Hamburg, Ballett: „Dona Nobis Pacem“

Schon 1987 choreographierte John Neumeier einzelne Sätze aus Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll für seine Kreation Magnificat an der Pariser Oper. Nun hielt er den Zeitpunkt für gekommen, das komplette Werk mit seinem Hamburg Ballett auf die Bühne der Staatsoper zu bringen. Er empfand dies als die größte Herausforderung seiner bisherigen künstlerischen Arbeit, die sich mittlerweile in über 170 Balletten niedergeschlagen hat. Dabei hat er schon mehrere sakrale Werke geschaffen – die Matthäus-Passion, den Messias, das Mozart-Requiem. Eine Messe in den Tanz umzusetzen, ist freilich „anders“ (Neumeier), denn es fehlt eine durchgehende dramatische Handlung. Dona Nobis Pacem hat er das Ballett genannt, entnommen dem gleich lautenden Schlusschor von Bachs Komposition. Der Untertitel Choreografische Episoden orientiert das Publikum, nicht nach einem Handlungsfaden zu suchen, sondern die Aufführung als von der Musik inspirierte Tanzbilder zu begreifen.

(c) Kiran West

Es ist eine verdienstvolle Tradition beim Hamburg Ballett, choreographierte Vokalwerke nicht mit Einspielungen vom Band zu untermalen, sondern durch Live-Musik zu begleiten. Bei dieser Bach-Uraufführung am 4. 12. 2022 war es das Vocalensemble Rastatt, das bereits bei Neumeiers Orphée et Eurydice in Baden-Baden ein musikalischer  Partner war, unter seinem Gründer und Leiter Holger Speck. Der Chor sorgte für grandiose gesangliche Eindrücke, beginnend vom machtvollen „Kyrie eleison“ über das klangvoll-strahlende „Sanctus“ bis zum erhabenen „Dona nobis pacem“ am Ende. Nicht ganz so überzeugend wirkte das Ensemble Resonanz als begleitendes Orchester, das vor allem bei den Blechbläsern Schwierigkeiten offenbarte (so im „Gloria“ und im „Qui tollis peccata mundi“). Unausgeglichen auch das Solistenquintett, dessen Schwachpunkt der Altus Benno Schachtner war. Schon die Arie „Qui sedes“ litt unter heulendem Ton, aber das „Agnus Dei“ war in der Intonation schlichtweg kaum zumutbar. Nicht ideal verblendeten sich die Stimmen der beiden Soprane Marie Sophie Pollak und Sophie Harmsen im Duett „Christe eleison“. Erstere wirkte auch in der Arie „Laudamus te“ unausgewogen, denn nach anfänglichen Jubelklängen, fielen brustige Töne aus der Gesangslinie heraus. Der Tenor Julian Prégardien und der Bass Konstantin Ingenpass gefielen mit soliden Leistungen.

Wie zumeist zeichnete Neumeier neben der Choreografie auch für die Ausstattung und das Licht verantwortlich. Im hinteren Bühnenraum befindet sich eine Box mit einem winterlichen Schützengraben, den man aus dem Ballett Duse erinnert. Noch weitere Zitate sind erkennbar – hohe Backsteinmauern aus den Verklungenen Festen, eine schimmernde blattgoldene Wand aus dem Lied von der Erde. Die Kostüme sind der bekannte Mix aus Soldaten-Uniformen im  Comouflage-Muster, eleganten weißen oder schwarzen Kleidern und Anzügen, Sportkleidung und Trikots.

Noch bevor die Musik mit dem „Kyrie“ einsetzt, stürzt ein junger Soldat (Louis Musin) herein, rennt über die Bühne, bricht zusammen. Der Fotograf (Lennard Giesenberg) scheut keine noch so abenteuerliche Stellung, um möglichst viele Aufnahmen von ihm zu schießen. Der Darsteller fungiert auch als Sprecher, rezitiert Günter Kunerts „Der Schatten“ und John Lennons „Imagine“. Ersterer Beitrag, eine Reminiszenz an die Hiroshima-Katastrophe, zählt zu den stärksten Momenten der Aufführung, denn der fast nackte Alessandro Frola ist als personifizierter Schatten überwältigend in seiner expressiven Darstellung eines Atombombenopfers. Viele Kriegsbilder sind zu sehen in dieser Aufführung – sterbende Soldaten, trauernde Witwen, die sich gegenseitig Trost spenden. Eine von ihnen ist Anna Laudere im schwarzen Mantel, die hier tänzerisch weniger gefordert ist, aber durch ihre schlichte,  würdevolle Aura besticht.

Den Abend trägt in Tanz und Darstellung Aleix Martinez in der Rolle des ER. Im hellen Anzug tritt er mit einem Koffer auf, in den er hinein horcht, den er scheinbar zu liebkosen scheint. In ihm finden sich Fotografien – Bilder seines Lebens, vielleicht auch Erinnerungen an gefallene Kameraden. Seine pathologisch zuckenden Bewegungen deuten auf traumatische Kriegserlebnisse hin. Wie stets findet der Erste Solist in seiner Interpretation die Balance zwischen einer tänzerischen Ausnahmeleistung mit schnellen Läufen und hohen Sprüngen, der Darstellung eines Menschen in existentieller Not und fragiler Sensibilität. Er scheint schon auf der Reise in eine andere Welt zu sein, bei der zunehmend Engel zu seinen Begleitern werden. Er findet im Koffer ein weißes Hemd, welches sein Sterbegewand sein könnte, und verfällt zunehmend in marionettenhafte Bewegungen.

(c) Kiran West

Starke Episoden bietet auch Ida Praetorius als SIE in Szenen mit der Gemeinde und einem Geistlichen (Jacopo Bellussi). Auch Alexandr Trusch stellt einen Geistlichen dar und imponiert wie stets mit seiner virilen Körpersprache und sinnlichen Aura. Im „Crucifixus“ bietet er den erschütternden Anblick eines Gekreuzigten, später auch den einer Lichtgestalt.

Neumeiers Choreografie wechselt zwischen dramatischen und feierlichen Momenten. Natürlich gibt es auch Bekanntes zu sehen – die abgewinkelten oder kreisenden Arme, die zu Rufen geformten Hände, die skulpturalen Körperpyramiden. Manches scheint auch alltäglich banal, wie die hin und her laufenden Jogger. Wenn das gesamte Ensemble am Ende zum „Dona nobis pacem“ feierlich über die Bühne schreitet und an der Rampe kniet, entspricht das Neumeiers Intention der „schockierend einfachen Bewegungen“. Das Bach-Ballett sollte seine letzte neue Kreation sein, doch da er die Leitung der Compagnie um Jahr verlängert hat, da der Nachfolger Demis Volpi sein Amt erst 2024 antreten kann, kann man durchaus noch mit einer Überraschung rechnen. Die Uraufführung in Anwesenheit des Bundeskanzlers Olaf Scholz wurde vom Publikum euphorisch bejubelt.

Bernd Hoppe, 07.12.2022


„Dona nobis pacem“

Choreografische Episoden Inspiriert von Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll von John Neumeier

Premiere: 04.02.2022

Choreografie, Bühnenbild, Licht und Kostüme*: John Neumeier

Vocalensemble Rastatt