Braunschweig: Liederabend Ivi Karnezi

Louis-Spohr-Saal im Staatstheater am 15. Januar 2018

Opernhaft

In der laufenden Spielzeit stellen sich neue Ensemble-Mitglieder im Louis-Spohr-Saal des Rang-Foyers des Staatstheaters vor. Diesmal war Ivi Karnezi an der Reihe, die ihren Liederabend unter das Motto „Eine Lebensreise“ gestellt hatte. Das Programm richtete sich nach der Biographie der Sopranistin, also Lieder von Komponisten aus den Ländern, in denen sie gelebt hat. Sie begann mit der durchweg sicheren und kräftig mitgestaltenden Korrepetitorin Min Ren am Flügel allerdings mit Jean Sibelius und dem Lied „Mädchen kam vom Stelldichein“, dessen traurige Stimmung mit aufbrausender Dramatik gekonnt wiedergegeben wurde. Im lockeren Gespräch mit der Braunschweiger Dramaturgin Valeska Stern erfuhr man, dass es dieses Lied war, das sie – damals ein für Heavy Metal schwärmender Teenager – letztlich zur klassischen Musik gebracht hat. Man erfuhr außerdem einiges vom Werdegang der sympathischen Sängerin, so z. B. dass sie in Griechenland geboren ist und bereits im Alter von drei Jahren nach Norwegen übersiedelte. Ihr Vater, Komponist und Bouzouki-Spieler, hatte enge Verbindungen zu Miki Theodorakis, was die Tochter natürlich nachhaltig prägte. Deshalb sang sie nun auch a capella einen reichlich melancholischen Song des griechischen Komponisten. Ivi Karnezi begann in Oslo ihr Gesangsstudium, das sie an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ fortsetzte. Ihre erste Festanstellung fand die Sängerin im Opernstudio Lyon; anschließend war sie freischaffend in Norwegen, Deutschland und Frankreich tätig, bis sie jetzt Ensemblemitglied des Staatstheaters wurde.

Im Anschluss an Theodorakis ging es nach Frankreich und zu Claude Debussy; es erklangen „Trois chansons de Bilitis“, die noch nicht ganz im musikalischen Impressionismus verhaftet sind. Weich flossen die Gesangslinien in der mythologischen Welt der Hirtin Bilitis; aber ebenso gab es dramatische Aufschwünge, die dem volltimbrierten Sopran sehr entgegen kamen.

Deutschland war durch Richard Strauss vertreten; dazu sagte die junge Sängerin, dass bei ihm die „Gefühle nach außen“ gehen und: „Das liegt mir!“ Mit einer schon sehr sicheren Stimmtechnik und ausgeprägter Gestaltungskraft stellten die beiden Künstlerinnen die starken Gegensätze in „Ruhe meine Seele“ und „Morgen“ wirkungsvoll heraus. Wie der Sopran in „Zueignung“ in wunderbarem Legato geführt wurde, imponierte ebenso wie die gewaltigen Ausbrüche in „Ruhe meine Seele“, durch die der Saal zum Beben gebracht wurde. Und spätestens jetzt wurde deutlich, dass Ivi Karnezi es nun wahrlich nicht nötig hat, so stark „auf die Tube zu drücken“, denn sie verfügt über wunderbare Piani, und die Sopran-Höhen kommen bei ihr fast von selbst. Sie könnte sich also dynamisch durchaus mehr zurückhalten. Abwechslungsreich waren die drei folgenden Lieder von Edvard Grieg aus op. 48 auf deutsche Gedichte, in denen es vom neckischen „Tandaradei“ in der „verschwiegenen Nachtigall“ von Walther von der Vogelweide über Goethes „Zur Rosenzeit“ bis zum melodieseligen „Ein Traum“ ging; ein wieder sehr opernhaftes norwegisches Lied schloss diese Gruppe ab. Schließlich gab es aus den 1901 in Berlin komponierten, sehr selten zu hörenden „Brettl-Liedern“ von Arnold Schönberg eine Auswahl, die leider nicht so überzeugten, weil in den Sopran-Höhen die ironisch-witzigen Texte, z.B. von Frank Wedekind („Galathea“) nur bruchstückhaft zu verstehen waren.

Insgesamt aber war es eine gelungene Sängervorstellung, die vom zu Recht begeisterten Publikum stark beklatscht wurde, wofür sich die Künstlerinnen mit einem norwegischen Volkslied a capella und Strauss‘ „Cäcilie“ bedankten.

Fotos: © Staatstheater Braunschweig

Gerhard Eckels 16. Januar 2017