastrophe. Diese Sequenzen tauchen immer wieder zwischen den einzelnen Szenen der Oper auf und heben die pessimistischen Gedanken Brecht/Weills in heutigen Bezug zu den Folgen des Klimawandels und des unverbesserlichen, gleichen Weitermachens beim Wiederaufbau. Parallel dazu läuft die Oper gut serviert ab: die Gründerganoven im alten Mercedes fliehen in die Wüste, hervorragend textverständlich Susanne Blattert als Begbick, Martin Koch als Fatty der Prokurist und Giorgos Kanaris als Dreieinigkeitsmoses bilden ein perfektes Trio. Die Netzestadt besteht aus einer Art rundem Pool oder einer Bühne, die von Entertainern (Schauspielschülerinnen der Schauspielschule Siegburg) für die Konsumenten bespielt wird und über einen schrägen Spiegel in Draufsicht zu den Zuschauern gespiegelt wird und teilweise den Eindruck eines barocken Deckengemäldes hervorruft. Carola Reuther ist als Ausstatterin ein echter Coup gelungen, mit Miriam Schubach  zusammen setzt sie die Kostüme sachlich für die Nutten, urlaubs- und wellnessmäßig für den Herrenchor und für die Entertainer Sachen, mit denen Junggesellenabschiede uns nervend unterhalten wollen, also Industrie-Trash. Wie bereits gesagt, Jenny und ihre Mädels kommen eher sachlich als verrucht daher, die Sexindustrie bleibt das, was sie ist: ein Geschäft. Natalie Karl überzeugt als Jenny Hill in den weitausschwingenden Melodiebögen mit natürlichem lyrischen Gesang. Dazu Matthias Klink als Jim Mahoney, man muß sagen: er ist der Motor der Aufführung, sein farben- und facettenreicher Tenor, seine exzessive Darstellung, sind für mich absolut außergewöhnlich. Das Kranichduett mit Jenny bildet einen Ruhepunkt fern von der Welt, seine Todesangst in der Konsumwüste, die bewußte Sachlichkeit im Angesicht seiner Exekution, eine Lehrstunde in erfüllter und erfühlter gesanglicher und darstellerischer Ausführung. Überhaupt dieses letzte Bild, wie es in seinem weißen Konsumschrott an Caspar David Friedrichs Eiswüsten erinnert, auch ein grandioser Wurf. Doch auch die drei anderen drei Alaska-Jungs: Matthew Pena darf sich als Jack `O Brien mit schöner Tenorkantilene zu Tode fressen, Tobias Schabel wird mit süffigem Bass als Alaskawolfjoe totgeboxt, Mark Morouse singt mit sattem Bariton den ambivalenten Sparbüchsenbill. Die Vermutung hinsichtlich der Besetzung hatte mich nicht getrogen. Dazu der wunderbare Bonner Opernchor, wie immer gnadenlos in seiner enthemmten Darstellung, vor allem die Herren.

Doch auch Daniel Johannes Mayr am Pult des Beethoven Orchesters Bonn sorgte mit an der Dichte des Abends, seine flotten Tempi sind durchaus nicht anfechtbar und brachten die Beteiligten auch an Grenzen. Erbsenzähler mögen Unsicherheiten oder manchmal Undeutlichkeiten heraushören wollen, was zählte, war der musikalische Sog, den er in seinem Furor erzeugte. Weill wirkte durch die jazzige Haltung weniger akademisch, als in vielen anderen Aufführung, was dem Stück spürbar bekam. Als man dachte, das war`s jetzt, standen jedoch plötzlich drei der Ahrtalbewohner leibhaftig auf der Bühnen und stellten in aller Deutlichkeit vernünftige und nachvollziehbare Forderungen, dann erst war der Abend zu Ende. Diese dreieinhalb Stunden Spieldauer hatten es wirklich in sich und waren überhaupt nicht langweilig. Es gab Punkte, an denen hätte die Inszenierung richtig schief gehen können, ist sie aber nicht. Sicherlich muß man nicht mit allem einverstanden sein, was da passiert ist, was da gesagt wurde. Doch für mich ist die Regiearbeit von Volker Lösch eine der politischsten Inszenierungen, die ich erlebt habe. Sie zeugt von Haltung und Mut. Für mich schon jetzt einer der Höhepunkte der beginnenden Saison, für den ich hoffe, von vielen Menschen erlebt zu werden. Danke an alle Beteiligten für diesen wahrhaft aufregenden Opernabend. Ich bin begeistert!

Martin Freitag, 13.10.2022


Kurt Weill – Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny / Premiere am 11.09.2022 Theater Bonn

Inszenierung: Volker Lösch

Musikalische Leitung: Daniel Johannes Mayr

Beethoven Orchester Bonn

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