Dresden, Konzert: „Sächsische Staatskapelle“, Daniele Gatti

Mit zwei Ballettmusiken und Robert Schumanns Frühlingssymphonie wollte, der der designiere Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Daniele Gatti seine seit dem Jahre 2000 fast lückenlose Gastdirigenten-Tätigkeit beim vertrauten Orchester abschließen, bevor er am 1. August 2024 sein neues Amt antreten wird.

© Oliver Killig

Der seit dem November 1792 im Musikleben der Stadt Wien vor allem als Improvisator und Pianist bewunderte Komponist Ludwig van Beethoven (1770-1827) erhielt im Jahre 1800 von dem gefeierten Tänzer und Choreografen Salvatore Viganò (1769-1821) einen Auftrag zur Komposition der Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“. Viganò, der mit seinem kühnen Stil eine neue Epoche des Tanzes in der Kaiserstadt eingeleitet hatte, wollte mit pantomimischen Formen die Geschichte von der Erschaffung und geistigen Erweckung des ersten Menschenpaares erzählen. Da Wien zu dieser Zeit noch keinen Konzertsaal hatte, nahm Beethoven die Möglichkeit für das Theater zu arbeiten, gern an. Nur so konnte er außerhalb der Adelshäuser sein Orchesterschaffen präsentieren. Nahezu parallel zu mit seiner „Ersten Symphonie“ schuf Beethoven die sechzehn Nummern für Orchester umfassende Ballettmusik. Von der ungewöhnlich hohen Zahl der neunundzwanzig erfolgreichen Aufführungen des Balletts wurde berichtet. Die Choreografie Viganòs ist verschollen und die vollständige Ballettmusik Beethovens wird selten aufgeführt. Lediglich die mit einem deutlichen Anklang an den Beginn der „Ersten Symphonie“ versehene Ouvertüre zum Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ hat bis heute im Repertoire als eigenständiges Werk überlebt. Nach einer Überlieferung des Viganò-Biografen Carlo Ritorni (1786-1860) könnten in der Ouvertüre die beiden Lehmstatuen eine Rolle gespielt haben, die Prometheus mit dem von den Göttern geraubten Feuer zu den seinen Vorstellungen entsprechenden Schöpfungen „Frau und Mann“ formte.

Mit wunderbar ausbalancierten dynamischen Kontrasten und fein gezeichneten Charakteren nutzte Gatti die Ouvertüre als Plattform des vierten Symphoniekonzertes der Saison. So harsch und trocken die Anfangsakkorde daher kamen, so geschmeidig floss die Musik mal lieblich tänzelnd, mal ungestüm wirbelnd weiter.

Der unaufhaltsame Vorwärtsdrang der Spannungen brachte einen regelrecht philosophischen Übergang zu Igor Strawinskys Ballettmusik „Apollon musagète“. Diese Komposition entstand nicht, wie seine früheren Ballettmusiken für die „Ballets Russes“ Djaghilevs, sondern für ein Festival zeitgenössischer Musik in der Washingtoner Libary of Congress amerikanische Truppe. Für „Apollon musagète“ holte sich Strawinsky (1882-1971) eine Vorlage aus der antiken griechischen Mythologie: der Gott der Musik Apollon tanzt mit den Musen der Poesie Kalliope, der Muse der Hymnendichtung Polyhymnia sowie der Muse des Tanzes Terpsichore und führt sie am Schluss zum Parnass-Gebirge.

Strawinsky hatte das Werk 1927 /1928 tonal nur für Streichorchester komponiert und in der Struktur an die Ballettmusiken von Jean Baptiste Lully (1632-1687) angelehnt. Damit gelang ihm wieder einmal, sein Publikum zu verblüffen.

© Oliver Killig

Daniele Gatti kostete die Musik liebevoll und mit zartfühlender Hand aus. Am Beginn hatte man das Gefühl, musikalisch entführt zu werden. Man ließ sich einhüllen, gepackt nur von der Magie der Musik, von der fein dosierten Expressivität und Eleganz, so dass Apoll als Liebling der Musen erkennbar wurde. Eine hervorragende Solovariation des Apollons, von der Gast-Konzertmeisterin Yuki Janke geboten, betonte das auf das Hervorragendste.

Gatti blieb trotzdem handlungsbezogen ohne ins Mystische oder gar Abstrakte abzugleiten. Unter seinen Händen entfaltete das Werk eine ungewohnte Dramatik und Wucht ohne deshalb seinen Charme oder seine Lieblichkeit zu verlieren. Die abschließende „Apotheose“ war von glückseliger Harmonie und Zurückhaltung geprägt. Der glänzende Streicherklang der Staatskapelle löste den Schluss auf das Wunderbarste im apollonischen Licht auf.

Der künftige Chefdirigent beantwortete damit auf seine Weise die Frage, ob Strawinskys „Apollon musagète“ als Ballett mit dramaturgischer Handlung betrachtet werden sollte oder als neoklassizistisches Stück, dessen Reiz in seinem fragilen Stimmgeflecht und in seinem Charme liege, aufzufassen ist.

Vom Oktober 1838 bis zum April 1839 versuchte Robert Schumann (1810-1856) seine „Neue Zeitschrift für Musik“ in Wien zu etablieren, scheiterte aber an der Zensurbehörde und den Ablehnungen örtlicher Verleger. Ihnen war die Publikation zu „jung-Deutschland-mäßig“. Deshalb nutzte er seinen Aufenthalt vor allem zu Kontakten mit zahlreichen Musikerkollegen. So suchte er am Neujahrstag 1839 den Bruder Franz Schuberts (1797-1828) den auch komponierenden Ferdinand Schubert (1794-1859) auf, in dessen Wohnung Franz verstorben war. Bei der Sichtung des musikalischen Nachlasses des Verstorbenen entdeckte Robert Schumann das Material der noch unveröffentlichten „Großen Symphonie in C-Dur“ und erbat sich eine Kopie des Notenwerkes. Zurück in Leipzig sorgte er für eine Drucklegung der Partitur und begeisterte Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) für eine Uraufführung im Gewandhaus am 31. März 1839.

© Oliver Killig

Zugleich ließ sich Robert Schumann, der bis zu dieser Zeit, wenn man vom Versuch der „Zwickauer Symphonie“ absieht, vor allem Lieder und Klavierstücke der kleinen Form komponierte, vom Erfolg seiner Wiener Entdeckung inspirieren, so dass er sich an seine „Erste Symphonie B-Dur“ wagte. Beschwingt von der jungen Ehe mit Clara schuf er das Werk innerhalb kurzer Zeit und ließ es unter der Bezeichnung „Frühlingssymphonie“ am 31. März 1841 von Felix Mendelssohn Bartholdy im Gewandhaus zu Leipzig aufführen.

Daniele Gatti dirigierte einen beherzten vorurteilsfreien Zugriff auf die Musik Robert Schumanns, gepaarte mit einem tiefen Verständnis für seine Romantik. Die unglaublich vielen Details, die Gatti aus der Partitur zauberte, mal aufblitzend, mal erstrahlend, prägten den eindrucksvollen und nachhaltigen Höreindruck.

Der euphorischen Steigerung der Musik im ersten Satz von der Einleitung zum Hauptthema konnte man sich schwer entziehen. Die Staatskapelle brillierte mit einem feinsinnig durchgestalteten Farbenspiel der unterschiedlichen Register. Lyrisch und weit ausgreifend gestaltete Gatti das als Liebeserklärung an Schumanns Ehefrau Clara definierte Larghetto, um dann ein betont tänzerisches Scherzo anzuschließen. Mit dem finalen „Allegro animato e grazioso“ fasste er die Haupt- und Seitenthemen des Werkes zusammen und betonte den heiteren Charakter der Symphonie.

Das Publikum der ausverkauften Matinee feierte den künftigen Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden frenetisch.

Thomas Thielemann 18. Dezember 2023


Semperoper Dresden
Matinee des 4. Symphoniekonzertes der Saison 2023/24

Ludwig van Beethoven: Ouvertüre zum Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43,
Igor Strawinsky: „Apollon musagète“,
Robert Schumann: Symphonie Nr. 1 B-Dur op. 38 „Frühlings-Symphonie“,

Musikalische Leitung: Daniele Gatti,
Sächsische Staatskapelle