Berlin: „Mitridate, Re di Ponto“, Wolfgang Amadeus Mozart

Bereits zum vierten Mal finden in der Berliner Staatsoper die spätherbstlichen und frühwinterlichen Barocktage statt, die einerseits der Staatskapelle unter ihrem Chefdirigenten Daniel Barenboim die Möglichkeit zu Gastspielen im Ausland gaben und auch in diesem Jahr geben sollten, die andererseits berühmte, auf barocke Musik spezialisierte Orchester und ihre Dirigenten nach Berlin holen sollen. In diesem Jahr ging der Plan insofern nicht auf, als Daniel Barenboim erkrankte und an seiner Stelle Christian Thielemann das Opernhausorchester mit Brahms, Bruckner und Wagner auf Gastspielreise nach Südkorea und Japan führte, das Programm unter den Linden allerdings ist in diesem Jahr ein besonders reichhaltiges und interessantes und blieb unberührt von jedweder Misshelligkeit.

(c) Bernd Uhlig

Zwei Opernpremieren gab es mit Vivaldis Il Giustino und Mozarts Mitridate, Re di Ponto, mit der Wiederaufnahme von Monteverdis L’incoronazione di Poppea ein weiteres Werk, außerdem viele Konzerte, darunter das Mozart-Requiem, die Auftritte von Les Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski, Xavier de Maistre mit einem Harfenkonzert, Lea Desandre und das Ensemble Jupiter, Le Poème Harmonique und die Berliner Barock Solisten. Auch der Kinderchor der Staatsoper präsentierte sich u.a. mit Heinrichs Schütz‘ Weihnachtshistorie.

Am 4.12. fand die Premiere von Mozarts Frühwerk Mitridate, Re di Ponto statt, eine Oper mit dem üblichen Inhalt voller Liebeshändel anstelle der historisch belegten Fakten um eine Persönlichkeit, die bis in unsere Zeit hinein die Geschichtswissenschaft beschäftigte, der prominenteste Historiker ist Theodor Mommsen, der sich in den Streit darüber einmischte, ob der König Mithridates VI. von Pontos von Deserteuren seiner eigenen Armee ermordet wurde oder ob er sich von einem seiner Getreuen mit seinem eigenen Schwert töten ließ. In der Oper nach einem Theaterstück von Racine begeht er Selbstmord und ermöglicht damit das happy end für alle restlichen Beteiligten, seine tatsächlichen Verdienste, die Erforschung von Botanik und Pharmatologie, interessierten den Librettisten nicht.


(c) Bernd Uhlig

Marc Minkowski, der das Werk an die Berliner Staatsoper brachte, ist mit ihm seit langem vertraut, 2006 war er mit seinen Musiciens du Louvre damit in Salzburg, vor einem Jahr erschien als Ersatz für wegen Corona ausgefallener Vorstellungen an der Staatsoper eine CD mit Michael Spyres anstelle des vorgesehenen Pene Pati  und mit Elsa Dreisig, aber auch mit Sängern, die in Berlin nun mit dabei sind.  Die Optik ist vollkommen neu und ganz und gar in japanischer Hand. Das Kabuki-Theater und die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und Japan in den Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts beeinflussten, glaubt man den Ausführungen von Satoshi Miyagi im Programmheft,  seine Inszenierung. Von Letzterem sind zum Glück nur ein paar japanische Uniformen bei den Komparsen zu bemerken, die Solisten sind von Kayo Takahashi Deschene in güldene Prunkkostüme gekleidet worden, an denen sich das Auge nicht sattsehen kann, ebenso wenig an dem Bühnenbild von Junpei Kiz, eine recht nah an der Rampe stehende Riesenwand, die auf vier Ebenen von schmalen Stegen durchzogen wird, so dass sich die Sänger zwar nach rechts und links, auf seitlichen steilen Treppen auch nach oben und unten bewegen können, nicht aber nach vorn oder hinten, ihr Lebensraum gleichsam zweidimensional ist und damit ihr Begrenztsein eindrucksvoll dokumentiert. Extra für das „Wanddesign“ wurde Eri Fukazawa engagiert und offeriert dem entzückten Auge mal eine zürnende Gottheit, mal ein Bambuswäldchen oder Kirschblüten und weiße Taube vor dem Heiligen Berg. So genügt das Bühnenbild höchsten ästhetischen Ansprüchen, ist zugleich aber auch noch Interpretation des Werks. Eingestimmt wird man noch vor Beginn der Handlung auf das Geschehen durch Nebelschwaden über einem Wasserlauf, tanzende Lichter  und weißgekleidete Gestalten. Wunderbar differenzierend und frisch spielen die Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski, der manchmal eigenwillig, aber stets nachvollziehbar mit den Tempi umgeht und Bühne und Orchestergraben zu einem delikaten Klangkörper zusammenfügt.


(c) Bernd Uhlig

Ein munteres Durcheinander von Counter- und „echten“ Tenören, von Frauen, die Männer, und Männern, die tatsächlich Männer darstellen, tummelt sich auf der Bühne. So wird der für einen Counter komponierte Mitridate von dem lyrischen Tenor Pene Pati gesungen, der schattierungs- und agogikreich der Partie viel akustisches Gewicht verleiht. Sein Sohn Farnace ist den Stimmbändern von Paul-Antoine Bénos-Djian anvertraut, einem satt und süffig klingendem Countertenor. Dessen Bruder Sifare wird vom Mezzosopran Angela Brower, die aber auch als Susanna unterwegs ist, mit farbiger, warmstimmiger akustischer Statur versehen. Etwas verhalten begann Ana Maria Labin als Aspasia, wusste jedoch von Arie zu Arie immer mehr an stimmlichem Glanz und vokaler Souveränität zu gewinnen und verblüffte zunehmend durch Virtuosität. Sarah Aristidou war mit klarem Sopran eine auch optisch höchst reizvolle Ismene. Sahy Ratia und Adriana Bignagni Lesca ergänzten als Marzio und Arbate das einheitlich hervorragende Ensemble.

Alle drei Opern sind in den nächsten Tagen noch einmal zu erleben und ein Besuch derselben höchst empfehlenswert.

 Ingrid Wanja, 4. Dezember 2022


„Mitridate, Re di Ponto“ Wolfgang Amadeus Mozart

Staatsoper Berlin

Besuchte Premiere: 4. Dezember 2022

Dirigat: Marc Minkowski

Les Musiciens du Louvre

Inszenierung: Satoshi Miyagi