Osnabrück: „Don Carlo“ Giuseppe Verdi

Lieber Opernfreund-Freund,
insgesamt 20 Jahre Verdi an seinem „Don Carlo“ gearbeitet, gekürzt, gestrichen, wieder ergänzt, hat vier- und fünfaktige Versionen von Schiller Vorlage hinterlassen, auf Französisch und Italienisch, mal mit und mal ohne Ballett. Und auch Sam Brown tut sich in Osnabrück schwer mit einer schlüssigen Deutung des Stoffes. Musikalisch hingegen gerät der Abend zum Sängerfest.

Sam Brown, der dem Osnabrücker Publikum schon von seiner Wasserschlacht-Lucia bekannt ist, legt seinen Focus auf die Machtlosigkeit der Mächtigen, betont das Unglück der Protagonisten, findet dabei aber keine stilistische Linie. Die durchgestylte Einheitsbühne, ein mit edlem Holz verkleideter Raum von Bengt Gomér, lässt sich ebenso in den 1950er Jahren verorten wie die Kostüme von Sarah Mittenbühler; im Autodafé allerdings findet sich der Zuschauer am 6. Januar 2021 mitten im Sturm auf das Capitol in Washington wieder, der Großinquisitor erscheint obendrein als Ku-Klux-Clan-Chef. Der Unmut der Menge richtet sich hier nicht gegen die flandrischen Gefangenen, stattdessen steht „unser Land zuerst“ auf ihren Schildern. Diesen zeitgenössischen Seitenhieb hätte ich Brown auch noch gegönnt, doch spätestens, als er dem Schiller‘schen Stoff nicht traut und Posa zum intriganten Jago macht, der seinen eigenen Tod aus Machthunger bloß inszeniert, um dann im Schlussbild die Kutte Karls V. überzustreifen, hat er mich interpretatorisch verloren. Ähnlich verlassen bin ich bei der Deutung der zwischen den Szenen eingespielten Texte, deren Sinn und Ursprung nicht einmal das Programmheft aufklärt.

©Stephan Glagla

Musikalisch hingegen kann ich Erfreulicheres berichten. Die Ensemblemitglieder des Hauses liefern sich eine wahre Stimmschlacht mit James Edgar Knight an der Spitze. Voller Wucht wirft er sich in die Partie des Infanten entgegen, in eigen Ensembles zu Lasten seiner Sangeskolleginnen und -kollegen. Sein dunkel gefärbter Tenor überzeugt mit nicht enden wollender Kraft, seine Darstellung von Carlos tiefer Verzweiflung über seine ausweglose Situation berührt. Susann Vent-Wunderlich betört als Elisabetta, gestaltet ihre Figur sanft und energisch zugleich und krönt ihre Interpretation mit enormem schauspielerischem Talent. Die Eboli von Olga Prilova kommt im ersten Akt noch ein wenig scharf in den Höhen daher. Doch was ist das für ein Vollweib im weiteren Verlauf des Abends? Engagiert umgarnt sie Carlo im zweiten Akt, im dritten präsentiert sie ein stimmgewaltiges O don fatale, das Gänsehaut macht. Erik Rousi packt mich nicht vollends als König von Spanien. Zwar verfügt er über einen energischen Bass und ist so ein eindrucksvoller Regent. In der großen Szene nach der Pause rührt mich aber seine Interpretation nicht wirklich an.

©Stephan Glagla

Der Posa von Dmitry Lavrov hingegen lässt keine Wünsche offen; imposant und stimmgewaltig auf der einen, mitfühlend auf der anderen Seite durchflutet sein warmer Bariton den Theaterraum – da ist es umso bedauerlicher, dass die Regie seine Figur so seltsam umdeutet. Magnus Piontek komplettiert als Gast die stimmgewaltige Runde mit imposantem Bass voll dunkler Tiefe und gibt einen formidablen Großinquisitor. Von den kleineren Rollen machen vor allem die engelsgleiche Stimme von Himmel von Julie Sekinger und der verheißungsvolle Tenor von Eungdae Han Eindruck.

Die Damen und Herren des Chores sind bestens disponiert (Leitung: Sierd Quarré), während im Graben Daniel Inbal in bewährt verlässlicher Manier die Fäden zusammenhält. Sein präzises Dirigat rundet den musikalisch höchst erfreulichen Abend ab, auch wenn ich mir an der einen oder anderen Stelle ein wenig mehr dynamischen Drive gewünscht hätte. Das extrem gut besuchte Haus ist am Ende der dreieinhalb Stunden begeistert, auch wenn Sam Browns Lesart es nicht vermocht hat, dem Werk die eine oder andere Länge zu nehmen. Die musikalische Qualität rettet da vieles.

Ihr Jochen Rüth, 28.10.2022


Giuseppe Verdi – „Don Carlo“ / Premiere am 08.10.2022 Theater Osnabrück

Inszenierung: Sam Brown

Musikalische Leitung: Daniel Inbal

Osnabrücker Symphonieorchester

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