Frankfurt: „Blühen“, Vito Žuraj

Daß man unheilbar kranken Frauen beim Siechtum und schließlich beim Sterben zusieht, ist ein erstaunlich beiläufiger Vorgang zweier der erfolgreichsten Opern des internationalen Repertoires: Verdi läßt seine Traviata ebenso bühnenwirksam an Tuberkulose zugrunde gehen wie Puccini seine Mimi. Das Publikum ist gerührt bis ergriffen und empfindet keinerlei Scham über den eigenen Voyeurismus, der sich letztlich am tödlichen Elend erbaut. Das ist bei der aktuellen Uraufführung am Bockenheimer Depot anders, was daran liegt, daß der medizinische Befund im Gegensatz zu den beiden italienischen Erfolgsopern mit kalter Genauigkeit benannt wird. Eine „Schwindsucht“ kann man romantisieren, eine solche gesungene Diagnose aber nicht: „Ein Tumor des Uterus und des Ovars, der Eierstöcke. Auch das Bauchfell ist betroffen, Harnleiter und Lymphdrüsen.“ Selbst mit den Symptomen wird man nicht verschont: „Auch mein Bauch ist angeschwollen. Da, die Wölbung. – Vom Aszites, Bauchwasser. Wir punktieren.“ Bei solchen Dialogen stellt sich Beklemmung ein.

„Frei nach Thomas Manns Erzählung Die Betrogene von 1953“ gibt das Programm die literarische Vorlage an. Tatsächlich hat Händl Klaus für sein Libretto unter dem Titel „Blühen“ wenig mehr als das Handlungsgerüst von Thomas Mann übernommen: Eine früh verwitwete Frau von Anfang 50 verliebt sich in den deutlich jüngeren Englischlehrer ihres bereits erwachsenen Sohnes, der ihre Gefühle erwidert. Sie erlebt einen zweiten Frühling und wähnt trotz bereits eingetretener Menopause die Rückkehr ihrer Fruchtbarkeit, als scheinbar ihre Regelblutung wieder einsetzt. Tatsächlich ist die Blutung das Symptom eines Gebärmutterkrebses, an dem die Protagonistin am Ende versterben wird.

Bianca Andrew (Aurelia) und Michael Porter (Ken) / © Barbara Aumüller

Was an diesem Stoff bereits bei Thomas Manns Novelle befremdet, ist die Reduktion der Liebesfähigkeit, ja der Lebensfähigkeit einer Frau auf ihre Fruchtbarkeit. Es ist dieser zugleich biologistische wie archaische Impuls, der das ganze Stück mit einem unangenehmen Unterton versieht. „Endlich blüht es“, sind die ersten Worte der Protagonistin Aurelia, und sie erweisen sich schnell als zwiespältig, regelrecht morbide. Im Zentrum des Eingangsdialogs mit ihrer Tochter steht die „Angstblüte“, das saisonuntypische Blühen eines alten, morschen Baumes, ein letztes Lebenszeichen vor dem Absterben. Diese überdeutliche Metapher für das spätere Schicksal der Hauptfigur wird im Bühnenbild zweifach visualisiert: Zum einen unmittelbar mit einem Baumstamm, aus welchem wundengleich überdimensionale, quaddelartige blaue Gebilde quellen, zum anderen durch ebenfalls überdimensionale, palisadenartige Zweige mit Knospen, welche den Bühnenraum umsäumen. Ein Sofa als zentrales Möbelstück ist ganz aus diesen blauen Wucherungen gefügt, das wie ein Fruchtbarkeitsaltar bereitsteht und auf dem die Protagonistin schließlich dem Krebs erliegen wird. Drastisch hat sich zu ihrem langen Sterben eine gewaltig wuchernde Tumorplastik wie ein eingeschlagener Meteorit durch die Rückwand der Bühne gebohrt.

Todesbotschaft vor Krebsgeschwulst / © Barbara Aumüller

Diese den Zuschauer fast schon gewalttätig anspringende Überdeutlichkeit wird gut abgefangen durch die Regie von Brigitte Fassbaender, die ein vorzügliches Ensemble dazu anhält, der verbalen und optischen Blut-und-Fruchtbarkeitstümelei menschliche Bodenhaftung und eine glaubhafte Erzählperspektive abzugewinnen. Die auf dem Papier lakonisch knapp erscheinenden Dialoge werden in unprätentiöser Selbstverständlichkeit entfaltet und erhalten eine erstaunliche Natürlichkeit.

Die vom famosen Ensemble Modern unter der Leitung von Michael Wendeberg umgesetzte Partitur des slowenischen Komponisten Vito Žuraj bietet den Standard der zeitgenössischen Musik in gemäßigter, gut konsumierbarer Form. Sie ist natürlich nicht tonal, baut nicht auf wiedererkennbare Melodik, sondern auf charakteristische Klangfarben. Den einzelnen Figuren werden bestimmte Instrumente zugeordnet. Im Gesang werden zur Charakterisierung durchweg tradierte Mittel und Affekte genutzt. So ist die Partie der widerborstigen Tochter Anna in hoher Lage gesetzt. Intervallsprünge verleihen der Figur etwas leicht Schrilles. Nika Gorič bringt das mit ihrem hellen Sopran virtuos zur Geltung. Bianca Andrew durchläuft mit ihrem warmen Mezzosopran in der Hauptpartie der Aurelia glaubhaft die breite Palette der Gefühlsschwankungen von der schwärmerischen Leidenschaft für einen jüngeren Mann, dem Überschwang der erfüllten Liebe, dem nüchternen Ton bei der Hinnahme einer tödlichen Diagnose bis zum ergreifenden Abschied vom Leben. Michael Porter gibt mit schmachtender Stimme einen fast schon traditionell-opernhaften Tenorliebhaber. Alfred Reiters sonst mitunter knorriger Baß tönt hier in der Rolle des die Todesbotschaft überbringenden Arztes Muthesius angemessen sonor und abgeklärt. Jarrett Porter gefällt mit schlankem Bariton und zeichnet Aurelias Sohn Edgar mimisch sehr glaubhaft als gehemmten Charakter.

Bianca Andrew (Aurelia), Michael Porter (Ken), Jarrett Porter (Edgar) und Nika Gorič (Anna) / © Barbara Aumüller

Was bleibt musikalisch von der elaborierten Partitur im Gedächtnis haften? Mindestens die schwärmerischen Melismen der Aurelia auf dem Namen des Geliebten „Ken“, ganz sicher die Vokalisen des auch szenisch stark geforderten zwölfköpfigen Vokalensembles (das bei der Premiere krankheitsbedingt nur elfköpfig war), einschließlich der dunkel raunenden Kehllaute zum Sterben am Ende, dabei auch das allmähliche Verlöschen des Klanges im Orchestergraben mit dem metallisch-stumpfen Tönen von Klangschalen. Ansonsten ist es wie mit vielen zeitgenössischen Opernpartituren: Der Hörer erfaßt kaum mehr als einen Soundtrack, den er angesichts eines literarisch konzentrierten Textes und eines dichten Bühnengeschehens eher unterschwellig wahrnimmt.

Auch wenn man gegen das Sujet Vorbehalte haben darf, ist dem Produktionsteam eine Uraufführung auf szenisch und musikalisch herausragendem Niveau gelungen.

Michael Demel, 25. Januar 2023


Vito Žuraj: „Blühen“

Text von Händl Klaus

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot

Bericht von der Uraufführung am 22. Januar 2023

Inszenierung: Brigitte Fassbaender

Musikalische Leitung: Michael Wendeberg

Ensemble Modern