Berlin: „Les pêcheurs de perles“

Premiere am 24.6.2017

Auf ausgetretenen Pfaden

Wer hätte nicht gehofft und gewünscht, dass dieser Abend in der Staatsoper ein ganz großer werden würde, und diese Hoffnung war noch gewachsen während eines Pressegesprächs, in dem Wim Wenders erläutert hatte, wie es zu dieser seiner ersten Opernregie gekommen war, nachdem vor drei Jahren Daniel Barenboim ihn angerufen und gefragt hatte, ob man nicht einmal etwas gemeinsam machen könne. Man hatte mit Rührung vernommen, welche Rolle die beiden Hits aus Bizets „Les Pecheurs de Perles“ in seinem Leben gespielt hatten, mit Genugtuung, dass er trotz des Vorkommens eines Flüchtlings in dem Werk keinen Fluchtkoffer auf die Bühne bringen würde und auch keinen Trenchcoat, dass „ der Focus liegt auf der Musik und nur der Musik“ das Motto der Produktion sei, aber auch, dass „zwischendurch einfach wenig passiert“.

Hätte die Premiere unter einem anderen Regisseurs-Namen und dazu noch in der Deutschen Oper stattgefunden, hätte der Abend mit Buhs für das Regieteam geendet. Nachvollziehbar ist, dass Wenders das Stück aller der Mode der Entstehungszeit geschuldeten exotischen Elemente entkleidet hat, es auf eine reine Dreiecksgeschichte reduziert, die jedoch nicht die dramatische Kraft einer Tosca oder eines Andrea Chenier und halt nicht einen historischen Hintergrund wie diese hat. Die Bühne bleibt kahl, von dem vorab viel beschworenen Sandstrand ist kein Körnchen zu bemerken, aber eine raffinierte Lichtregie (Olaf Freese)zaubert ihn herbei, lächerlich wirkt der von Windmaschinen bewegte riesige Vorhang im Hintergrund als Zeichen des Zorns der beleidigten Götter, das Wesens, dass man vom Schleierablegen oder nicht macht, entbehrt ohne die Verbindung mit dem Hinduismus jeder Logik. Stimmig, aber auch nicht eine Offenbarung ist, dass Rückblenden in Form von Videoprojektionen die Vergangenheit, die die Personen heimsucht, deutlich machen.

Auf dieser mehr oder weniger kahlen Bühne (David Regehr) hätten starke Sängerpersönlichkeiten durchaus die Chance gehabt, spannendes Musiktheater lebendig werden zu lassen. Leider greifen sie allzu tief in die Mottenkiste altbekannter und allzu abgegriffener Operngesten , heben die Arme gen Himmel oder legen sie aufs Herz, lassen die Beine in den Orchestergraben baumeln oder drehen sich jubelnd im Kreis. Man hatte sich von Wenders ein sicheres Schiffen zwischen der Scylla der abgestandenen Operngestik und der Charybdis der verstümmelnden Opernvergewaltigung mit neuen, aus seiner künstlerischen Welt kommenden Ansätzen erhofft und sah sein Opernschiff doch an der Scylla zerschellen. Nett, aber nicht sensationell waren die an Stummfilmzeiten erinnernden Projektionen von Besetzungszettel und Akt-Anzeigen auf den Zwischenvorhang. Die Kostüme von Montserrat Casanova sind zeitlos und auch nicht geographisch verankert, die vielen roten Perücken deuten ehr auf Irland als auf Ceylon hin.

Die Zeiten von Vanzo, Simeneau und Gedda sind vorbei, und so war Francesco Demuro eine gute Besetzung für den Nadir, mit bemerkenswerter , wenn auch durch das zu abrupte Wechseln in die reine Kopfstimme nicht ungefährdeter Höhe, dem man noch etwas mehr Süße im Timbre wünscht, der aber in den dramatischen Ausbrüchen seiner Partnerin Olga PeretyatkoMariotti überlegen war. Ihre Leϊla war von anmutiger Optik, kämpfte tapfer mit der unmöglichen Schleppe ihres Kostüms und hatte ihre guten Momente in den lyrischen Teilen der Partie. Ganz anders Gyula Orendt als Zuriga, der in den dramatischen Teilen mit einem virilen Timbre punkten konnte, dessen Bariton aber in der mezza voce ausgesprochen ingolato klang. Etwas schütter, aber versöhnend durch eine würdige Darstellung, gab Wolfgang Schön e einen angemessenen Nourabad. Die wenigen auf den Handlungsort hinweisenden orientalischen Elemente findet man am ehesten im Chor, der sich mit Vehemenz für das Werk einsetzte. Das Orchester unter Daniel Barenboim konnte nicht ganz sein Verwurzeltsein im deutschen Fach verleugnen, erfreute aber auch durch duftige Passagen und durch die sensible Begleitung der Sänger.

Es wäre schön, wenn der herzliche Beifall des Publikums Wim Wenders dazu ermutigen würde, auch weitere Opern zu inszenieren und dabei beherzter als bei diesen Perlenfischern vorzugehen.

Fotos (c) StOp / Donata Wenders

24.6.2017 Ingrid Wanja