Dresden: „Der 35. Mai“, Gordon Kampe

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Im Ranking der Veröffentlichungen des Dresdner Schriftstellers Erich Kästner (1899-1974) nimmt sein 1931 veröffentlichtes „Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee“ keinen der vorderen Plätze ein. Auch im Kreise meiner Geschwister wurden von den von unseren Eltern über die zwölfjährige Kulturbarbarei geretteten Kinderbüchern vor allem „Emil und die Detektive“ sowie „Pünktchen und Anton“ mit ihren geradlinigen Handlungssträngen dem phantasievollen „35. Mai“ vorgezogen. Vor allem Kästners Schwärmereien über das Schlaraffenland waren von unserer Lebenswirklichkeiten der Nachkriegsjahre unverständlich weit entfernt. Die Utopien des Schriftstellers in der automatischen Stadt „Elektropolis“ überanstrengten unsere kindlichen Vorstellungsmöglichkeiten. Die antimilitaristischen Aspekte, das Hintergründige im Geschichtsunterricht der Burg „Zur großen Vergangenheit“ verstanden wir noch nicht. Die Anklänge an die Menschenfresser in der Südsee, die in der 1982-er Auflage nur noch im Aufsatz auftauchten, weckten bei uns sogar Assoziationen zu jenen Ausstellungen über die Verbrechen der Menschlichkeit, die wir als Schulkinder besuchen mussten. Denn diese, nach heutigen Vorstellungen für Zehnjährige unmögliche Berührungen mit in den Konzentrationslagern gefertigte Präparate, wie Schrumpfköpfe, mit menschlicher Haut bespannte Lampenschirme sowie andere Scheußlichkeiten, hatten uns ohnehin überfordert.

Da lasen wir lieber Kästners Visionen, dass die Welt von der Wirkung und der Kraft der Kinder zu einem besseren geführt werden sollte. Denn selbst als Kinder spürten wir, dass Erich Kästners Hoffnungen auf diese Generation gesetzt war und er zu Mut, Freundschaften, Ehrlichkeit sowie Gerechtigkeit mit seinen Büchern positive Gedanken vermitteln wollte.

Als ich fast achtzig Jahren später, bei den Vorbereitung unseres Premieren-Besuches am 15. Dezember2023, eine Nachkriegsauflage des “35. Mai“ zur Hand nahm, das Atrium-Verlags-Exemplar meiner Kindheit von 1932 war 2013 ein Opfer der Elbeflut geworden, musste ich allerdings konstatieren, dass Erich Kästner ein sozialkritisches Erwachsenenbuch für Kinder auf den Büchermarkt gebracht hatte.

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Bei der Beschäftigung mit der Entstehung des Werkes findet man, dass Kästner bereits 1928, also lange vor „Emil und die Detektive“ und „Pünktchen und Anton“ mit der Arbeit am „35. Mai“ begonnen hatte. Er wollte ein Buch aus einer Mischung sprühender Phantasie und reeller Sozialkritik schreiben, dass im Stil geistreicher Erzählung sowohl die Kinder, als auch deren Eltern ansprechen sollte. Seine Freunde, denen er die Entwürfe zu lesen gab, rieten aber, er solle etwas Handfestes schreiben, was jeder kenne und auch verstehe. So erschien 1929 zunächst der Erfolgs-Kinderroman „Emil und die Detektive“.

Als am Beginn der 1930-er Jahre die Zahl der Arbeitslosen im deutschen Reich die vier Millionengrenze erreichte, Hunger , Armut und soziale Instabilität zu den Hauptsorgen wurden, nahm Kästner die Themen wieder auf. Er kommentierte vor allem die Notverordnungen des Reichspräsidenten Hindenburgs, die jeder parlamentarischen Kontrolle entzogenen waren. Kästner kritisierte die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, indem er ihnen im Wunderland eine vollkommene Welt gegenüber stellte. Gewollt locker die Handlung an die Unterhaltung gebunden, wurden Probleme der Zeit: die Kriegstreiberei, der Rassismus, der Umgang von Alt mit Jung, einer gerechteren Verteilung der materiellen Güter, der Widersprüche einer perfektionierten Automatisierung der Industrie, der Existenz von Not sowie Armut mit erstrebenswerten Eigenschaften im menschlichen Charakter als auch mit anderen moralischen Fragen verwoben. Aus heutiger Sicht muss man vermuten, dass Kästner die Gefahr der sich entwickelnden Faschistischen Diktatur zwar sah, aber nicht ernst nahm. Er glaubte noch an den Erfolg der Republik und der Demokratie. Auch überforderte er mit dem Effekt der expressionistischen Verfremdung, seiner Vermischung realistischer und phantastischer Weltdarstellungen, das Fassungsvermögen der meisten seiner Zeitgenossen. Deshalb sehe ich eine gewisse intellektuelle Verbindung des Kästner’schen „35. Mai“ mit den Gesellschaftskritiken François Rabelais (1494-1553) „Gargantua und Pantagruel“ sowie Jonathan Swifts (1667-1745) „Gullivers Reisen“ früherer Jahrhunderte, die beide erst als Jugendbücher populär geworden waren.

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Deshalb fand ich durchaus schlüssig, dass der Künstlerische Leiter der Studiobühne Semper Zwei Manfred Weiß in seinem Libretto die in der literarischen Vorlage vor allem „zwischen den Zeilen“ durchaus noch aktuellen Aspekte herunter gedimmt hatte und besonders illustrative Episoden mit rasanten Aktionen sowie absonderlichen Skurrilitäten der fantastischen Reise des Konrads mit seinen Begleitern in den Vordergrund des Tanztheaterstückes stellte. Damit ermöglichte Manfred Weiß eine Familientauglichkeit des Projektes.

Der 1976 geborene deutsche Komponist Gorden Kampe hat für diesen Ballett-Hybriden eine Musik geschrieben, die in keine Schublade passte. Sie klingt gleichermaßen alt als auch neu, geht eigene verspielte Wege und kippt dabei gern vom Wilden ins Phlegmatische oder vom Komischen ins Melancholische ohne dabei zu vergessen, dass ein Publikum auch Eingängiges hören möchte. Für jede Station der Reise hatte Kampe einen zur Situation passenden Stil gefunden. Die aus Wien stammende Dirigentin Katharina Müllner gestaltete bei ihrem Hausdebüt mit dem Projektorchester, dem Bariton Oleh Lebedyev sowie der Vielzahl der Tanzenden eine geschlossene musikalische Leistung, die den Kompositionen Kampes zu beeindruckender Wirkung verhalf.

Der aus Besançon in Frankreich stammende Raphaēl Coumes-Marquet, seit 2006 als Erster Solist, und bis zum vergangenen Jahr als Ballettmeister und Choreograf mit der Semperoper verbunden, schuf für Tänzer des Semperoper-Balletts sowie für Mitglieder des Eleven-Programms eine mitreißende Choreografie. Er gestaltete auch die Inszenierung des Tanztheaterstückes zu einem abwechslungsreichen Spektakel. Immer war etwas auf der von dem Dresdner Arne Walther mit gemalten Kulissen und Videodarstellungen gestalteten Bühne los. Seine Raumgestaltung zu Thorsten Raschs „Die andere Frau“ wird uns ohnehin in Erinnerung bleiben.

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Die fantasievollen Kostüme der Produktionsleiterin der Kostümwerkstatt des Hauses Frauke Spessert komplettierten die optischen Eindrücke ebenso, wie die kreativen Lichtgestaltungen von Dominik Börner.

Dem den exakten Wissenschaften allzu intensiv verhafteten Schüler Konrad, dargestellt von dem Tänzer Carl Becker sollen die Möglichkeiten seiner Persönlichkeitsentwicklung erweitert werden, indem sein Potential, auch Fantasien zu entwickeln, geweckt werde. Ein Schulaufsatz über die ihm unbekannte Südsee könnte das richten. Sein, von dem Bariton Oleh Lebedyev verkörperter freisinniger Onkel Ringelhuth, sowie ein gut vernetztes arbeitsloses Zirkuspferd begleiten Konrad auf einer wundervollen Reise mit den verrücktesten Begegnungen und Ereignissen. Die Reise beginnt immerhin am 35. Mai, einem Datum an dem alles möglich ist, in der Dresdner Clacisstrasse vor Ringelhuths Wohnhaus. Vor der die Spielfläche begrenzende abfallenden Kulisse, die auch das Projektorchester von der Tanzfläche abtrennte, stand neben Ringelhuths Wohnungseingang ein seltsamer alter Schrank.

Auf Anweisung des Zirkuspferdes Negro Kaballo, engagiert getanzt von der Australierin Madison Whiteley, bestiegen die drei Protagonisten den Schrank und er brachte sie zur ersten Station der Reise, ins Schlaraffenland. Die Videoprojektion verheißt zwar die Erfüllung aller Kinderwünsche, aber die Reisenden fanden vor allem nur träge, sich Bauchfett anfressende Bewohner. Selbst zur kulturvollen Nahrungsaufnahme zu faul, wurden von Einigen die Kalorien als Pharmaprodukte eingeworfen. Als sich aus der Schublade des Schrankes der faulste Mensch, den Konrad jemals kennen gelernt hatte, herauswühlte und er den anderen jener Seidelbast als den Präsidenten des Schlaraffenlandes vorgestellt wurde, erlosch die Freude am Paradiese. Sie verabschiedeten sich vom Kanata Ijima als Kopf und von Stella Byers als den Seidelbast-Füßen dargestellten Präsidenten und reisten weiter.

Der Schrank führte die drei Reisenden in die „Burg zur großen Vergangenheit“, wo die Kriegsherren der vergangenen Jahrtausende ihre Streitereien persönlich ohne Einbeziehungen oder gar Opferungen irgendwelcher Untertanen, austrugen; ähnlich heutiger olympischer Spiele. So kämpften der Gaius Julius Cäsar von Javier Becerra Cubero als Vertreter der zu Ende gehenden römischen Demokratie mit dem Despoten Napoleon Bonaparte von Phoebe Anderssen mit ihren Fäusten um die Anerkennung ihrer Regierungs-Systeme, bis zur beiderseitigen Erschöpfung. Gemäß des Kästner’schen Weltenverständnisses verließen aber beide innig umarmt die Szene.

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In der „verkehrten Welt“,der Erziehungsanstalt für schwer erziehbare Eltern traf Konrad als das Mädchen Babette die Tänzerin Stella Byers aus seiner Dresdner Nachbarschaft, die daselbst von ihrer Mutter vernachlässigt worden war. In der verkehrten Welt ist Babette als „Ministerialrätin für Erziehung und Unterricht“ verantwortlich für die Umerziehung von wenig netten Erwachsenen, die den eigenen Kindern die notwendige Zuwendung nicht zukommen lassen, die Kinder ohnehin nicht ordentlich akzeptierten. In ihrer Schule wurden dem Clemens Waffelbruch Vincent Philp, der Ottilie Überbein  Phoebe Anderssen und dem Fleischermeister  Sauertopf Kanata Ijima recht drastisch beigebracht, dass ihre Kinder künftig ein vernünftiges Frühstück, gutes Mittagessen sowie Abendbrot erhalten, wie die Körperstrafen sowie auch anderer Demütigungen abgeschafft werden und den künftigen Bürgern ein gleichberechtigtes Leben ermöglicht werde.

Als nächste Reisestation erreichen die Freunde „Elektropolis- die automatische Stadt“. Vieles was sie erleben könnten, hat sich seit Erich Kästners Zeit bereits etabliert oder steht vor der allgemeinen Verfügbarkeit. Mit dem Smartphone kann man inzwischen nicht nur telefonieren, sondern auch Wege oder Verkehrsverbindungen planen, sich die verrücktesten Informationen verschaffen. Auch kann man mit dem Gerät seine Meinung öffentlich verbreiten, falls man eine hat. In den Geschäften und man könnte man ohne Geld auf vielfältige Weise bezahlen und selbst bei der Börse müsste man nicht persönlich vorsprechen. Nahezu Jeder läuft mit einem derartigen Funkmessgerät durch die Gegend und ist eigentlich überall aufzufinden. Der Verkehr mit Automobilen hat ein ungeahntes Maß angenommen und gelegentlich sieht man auch mal ein Fahrzeug ohne aktiven Fahrer. Aber das kennen die Besucher bereits aus ihrem Alltag und musste nicht auf die Spielfläche gebracht werden. Deshalb erlaubten die Theatermacher lediglich den drei Reisenden, sich ein Automobil zusammenzubauen, entfesselten aber auf der Tanzfläche ein wildes irrational-nervöses Geschehen von den Tanzenden Caroline Hamilton, Phoebe Anderssen, Javier Becerra Cubero, Stella Byers und Vincent Philp mit ihren Autoteilen ohne sich um die Mitmenschen zu kümmern. An der Rückwand warnten Video-Projektionen von Häuserfluchten vor der wilden Verbauung der Umwelt und hektisch arbeitende Maschinenteile vor sinnwidrigen Produktionssteigerungen, bis diese Orgie der Konsumgesellschaft in ein Nichts zusammenbrach und die drei Freunde sich mit ihrem Reiseschrank plötzlich allein auf der Spielfläche fanden.

Nun galt es, das funktionale Möbel in ein hochseetaugliches Vehikel umzurüsten, dass es mit dem von Kästner vielzitierten Walfisch aufnehmen konnte und die Passagiere endlich sicher in die Südsee zu bringen.

Dort empfing sie mit Magdalen Wood ein entzückendes Persönchen „Petersilie“ mit einer berückend emotionalen Tanz-Parabel. Als Tochter einer holländischen Mutter und eines Südsee-Häuptlings postuliert sie die Vielfalt menschlicher Erscheinungsformen, so dass sich Konrad umgehend in die ihn Umgarnende verliebte.

Aber Onkel Ringelhuth drängte zur Rückreise, denn noch musste der Aufsatz geschrieben werden. Nur das verrentete Pferd Kaballo erhielt die Möglichkeit, in der Südsee zu verbleiben.

Von der Tanzkunst versteh ich leider zu wenig und habe selbst in meinen besseren Jahren nicht die Körperbeherrschung und eleganten Bewegungen der Agierenden aufbringe können. Deshalb sei für ihre Darbietungen allergrößter Respekt erwiesen.

Mit seinem schönen Bariton und seinem ausreichend gut verständlichem Sprechgesang gehörte Oleh Lebedyev unbedingt zu den Tragenden der Aufführung.

Dem Inszenierungsteam kann man nur allerhöchste Anerkennung zollen, sich an eine verständliche Sichtbarmachung eines derartigen Erich-Kästner Kolosses heranzuwagen und dabei auch zu bestehen.

Mit Witz und Charme, viel Bewegung sowie etwas Magie war die Botschaft eines besonderen Blickes auf Aspekte unserer Gesellschaft als Beginn des Erich-Kästner-Jahres anlässlich seines 125. Geburtstags auf die Spielfläche von SEMPER ZWEI für die neue Generation der Besucher gebracht worden.

Mit der einen oder anderen wünschenswerten Erläuterung durch die Begleitenden zum Erlebten, könnte der Abend für den Publikumsnachwuchs ein toller Einstieg in weitere Besuche von Oper, Konzert und Theater gewesen sein.

Zum Ende der Premiere lässt der Applaus  lange Zeit nicht nach und die Tänzerinnen und Tänzer, der Bariton sowie die Dirigentin mussten immer wieder herauskommen, um sich zu verbeugen. Besonders braust der Beifall noch einmal auf, als sich das Inszenierungsteam dem begeisterten Publikum vorstellt und dessen Dank für die hochkreative Arbeit entgegen nimmt.

Thomas Thielemann, 16. Dezember 2023


Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee
Gordon Kampe

Uraufführung des Tanztheaterstückes am 15. Dezember 2023 im Studio SEMPER ZWEI


Mitglieder des Semperoper Balletts und des Elevenprogramms der Palucca-Schule
Musikalische Leitung: Katharina Müllner
Projektorchester