Stuttgart: „Siegfried“, Richard Wagner

Mit einem bravourösen Siegfried ging der erste Zyklus des neu geschmiedeten Ring des Nibelungen an der Stuttgarter Staatsoper nun in die dritte Runde. Erwähnenswert ist, dass es sich hierbei nicht um eine Neuproduktion handelt, sondern um die Wiederaufnahme der bereits aus dem Jahre 1999 stammenden Inszenierung von Jossi Wieler/Sergio Morabito, für die Anna Viehbrock das Bühnenbild und die Kostüme geschaffen hat.

(c) Martin Sigmund

Wieler und Morabito interpretierten den Siegfried entsprechend dessen Charakter als Ring-Scherzo, versahen dieses aber zugleich mit zahlreichen ernsten Untertönen. Ein gehöriger Schuss Sozialkritik war bereits zu Beginn des ersten Aufzuges spürbar, wenn der biedere, Cordhosen und Strickjacke tragende Hausvater Mime, seines Zeichens Einwanderer aus Nibelheim, und der im Sportdress erscheinende Rüpel Siegfried sich in einem schäbigen, heruntergekommenen Hinterhof einquartiert haben. Hier sah man einen Tisch, einige Stühle, ein Sofa, einen Elektroherd und einen Malerkasten. Eine traditionelle Schmiede mit Amboss und Blasebalg fehlten ebenfalls nicht. Als Ausgestoßene aus der Gesellschaft fristeten die beiden Streithähne in diesem kargen Ambiente ein eher dürftiges Dasein. Der sozialen Tristesse ihrer Existenz korrespondierten indes auch viele heitere Momente, mit denen Wieler und Morabito diesen ernsten Kontext gekonnt aufgeladen haben. Heiter mutete bereits der erste Auftritt des den Schriftzug Sieg Fried auf seinem T-Shirt tragenden Titelhelden in einem Bärenfell an. Dieses Hemd wurde im Laufe der Vorstellung zunehmend mit Blut getränkt. Vergnüglich wirkte der Regieeinfall, dass Mime etliche Jahrhunderte vor der Entdeckung Amerikas Kartoffeln schälte. Nicht gerade zum Erstaunen war es, dass Siegfried der ihm von Mime aufgetischte Kartoffelsalat in keinster Weise schmecken wollte und er ihn aus diesem Grunde wütend zu Boden schmiss. Wenn er aber unmittelbar danach begann, ihn schuldbewusst mit einem kleinen Handfeger wieder zusammenzukehren, erwies sich, dass ihm auch eine sensible, reumütige Seite zu eigen war, die man ihm so nicht zugetraut hätte.

(c) Martin Sigmund

Dem entsprach es, dass sich Siegfried besann und dann zu dem gemeinsamen Abendessen mit seinem Ziehvater wieder ruhig an den Tisch setzte. Den Höhepunkt an Komik erreichte die Produktion im dritten Aufzug, in dem Brünnhilde am Tisch eines kostbar ausgestatteten Gemaches sitzend aus ihrem Schlaf erwachte. Es wirkte in hohem Maße köstlich, wenn sich Siegfried, der nun endlich gelernt hatte, was Fürchten ist, sich aus lauter Angst vor ihr in einen Schrank flüchtete. Stark zum Schmunzeln war auch, wie die ehemalige Walküre im Folgenden alles daran setzte, ihn ins Bett zu kriegen, was ihr am Ende auch gelang.

Neben derartigen lustigen Einlagen wartete das Regieteam zudem mit beklemmenden und gesellschaftskritischen Elementen auf. Ein Beispiel dafür war, wenn der Wanderer als anonym durch die Welt streifender ehemaliger Mafiachef im Lederdress Mime als schwächstem Glied der Gemeinschaft mit der Wissenswette und vorgehaltener Pistole, die zum Schluss eine Ladehemmung hat, gleichsam zu einer Partie Russisches Roulette zwang. Hier haben wir es mit einer ungemein krassen, indes ausgesprochen stimmigen Interpretation dieser häufig in Langeweile erstickenden Auseinandersetzung zwischen dem Göttervater und dem Zwerg zu tun. Von Anfang kann konnte hier kein Zweifel daran bestehen, dass Mime gegenüber Wotan gnadenlos zum Scheitern verurteilt war. Die vom Obergott in kriminaltechnischer Art und Weise an die Wand gemalten Körperumrisse standen für das baldige Ende des Nibelungen – ein Kontrahent weniger in der Auseinandersetzung um den Ring.

(c) Martin Sigmund

Der zweite Aufzug war ausgesprochen düster gehalten. Wieler und Morabito siedelten ihn in einer dunkel ausgeleuchteten Gefahrenzone an, vor der der Kettenraucher Alberich erwartungsvoll hin und her wandelte – die raschen Stellungswechsel wurden wohl mit Hilfe eines Doubles bewerkstelligt – und ungeduldig dem Bezwinger Fafners entgegensah. Letzteren deuteten die beiden Regisseure als einen still auf einem Stuhl – dieser steht unter einer ein fahles Licht ausstrahlenden Lampe – sitzenden Bunkerwart, der überhaupt nichts Unheimliches und Gefährliches ausstrahlte und letzten Endes nur seine Ruhe haben wollte. Auf der anderen Seite oblag ihm die Abwehr unerwünschter Eindringlinge. Und dieser Verpflichtung kam er gewissenhaft nach, wenn er auch gegen Siegfried keine Chance hatte. In diesem beklemmenden Umfeld war der Natur keine Funktion mehr zuzuschreiben. Sie wurde zerstört. Hier warteten Wieler und Morabito mit einem eindringlichen Plädoyer für den Naturschutz auf. Untermauern taten sie ihre Warnung an den sich gegenüber den Bedürfnissen unserer Umwelt acht- und gewissenlos verhaltenden Menschen durch die Deutung des Waldvogels. Dieser wurde von ihnen als blindes Mädchen vorgeführt. Die marode Entbindungsstation mit den Wiegen der Walküren, in der Wotan noch einmal mit Erda zusammentraf, hatte ebenfalls schon bessere Tage erlebt. Der Abstieg der alten (Götter-) Generation wurde angesichts derartiger Bilder offensichtlich. Während der Auseinandersetzung Siegfrieds mit dem Wanderer blieb Erda, von letzterem wieder in den Schlaf versenkt, auf der Bühne. Mit Tschechow‘ schen Elementen können Wieler und Morabito umgehen. Das muss man sagen. Den Siegfried haben sie ganz perfekt ausgelegt. Ob die Welt sich aber unter dem mörderischen Haudrauf, der sich da am Ende des dritten Aufzuges reichlich plump und nicht unlustig zu Brünnhilde auf das elegante Herrenbett stürzte, ändern wird, ist zumindest zweifelhaft.

(c) Martin Sigmund

Auf hohem Niveau bewegten sich die sängerischen Leistungen. Der junge Siegfried ist sicher die beste Rolle von Stefan Vinke. Er sang um einiges besser im Körper als man es früher von ihm gewohnt war. Insbesondere in der Höhe klang sein kraftvoller Tenor voll und rund. In der ersten Liga der Vertreter des Mime bewegte sich Matthias Klink. Er fasste den Nibelungen nicht als den herkömmlichen schäbigen und schleimigen Giftzwerg auf, sondern gab ihm fernab von jeder traditionellen Charakterstudie einen ungemein sympathischen Anstrich. Seiner trefflichen Darstellung korrespondierte das edle Timbre seines vorbildlich fokussierten lyrischen Tenors. Ein in allen Lagen gut gestützt und markant singender Wanderer war Thomas J. Mayer. Seit der Premiere verbessert hat sich der Alberich von Alexandre Duhamel. An diesem Abend hatte er seine Stimme besser im Griff und nahm mit einem kräftigen, robusten und bis zu den Spitzentönen sauber fundierten Bass für sich ein. Sonor und ausdrucksstark sang David Steffens den Fafner. Stine Marie Fischer war eine durch alle Tessituren bis zum problemlos erreichten hohen As herauf eine glutvoll und emotional singende Erda. Eine sehr gute Leistung erbrachte Simone Schneider, die von der Sieglinde zur Siegfried-Brünnhilde gewechselt ist. Angesichts ihres wunderbar italienisch geschulten, sehr sonoren und farbenreichen dramatischen Soprans, den sie differenziert einzusetzen wusste, waren die ihr geltenden Begeisterungsstürme des Publikums beim Schlussapplaus nur zu verständlich. Hoffentlich singt sie auch die anderen beiden Brünnhilden bald. Das war eine bayreuthwürdige Meisterleistung! Bravo! Ordentlich schnitt Beate Ritter in der kleinen Partie des Waldvogels ab.

Am Pult setzte GMD Cornelius Meister auf nicht zu schnelle Tempi und animierte das gut disponierte Staatsorchester Stuttgart zu einem intensiven, spannungsgeladenen und farbenreichen Spiel. Recht beeindruckend gelangen ihm die imposant ausgeloteten dramatischen Passagen, aber auch die lyrischen Phrasen (Waldweben) atmeten unter seiner beherzten Leitung große Eleganz und Poesie. Fazit: In jeder Beziehung ein Wagner-Fest. Der Besuch der Aufführung wird jedem Opernfreund dringendst ans Herz gelegt. Es lohnt sich!

Ludwig Steinbach, 11. März 2023


Siegfried

Richard Wagner

Staatsoper Stuttgart

Besuchte Aufführung: 10. März 2023

Premiere: 14. November 1999

Inszenierung: Jossi Wieler, Sergio Morabito

Bühnenbild und Kostüme: Anna Viehbrock

Musikalische Leitung: Cornelius Meister

Staatsorchester Stuttgart