Zürich: „Eliogabalo“, Francesco Cavalli

Man erinnert sich: Als vor über zehn Jahren bekannt wurde, dass Andreas Homoki die Intendanz des Opernhauses Zürich übernehmen werde, war der Aufschrei in gewissen konservativen Kreisen des Publikums groß, hatte Homoki doch während seines Direktoriums an der Komischen Oper Berlin dem als „Skandalregisseur“ titulierten Katalanen Calixto Bieito mehrmals Inszenierungen anvertraut, so etwa die als nicht jugendfrei angesetzte und im Bordell spielende Entführung mit einem splitternackten Osmin und auf offener Bühne kopulierenden Paaren, eine „Armida“ mit lauter nackten Jünglingen, einen Splatter-Freischütz, der blutrünstige Primitivlinge im deutschen Wald ansiedelte. Man befürchtete, dass nun auch die Zürcher Bühne unter der Intendanz Homokis zu einem Sodom und Gomorra mutieren würde. Aber Homoki ließ sich glücklicherweise nicht beirren und verpflichtete Bieito für Inszenierungen von Zimmermanns „Die Soldaten“, Prokofievs „Der feurige Engel“ und zuletzt Monteverdis „Krönung der Poppea. All diese Zürcher Produktionen wurden vom Publikum begeistert aufgenommen.

(c) Monika Rittershaus

Das war auch gestern Abend nicht anders, es gab keine hörbaren Unmutsbekundungen des Premierenpublikums für Bieitos Blick in die Abgründe der menschlichen Psyche in Cavallis „Eliogabalo“, dieser venezianischen Karnevalsoper, die zu Lebzeiten des Komponisten nie aufgeführt worden war und erst vor etwas über 20 Jahren in einem venezianischen Archiv wieder entdeckt wurde. Die Zürcher Aufführung – das Opernhaus weist darauf hin, dass die Produktion nicht jugendfrei ist – wurde zu einer bildgewaltigen und auch manche wohl etwas verstörenden Angelegenheit, denn Bieito drang tief in die Dekadenz der Figuren ein, integrierte historische Aussagen über das Leben dieses perversen Jünglings auf dem römischen Kaiserthron in seine Erzählung der Handlung auf. So etwa bekommt die Beziehung zwischen Eliogabalo und seinem Vertrauten Zotico  – einnehmend gesungen von Joel Williams – die Attribute, die ihr historisch zugeschrieben wurden, nämlich die einer homosexuellen Beziehung. Denn Eliogabalo soll angeblich seine Berater nach der Größe ihres Geschlechtsteils ausgesucht haben, ja selbst in römischen Bädern danach Ausschau gehalten haben. Den ganzen Abend hindurch wird mit Genderfluidität gespielt, Männer sind Frauen, Frauen sind Männer, fast alle können mit allen oder eben auch nicht. Eliogabalo gibt sich selbst einem monumentalen Stier hin und vollzieht auf offener Bühne die Selbstkastration, bevor der dekadente Spuk ein Ende hat.

Der Regisseur hat zusammen mit Anna Sofia Kirsch eine faszinierende Bühne bauen lassen, einmal schwebt sogar ein halber Raum (der mit dem Stier) vom Bühnenhimmel. Es gibt viel zu sehen, zu entdecken – auch zu entschlüsseln, was einem auf Anhieb ehrlicherweise nicht immer gelingt. Die Bankettszene zum Beispiel, bei der Nudeln aus der Nudel Box vom Chinesen unter einer Silberhaube serviert werden, nur damit sich die Protagonisten dann mit diesen Nudeln gegenseitig bewerfen können und sich die rote Sauce überall herumschmieren, war zwar total dekadent, aber nicht sehr erhellend. Während des von Eliogabalo einberufenen Frauen-Senats (wie zeitgemäß!) werden kontrastierende Videosequenzen einer reinen Männerkonferenz (40er, 50er Jahre?) eingespielt. Leider erfährt man nicht, woher dieses Bildmaterial stammt, das wäre eventuell erhellend gewesen oder auch nicht.

(c) Monika Rittershaus

Die Frauen in diesem Senat verbinden sich die Augen mit blutbespritzten Krawatten und spielen „Blinde Kuh“, es kommt zu lesbisch angehauchten Begegnungen. Am Ende der Senatsszene stehen die Frauen etwas unbeholfen nur mit BH und Schlüpfer bekleidet auf der Bühne – ist etwas peinlich anzusehen und irgendwie erniedrigend. Zwischen den drei echten Hauptfiguren Eritea, Gemmira und Atilia kommt es zu einer kreischenden Rauferei, die Palmen in Töpfen, welche die Trans-Frau Lenia zuvor mühselig auf die Bühne getragen hatte, werden dabei umgeworfen. 

Mark Milhofer spielt und singt diese durchtriebene Lenia, die Vertraute, Einflüsterin, Amme, Mutter und Vater des Kaisers in einer Person ist, vortrefflich, was für eine grandiose Leistung! Etwas verrätselt für mich ist der Beginn des Werks zur Ouvertüre inszeniert. Auf einen mit semitransparenten Plastikvorhängen verkleideten Kubus wird ein Video projiziert, in welchem von einer Frau (oder einem Mann mit blonder Perücke und Glitzerkleid – das weiss man in dieser Inszenierung nie ganz so genau) Zwiebeln geschnitten und Fleischbällchen zubereitet werden. Sobald der Clip erlischt, sieht man schemenhaft im Kubus die Vergewaltigung Eriteas durch Eliogabalo. Daneben gibt es aber auch ganz eindringliche Bilder – so der Schluss mit dem aus dem Orchestergraben herauffahrenden Käfig, in welchem sich der Gladiator Tiferne (sehr stark in dieser kurzen Szene der junge Bassbariton Benjamin Molonfaleon) befindet und in welchen dann der verblutende Kaiser Eliogabalo im jungfäulich weissen Brautkleid geworfen wird.

Es passiert so vieles in dieser Inszenierung, dass man gar nicht alles beschreiben kann, von allegorischen schwarz-weiss Videoclips (Stierkämpfe, Strassenszenen, kitschigen Filmküssen aus Leinwandklassikern), kleinen und doch bedeutsamen Gesten und Berührungen. Die Arbeit an dieser ausgefeilten und detailreichen Produktion muss außergewöhnlich intensiv gewesen sein – auch was den musikalischen Aspekt anbelangt. Mit Dmitry Sinkowski am Pult des hochgefahrenen Orchestra La Scintilla hat man am Opernhaus Zürich einen veritablen Coup gelandet. Die Einreise des russischen Dirigenten soll ja recht schwierig gewesen sein. Sinkowski ist nicht nur ein genialer musikalischer Leiter, der die Partitur – von der nur ein rudimentärer basso continuo überliefert ist, da es ja keine historische Spielfassung gab – wunderbar klingend orchestriert und eingerichtet hat, er spielt auch selbst während der Aufführung oftmals die erste Geige und überrascht nach der Pause mit einer Arie, die er mit seiner herrlichen Countertenor-Stimme vom Pult aus vorträgt. Klasse!

Das kann man auch von den beiden Countertenören auf der Bühne sagen: Eliogabalo wird von Yuriy Mynenko mit solch einnehmender und lupenrein intonierter Weichheit und Schönheit gesungen, dass man zu diesem verdorbenen Charakter beinahe Mitgefühl entwickelt. Sein adoptierter Neffe und späterer Kaiser Alessandro Cesare wird von David Hanson mit gänzlich anders timbriertem Counter gesungen, aggressiver im Ohr haftend, zu Schrillheit und hysterischem Klang im Forte tendierender Stimme, die einen oftmals fast schmerzlich berührt. Herausragend schön und leidenschaftlich singen die drei unterschiedlich rivalisierenden „echten“ Frauen: Anna El-Khashem als Alessandros Verlobte Gemmira, Sophie Junker als die in Alessandro hoffnungslos verknallte Atilia Macrina und Siobhan Stagg als Anicia Eritea. Den Anführer der Prätorianer, Bruder Gemmiras und Verlobter Eriteas, heisst Giuliano und wird in der Zürcher Inszenierung von der Mezzosopranistin Beth Taylor mit überragender Intensität verkörpert. Die Kostümdramaturgie (Ingo Krügler) hat die Weiblichkeit der Interpretin dieses Soldaten nicht zu verhüllen versucht, so dass sich auch hier eine neue sexuelle Konstellation eröffnet. Daniel Giulianini als Nerbulone, Aksel Daveyan und Saveliy Andreev (als die beiden Konsuln) komplettieren das exquisite Solistenensemble.

Der Applaus nach fast dreieinhalb Stunden Spieldauer inklusive Pause war ausgesprochen freundlich. Cavallis Oper setzt ja nicht auf Bravour-Arien, sondern auf dramatisch aufgeputschte, von wunderschönen Ariosi und Phrasen untermalte Rezitative, auf eine innovativ durchkomponierte Form. Das ist nicht jedermanns Sache. Man musste konstatieren, dass die Premiere nicht ausverkauft war und nach der Pause zusätzlich noch etliche Plätze leer blieben. Ich wage zu Bezweifeln , das die Oper in das erweiterte Standardrepertoire Einzug halten wird.

Kaspar Sannemann 5. Dezember 2022


„Eliogabalo“ Francesco Cavalli

4. Dezember 2022

Opernhaus Zürich

Inszenierung: Calixto Bieito

Musikalische Leitung: Dmitry Sinkowsky

Orchestra La Scintilla