Augsburg: „Eugen Onegin“, Pjotr I. Tschaikowsky

Roland Schwab, der Regisseur des so gelungenen Covid-19-Einspringer-„Tristan“ in Bayreuth 2022-23, der 2014 gegen eine wahrscheinlich am ultimativen Regietheaterstil ausgerichtete Neuinszenierung vom Spielplan verschwinden wird, firmierte bei dieser Neuinszenierung von Eugen Onegin von Pjotr I. Tschaikowsky nach dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin auch in Augsburg als Regisseur. Das war ganz sicher eine Reise nach Schwaben wert, obwohl man seit vielen Jahren und weiterhin wohl ohne festes Datum für den Umzug ins alte renovierte Haus in einem Ausweichquartier spielt. Die Situation erinnert stark an die Kölner Oper und macht einmal mehr deutlich, wie schwer es ist, in Deutschland noch große Bauprojekte durchzuführen. Und das sind nicht nur Flughäfen…

Roland Schwab hat mit seinem Bühnenbildner Piero Vinciguerra schon 2019 in der Wagner-Welt Aufsehen erregt, als dieser ihm in einer Produktion des Landestheaters Salzburg ein etwa 40 Meter langes abgestürztes Flugzeug der damals schon von British Airways übernommenen British Caledonian Airways metaphorisch für den Zustand der Brabanter auf die Riesenbühne der Felsenreitschule gelegt hatte und darin ein bizarrer, aber in sich total stimmiger „Lohengrin“ abspielte. In Augsburg zeigten Schwab und Vinciguerra mit den Kostümen von Gabriele Rupprecht und der stets stimmungsvoll geführten Lichtregie von Marco Vitale, dass sie auch ganz anders können als nur mit Monumentalität.

© Jan-Pieter Fuhr

In Tschaikowskys „Eugen Onegin“ geht es um die Schicksale einzelner, klar konturierter tragischer Figuren in einem Personendrama, die stark an die Charaktere eines Tschechow-Stücks erinnern. Und so titelt Roland Schwab seinen Aufsatz mit der durch Doppelpunkt mitten im Wort um vermeintlich gendergerechtes Formulieren bemühten Dramaturgin Vera Gertz im Programmheft sogar mit „Seelen im Closeup“. Und darum geht es ja in der Tat auch. Tschaikowsky wollte „ungeschminkte Authentizität“. Nichts sollte von der menschlichen Seele und ihren Sehnsüchten ablenken. Es ging dem Regieteam um Schwab also um den Mikrokosmos der Seele von Onegin, Lenski, Tatjana, Olga und selbst den Nebenrollen ganz im Sinne des Komponisten und seines Romanschreibers.

Das vermochten sie in Augsburg auf der gar nicht wie ein Behelf wirkenden Ausweichbühne im martini-Park bestens umzusetzen und klar werden zu lassen. Die gesamte Handlung spielt sich in einem Raum ab, der wie eine langgezogene, nach vorn und hinten offene Muschel wirkt, mit nach oben gewölbten Seitenwänden, die ein Entrinnen unmöglich machen. Die Akteure, insbesondere Tatjana, werden bei solchen Ausbruchsversuchen zu den Seiten immer wieder in diesen Raum und ihr sich darin wie auch immer entwickelndes Schicksal zurückgeworfen. Schon das erste Bild entbehrte nicht einer gewissen Logik und Symbolik.

© Jan-Pieter Fuhr

Die beiden über die „Gewohnheit als Ersatz für Glück“ sinnierenden Larina und Filipjewna sitzen mit dem Rücken zur Spielfläche und dem Gesicht zum Publikum, also einer Korrespondenzebene, während Tatjana und Olga auf dem hinteren Rand sitzen und so in eine unvorhersehbare Entwicklungen andeutende endlose Leere der Hinterbühne blicken. Und von dort kommt schließlich Onegin später und verschwindet wieder, nachdem er Tatjana mangelnde Vorsicht bei der Beschreibung ihrer amourösen Gefühle vorgehalten hat. Roland Schwab spielt also sehr subtil mit diesem relativ einfachen, im Wesentlichen aus zwei gekrümmten großen Brettern bestehenden Bühnenbild von Piero Vinciguerra.

Es kommt symbolhaft immer wieder stark zur Wirkung, unglaublicherweise auch nach dem Duell Onegins mit Lenski. Dieser bleibt bis kurz vor dem Ende tot und gar blutend dort liegen. Denn nun setzt eine unglaublich intensiv inszenierte Wandlung im Verhalten Onegins ein. Da der Regisseur nicht davon überzeugt ist, dass er wirklich so ignorant ist, wie das Stück ihn in der Regel zeigt, fragt er sich, wieviel seiner kultivierten Langweile Kern ist, wieviel Attitüde. Und er kommt damit zum dramaturgischen Ergebnis – und stellt es auch eindrucksvoll so dar – dass erst der Tod Lenskis Onegin seine kultivierte innere Leere zum entsetzlichen Horror vacui werden lässt.

© Jan-Pieter Fuhr

Denn nun spielt sich ein wahres Drama der Reue um ihn ab bis hin zu einer seltsam bizarr verfremdeten Party-Gesellschaft im Hause Gremins, die sich bereits ganz in Schwarz gekleidet mit leeren Sektgläsern in Szene setzt. Es ist ein überaus skurriler Moment des Abends, der den bis vorn an den Bühnenrand gedrückten Onegin in der Tat wie den wahren Verlierer des Duells und seines gesamten Lebensentwurfs aussehen lässt. Ebenfalls skurril, aber dramaturgisch aus diesem wohlüberlegten Regiekonzept heraus stimmig: Zu den letzten Worten des ultimativ von Tatjana zurückgewiesenen Onegin erhebt sich der tote Lenski und gibt ihm von hinten eine sanfte tödliche Umarmung. Es wirkte wie eine Erlösung…

Ein Blick in den Abendzettel zeigte, dass das Staatstheater Augsburg gleich drei Koreaner in den Hauptrollen der Premiere besetzt hatte, allen voran die unglaublich intensive und mit viel Emphase, aber auch Empathie spielende Jihun Cecilia Lee, sicher eines der besten Pferde im Augsburger Stall im Sopranfach. Denn den weiß sie bestens zu führen, zu intonieren und auch gestaltend einzusetzen, wie sie mit der sehr engagiert gesungenen Brief-Arie bewies. Lee konnte auch die Rolle als Ehefrau an Gremins Seite beeindruckend mimen, und immer wieder überzeugten ihre guten Höhen. Shin Yeo war ihr als scheiternder Onegin ein Partner auf Augenhöhe, mit gutem baritonalem Ausdruck in der Mittellage und intensiver Darstellung, aber immer wieder auch Problemen bei den Spitzentönen. Sung min Song sang einen klangvollen Lenski und spielte ihn von Anfang als den vordergründigen Verlierer, obwohl er in dieser Inszenierung das letzte „Wort“ hat. Besonders intensiv ist das Duell, in dem er zitternd kaum die Pistole halten kann und nochmal an eine Aussöhnung denkt, die er so leidenschaftlich traurig vorträgt, dass man meinen könnte, sie komme noch zustande.

© Jan-Pieter Fuhr

Natalya Boeva, die beim 67. Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München 2018 den 1. Platz gewann, gab der Olga mit ihrem vollen und wohlklingenden Mezzo sowie einem sehr gut zu dieser Rolle passenden Spiel starke Kontur. Avtandil Kaspeli sang des Gremin mit dunkel souveränem Bass und wirkte schon durch seine schwere Verletzung darstellerisch respektgebietend. Kate Allen war eine sehr gute Larina, und Luise von Garnier gab eine vokal ebenso starke wie engagierte Filipjewna.

Domonkos Héja gab dem ganzen intensiven Abend mit den recht hoch im Graben sitzenden Augsburger Philharmonikern eine bestens passende, gefühlvolle musikalische Interpretation, sodass die Stimmungen auf der Bühne mit jener im Orchester stets gut harmonierten. Lediglich die Laustärke hätte man sich manchmal etwas geringer gewünscht. Der Opernchor des Staatstheater Augsburg machte seine Sache in der Einstudierung von Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek ebenfalls sehr gut. Eine gelungene „Eugen Onegin“- Produktion, die die Ausburger noch länger auf dem Spielplan halten sollten.

Klaus Billand, 3. November 2023


Eugen Onegin
Pjotr I. Tschaikowsky

Staatstheater Augsburg

Besuchte Vorstellung: Premiere am 21. Oktober 2023

Regie: Roland Schwab
Bühnenbild: Piero Vinciguerra
Dirigat: Domonkos Héja
Augsburger Philharmoniker