Baden-Baden: Cecilia Bartoli

Weltpremiere des neuen Tourneeprogramms – Farinelli und seine Zeit

24.11.2019

Die Wiedergeburt des Barock aus dem Geiste der Musik

Für Friedrich Nietzsche war es 1872 die „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ und wurde in Tribschen von Richard und Cosima Wagner begeistert aufgenommen. Cosima: „Richard gedenkt der Leute, die jetzt das große Wort in Deutschland führen“. Wie ist es damit in der heutigen Zeit? Wer bestimmt den Geschmack? Warum wird das Barock wiederbelebt, aus der Vergangenheit nach 300 Jahren in unsere Gegenwart transportiert? Wer ergreift das Wort für diese „alte“ Neuheit?

Denn eigentlich ist die Gesellschaft doch modisch in die digitale Zukunft gerichtet. Es ist Cecilia Bartoli, die italienische Opernsängerin, ein Koloratur-Mezzosopran mit dunklem Timbre und einem Stimmumfang von zweieinhalb Oktaven. Sie wurde 1966 in Rom geboren, eine steile Gesangskarriere führte sie 2012 zur Intendanz der Salzburger Pfingstfestspiele. Sie versenkt sich in Originalpartituren vergessener Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts und transponiert diese in ihre Mezzo-Stimmlage. Ob damit der sogenannte „Originalzustand“ erreicht wird, lässt sich nicht belegen. Es gibt keine „Aufnahmen zum Hören“, nur Aussagen von Zeitzeugen. Diese berichten in höchsten Tönen und dem bezeugten Ausruf einer Dame des englischen Hochadels: „One God, one Farinelli“.

Wer war Farinelli? Carlo Broschi wurde 1705 in der Nähe von Bari, im Königreich Neapel geboren. Die Eltern erkannten früh seine sängerische Begabung, und so wurde das „gebenedeite Messerchen“ angelegt. Er kam in die Schule des Komponisten Nicola Porpora (1686 – 1768) und wurde zum Kastraten ausgebildet, debütierte 1721 in Rom in einer Primadonnen-Rolle. Der junge Farinelli hatte, wie der Komponist Johann Joachim Quantz (1697 – 1773) berichtete, eine durchdringende, füllige und ebenmäßige Sopranstimme, „deren Umfang sich damals vom ungestrichenen a bis zum dreigestrichenen d erstreckte“.

„Seine Intonation war rein, sein Trillo schön, seine Brust im Aushalten des Atems außerordentlich stark und seine Kehle sehr geläufig, so daß er die weitentlegensten Intervalle geschwind und mit der größten Leichtigkeit und Geschwindigkeit herausbrachte … In den willkürlichen Auszierungen des Adagios war er sehr fruchtbar. Das Feuer der Jugend, sein großes Talent, der allgemeine Beifall und die fertige Kehle machten, daß er dann und wann zu verschwenderisch damit umging“.

Wie ging Cecilia Bartoli mit den Noten und Opern von Nicola Porpora, Geminiano Giacomelli (um 1692 – 1740), Johann Adolf Hasse (1699 – 1783), Johann Joachim Quantz, Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) und anderen mehr, für Kastraten, also Farinelli, komponiert, um? Sie transponierte die Partien um mindestens eine Oktave. Nur, „zwischen der Männlichkeit der männlichen Stimme und der Weiblichkeit der Frauenstimme gibt es kein Mittelding“ (Jürgen Kesting). Bartoli gibt ihrem Mezzosopran ein androgynes Timbre. Sie setzt das von Kastraten-Arien geforderte ‚Messa di voce‘ ein: Es beginnt wie ein pianissimo-Hauch, schwillt langsam an zu einem ‚Mezzoforte‘ und ‚Forte/Fortissimo‘, ohne an stimmlicher Intensität zu verlieren, zurück ins ‚pianissimo‘. Das sollte mehr als eine Minute dauern, und versetzt das Publikum in grenzenlosen Jubel.

Dazu in Giacomellis 1734 uraufgeführter Oper „Merope“ das Liebesschluchzen einer Nachtigall. Diese wurde auf der Bühne lange von ‚La Bartoli‘ an einem biegsamen Stab bewegt. Der Gesang hätte es auch, wenn nicht besser getan. Mit Kadenzen und Trillern beklagt die Nachtigall die Schicksalsqualen des Epitide, mit den höchsten Mitteln der Naturmalerei.

So begann das Geschehen auf der Bühne: Das Orchester „Les Musiciens du Prince – Monaco“ nahm Platz. Ein kleines Orchester, der Alten Musik und ihren Instrumenten verpflichtet. Es wurde 2016 im Fürstentum Monaco auf Initiative von Cecilia Bartoli gegründet, ihr Chefdirigent ist Gianluca Capuano. In Mailand geboren und dort studiert, spezialisierte er sich auf Alte Musik und pflegt das barocke Repertoire. Heute mit symphonischen Stücken der Zeit mit Soli für Flöte, Klarinette und Trompete.

Der große Vorhang hinter dem Orchester öffnet sich, und man sitzt im Teatro di San Marco in Neapel, so zeigt es das Bild der Bühnenrückwand. Vorne eine Garderobe mit Paravent und Schminktisch, dann betritt Cecilia Bartoli die Bühne, männlich kostümiert im Hosenanzug der Barockzeit mit Kurzhaarperücke. Die Programmfolge ist zu einem Ganzen ohne Unterbrechung zusammengefasst, das Umkleiden für die Frauenrollen etc. geschieht in dem kleinen Garderobenkabinett unter der Assistenz von Garderobier und Friseur.

So erweckt das Arrangement den Anschein eines vollständigen Operngeschehens. Das ist gut so! Denn allein die Oper „Merope“ hat eine Gesamtdauer von fünfeinhalb Stunden. So werden dem geschätzten Publikum kulinarische Häppchen serviert, musikalisches „Fingerfood“ für die heutige Zeit bereitet. Was Nicola Porpora, der Lehrer Farinellis, dazu gesagt hätte? Für ihn galt die Maxime, dass erst dort, wo die Technik endet, die Kunst beginnt. Ob sich so die Musik des Barock wiederbeleben lässt? Gut, damals war das Publikum für diese Musik der wohlhabende Adel. Er konsumierte sie bei Hofe, aß und trank derweil und anderes Amüsement mehr. Das war eigentlich eine Tragödie für die Musik!

Wie ist das heute? „Der Weg zurück zu Farinelli“ ist sehr weit. Das enthusiasmierte Publikum beklatschte sich und Cecilia Bartoli und erhielt die gewünschten Zugaben. Zwei Arien aus Opern von Georg Friedrich Händel und von Riccardo Brosch, dem Bruder Farinellis. Ein stimmungs- und wirkungsvoller Schluss, der zum Thema des Abends zurückführte.

Cecilia Bartoli beendete den offiziellen Konzertteil mit Georg Friedrich Händel, ‚What passion cannot Music raise and quell?‘ aus der Kantate „Ode for St. Cecilia’s Day“. Das war ihr quasi auf den Leib und die Kehle geschrieben. Gesungen hat sie es einen Tag nach dem 22. November, gewidmet der „Heiligen Cecilie“, der Schutzpatronin der Musik. Es war der Beginn einer (Verkaufs-)Tournee ihrer neuen Barock-CD.

Sie sollte klug mit ihrer Stimme umgehen, damit ihre Ideen und ihre Produktivität für die Alte Musik erhalten bleiben.

Inga Dönges, 25.11.2019

Bilder (c) Kristian Schuller / Michael Gregonowits