Mainz: „Adriana Lecouvreur“

Premiere: 12.09.2021

Norma Desmond trifft die große Oper

Lieber Opernfreund,

Adriana Lecouvreur ist seit gestern am Staatstheater Mainz zu sehen. Dass Cileas Oper, die nördlich der Alpen noch immer eine Rarität auf den Spielplänen darstellt, szenisch gegeben wird, ist allein schon fast einen Bericht wert. Dabei gelingt dem jungen italienische Gianluca Falaschi dabei gleichzeitig ein gelungenes Regiedebüt

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„Norma Desmond trifft die große Oper“ könnte man den gestrigen Abend treffend zusammenfassen, verlegt Falaschi doch die wenn nicht wahre, dann doch gut erfundene Geschichte um die französische Schauspielerin Adrienne Lecouvreur in die Glanzzeit des Hollywood der 1930er Jahre. Dass er von Haus aus Kostümbildner ist, ist ein Trumpf, den er bei dieser Lesart aufs Exzellenteste ausspielen kann: funkelnde Pailletten, Straußenfedern und ausufernde Kopfputze bilden einen Rahmen aus Opulenz und Glamour, in dem die Schauspielerin gegen den Verlust ihrer Lieben ebenso verzweifelt kämpft, wie gegen das Sinken des eigenen Sterns am Filmstarhimmel. Spätestens wenn sich die Gaze hebt, hinter der – coronabedingt ist der Abstand zwischen den Musikern sonst nicht einzuhalten – das komplette Orchester auf der Bühne platziert ist, fühlt man sich in eine frühe Musikrevue versetzt. Das liegt nicht nur an den wenigen filmischen Requisiten wie Kamera und Scheinwerfer, die Tausendsassa Gianluca Falaschi, der neben Regie und Kostümen auch das Bühnenbild verantwortet, auf die Bühne stellt, sondern auch an den Morgenmänteln mit Trompetenärmeln, den Turbanen und Fracks, die alle Protagonisten tragen. Lediglich der alte Theaterleiter Michonnet, unglücklich in Adriana verliebt, ist die kostümtechnisch die graue Maus und bleibt, während die Titelheldin von einem Wahnsinnskostüm ins nächste wechselt – in einen tristen Pollunder gehüllt und erinnert so an eine farblose Version von Olaf Schubert. Ein Fremdkörper bleibt diese Figur auch im Schlussbild, in der es fast scheint, als hätte Falasachi vergessen, einen Abgang für ihn vorzusehen, ehe sich die Liebenden zur Versöhnung und dem baldigen Ableben von Adriana ein letztes Mal in die Arme fallen.

Die visuelle Opulenz ist sicher eine Stärke des Jungregisseurs, der schon Kostüme für zahlreiche Produktionen an großen Bühnen wie der Scala oder dem Fenice geschaffen hat, die Personenregie ist sicher (noch) keine. Gerade während des so oft gestrichenen Balletts im dritten Akt, bei dem der Chor unter der Leitung von Sebastian Hernandez-Laverny dem optischen Glanz der Kostüme gesanglich in nichts nachsteht, wird es diesbezüglich wuselig und unkoordiniert und auch die Sterbeszene, in der Adriana alle Wegbegleiter wie vor einem inneren Auge sieht, ließe sich klarer und einprägsamer darstellen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau und schmälert meine Begeisterung kaum. Denn schließlich macht die musikalische Seite des Abends derlei Kleinigkeiten um Längen wett.

Daniel Montané am Pult entlässt beinahe filmreife Klänge in den Zuschauerraum am Gutenbergplatz. Cileas melodienreiches Schwelgen ist beim 1. Dirigenten am Staatstheater Mainz in besten Händen. Der Spanier findet einfühlsame Tempi und zeichnet nicht enden wollende Melodienbögen, die eine Oscarnominierung verdienten.

Das Sängerpersonal entstammt gestern zu 100% dem hauseigenen Ensemble: Myungin Lee ist ein aufgeweckter Abbé, der seinen klangschönen Tenor scheinbar mühelos fließen lässt. Stephan Bootz gibt als Principe di Bouillon gekonnt eine Mischung aus alterndem Lüstling und selbstverliebtem Mäzen. Michael Dahmens wundervoller Bariton braucht wenige Minuten, um warm zu werden. Doch schon zur großen Szene im 1. Akt verleiht Dahmen dem alten Theaterleiter gekonnt Profil; sein Gesang geht unter die Haut, sein Spiel bewegt. Die eifersüchtige und letztendlich mordende Fürstin findet in Sanja Anastasia eine ideale Interpretin, die mit glutvoll-sattem Mezzo auftrumpft und deren Darstellung bis ins Mark trifft. Die Slowenin kehrt nach acht Jahren ab dieser Spielzeit ins Mainzer Ensemble zurück; ganz neu am Haus ist

Vincenzo Costanzo, dem ein eindrucksvoller Maurizio gelingt. Ohne sich zu schonen, wirft er sich der Mörderpartie kraftvoll entgegen und rührt mich im zweiten Akt mein seinem gefühlvollen Gesang doch zu Tränen.

Nadja Stefanoff ist eine Adriana wie aus dem Bilderbuch. Im grandiosen Spiel an eine Mischung aus Joan Crawford und Gloria Swanson erinnernd, meistert sie die umfangreiche Partie leidenschaftlich und voller Finesse. Dabei rezitiert sie wie eine große Tragödin, leidet wie eine zu Tode Betrübte und stirbt wie eine echte Filmdiva. Das macht Gänsehaut!

Sie merken, lieber Opernfreund-Freund, ich kann kaum ein Haar in der Suppe finden und Ihnen diesen Augen- und Ohrenschmaus nur ans Herz legen. Die Kartenkontingente sind pandemiebedingt dezimiert – also nichts wie hin!

Ihr
Jochen Rüth

13.09.2021

Die Fotos stammen von Andreas Etter.