Krefeld: „Liebe, Mord und Adelspflichten“ Robert L. Freedman

Seine deutschsprachige Erstaufführung feierte das Musical „Liebe, Mord und Adelspflichten“ bzw. „A Gentleman´s Guide to Love and Murder“ wie es im Original heißt vor ziemlich genau einem Jahr am Landestheater Detmold. Das Theater Krefeld ist nun das zweite Theater, welches die rundum gelungene Musical Comedy von Robert L. Freedman (Buch und Gesangstexte), Steven Lutvak (Musik und Gesangstexte) und Jonathan Tunick (Orchestration) in Deutschland aufführt. Und hierbei zeigt sich bereits, dass dieses Stück in den kommenden Jahren sicherlich auf vielen Bühnen zu bewundern sein wird, denn hier passt wirklich viel zusammen.

(c) Matthias Stutte

Die Handlung dürfte vielen Theaterfreunden aus dem Film „Adel verpflichtet“ aus dem Jahr 1949 bekannt sein. Kurz zusammengefasst: Montague „Monty“ Navarro findet nach dem Tod seiner Mutter heraus, dass er eigentlich der adeligen Familie D’Ysquith entstammt. Anstatt weiter in Armut zu leben, könnte er eines Tages sogar Lord von Highhurst Castle werden. Allerdings stehen in der Erbfolge noch acht Personen vor ihm. Kurzerhand versucht er Kontakt mit der Familie D’Ysquith aufzunehmen, wird hierbei aber rüde zurechtgewiesen. Sogar eine Klage wird im angedroht, sollte er sich weiterhin als Familienmitglied ausgeben. Montys Jugendliebe Sibella Hallward glaubt ebenfalls nicht, dass Monty in Kürze reich sein wird und zieht daher eine Zweckehe mit dem wohlhabenden aber langweiligen Lionel Holland vor. Doch Monty gibt so schnell nicht auf. Bei einem Besuch bei Reverend Lord Ezekiel D’Ysqith stürzt der alkoholisierte Pfarrer bei einer Turmführung zufällig von der Kirche. Monty erkennt, dass es offenbar recht einfach ist, in der Erbfolge voran zu kommen. Im Verlauf des ersten Aktes sterben weitere Familienmitglieder auf mysteriöse Weise. Doch am Ende überschlagen sich die Ereignisse förmlich und Monty muss ausgerechnet für einen Mord ins Gefängnis, den er gar nicht begangen hat. Doch hiermit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende….
Das Musical überzeugt durch einen teilweise bitterbösen schwarzem Humor und man freut sich als Zuschauer jedes Mal fast ein wenig, wenn ein weiterer D’Ysquith auf skurrile Art und Weise das Zeitliche segnet. Nahezu die gesamte Adelsfamilie ist eine Ansammlung von Chauvinisten, Rassisten, Narzissten und verlogenen Personen, um an dieser Stelle nur einige Charaktereigenschaften zu nennen. Gleichzeitig kritisiert das Musical die traditionelle britische Klassengesellschaft auf intelligente Art und Weise. Mit großem Tempo erlebt der Zuschauer knapp 50 verschiedenen Szenen, so dass es für Regie und Bühnenbild sicherlich keine ganz einfache Aufgabe ist, dieses Musical auf die Bühne zu bringen. Für den Zuschauer sind es aber vergnügliche 165 Minuten, die wie im Fluge vergehen. Mit einem guten Gespür für das richtige Timing inszeniert Thomas Weber-Schallauer das Werk in Form einer Graphic Novel.

(c) Matthias Stutte

Hierzu lieferte Peter Schmitz ganz bezaubernde animierte Illustrationen, während das wunderbare Bühnenbild von Siegfried E. Mayer mit einem großen Oval in Form einer Iris, immer wieder neue Räume auf- und zugehen lässt. So behält man situationsbezogen den kammerspielartigen Charakter der Broadway-Produktion aus dem Jahr 2013 bei, obwohl die Krefelder Bühne fast dreimal breiter ist. In anderen Szenen wird dagegen die gesamte Bühne vollständig gefüllt, um beispielsweise das Highhurst Castle prunkvoll darzustellen.
Für diesen schnellen Wechsel von Spielszenen und Bühnenbilder braucht man natürlich auch die entsprechenden Darsteller. Auch hier zeigt sich das Theater Krefeld-Mönchengladbach wiedermal bestens aufgestellt. Nahezu die gesamte D’Ysquith-Familie wird grandios von Markus Heinrich verkörpert, der von einem Bühnentod zum nächsten eilt. Teilweise bleiben ihm zwischen Abgang und neuer Szene nur wenige Minuten für einen kompletten Kostümwechsel. Darüber hinaus ist es sicherlich kein ganz leichtes Unterfangen, die verschiedenen Familienmitglieder allesamt mit den ihnen zugeteilten Besonderheiten zu interpretieren. Dies gelingt im aber wahrlich grandios und die Zuschauer im nahezu komplett gefüllten Theatersaal (auch eine absolute Seltenheit in diesen Zeiten) sind bei seinen Auftritten wahrlich amüsiert. Lediglich die Rolle der Phoebe D’Ysquith, die in der Erbreihenfolge aber auch keine Rolle spielt, wird überzeugend von Gabriela Kuhn dargestellt.

(c) Matthias Stutte

Für die Rolle des Monty Navarro konnte mit Oliver Arno der bekannter österreichische Musicaldarsteller gewonnen werden, der durch seine reiche Erfahrung auch diese für ihn neue Rolle hervorragend interpretiert und gesanglich auf ganzer Linie überzeugt. Für die Rolle der Sibella Hallward wurde mit Rahel Antonia Wissinger ein zweiter Gast verpflichtet, die mit ihrer klaren Stimme ebenfalls gefallen kann. Auch die weiteren Rollen wurden vom Krefelder Ensemble treffend verkörpert. Erwähnenswert sicherlich noch, die gelungene deutsche Übersetzung von Daniel Große Boymann, die bereits für die deutschsprachige Erstaufführung im letzten Jahr entstanden ist.Auch musikalisch weiß der Abend zu gefallen. Bei seiner ersten großen Produktion als neuer Kapellmeister am Gemeinschaftstheater leitet Giovanni Conti die Niederrheinischen Sinfoniker gefühlvoll durch den Abend. Hierbei sind die Streicher sogar etwas üppiger besetzt als eigentlich vorgesehen, denn statt eines Streichquintett erklingen in Krefeld sechs Violinen, drei Bratschen, zwei Celli und ein Kontrabass.

Selten kommt es vor, dass man gleich nach dem Besuch einer Vorstellung nach einem weiteren Termin im eigentlich vollen Kalender schaut, um sich dieses Stück ein weiteres Mal anzuschauen. Aber dieses Stück macht einfach unglaublich viel Spaß und man bekommt als Zuschauer in knapp drei Stunden nochmal ganz wunderbar dargelegt, was das Theater zu leisten im Stande ist. Gerade auch in dieser derzeit für viele Menschen wie auch für das Theater im Allgemeinen sehr schweren Zeit. Absolute Besuchsempfehlung!

Markus Lamers, 17.10.2022


Robert L. Freedman „Liebe, Mord und Adelspflichten“

Premiere: 24.09.2022 / besuchte Vorstellung: 16.10.2022

Inszenierung: Thomas Weber-Schallauer

Musikalische Leitung: Giovanni Conti

Trailer