Magdeburg: „Orpheus in der Unterwelt“ Jacques Offenbach

Nachdem Jacques Offenbach in Paris seit 1835 wegen einengender Lizenzbestimmungen jahrelang nur Einakter komponiert hatte, war Orpheus in der Unterwelt seinerstes abendfüllendes Werk, das in der Uraufführung am 21. Oktober 1858 in seinem Théâtre des Bouffes-Parisiens auf Anhieb sensationellen Erfolg hatte. Und das, obwohl Offenbach mit der Persiflage der bekannten Geschichte von Orpheus und Eurydike die bessere Gesellschaft des Zweiten Kaiserreichs mit ihrem Kult um die griechische Mythologie kräftig auf die Schippe nahm. So konnte sich der regierende Kaiser Napoléon III. in der Figur des liebestollen obersten Gottes Jupiter wiederfinden, der sich mit den Göttern in die Unterwelt begibt, um sich dort zu amüsieren. Der Kaiser soll die Anspielungen nicht übel genommen haben, was man daraus herleitete, dass er kräftig applaudiert haben soll.

© Andreas Lander   /  Rosha Fitzhowle/JeanMianny

In einer teilweise schrillen Inszenierung des Slowenen Igor Pison ging die Reise des von seiner Ehe frustrierten Geigen-Professors Orpheus mit Abstechern in den Olymp und in die Unterwelt über die Bühne. Eingeleitet wurde sie durch die von der Magdeburgischen Philharmonie stimmungsvoll mit wunderbaren Instrumentensoli (die glänzenden Violin-Soli!) und mit flottem Abschluss musizierte Ouvertüre (endlich mal wieder vor geschlossenem Vorhang). Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man im zweiteiligen Zimmer von Orpheus und Eurydike, dass deren Ehe am Ende ist: Rechts im Bereich des Musikprofessors ist die mit Notentapeten versehene Wand mit Musik-Preisen gepflastert, während die Fliegen-Tapeten links schon auf die Begegnung Eurydikes mit Jupiter in der Unterwelt hinweisen. Pluto ist im Original-Libretto der harmlos erscheinende Schäfer Aristeus, hier ist er ein Meisterkoch, der irgendein Höllengebräu zubereitet. Als Eurydike am Schlangenbiss gestorben ist, begibt sich Pluto mit ihr durch den Kamin (eine gute Idee) in die Unterwelt. Orpheus fühlt sich endlich frei, wird aber von der Öffentlichen Meinung (schrullig Undine Dreißig) aufgefordert, sie von Göttervater Jupiter zurückzuverlangen.

© Andreas Lander  / Dogukan Kuran/Weronika Rabek/Jeanett Neumeister/Chor

Also geht’s in den Olymp, wo sich die in weiße Unterkleider gewandeten und mit griechisch gemusterten Handtüchern notdürftig umhüllten Götter (verantwortlich für die Bühne und die trefflich charakterisierenden Kostüme: Nicola Reichert), bewacht von dem putzigen Himmelwart (in der stummen Rolle Schauspieler Peter Wittig),entsetzlich langweilen. Nachdem einzelne Götter wie Cupido (klarstimmig Weronika Rabek), Venus (ansehnlich Jeanett Neumeister), Diana(koloratursicher Na’ama Shulman) und Mars (mit Boxhandschuhen immer kampfbereit Thomas Matz) von ihren Abenteuern auf der Erde berichtet haben, erscheint Merkur (tenoral prägnant Peter Diebschlag) und meldet, dass die hübsche Eurydike entführt worden ist. Das weckt die Eifersucht von Juno (mit kräftigem Mezzo Ulrike Baumbach), die sofort ihren Mann Jupiter verdächtigt, der sich heftig wehrt, aber nicht verhindern kann, dass die Götter, die ihre Speisen Nektar und Ambrosia verweigern, nun gegen ihn revoltieren. Als auch Plutoabstreitet, irgendetwas mit der Entführung zu tun zu haben, ordnet Jupiter an, dass sich alle in die Unterwelt begeben, um dort im „Plutonium“ nach ihr zu suchen. Hier gab es nun drei Highlights der Operette: Das Couplet des stets angetrunkenen Hans Styx (mit ausgeprägter Bühnenpräsenz Manfred Wulfert), das köstliche „Fliegen-Duett“ und den berühmten Cancan in der nicht nur das Ballett, sondern auch den Opernchor des Theaters Magdeburg umfassenden rasanten Choreografievon Lukas Strasser.

© Andreas Lander

Im Ganzen machte die Inszenierung, in der der Regisseur spürbar aufs Tempo gedrückt hatte, durchweg Spaß, was ganz wesentlich auch an der überschäumenden, das Publikum ansteckenden Spielfreude des gesamten Ensembles, des Balletts und des mit kräftigem, stets ausgewogenem Klang singenden Opernchors (Einstudierung: Martin Wagner) lag. Aus dem insgesamt auch stimmlich überzeugenden Ensemble ist zunächst die junge Schottin Rosha Fitzhowle, seit Beginn dieser Spielzeit neu in Magdeburg, als attraktive Eurydike zu nennen. Ihr ausdrucksvoller, in allen Lagen intonationsreiner Sopran, hatte mit den Höhen und den nicht wenigen Koloraturen der Partie keinerlei Probleme. Mit flexiblem Tenor und munterem Spiel wartete der junge Franzose Jean Miannay als Orpheus auf.Dessen Gegenspieler Pluto war der ebenfalls noch junge Pole Adrian Domarecki, mit seinem variabel eingesetzten Tenor eine Bereicherung des Magdeburger Opern-Ensembles. Auch der Türke Doğukan Kuran ist neu im Ensemble; er gab den Göttervater Jupiter mit weichem Bariton.

Am Pult der am Premierenabend ausgezeichneten Magdeburgischen Philharmonie stand Kapellmeister Pawel Poplawski, der mit klarer Zeichengebung und anfeuerndem Dirigat für temporeiches Spiel sorgte; auch er war in den Spaß mit einbezogen, indem er beim Schlaf der Götter ebenfalls am Pult fast einnickte oder zum „Fliegen-Duett“ mit einer Fliegenklatsch herumwedelte. Das Publikum im gut besetzten Haus war zu Recht hellauf begeistert und bedankte sich bei allen Mitwirkenden mit starkem, lang anhaltendem Applaus und „standing ovations“.

Gerhard Eckels 13. November 2022


Jacques Offenbach: „Orpheus in der Unterwelt“

Besuchte Premiere am 12. November 2022, Magdeburg

Inszenierung: Igor Pison

Musikalische Leitung: Pawel Poplawski

Magdeburgische Philharmonie

Weitere Vorstellungen: 19.,27.11.+17.,22.,31.12.2022 u.a.