Frankfurt: „L’Italiana in Londra“, Domenico Cimarosa

Cimarosas Italiana in Londra war bei der Premiere zur Saisoneröffnung 2021 mitten in Pandemiezeiten eine kleine Sensation. Das Publikum hatte eigentlich bei diesem unbekannten Stück eines kaum noch gespielten Komponisten wenig erwartet und wurde mit exzellenten Sängerleistungen, einem fabelhaft-duftigen Orchesterklang und einer spritzigen Regie zu Beifallsstürmen hingerissen.

Der Anlaß dazu ist in Domenico Cimarosas „Intermezzo in musica“ aus dem Jahr 1778 so banal, daß eine Wiedergabe der Handlung sich kaum lohnt. Zwei Frauen sind Gegenstand der Begierde dreier Männer. Am Ende bilden sich zwei Paare. Einer geht leer aus. Das soll komisch sein? Ist es. Zum einen, weil das Libretto in seinen Protagonisten bestimmte Nationalcharaktere karikiert (steifer Engländer hier, feuriger Italiener da), zum anderen weil die witzigen Dialoge auch 250 Jahre nach ihrer Entstehung nicht wesentlich gealtert sind und mit jeder Boulevardkomödie konkurrieren können.

Theo Lebow (Sumers), Mikołaj Trąbka (Milord) und Dennis Chmelensky (Don Polidoro)
© Barbara Aumüller

Das Produktionsteam um Regisseur R. B. Schlather hatte die Vorlage zum Anlaß genommen, um ein Feuerwerk des Humors abzubrennen, mal übermütig, mal hintersinnig. Die schauspielerisch ungemein geforderten Protagonisten bewegten sich dabei oft in einer genauestens kalkulierten Choreographie über die Bühne. Die große Herausforderung für eine Wiederaufnahme war es nun, diese Bewegungsabläufe minutiös zu rekonstruieren und doch frisch und lebendig erscheinen zu lassen. Dies ist Caterina Panti Liberovici als szenischer Leiterin mit einem engagierten Sängerensemble gelungen. Slapstick und Ironie werden wieder in der exakt richtigen Dosis und mit perfektem Timing serviert. Dabei kann die Spielleiterin auf zwei in ihren Rollen bewährte Stammkräfte zurückgreifen: Wie in der Premiere präsentiert sich Bianca Tognocchi gleich zu Beginn mit quirlig-silbrigem Sopran, der die Soubretten-Partie der Madama Brillante funkeln läßt. Auch Theo Lebow als verschmähter holländischer Kaufmann Sumers zeigt erneut eine unbändige Spiellust und bringt seinen hellen und charakteristisch gefärbten Tenor pointiert zur Geltung. Immer wieder zeigt er Belcanto-Qualitäten, die auf seinen Einsatz als Rossinis Otello in einem Monat neugierig machen.

Monika Buczkowska (Livia) und Bianca Tognocchi (Madama Brillante) / © Barbara Aumüller

Monika Buczkowska hat nun die Partie der umschwärmten Livia übernommen und überzeugt mit lyrischen Sopranqualitäten. Neu besetzt sind auch die beiden um ihre Gunst buhlenden Baritone. Dennis Chmelensky leiht dem Klischee-Italiener Don Polidoro mit offenem Hemd und über dem Brusthaartoupet baumelnden Goldkettchen einen geradezu einschmeichelnd edlen, höhensicheren Klang, während Mikołaj Trąbka als steifer englischer Aristokrat Milord Arespingh mit Melone und weißen Handschuhen dunkler timbriert und mitunter ein wenig zu harsch daherkommt. Womöglich wären ihre Stimmtypen in der jeweils anderen Rolle noch besser zur Geltung gekommen.

Im Orchestergraben hat für die Wiederaufnahme Julia Jones die Leitung übernommen, die ihre Mozart-Expertise für dessen unterschätzten Zeitgenossen Cimarosa fruchtbar macht. Nach einer noch etwas zurückhaltend wirkenden Ouvertüre spielt das Orchester zupackend und farbig auf. Die Rezitative begleitet Felice Venanzoni am Hammerflügel locker und gewitzt, dabei in perfekter Abstimmung mit dem Bühnengeschehen.

© Barbara Aumüller

Auch in dieser Wiederaufnahme zünden die Pointen einer brillanten Regiearbeit mit unangestrengter Leichtigkeit, während die darstellerisch engagierten Sänger zusammen mit einem gut aufgelegten Orchester die Musik des Mozart-Zeitgenossen Cimarosa im besten Licht erscheinen lassen. Das Publikum ist immer wieder hörbar amüsiert, spart nicht an Zwischenapplaus und feiert am Ende Sänger wie Orchester.

Michael Demel, 8. April 2024


L‘Italiana in Londra
Intermezzo in musica von Domenico Cimarosa

Oper Frankfurt

Aufführung am 7. April 2024
Premiere am 26. September 2021

Inszenierung: R. B. Schlather
Musikalische Leitung: Julia Jones
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Weitere Aufführungen am 10., 12., 21. und 25. April sowie am 3. Mai.

Trailer