Bayreuth: „Romantik in Moll“, Klavierabend

Ferdinand Gotthelf Hand bezeichnete sie, 1837 in seiner „Aesthetik der Tonkunst“, als einen „ernstern Ton, in welchem der tobende Schmerz, die herbe Unlust, der Mismuth, bitterer Ernst und auch der Groll spricht“. Berlioz nannte sie „tragisch, vollklingend, schneidend“.

Gemeint ist: die Tonart fis-Moll, und „Romantik in Moll“ – so ist auch das Programm überschrieben, das einige Schüler der Klavierklasse Professor Michael Wessels aus der Hochschule für evangelische Kirchenmusik in Steingraebers Kammermusiksaal schickte. Fis-Moll: in dieser Tonart stehen – man mag das für einen Zufall halten – nicht weniger als drei der vier Werke, die am Abend auf dem Programmzettel stehen: Mendelssohns Phantasie op. 28 (eine verkappte Sonate), Schumanns 1. Sonate (eine verkappte Fantasie), und Brahms‘ 2. Sonate. Kommt hinzu der Kopfsatz aus Tschaikowskys b-Moll-Konzert (DEM Klavierkonzert), das weniger über die Tonart als den initialen Quintfall mit den anderen Werken verwandt ist, wobei der Wagnerianer unter den Zuhörern auch an den Beginn des lyrischen Themas (des „Senta-Themas“) aus dem „Fliegenden Holländer“ denken darf, das zeitgleich mit Schumanns Klavierkonzert entstand – das wiederum mit der selben Geste anhebt.

© Michael Wessel

„Tragisch, vollklingend, schneidend“? Brahms‘ 2. Sonate, eigentlich seine 1., beginnt mit einer zerrissenen Bewegung und steigert sich ins Verzweifelte, bevor ein Pianissimo-Abschnitt für den düsteren Kontrast sorgt und der Satz am Ende schlicht und einfach abbricht. Jonathan Auerbach, Magisterstudent im 3. Semester, spielt das Allegro non troppo bezogen auf einige kleine Noten, nicht völlig trittsicher, aber wesentlich entscheidender für die Dignität der Interpretation ist die Tatsache, dass er den formalen Zusammenhang in Blick hat, der über den inneren Sinn des Satzes entscheidet, der freilich noch nicht über die Vollkommenheit späterer Brahms-Konstruktionen verfügt – wie auch Julian Ritschel (2. Magister-Semester) in seiner bravourösen wie konzentrierten Deutung von Schumanns erster Sonate die Bezüge zwischen den Makro- und Mikroteilen souverän darstellt. Indem Schumann das Klavier in eine Auseinandersetzung zwischen Sonate und Fantasie schickt und den musikalischen Fluss durchaus auch mal (anscheinend!) ein wenig potpourrihaft gestaltet (kein Zufall, dass er auch hier ein Thema aus einem Werk der geliebten Clara als Material benutzte), um eine Fülle von Charakteren und Ausdrucksgestalten zu entbinden, gab er dem Pianisten die Aufgabe in die Hände, die Kontraste zwischen Tanz und Melancholie, Rezitativ und Kontrapunkt dialektisch zusammenzubinden. Ritschel gelingt es, weil er die Logik nicht MIT einer kühlen Analyse, sondern NACH der Analyse nachzeichnet: was weder den lyrischen Gesang der „Aria“ noch Claras „Hexentanz“ in seiner unmittelbaren Wirkung behindert.

Wenn Arman Depperschmidt Mendelssohns Phantasie spielt, die der Komponist zunächst als „Sonate écossaise“, also als „Schottische Sonate“ bezeichnete, merkt der Zuhörer hingegen, dass die quasi klassische Zurückhaltung, die Depperschmidt sich angesichts des in den Forte-Regionen gefährdeten Schönklangs auferlegt, dem Ausdrucksgehalt des freilich im piano anhebenden ersten Satzes nicht gut tut. Auch im Allegro con moto des Mittelsatzes herrscht eine Delikatesse, bei der man sich eine etwas mutigere, auch im Tempo leicht gesteigerte Emphase wünscht. Erst im virtuosen Finale, dem Presto, scheint sich der „Jungstudent“, der gerade das Abitur absolviert hat, frei zu spielen. Er gibt erst hier, technisch auf jenem vollkommenem Niveau, das die Realisierung der wahnwitzigen Sechzehntelketten mühelos erscheinen lässt, dem Affen Zucker, den er dem Komponisten noch in den ersten beiden Sätzen verweigerte.

Bleibt das Finale grandioso. Mit dem ersten Satz aus Tschaikowskys erstem Klavierkonzert, hier in der Bearbeitung für zwei Klaviere, erspielen sich die Prima Nadja Rangott und der Secondo Tobias Wirth den Applaus des Publikums, das einen bei aller eingängigen Brillanz musikalisch durchdachten Tschaikowsky zu hören bekommt. Auch hier herrscht eine auch dem kleinen Raum angemessene Zurückhaltung zumal im Tempobereich, weil die Vorschrift des Komponisten Ernst genommen wird. Ein Allegro ma non troppo ist eben ein eingeschränktes Schnell – nur hört man‘s nicht in jeder der vielen Aufnahmen und Aufführungen des genialen Reißers. Man hört‘s am Abend, weil Wessel seinen Schülern stets beibringt, dass die absolute Genauigkeit, mit der ein Musiker Noten zu lesen hat, nicht  zu einer poetischen Interpretation quer stehen muss.

Frank Piontek, 30. Juni 2023


Romantik in Moll
Klavierabend der Klavierklasse Prof. Michael Wessel
Steingraeber, 29. Juni 2023
Solisten: Jonathan Auerbach, Julian Ritschel, Arman Depperschmidt
Nadja Rangott und Tobias Wirth