Bonn: „Ein Maskenball“, Giuseppe Verdi

Regisseur David Poutney schlug von einem Teil des Publikums heftige Ablehnung für seine Inszenierung von Verdis Oper „Maskenball“ entgegen, vielleicht weil manchem Besucher der Sinn mancher Regieeinfälle nicht einsichtig wurde. So gibt das erste Bild den Blick auf einen großen schwarzen Sarkophag frei, auf dem der Page Oscar in schwarzem  Lederlook mit betenden Händen liegt und den die ebenfalls schwarz gewandete Zigeunerin Ulrica als schicksalhafte Sitzfigur flankiert. Der Sargdeckel wird von Oscar geöffnet und im Sarkophag liegt putzmunter Ricardo, liest in einem Notizbuch und lässt sich auch nicht durch die düsteren Warnungen seines Freundes Renato stören. Diese sind aber keine Luftgespinste, sondern bittere Realität. Verdi griff in seiner Oper auf ein historisches Vorbild zurück. Der schwedische König Gustav III. wurde 1792 auf einem Maskenball in einem Stockholmer Theater ermordet. Verdi musste sich der Zensur beugen und die Handlung nach Amerika verlegen. Poutney verlegt die Handlung wieder zurück nach Schweden, wie die schwedischen Fahnen verraten, die am Ende des ersten Bildes von der Hofgesellschaft geschwenkt werden und von denen Ulrica eine besonders große hinter ihrem Rücken ausbreitet.
  
Auch mit dem Theatermotiv knüpft Poutney in seiner Inszenierung an den historischen Sachverhalt an. Drei verschiebbare Wandelemente, mal mit blutrotem Wandbehang bespannt, mal an Häuserfronten erinnernd, dann sich aber vor allem als Seitenwände eines Theaters mit Türen und Logen entpuppend, suggerieren zusammen mit den immer wieder auf die Bühne hereingeschobenen roten Theatersesseln das Bild eines Revuetheaters, in dem das groteske, z.T. komische, dann wieder todernste Spiel um Leben und Tod stattfindet. Ulrica erscheint dabei im ersten Bild weniger als Zigeunerin, sondern als eine düstere Schicksalsgöttin, die Ricardo vom hohen Podest einer Leiter herab seinen Tod voraussagt. Die sie begleitenden Frauen stricken mit rotem Garn – ein sinnfälliges, an Wagners „Götterdämmerung“ erinnerndes Schicksalsmotiv. Ricardos Hofgesellschaft erscheint dagegen in karnevalesken Kostümen, die den Revuecharakter des Ganzen betonen. Tragik und Komik, Realität und Spiel, Leben und Theater sind so verwoben, verwischen sich.

(c) Thilo Beu

So geht es auch im 2. Akt weiter, wenn Amalias Begegnung mit Ricardo nicht an der vom Libretto vorgesehenen Hinrichtungsstätte, sondern in einem Theater stattfindet, dessen Vorhang sich öffnet und ein dramatisches Wolkenbild mit einem großen bleichen Mond freigibt, vor dem Ulrica wieder als dräuende Schicksalsprophetin die Arme ausbreitet. Das vielleicht stärkste und eindrucksvollste Bild präsentieren Poutney , sein Bühnenbildner Raimund Bauer und seine Kostümbildnerin Marie-Jeanne Lecca im letzten Akt. Der Maskenball, an dem Ricardo den Tod finden soll, entpuppt sich als ein gigantischer, grotesk-komisch-schauriger Totentanz, bei dem alle Ballbesucher, auch Amalia, Renato und Oscar lange Gewänder mit aufgemalten Skeletten tragen. Nur Ricardo ist unkostümiert. Er betrachtet das grausige Geschehen eher distanziert und schaut wieder in sein Notizbuch. Nicht er, sondern ein anderer Ballteilnehmer wird von Renato erstochen, sodass Ricardo am Schluss wieder – nicht ohne Komik – in seinen Sarkophag klettern kann.  Oscar und Ulrica nehmen wieder ihre angestammten Plätze als Sarkophagfiguren ein. Der Kreis ist geschlossen. „La comedia è finita“ heißt es in Leoncavallos Oper Bajazzo, oder soll die überraschende, vom Publikum wenig goutierte Schlusspointe darauf hindeuten, dass Leben und Tod zusammengehören, dass Tragik und Komik Wesensbestandteile des irdischen Lebens sind und stets zusammengehören? Wer weiß es, der Rezensent muss gestehen, dass  auch er manches an dieser Inszenierung nicht verstanden hat.

(c) Thilo Beu

Musikalisch ist dieser Abend an der Bonner Oper ein großes Erlebnis. Unter der Leitung des Verdi-Spezialisten Will Humburg läuft das Beethoven-Orchester zu ganz großer Form auf. Schon der herrliche Klang der Streicher in der Ouvertüre verspricht einen besonderen Opernabend, den Humburg denn auch allen Besuchern bei dieser Aufführung schenkt. Dort, wo es nötig ist, gibt er der Geschichte musikalisch den nötigen Drive, an anderen Stellen wiederum schwelgt er mit dem Orchester in herrlichstem Pianissimo, so etwa in der großen Arie Amalias im 2. Akt. Chor und Extrachor des Theaters Bonn (Marco Medved) stehen in ihrer Leistung dem Orchester nicht nach.

Das erlesene Sängerensemble wird angeführt von der in Bonn zu Recht besonders beliebten Sopranistin Yannick-Muriel Noah. Ihre ganz weich angesetzten, dann aber leuchtenden Spitzentöne, vor allem auch die natürlich strömende Mittellage und wunderschönste Kantilenen in herrlichstem Piano erzeugen Gänsehaut pur. Was für eine auch schauspielerisch großartige Leistung!

(c) Thilo Beu

Ihr ebenbürtig ist der philippinischUS-amerikanischer Opernsänger Arthur Esperitu, der die Titelpartie mit wunderbarer Italienità, sehr differenziert und mit unangestrengter Klangschönheit verkörpert. Seine berühmte Schlussarie „Doch heißt dich auch ein Pflichtgebot“ wird so zu einem musikalisch bewegenden Höhepunkt des Abends. Arthur Esperitu knüpft hier an ganz große Interpreten dieser schwierigen Tenorpartie wie Carlo Bergonzi, Guiseppe di Stefano, Alfredo Kraus oder –  in jüngster Zeit – wie Joseph Calleja oder Piotr Beczala an. Die Kölner Opernfans dürfen sich schon jetzt auf Arthur Esperitu freuen, da er im Dezember an der Kölner Oper als Rudolfo in Puccinis La Boheme zu hören sein wird.
Giorgios Kanaris als stimmgewaltiger Renato, Lada Bocková als silbrig quirliger Oscar und Nana Dzidziguri als besonders  beeindruckende Ulrica mit phänomenaler Tiefe und explosiver Höhe komplettierten ein Sängerensemble, um das auch große Opernhäuser Bonn beneiden dürften.

Das Publikum im ausverkauften Bonner Opernhaus geizte nicht mit lang anhaltendem, enthusiatischem Beifall für alle Künstler des Abends. Die unverdienten Buhs für David Poutney waren da nur ein kleiner Schönheitsfleck.

Norbert Pabelick 12. Dezember 2022


„Ein Maskenball“ Giuseppe Verdi

Theater Bonn

Besuchte Premiere 11. Dezember 2022

Regisseur: David Poutney

Bühne: Raimund Baur

Chor: Joohnhee Lee / Marco Medved

Dirigat: Will Humburg

Beethoven Orchester Bonn

Weitere Aufführungen: 17./21./25. Dezember 2022 / 8. Januar 2023