Mit ihrer Komödie Pride and Prejudice* (*sort of) hat Isobel McArthur offenbar genau den Nerv des Publikums getroffen. Bereits kurz nach der Uraufführung 2018 in Glasgow feierte das Stück am Londoner Westend große Erfolge und konnte sich unter anderem einen Olivier Award in der Kategorie Best Entertainment or Comedy Play sichern. Die Autorin erzählt den berühmten Roman von Jane Austen auf ganz eigene Weise aus der Sicht der fünf Dienstmädchen Anne, Tillie, Clara, Flo und Effie. Von Mrs. Bennet, die ihre Töchter so schnell wie möglich verheiraten möchte, über den adligen Mr. Darcy und seinen Freund Charles Bingley bis hin zum etwas seltsamen Cousin Mr. Collins schlüpfen die fünf Schauspielerinnen in insgesamt 18 verschiedene Rollen, im ursprünglichen Roman kamen noch über 100 Personen vor. Dabei war es der Autorin wichtig, dass alle Rollen von eben diesen fünf Schauspielerinnen gespielt werden. Ergänzt wird das Ensemble in Krefeld durch eine Statistin, die als Mr. Bennet immer wieder nahezu teilnahmslos in einem großen Sessel sitzt, und Marcus Thomas, der für eine charmante und stets mit treffendem Humor versehene musikalische Untermalung sorgt.

Die Musik spielt in diesem Stück ohnehin eine große Rolle, denn Isobel McArthur hat den Romanklassiker um zahlreiche Popsongs der letzten Jahrzehnte erweitert, die immer wieder passend eingesetzt werden und den Abend sehr auflockern. Sei es zum Beispiel Voyage, Voyage, das erklingt, als die Bennet-Mädchen nach London aufbrechen. Außerdem finden weitere bekannte Songs wie z. B. Lady in Red oder Boys don’t cry ihren Weg in das Stück. Auch muss der Zuschauer die Originalgeschichte nicht unbedingt kennen, denn Stolz und Vorurteil* (*oder so) funktioniert sowohl mit als auch ohne Kenntnis der Romanvorlage. Gerüchten zufolge soll auch McArthur den Roman nicht gekannt haben, als sie den Auftrag zur Bearbeitung annahm.
Die Krefelder Inszenierung setzt auf extreme Übertreibungen. In den 80er Jahren angesiedelt, finden Klischees wie übertriebene Dauerwellen und der beliebte Fuchsschwanz am Gefährt des Lebemanns George Wickham ebenso Eingang in die Inszenierung wie künstliche Sixpacks, übergroße Brüste und diverse andere deutlich überzeichnete Körperformen. Im Vorfeld der Wiederaufnahmepremiere in Krefeld kam es zu dem seltenen Fall, dass sich das Theater und die Regisseurin Franziska Marie Gramss – bei der Premiere in Mönchengladbach im September 2023 noch gemeinsam mit den Darstellerinnen vom Publikum gefeiert – zerstritten. Offenbar hat es zwischen der Regisseurin und den an der Produktion beteiligten Künstlerinnen bei den Endproben in Mönchengladbach einige Unstimmigkeiten und Missverständnisse gegeben, die nun in dieser Form vermieden werden sollten, was nun nach nicht weiter zu vertiefenden Vorgängen dazu geführt hat, dass die Regisseurin vom Theater in dieser Produktion nicht mehr namentlich genannt werden möchte. Irgendwie ist es dabei eine besondere Ironie, dass es sich bei der Regisseurin um die Tochter eines ehemaligen Generalintendanten des Gemeinschaftstheaters handelt, das in dieser Woche mit einem großen Festprogramm sein 75-jähriges Bestehen feiert.

Sei es drum, die fünf Schauspielerinnen Esther Keil, Eva Spott, Helena Gossmann, Kristina Gorjanowa und Elisa Serauky bringen die Komödie auch so mit großer Spielfreude und ganz wunderbarer Mimik auf die große Bühne des Krefelder Theaters. Esther Keil gelingt der Spagat zwischen den Rollen der Mrs. Bennet und des Mr. Darcy ganz wunderbar. Auch stimmlich überzeugt sie einmal mehr. Auch Eva Spot gelingt die Darstellung des Charles Bingley sehr charmant. Darüber hinaus ist sie noch als Miss Bingley und Charlotte Lucas, der Freundin von Elizabeth Bennet, zu sehen. Die Rolle der Elizabeth dürfte die größte des Abends sein, sie wird wie bereits in Mönchengladbach von der Gastdarstellerin Kristina Gorjanowa gespielt. Als zweiter Gast ist auch wieder Elisa Serauky zu sehen, die den übergewichtigen Mr. Collins ebenso großartig verkörpert wie die beiden Bennet-Schwestern Mary und Lydia. Helena Gossmann schlüpft unter anderem in die Rollen von George Wickham und Lady Catherine de Bourgh. Überhaupt sind viele schnelle Kostümwechsel notwendig, was den Darstellerinnen neben Schauspiel und Gesang einiges abverlangt.

Am Ende gab es in der besuchten Vorstellung langanhaltenden Applaus für diesen Abend, wobei anzumerken ist, dass der Humor in diesem Stück ein sehr spezieller ist und durchaus die Gemüter spalten kann. Hinzu kommt die doch recht lange Spielzeit von rund drei Stunden, die vor allem nach der Pause einige kleine Straffungen vertragen hätte. Während sich die einen an diesem Abend prächtig amüsieren und viel zu lachen haben, gibt es auch Besucher, die mit diesem etwas speziellen Humor wenig anfangen können und nach der Pause nicht mehr gesehen wurden. Aber da Stolz und Vorurteil* (*oder so) zurzeit an unzähligen Theatern im ganzen Land zu sehen ist, scheint das Stück auch hierzulande sein Publikum zu finden und wird sicherlich in den nächsten Jahren noch an vielen Orten zu sehen sein. Und auch in Krefeld lohnt sich ein Besuch dieses Stückes allemal.
Markus Lamers, 4. April 2025
Stolz und Vorurteil* (*oder so)
Musikalische Komödie von Isobel McArthur nach Jane Austen
Deutsch von Silke Pfeiffer
Theater Krefeld
Übernahmepremiere Krefeld: 23. März 2025
(zuvor in Mönchengladbach: 2. September 2023)
besuchte Vorstellung: 2. April 2025
Inszenierung: Franziska Marie Gramss
Musik: Marcus Thomas
Weitere Aufführungen: 5. April, 25. April, 27. April, 3. Mai, 13. Mai und 18. Mai