Braunschweig: „Chicago“

Premiere am 30. November 2019

Bombenerfolg

Sophia Gorgi/Ensemble

Am 3.April 1924 erschoss die verheiratete Beulah Annan ihren Liebhaber in Chicago: Sie stellte sich nach ihrer Verhaftung den Fotografen und machte den Gerichtssaal zu ihrer Bühne. Als das Interesse der Öffentlichkeit abzunehmen drohte, erklärte sie, schwanger zu sein, wohlwissend, dass Schwangere in Illinois nicht hingerichtet werden durften. Nach dieser Eröffnung sorgte ihr Rechtsanwalt dafür, dass der Prozess beschleunigt abgewickelt wurde; mit Hilfe der Presse wurden Lebenslauf und Tathergang so geschönt, dass die Angeklagte schließlich freigesprochen wurde.

Die junge Reporterin Maurine Dallas Watkins erhielt von der „Chicago Tribune“ den Auftrag, eine Serie über Frauen zu schreiben, die ihren Mann oder Liebhaber getötet hatten. Sie verfasste daraus ein Schauspiel, das am 30.Dezember 1926 in New York uraufgeführt wurde und 172 Aufführungen erreichte, bevor es in Chicago nur neun Wochen Laufzeit hatte. 1927 folgte ein Stummfilm, 1942 ein Tonfilm mit dem Titel „Roxie Hart“ und Ginger Rogers in der Hauptrolle. Aber erst nach dem Tode der Autorin wurde die Freigabe des Stoffes für ein Musical erteilt. Fred Ebb und Bob Fosse schrieben das Buch, Ersterer auch die Liedtexte, die John Kander mit Musik unterlegte. Es entstand eine bitterböse Satire auf die amerikanische Justiz und deren Verfahrensweisen. Am 3.6.1975 fand die Musical-Premiere in New York statt und hatte mit 923 Vorstellungen eine der längsten Laufzeiten überhaupt; Deutschlandpremiere war 1977 in Hamburg. Im Laufe der Jahre kam es u.a. über München, Berlin und Stuttgart nun auch nach Braunschweig, mit deutschem Text und englischen Songs.

Markus Schneider/ Ensemble

Die Regie lag in den Händen von Matthew Wild, der mit feiner Hand und sicherem Gespür für Effekte eine fortlaufende Revue kreierte mit einem bis auf einen Sänger des Hauses eigens zusammengestellten Musical-Ensemble. Entscheidende Mithilfe kam von Louisa Ann Talbot, die eine spannungs- und abwechslungsreiche Choreografie erdacht hatte. Conor Murphy (Ausstattung) hatte dazu eine schlichte, etwas erhöhte Spielfläche auf der Bühne entworfen, die sich wunderbar bespielen ließ. Einzige Requisiten waren Stühle, die schnell und einfach bewegt werden konnten; die 20er-Jahre-Kostüme passten hervorragend. Die geschickte Lichtregie von Katharina Möller unterstrich die wechselnden Stimmungen.

Sophia Gorgi/Marion Campbell/Markus Schneider/ Victor Petersen/ Ensemble

Die 14-köpfige Jazzband spielte mitreißend und fetzig unter der straffen Leitung von Georg Menskes, fand aber auch den richtigen Drive für die verhaltenen Passagen. Mit Sophia Gorgi als Roxie Hart hatte man eine quirlige Vertreterin gefunden, die als naive Blondine ihre Songs mit klarer Stimme brachte und das Bild einer intelligent ihr Mäntelchen nach jedem Luftzug drehenden Frau köstlich ausspielte. Ihre Knastkonkurrentin Velma Kelly war bei Fleur Jagt bestens aufgehoben: Es war eine besondere Augenweide, wie sie sich tanzend bewegte. Darstellerisch als große Schwarzhaarige war sie auch optisch ein Gegenpart zu Roxie. Der von beiden umworbene Rechtsanwalt Billy Flynn wurde von Markus Schneider gespielt, der umrahmt von jungen Damen mit überdimensionierten Spielkarten durch seinen Song “All I Care About is Love” schon zu Beginn klarmachte, dass „Love“ für ihn nur Geld und Anerkennung bedeutet. Dafür erfindet er erfolgreich die tollsten Geschichten für seine Klientinnen vor der Presse und dem Gericht. Marion Campbell als herrische, geldgierige Aufseherin „Mama“ Morton war seine Verbindungsperson zum Frauenknast; gegen Dollars hatte sie ein Herz für ihre Mörderinnen und verschaffte ihnen Vorteile u.a. durch Begegnungen mit Anwalt und Presse.

Als Amos Hart, betrogener Ehemann von Roxie, machte Mike Garling beste Figur. Er gab Hart, offenbar dem einzigen echt Liebenden des Abends, die nötige Tristesse mit, als dieser erkennen musste, dass er betrogen wurde, bzw. dass er nicht Vater wird. Mit weichem, klangvollem Tenor drückte er mit „Mister Cellophane“ die ganze Last und Unsichtbarkeit seines schweren Lebens aus. Eine überwältigende Persiflage der Klatschreporterin Mary Sunshine lieferte mit großer Opernstimme Victor Petersen; als Conferencier führte Rachel Colley mit guten Überleitungen durch den Abend. Entscheidenden Anteil an dem Erfolg des Abends hatte das zwölfköpfige Ensemble, das die einfallsreichen Tanzszenen mit Schwung und Akrobatik.

Das Publikum war begeistert und machte sich durch lang anhaltendes, lautes Kreischen, Pfeifen und Klatschen sowie Standing Ovations wie bei einem Teenie-Konzert Luft. Für das ehrwürdige Staatstheater war das wohl doch etwas Neues.

Marion Eckels 1. Dezember 2019

Fotos: © Björn Hickmann

Weitere Vorstellungen:

5., 11., 20., 31.12.2019 / 12., 16.1.2020 und weitere Termine bis Mai 2020