Nürnberg: „Hairspray“, Marc Shairman

Das Video, das schon eine Viertelstunde lang vor dem eigentlichen Beginn über die Leinwand läuft, begrüßt uns mit einem fröhlichen „Welcome to Baltimore“. Baltimore scheint eine schöne Stadt zu sein: Man sieht pinke Flamingos, fliegende Krabben – und Polizeiautos. Und man darf sich schon mal einen kurzen Werbeclip anschauen, in dem ein Haarspray namens „007“ beworben wird: die weiße Frau macht sich für den weißen Mann schön. Ein Vorzeigepaar – der 60er Jahre…

© Pedro Malinowski

Theodor W. Adorno hätte über „Hairspray“ – das Musical, das die Texter Mark O‘Donnell und Thomas Meehan und der Komponist Marc Shairman John Waters‘ „Hairspray“-Film abgewannen – vielleicht Folgendes geschrieben: Im scheinbar neueren Genre des Musicals vollzieht sich die alte Märchen- und Operettenweisheit, wonach das Aschenputtel ihren Traum-Prinzen mit Hilfe einer guten weisen Fee zu bekommen hat. Am Ende, da alles alles gut ist, verschwistern sich in freundlicher Utopie Dick und Dünn, Schwarz und Weiß, als gäbe es keine Gegensätze, von denen die Gegenwart zu viel weiß. Im Traumkitsch, der das Film-Original, einem gutbürgerlichen Publikum zuliebe, um seine derbsten Züge betrogen hat, findet das Stück, freilich auf dem, was die Industrie höchstes technisches Niveau zu nennen pflegt, sein Genügen. Wo der choc ausbleibt, wird aus der wahren Kritik an der allfälligen Entfremdung die Ware der Aufführung, die der Kenner geglückt nennt. Aber es ist ein Glück, das das Unglück der Fülligen und Schwarzen unzulässig vergessen macht. Die Musik ist dem ein Compagnon, der im einträchtig rhythmischen Klatschen eines allein auf Unterhaltung sich freuenden Publikums sein Auskommen findet. Je politischer aber das Machwerk sich geriert, desto mehr verrät es den Zweck, der der Vorlage vielleicht noch innewohnte. Politik wird zur schablonenhaften Maske, hinter der die korrekten Parolen gemütlich einnisten, ohne je in Gefahr zu geraten, von einem Publikum missverstanden zu werden, das sich in seinen bürgerlichen Ansichten am Feierabend sich bestätigen lassen kann, um in ein paar lügnerischen Momenten den Gutmenschen in sich aufscheinen zu lassen. Was draußen vor der Tür sich abspielt, spielt auf einem anderen Planeten.So ungefähr hätte der Ideologie-, Waren- und Musikkritiker Theodor W. Adorno das ausdrücken können.

© Pedro Malinowski

In den meisten Punkten könnte der kritische Zuschauer und -hörer der Nürnberger Aufführung „Teddy“ durchaus Recht gegeben – aber die Sache ist differenzierter. Zugegeben: die Musical-Macher haben sich nicht ganz erfolglos bemüht, die Story, wie sie 44 Jahren der „pope of trash“, John Waters (bekannt für seine kultigen, das Establishment aufmischenden Ekelexzesse in „Pink Flamingos“) entwarf, in ihrer Stoßrichtung optimal herüberzubringen. Divine, die/der damals die Mutter der Heldin Tracy Turnblad namens Edna mimte, ist freilich kaum durch eine andere Drag-Queen zu ersetzen – aber Andreas Pagani macht das in Nürnberg so stark, dass er zurecht den fettesten Beifall provoziert und auch noch heute damit rechnen kann, geliebt zu werden, wenn er für die Queens alles in die Waagschale wirft, was der politischen Sache der LGBQs dienlich sein kann. Im Programmheft weist die Dramaturgin Wiebke Hetmanek darauf hin, dass im Stück nicht allein ein, sondern gleich mehrere nach wie vor unabgegoltene Themen auf die Bühne kommen: die Geschlechterdiskriminierung, der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß, die Diskriminierung von vollschlanken Leuten (Bodyshaming nennt man‘s heute). Sage keiner, dass diese Probleme auf die USA beschränkt sind. Es ist, Adorno hätte da durchaus Recht, mehr als eine Geschmacksfrage, ob man eben diese Themen so ausstellt, dass selbst der uninformierteste Zuschauer merkt, wo‘s hakte und immer noch hakt. Der Abend gerät, rein textlich, immer wieder in das Fahrwasser eines gut gemachten Schultheaters. Es beißt sich zwar nicht völlig mit dem Unterhaltungszweck eines entfesselten und zugleich artistisch organisierten Musicals, aber der Rezensent merkt die Absicht und ist leicht verstimmt.

Okay, lassen wir das, denn die Hauptsache, die das Unternehmen legitimiert, ist die Virtuosität, mit der das Ensemble die Geschichte der jungen Frau, die sich ihren Platz im Showleben und ihren angehimmelten Schnulzensänger erobert erzählt. Worum geht‘s? Wiki sagt es uns: „Die übergewichtige Schülerin Tracy Turnblad lebt mit ihrer ebenso übergewichtigen Mutter Edna, die aufgrund ihrer Figurprobleme alle ihre Träume und Hoffnungen aufgegeben hat, und ihrem Vater Wilbur, der einen schlecht laufenden Scherzartikelladen besitzt, sehr einsam. Ihre einzige echte Freundin ist die Außenseiterin Penny Pingleton, die von ihrer Mutter permanent unterdrückt und bevormundet wird. Tracys größter Traum ist es, in der Corny-Collins-Show mitzutanzen, der angesagtesten Show des Lokalfernsehens, in der nur die hübschesten und beliebtesten Teenager der Stadt tanzen. Während ihre Mutter skeptisch ist und Angst hat, dass ihre Tochter wegen ihres Aussehens verspottet wird, unterstützt ihr Vater sie und macht ihr Mut, dass man seine Träume verwirklichen soll.  Als sie dank ihrer Hartnäckigkeit und ihres Selbstbewusstseins tatsächlich an der Show teilnehmen darf, wird sie – gerade wegen ihres durchschnittlichen Aussehens und ihrer Natürlichkeit – über Nacht zum Star. Doch sie verliebt sich in den Star der Show, den jungen Sänger Link Larkin, der auf seinen großen Durchbruch wartet und eine Beziehung mit der arroganten Amber von Tussle hat. Ihre neue Berühmtheit nutzt Tracy zu einer Kampagne gegen die Trennung von Schwarzen und Weißen in der Corny-Collins-Show, was Amber von Tussle und ihre Mutter Velma zu verhindern versuchen. Doch trotz aller Rückschläge bleiben Tracys Lebensfreude und ihre positive Einstellung ungebrochen und sie bewirbt sich sogar um den Titel der „Miss Teenage Hairspray 1962“. Nachdem sie zusammen mit Motormouth Maybelle, der starken schwarzen Frau der Unabhängigkeitsbewegung, und ihren Freundinnen und Mitstreiterinnen ins Gefängnis geworden wurde, siegt sie auf allen Ebenen, nachdem auch ihr Angebeteter sich auf die wahren Werte besonnen hat.

© Pedro Malinowski

Die Regisseurin und Choreographin Melissa King hat „Hairspray“ genau so inszeniert, wie man‘s von einem erfolgreichen Broadway-Musical erwartet, in dem die Charaktere über sich hinausweisen, in dem sehr deutlich gesprochen wird und in dem der Tanz und der Gesang alles an Energie absorbieren, was ansonsten noch an darstellerischen Kräften übrig ist. Der Komponist, bekannt für so unterschiedliche, aber stets gut ins Ohr tönende Scores wie „Harry and Sally“, „Sister Act“ und „Mary Poppins returns“, bezieht sich unter dem Zeichen von Rhythm and Blues auf die 60er Jahre – aber auf die späten, während das Stück im Jahre 1962 spielt. Der Ort, eine Music-TV-Show, dient als Aufhänger, was natürlich wunderbare Möglichkeiten der Show-Präsentation gibt. Die Besetzung ist superb: Beatrice Reece spielt die gar nicht tranige Tracy, Benjamin Sommerfeld Link Larkin, das Objekt ihrer Begierde. Die Producerin der Show, Velma von Tussle, in der sich alle schlechten Eigenschaften einer Karrierefrau der 60er Jahre bündeln, ist die brillante Kristin Hölck, die in einer kleinen, aber scharfen Solonummer geradezu hexenhafte Energie entwickelt – Sonderapplaus! Gaines Hall ist der Showmaster Corny Collins, einer der Guten im Bunde. Auch im Mittelpunkt stehend: Deborah Woodson ist Motormouth Maybelle, eine Black-Power-Woman von hohen Graden. Dagegen darf Marie-Anjes Lumpp als verzogenes Töchterchen der Produzentin das zickige Gesicht des weißen Mittelstands in die Kamera halten. Penny Pingleton heißt Tracys schulmädchenhafte Freundin, Annakathrin Naderer macht die komische Figur als kaugummikauende Type, darf sich auch erfolgreich in den Tanzcoach Seaweed verlieben, also Malcolm Quinnten Henry. Hans Kittelman ist schließlich Wilbur Turnblad, der sich in einem zauberhaften Duett mit seiner/seinem Angetrauten Edna die Herzen des Publikums erobert, so wie, neben den „Motormouth Dancers“ und denen des „Komitees“, die diesmal von der Hochschule Osnabrück kamen, so wie also die Drei Damen des Dynamite-Trios, das als Showzugabe öfters über sie Bühne tanzt: drei goldglitzernde schwarze Grazien, die einfach nur gut sind – weswegen man ihnen auch nicht, wie Teddy es gewesen wäre, aus ideologiekritischen Gründen bös sein darf. Denn die Dramaturgin hat schon Recht: „Schwere“ Inhalte wie Rassismus lassen sich oft eher durch „leichte“ (und technisch anspruchsvolle) Präsentationen herüberbringen als durch schwere Geschütze. Letztens haben wir‘s in Nürnberg erst mit der Oper über Alan Turing gesehen und gehört, jetzt schauen wir eben mit den Augen des Showbiz auf Baltimore 1962 und das, was, wie gesagt, immer noch unabgegolten ist. Die Show aber ist und bleibt brillant (wenn auch unter der musikalischen Leitung von Andreas Paetzold bisweilen akustisch, weil durch den offensichtlich hörbehinderten Stefan Witter maßlos tonverstärkt, viel zu laut).

Also: Welcome to Baltimore? Welcome to Baltimore!

Frank Piontek, 31. Dezember 2022


„Hairspray“ Marc Shairman

Staatstheater Nürnberg

30. Dezember 2022

Inszenierung und Choreographie: Melissa King

Musikalische Leitung: Andreas Paetzold

Staatsphilharmonie Nürnberg