Berlin: „Der fliegende Holländer“, Richard Wagner

Nanu, schmort denn Don Giovanni nicht mehr in der Hölle, auf ewig verdammt wegen seiner unbezwingbaren Libertinage? Hat Gott seine Strafe abgewandelt, und irrt er seit Jahrhunderten über die Weltmeere, zum ewigen Leben verdammt, falls nicht ihm, der Tausende Frauen betrogen hat, eine bis in den Tod hinein treu ist? Die Aufführungen von Mozarts „Don Giovanni“ und Wagners „Der Fliegende Holländer“, beide mit Regie und Bühnenbild verantwortet von Herbert Fritsch, legen es in der Komischen Oper Berlin nahe, denn die Szene und die Figuren des Wieners sind ebenso lächerlich kunterbunt, marionettenhaft und knallfarben wie die des Bayreuthers, der Regisseur hält seine Sicht auf alle Opern, aus welchem Jahrhundert auch stammend, welches Sujet auch aufgreifend, für eine allgemein gültige, lässt sich nicht von den ach so unterschiedlichen Werken inspirieren, sondern pfropft ihnen seine ach nicht einmal reizvolle Ästhetik auf, die sich auch unterschiedliche Kostümbildnerinnen zu eigen machen (Bettina Helmi für den Holländer).

Mit Wagners Meistersingern hatte sich Intendant Andreas Homoki einst von der Komischen Oper verabschiedet, mit Wagners Holländer steigt das neue Intendantenduo  nach zehn Jahren wagnerfreier Spielzeiten unter Intendant Barrie Kosky nach einer Nono-Oper in seine Wirkungszeit ein.

Foto: Monika Rittershaus

Wagner-Freunde seien eindringlich davor gewarnt, die Aufführungen in der Komischen Oper zu besuchen, Freunde von Polanskis „Tanz der Vampire“ und von „Le Cage aux Folles“ hingegen werden gut bedient, denn der Holländer scheint aus dem Film, der Steuermann aus dem Musical entsprungen zu sein und der Chor ist zugleich Ballett im Stil der Operettenaufführungen der vergangenen Spielzeiten. Das ist alles sehr gekonnt, sehr perfekt, und das Ziel der extremen Verhohnepiepelung der Vorlage wird souverän erreicht. Die Inszenierung kann sich sogar der Sensation rühmen, als einzige der vergangenen Jahrzehnte die Verklärung der Liebenden, ihr Auffahren gen Himmel zu bringen, allerdings sind es nur die leeren Kleiderhüllen, die im Bühnenhimmel in die Ewigkeit aufsteigen, so wie beim Schlussapplaus der Regisseur auf einer Schaukel und Konfetti werfend in diesem entschwindet. Die Bühne ist kunterbunt, ganz in Grasgrün zu Eriks Arie, rosarot wenn Senta schwärmt, ein rostroter Kahn mit blutrotem Segel wird von den Untoten hin- und her bewegt, die Matrosen sind alle strohblond, die Spinnerinnen alle schwarzhaarig, die einen haben piekfeine Matrosenanzüge an, die Mädchen in Rosa und Hellblau Kuchenmamsellhäubchen, und alle betragen sich so affig, dass es weh tut.

Foto: Monika Rittershaus

Wenn die Optik diskutabel ist, so haben die Ohren Schreckliches zu erleiden, denn was bisher noch ein Tabu war, Eingriffe in die Partitur, das findet hier auf den Musikfreund verstörende Weise statt, wenn die Sänger zum Keckern, Dröhnen, Plappern, albernem Lachen, verzerrendem Sprechgesang gezwungen werden, allerdings stellenweise der Verdacht aufkommt, dem Sänger des Holländer sei ein anständiges Die Frist ist um ,dem Daland ein Mögst du, mein Kind gar nicht möglich, denn auch außerhalb der Verschlimmbesserungen durch die Regie klang sowohl bei Günter Papendell (Holländer) als auch verstärkt bei Jens Larsen (Daland) vieles matt, brüchig, hohl. Einen schönen Glockenton hatte Daniela Köhler für die Senta, gelegentliche Schärfen zeigten an, dass dies noch eine Grenzpartie für sie ist, aber insgesamt konnte man sich über ihre gesangliche wie darstellerische Leistung freuen, hätte gern gesehen, dass ihr das alberne Mitdemhinternwackeln als Überbrückung von Akt zwei nach Akt drei erspart geblieben wäre. Als grauhaariger Spießer mit strengem Scheitel blieb der Erik von Brenden Gunnell weitgehend von Regie-Extravaganzen verschont, konnte einen angenehmen, nur in der Höhe etwas eng werdenden Tenor mit Gewinn einsetzen, während Karolina Gumos als Mary dazu verdammt war, in lächerlichster Knusperhexenoptik auch entsprechende Laute von sich geben zu müssen.

Foto: Monika Rittershaus

Ob Schwule die Art und Weise, wie Caspar Singh als Steuermann  einen der Ihren spielte, goutieren können, kann man kaum beurteilen, seine vokale Leistung mit klarem Tenor hingegen konnte allgemein gefallen. Nach Anfangspatzern fand das Orchester des Hauses unter Dirk Kaftan zu einer respektablen Leistung, der absolute Star des Abends allerdings war einmal mehr der Chor, den David Cavelius, besonders auch, wenn man die darstellerischen Ansprüche an denselben bedenkt, zu Höchstleistungen geführt hatte.

Nach „Don Giovanni“ und „Der Fliegendem Holländer“ könnte es noch viele untote Herren und auch Damen geben, die der Regisseur zu unseligem Leben wieder erwecken möchte, sei es ein Faust oder sei es eine Lady Macbeth, die Rezensentin allerdings wird sich ihrer Wiederauferstehung entziehen. Das gebietet einfach ihr Respekt vor der Musik.

 Ingrid Wanja, 27. November 2022


„Der fliegende Holländer“ Oper von Richard Wagner

Komische Oper Berlin

Besuchte Premiere 27. November 2022

Inszenierung & Bühnenbild: Herbert Fritsch

Musikalische Leitung: Dirk Kaftan

Orchester der Komischen Oper Berlin

Probeneinblick