Hildesheim: „Dornröschen“, Engelbert Humperdinck

Regelmäßig findet sich Engelbert Humperdincks beliebte Märchenoper „Hänsel und Gretel“ im Repertoire auch kleinerer Theater; nur selten kann man seine „Königskinder“ erleben. Seine Vertonung des Grimm’schen Märchens „Dornröschen“, angereichert mit einigen frei erfundenen Szenen, ist eine Rarität auf den Spielplänen. Die Schriftstellerinnen Elisabeth Ebeling und Bertha Filhés schrieben das Libretto, das die die hart erkämpfte Erlösung Dornröschens durch Prinz Reinhold mehr in den Mittelpunkt rückt. Humperdinck machte aus der Vorlage keine durchkomponierte Oper, sondern es ist eine Art Melodram oder Schauspielmusik geworden. Sie enthält übermäßig viele Gesangs- und Sprechrollen, zahlreiche meist kurze Musiknummern, Festklänge, Irrfahrten, Schneesturm, Sonnenaufgänge und allerlei mehr rund um die altbekannte Geschichte von der verfluchten Königstochter, die sich an ihrem 15. Geburtstag an einer Spindel sticht und daraufhin in einen 100-jährigen Schlaf fällt, bis sie zu guter Letzt erlöst wird. Zuvor jedoch muss der Prinz, der sich in eine Statue der schönen Prinzessin verliebt hat, diverse Prüfungen bestehen und sich auch Versuchungen gegenüber standhaft zeigen, bevor er ans Ziel kommt. Die farbenreiche Komposition erinnert vor allem in der Ouvertüre und den instrumentalen Zwischenspielen stark an Humperdincks großes Vorbild Richard Wagner. Dazu passen inhaltlich auch die Erlösungsgeschichte durch einen unschuldigen Knaben (Parsifal) und die Versuchung der Dämonia à la Kundry – im Hintergrund meint man Klingsors Blumenmädchen zu hören. Die Märchenoper hatte bei der Frankfurter Uraufführung am 12. November 1902 beim Publikum zwar großen Erfolg, fand aber die Missbilligung der Kritik, was wohl bewirkte, dass „Dornröschen“ schnell in Vergessenheit geriet.

 © Clemens Heidrich

In Hildesheim gab es nun echt märchenhafte Bilder, wie den in der Partitur „Sphärenreigen“ genannten Sternenchor, der Szenenapplaus bekam, die knallbunte Festgesellschaft zu Röschens Taufe oder die Auftritte von Blumen, Mond und Sonne. Die flink veränderbare Bühne und die üppigen, überaus fantasiereichen Kostüme waren der Ausstatterin Moni Gora zu verdanken. Regisseurin Catharina von Bülow hatte dem Märchen noch eine weitere Idee hinzugefügt, indem sie die „böse“ Fee Dämonia und die „gute“ Fee Morphina durch dieselbe Sängerin darstellen ließ.  Am Schluss warf Dämonia ihren schwarzen Umhang wie das „Böse“ in ihr weg und durfte als Morphina an der Hochzeitsfeier teilnehmen. Weniger gelungen war die Idee, die vor allem im 1. Teil viel zu langatmigen und meist die Handlung nicht befördernden Sprechdialoge aus dem Off erklingen zu lassen, während die Figuren stumm spielten und sich auf Gebärden beschränkten. Im Programmheft merkte die Regisseurin dazu an, „ so werde die innere Haltung“ (der Figuren) „sichtbar durch eine der Welt enthobene Ausdrucksmöglichkeit.“ So recht verständlich war das alles nicht, zumal die etwas altertümlich gereimten und damit zum Märchenstoff gut passenden Texte nicht mit den Obertiteln übereinstimmten. Letztere waren unnötigerweise geglättet und auf modern getrimmt, was das Verständnis erheblich erschwerte.

 © Clemens Heidrich

Musikalisch hatte der Abend insgesamt beachtlich hohes Niveau, was vor allem dem Chordirektor des Hauses Achim Falkenhausen zu verdanken ist. Er hatte

Chor und Extrachor des Theaters für Niedersachsen (TfN) in bewährter Manier einstudiert, sodass in den nicht wenigen Chören wie gewohnt ausgeprägter Wohlklang zu hören war. Am Pult der den hohen Anforderungen der Partitur mehr als nur gewachsenen TfN-Philharmonie, die im Graben erstaunlich prächtige Klangfülle entwickelte, sorgte er souverän für den nötigen Zusammenhalt. Das gesamte Ensemble war mit großer Spielfreude bei der Sache: Mit kräftigem, ausdrucksstarkem Mezzosopran und überzeugendem Spiel beeindruckte die Gastsängerin Sofia Pavone in der Doppelrolle Dämonia/Morphina. Der kleine, aber feine Sopran von Sophia Revilla passte bestens zur sympathischen Rolle der Königin der Feen Rosa; besonders gefiel sie als quirliges Quecksilber. Ein ansehnliches Röschen war Sonja Isabel Reuter, die höhensicher ihr Lied „Zum ersten Mal allein“ erklingen ließ. Julian Rohde gab den mit märchenhaftem Leuchtschwert bewaffneten Prinzen Reinhold mit intensivem Spiel und durchweg flexiblem Tenor.

 © Clemens Heidrich

Als Röschens Vater, König Ringold, und auch 100 Jahre später als der dem Prinzen die Ahnen erklärender Vogt machte Eddie Mofokeng gute Figur. Seine Frau, die ständig um Röschen besorgte Königin Armgart, war Katharina Schutza. In den Rollen als blasierter, immer auf Etikette bedachter Tellermeister, als Bote und als schlaftrunkener Mond erntete Felix Mischitz so manche Publikumslacher; witzig auch der Koch von Jesper Mikkelsen. Jeweils auffallend stimmschön trugen die Sängerinnen aus dem Chor Xin Pan (Rose) und Semi Kim (Vergissmeinnicht) ihre hübschen Blumenliedchen vor. In den zahlreichen kleineren Rollen als die übrigen Feen, als Winde und als die Sonne bewährte sich die stimmliche Solidität der einzelnen Choristinnen und Choristen.

Mit starkem Beifall bedankte sich das leider nicht sehr zahlreich erschienene Publikum bei allen Mitwirkenden.

Gerhard Eckels, 24. Februar 2024


Dornröschen
Engelbert Humperdinck

Theater für Niedersachsen (TfN), Hildesheim

Premiere am 17. Februar 2024
Besuchte Vorstellung am 22. Februar 2024

Inszenierung: Catharina von Bülow
Musikalische Leitung: Achim Falkenhausen
TfN-Philharmonie 

Weitere Vorstellungen: 17.,19. März +1.,15. April + 15.,26. Mai und öfter, auch in anderen Orten