Osnabrück: „Peter Grimes“, Benjamin Britten

Lieber Opernfreund-Freund

am Theater Osnabrück ist derzeit ein beeindruckender Peter Grimes zu erleben. Das liegt nicht nur an der dichten, atmosphärischen Regiearbeit von Jakob Peters-Messer, sondern auch und vor allem am erst 34jährigen Ensemblemitglied James Edgar Knight, der sich in der Titelpartie – das darf ich vorwegnehmen – geradezu als Idealbesetzung erweist.

© Stephan Glagla

Benjamin Brittens Opernerstling, während des Zweiten Weltkriegs entstanden und 1945 uraufgeführt, erzählt die Geschichte des Fischers Peter Grimes und ist alles andere als leichte Kost. Grimes ist ein ausgesprochener Unsympath, der von den anderen Fischern des Dorfes an der englischen Ostküste, in dem er lebt, ausgegrenzt wird. Als der zweite Waisenjunge, der ihm auf seinem Boot unter rauen Bedingungen zur Hand geht, in seiner Obhut stirbt, treibt ihn die Dorfgemeinschaft in den Selbstmord. Zu dieser von Beginn an tragischen Geschichte hat Benjamin Britten sieben Szenen ersonnen, die er durch dichte, an symphonische Dichtungen erinnernde Zwischenspiele verbindet.

In Jakob Peters-Messers Inszenierung werden diese Zwischenspiele durch Videosequenzen des in dieser Oper omnipräsenten, wogenden Meeres auf eine Gaze vor der Bühne begleitet und geraten durch ihren meditativen Charakter regelrecht zu Inseln der Reflexion, in denen der Zuschauer die unmittelbare Gelegenheit hat, die gerade gesehene Szene auf sich wirken zu lassen und darüber nachzudenken. Doch das ist nur ein Reiz der Lesart von Peters-Messer. Markus Meyer, der auch für die dem Fischermilieu entlehnten Kostüme verantwortlich zeichnet, hat ihm eine Art Grube auf die Osnabrücker Drehbühne gestellt, aus der man nicht ohne weiteres entkommen kann. Die Dorfbewohner blicken so von Beginn an auf Peter Grimes hinab, werden zu ständigen Beobachtern des Geschehens. Durch ausgezeichnete Personenführung baut die Regie Spannung auf und stellt dabei auch bei voller Bühne die einzelnen Individuen immer wieder gekonnt in den Fokus. So zeigt sie die Doppelmoral und Fehler der Dorfbewohner, die an sich auch nicht mehr der Norm entsprechen als Peter, den sie ablehnen: die abhalfterte Kneipenwirtin Auntie, die ihre Nichten auf den Strich schickt, den versoffenen Apotheker Ned, der die vordergründig biedere Witwe Mrs. Sedley mit Pillen versorgt, den überkorrekten Anwalt Swallow, der heimlich zu Prostituierten geht. Sie alle rotten sich zu einer Gemeinschaft gegen Peter zusammen. Lediglich die Lehrerin Ellen hält zu ihm. Peter will sie sogar heiraten, vorher aber den großen Fang machen, um finanziell gut ausgestattet zu sein, und ist deshalb von zusätzlich von der Gier nach Erfolg getrieben. Der pensionierte Kapitän Balstrode fungiert immer wieder als Vermittler und versucht, die Menge zu besänftigen. Letztendlich ist es aber er, der dem wahnsinnig gewordenen Grimes den Freitod nahelegt. So gerät die Geschichte zu einer zeitlosen Parabel über das Ausgestoßen Sein, erzeugt immer wieder beklemmende Momente und zeigt die Brutalität, die von einem aufgebrachten Mob ausgehen kann. Das bewegt und hallt auch nach der Vorstellung nach.

© Stephan Glagla

Funktionieren kann das Ganze vor allem deshalb so gut, weil Jakob Peters-Messer sich bei der Besetzung der Titelrolle auf einen exzeptionellen Sängerdarsteller verlassen kann. Der gebürtige Australier James Edgar Knight singt Peter Grimes mit immenser Intensität, flüstert gerade noch kaum Hörbares, um im nächsten Moment in kraftstrotzende Ausbrüche zu verfallen. Er spielt die vielen Facetten von Peter wunderbar aus, zeigt Enttäuschung, Hass, Hoffnung, Wut und Liebe mit gleichbleibend überzeugendem Ausdruck und solcher Hingabe, als habe er sein ganzes Sängerleben lang auf diese Rolle gewartet. Das verschafft mir mehr als einmal Gänsehaut! Die zweite Hauptrolle des Abends hat der von Sierd Quarré und An-Hoon Song betreute Chor inne. Ob klanggewaltig von der Rampe singend oder fast sphärisch aus dem Off brillieren die Damen und Herren gestern Abend auf ganzer Linie.

Susann Vent-Wunderlich ist eine seelenvolle, emotionsgeladene Ellen, die mich dennoch in den klanggewaltigen Passagen mit ihrem ausdrucksstarken Sopran in den Sessel drückt, Olga Prilova mischt ihrem herrlichen Mezzo gestern etwas Dreckig-Kehliges bei und gibt eine wunderbar verruchte Auntie, während Rhys Jenkins als alter Balstrode mit sonorem, Ehrfurcht gebietendem Bassbariton überzeugt. Von den zahlreichen kleineren Rollen bleibt mir vor allem Mikołaj Bońkowski mit imposantem Bass als bühnenpräsenter Swallow im Ohr. Im Graben läuft GMD Andreas Hotz zusammen mit dem Osnabrücker Symphonieorchester nicht nur in den Zwischenspielen zu Höchstform auf, sondern zeigt die volle Bandbreite von Brittens farbenreicher Komposition zwischen zurückhaltender Begleitung und wuchtigem Auftrumpfen des Orchesters.

© Stephan Glagla

Am Ende des knapp dreistündigen Abends sitze ich so gebannt wie begeistert im Sessel. James Edgar Knight hat mich mit seiner Interpretation vollends gepackt und seine kraftstrotzende, natürlich wirkende Virilität empfiehlt den jungen Sänger geradezu für heldentenorale Aufgaben. Ich bin gespannt!

Ihr
Jochen Rüth
21. Februar 2024


Peter Grimes
Benjamin Britten

Theater Osnabrück

Premiere: 20. Januar 2024
besuchte Vorstellung: 20. Februar 2024

Inszenierung: Jakob Peters-Messer
Musikalische Leitung: Andreas Hotz
Osnabrücker Symphonieorchester

Trailer

weitere Vorstellungen: 23. Februar, 21. und 29. März sowie 5. und 14. April