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BUDAPESTER NEUJAHRSKONZERT

  Budapester NjKonz Schlussapplaus x~1
4. Jänner 2015 

Ungarn hat mit dem Geiger Zoltán Mága seinen ganz persönlichen André Rieu, ein Crossover- und Entertainer-Virtuose wie dieser, mehr als nur eine lokale Größe, vielmehr ein Künstler, der auch weltweit auf Tourneen seine Erfolge feiert und nun schon seit einigen Jahren mit dem „Budapester Neujahrskonzert“ eine Attraktion der besonderen Art bietet – heuer hatte man in der „Budapester Arena“ 13.000 Besucher.

Erstmals wurde das Event auch nach Wien exportiert, und die führende Sprache im Wiener Konzerthaus war an diesem dreistündigen Sonntag-Nachmittag zweifellos das Ungarische. Entweder war die heimische Ungarn-Kolonie vollzählig erschienen, oder die Fans waren Màga nachgereist. Aber es gab auch genügend Wiener im Publikum, die Stimmung stieg sukzessive im Lauf der Begebenheiten, am Ende herrschte dann die eines „Mulatschak“ würdige Aufgekratzheit.

Denn ein solcher war es, ein „bunter Abend“ rund um den Stargeiger, wo sich noch andere große Namen tummelten – oder auch nicht. Saimir Pirgu hat abgesagt. Einige der Sängerinnen – Valentina Nafornita und Natalia Ushakova – sind ohnedies hier stationiert, traten also ebenso auf die Dorottya Lang, eine echte Ungarin, einst Volksoper, jetzt Mannheim und hier authentisch am Platz. Jörg Schneider übernahm eine Nummer von Pirgu, der andere Ersatz von der Ungarischen Staatsoper, dessen Name hingenuschelt wurde, blieb für den Großteil des Publikums ebenso anonym wie die mitwirkende koreanische Cellistin oder der Dirigent des Budapest Symphonie Orchesters.

Und da möchte man der Veranstaltung, wenn sie nächstes Jahr wiederkommt (die Absicht wurde zumindest kund getan), ein paar gute Tipps geben. Es wäre nett, zumindest einen schlichten Zettel mit Namen und Nummern zu hektographieren, wenn man schon kein Programm erstellt, denn nicht jeder findet ein „Erkennen Sie die Melodie?“-Konzert lustig, in dem fast nichts angekündigt wird. Auch wäre ein ausführlicher Sound Check anzuraten, damit der musikalische Teil nicht dermaßen uneben klingt. Und wenn man schon eine Moderatorin bereit stellt, die ohnedies so gut Deutsch spricht wie Andrea Malek (die dann auch in ihrer Eigenschaft als Musical-Sängerin „Somewhere over the rainbow“ in auffallend exzellentem Englisch  interpretieren durfte), dann hätte es nichts gekostet, sie mit Mini-Ankündigungen hinaus zu schicken, statt nur ein paar Mal nicht eben zielführende Werbetexte sprechen zu lassen… Da wäre einiges an der Performance zu verbessern.

Die Gesangsnummern waren höchst bunt gemischt: Valentina Naforniţa, im bodenlangen Fest-Dirndl, kam zweimal mit Puccini, einmal mit der Arie der Lauretta aus „Gianni Schicchi“, einmal (mit dem ungarischen Kollegen) mit dem ersten Duett als „La Boheme“, dann war sie noch im „Libiamo“-Ensemble aus „La Traviata“ zur Pause dabei, wo sie sich die Titelrolle mit Natalia Ushakova teilen musst.

Die Ushakova, in Grellrot, kompensierte stimmliche Mängel mit gewaltigen Showeffekten – bei der Wahnsinnsarie der Lucia arbeitete sie sich dramatisch am Ärmel des Dirigenten ab, was der ganzen Sache den Charakter einer Posse verlieh. Und für „Meine Lippen, die küssen so heiß“ kam sie mit einem Arm voll Rosen auf die Bühne, die sie effektvoll in den Zuschauerraum schleuderte.

Am solidesten wirkten noch die Leistungen von Dorottya Lang, die mit ihrem ausdrucksvoll-schönen Mezzo Lehars „Hör’ ich Cymbalklänge“ anfangs etwas gedehnt (was die Schuld des gar nicht „paprizierten“ Orchesters war), dann aber mit dem gehörigen Temperamentsausbruch interpretierte. Und Einspringer Jörg Schneider, der zwar nicht ganz so hübsch war wie Pirgu, aber für „Dein ist mein ganzes Herz“ eine vollgültige Besetzung, weil sein Tenor eben nirgends auslässt, nicht nur prachtvolle Höhen aufweist, sondern in allen Lagen tragfähig und schön ist.

Weiters war „eine ungarische Folkloretanzgruppe“ (der Pressetext verrät nichts Näheres) aufgeboten, zwölf Tänzer, die à la Folklore, à la Wiener Walzer und beim Offenbach-Medley à la CanCan agieren durften, was angesichts eines schmalen Konzertpodiums nicht ganz einfach war.

Budapester NjKonz Maga~1  Budapester NjKonz Gypsy Band~1

Sicher einen der wichtigsten Beiträge des Abends stellte eine „Budapester Gypysband“ dar, zu der Zoltán Mága vier Roma- (oder Sinti-?) Kollegen auf die Bühne bat, für so genannte „Zigeuner-Variatonen“ – bitte, sie wurden als solche bezeichnet, sonst würde man ja nicht wagen, dieses Wort in den Mund zu nehmen oder in den Computer zu tippen… Die Herren spielten, soweit sie neben Zoltán Mága als alles überragendem Star zur Geltung kommen durften, wirklich hinreißend. Im „Hummelflug“ am Ende überboten sie einander an Virtuosität. Im übrigen traktierte einer der Herren (ob er zum Orchester gehörte oder Solist war, wurde – wie so vieles an diesem Abend – nicht klar) das Cymbal einfach atemberaubend, im zweiten Teil seiner Darbietung auch noch mit verbundenen Augen…

Da kochte dann schon die allgemeine Begeisterung, und als am Ende der Kehraus mit dem Radetzky-Marsch erfolgte, wie man es in Wien bei einem Neujahrskonzert gewöhnt ist, waren alle Mängel vergessen und die Zufriedenheit schien allgemein. Also, nächstes Jahr wieder, und bitte einigermaßen verbessert in den Informations- und Klang-Details.

Renate Wagner  5.1.15

Bilder: Konzerthaus

 

 

Wiener Konzerthaus

WIENER SYMPHONIKER, Simone Young

Beethoven: Symphonie Nr.7 A-Dur op. 92

Brahms: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Besuchte Aufführung am 25.5.2014

 

Beethoven, ein juveniler Wirbelwind – und seine Siebte, ein Orkan

Ich muss dieser Konzertbesprechung eine dringende Erläuterung voranstellen, und zwar sowohl im Besonderen als auch im Allgemeinen. 

Was das Besondere angeht: Ich habe am Samstag, dem 24.5.2014, ein Konzert der Wiener Symphoniker besucht, bei dem Beethovens Dritte Symphonie und die Zweite von Brahms gegeben wurden. Im Allgemeinen besuche ich meist auch das Wiederholungskonzert jeder Aufführung, die ich bespreche. Dieses ist mir schon deshalb besonders lieb, weil ich dann das tun kann, was ich eigentlich immer in Konzerten (oder Opern) mache: Ich tauche ein in die Musik und lasse mich überraschen, was sie mit mir anstellt. Als schreibende Opern- oder Konzertfreundin kann ich das natürlich nicht, sondern es drängt sich schon während der Aufführung die Sprache zwischen mich und die Musik. Um so schöner ist der zweite Abend.

Dieser Gewohnheit folgend, habe ich am Sonntag, dem 25.5.2014 auch das zweite Konzert, das die Wiener Symphoniker unter Leitung von Simone Young gegeben haben, besucht. An diesem Wochenende ist es in Wien sehr heiß, die Nacht davor war wegen des Konzerts und der Arbeit an der Besprechung etwas kurz, und der

Simone Young  (Foto: Reto Klar)

 

Besuch eines Wiederholungskonzerts hat auf mich stets eine angenehm entspannende Wirkung. Allerdings ist mir noch vor Vorstellungsbeginn durchaus aufgefallen, dass die Partitur, die am Sonntag auf dem Dirigentenpult ausgelegt wurde, etwas großformatiger war als jene des Vorabends. Da hatte ich mich ohnehin schon insgeheim gewundert, dass man die Eroica aus einem so unscheinbaren Heftchen heraus dirigieren kann, aber nach allem, was ich bei zahlreichen Dirigaten von Simone Young beobachtet habe, hat sie die Partituren auf einer Art geistigem Teleprompter im Blick und ist auf deren Druckversion nicht angewiesen.

Ich möchte jetzt lieber nicht offenlegen, an welchem Zeitpunkt exakt ich über die Melodieführung von Beethovens Eroica zu stutzen begann. Dass es ein kleines bisschen dauerte, lag daran, dass die Wiener Symphoniker in diesem zweiten Konzert von der ersten Note an ein buchstäblich atemberaubend rasantes Tempo vorlegten. 

Ob ein rasantes Tempo zum Stimmungsbild der Eroica passt, sei einfach mal dahingestellt. Meiner ganz persönlichen Meinung nach passt es nicht, wohl aber jenes, in dem die Wiener Symphoniker Beethovens Dritte am Vorabend gespielt haben, selbst wenn es vielleicht nicht ganz so rasant gewesen sein sollte, wie es der Komponist nachträglich wohl vorgesehen hat. Ein rasantes Tempo passt jedoch hervorragend zu Beethovens Siebter Symphonie, die nicht zuletzt auch deshalb mein Favorit unter seinen Werken ist.  

Die Wiener Symphoniker                                   Foto: Johannes Ifkovits

 

Beethovens Siebte "Stuyvesant"

Da muss man  etwas wissen, was Menschen, die jünger sind als ich, wahrscheinlich nicht präsent haben. Das energiereich-triumphale Finale des vierten Satzes dieser Sinfonie diente einst als musikalische Untermalung für einen Zigaretten-Werbespot. Die Sinfonie hat sich damals daher auch bei jenen Menschen, die der Klassik eher fernstehen, unter dem Namen einer Zigarettenmarke eingebürgert. Der Film zeigte das aufregende Procedere, das verbunden ist mit einem Flugzeugstart. Er setzte mithin das in emotionsgeladene Bilder um, was in der Musik vor sich geht: eine ungeheure, sich mehr und mehr steigernde Intensität und Dynamik. Diese Art Musik verleiht dem Zuhörer Flügel. Er ist berauscht. Nicht etwa betäubt, oder gar erschlagen. Sein Herz arbeitet in höherer Frequenz als sonst, seine Wahrnehmungsfähigkeit ist intensiver als sonst. Es gibt – eigentlich – nur ein einziges Musikwerk, bei dem dieses Phänomen beim Zuhörer eintreten kann: Beim berühmten Liebestod-Duetts in Wagners „Tristan“. Der „Tristan“ ist tatsächlich lebensgefährlich. 

Beethovens Siebte ist auch lebensgefährlich. Auf diese Idee konnte man gestern Abend kommen. Simone Young machte aus Beethoven einen juvenilen Wirbelwind, seine Siebte zum Orkan. Um derart an die Grenzen des Machbaren und Möglichen zu gehen, braucht es einen enormen Mut, Nerven wie Drahtseile, schier unerschöpfliche Energie – und ein Orchester mit ebensolchen Eigenschaften. Die Wiener Symphoniker sind ein solches Orchester, und es war eine Wonne, beide Partner in Aktion zu erleben. Denn nur so gelang es, das unfassbar rasante Tempo von Anfang bis Schluss durchzuhalten, und dabei zugleich eine wunderbar exakte und facettenreiche Zeichnung der unterschiedlichen Stimmungen dieser Sinfonie zu erzeugen. Diese Siebte von Beethoven war unglaublich belebend, geradezu eine Frischzellen-Kur für Geist und Seele, ein ungeahntes Energiereservoir. Man könnte, ungeachtet der tatsächlichen Befindlichkeit, Bäume ausreißen, wenn man das ungeheure Glück hat sie so zu hören, wie die Wiener Symphoniker sie am Sonntag gespielt haben. Dass die beflügelnde Wirkung beim Publikum in exakt der beabsichtigten Weise ankam, spiegelte sich, nach konzentriert-gespanntem Hören der vier Sätze, am Schluss im sofort einsetzenden frenetischen Jubel und Applaus. 

Und die Zweite von Brahms? Sie war, abermals, so viel mehr als „lauter blauer Himmel“. Sie war Heimat – nicht nur für mich als Hanseatin. Der Beethoven war energievolles, beflügelndes Hinstreben auf ein Ziel, der Brahms war Ankommen, Heimkommen. Wobei das Paradiesische, das Pastoralhafte, vor allem im ersten und zweiten Satz anklingt. Im letzten Satz jedoch, ist die Zweite von Brahms Schwester im Geiste von Beethovens Siebter. Und bei diesem Konzert der Wiener Symphoniker galt für beide gleichermaßen: Sie waren eine Wucht. 

Christa Habicht, 26.5.2014                                        Foto: Johannes Ifkovits

 

 

 

Wiener Konzerthaus am 24.05.2014

WIENER SYMPHONIKER, Simone Young

Beethoven: Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 „Eroica“;

Brahms: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Besuchte Aufführung am 24.5.2014

Erkenntnis- und überraschungsreicher Konzertabend

Beethovens dritte Symphonie und die zweite von Brahms verbindet, dass beide ihre Uraufführung in Wien erlebten: die Eroica wurde öffentlich erstmals 1805 im Theater an der Wien aufgeführt, die Zweite von Brahms 1877 im Wiener Musikverein. Dass es weitere und überraschende Gemeinsamkeiten beider Werke gibt, erschloss das Konzert der Wiener Symphoniker am 24.5.2014. 

Die Wiener Symphoniker auf der Bühne des Konzerthauses Wien

Foto: lowWSKonzerthausbühne

 

Doch interessanter war zunächst ein anderer Aspekt, nämlich die Interpretation des Beethoven-Werks durch das Orchester unter Leitung von Simone Young. Seit Ende der Neunziger Jahre spätestens gilt das traditionelle Klangbild, das bis dahin mit Beethovens Symphonien assoziiert wurde, als überholt. Durchgesetzt hat sich mittlerweile die Auffassung, dass es durch Leichtigkeit und Eleganz charakterisiert sein sollte, was auch mit einer Verschlankung des Orchesterapparates einhergehen kann. Hinsichtlich der Eroica herrscht außerdem die Meinung vor, die bis dato als „unspielbar“ geltenden raschen Tempovorgaben des Komponisten seien nicht nur realiserbar, sondern auch der Wirkung des Werks keineswegs abträglich. In äußerster Konsequenz und Zuspitzung hieße dies letztendlich, dass die Spieldauer des ersten Satzes der Eroica ein zuverlässiger Indikator dafür ist, ob die Interpretation der Komposition als gelungen gelten kann. 

Aufgeführt gemäß der originalen Tempovorgaben des Komponisten, würde der erste Satz der Eroica wohl eine gute Viertelstunde dauern. Die Wiener Symphoniker benötigten rund 18 Minuten. Simone Young gab ein rasches Tempo vor, trieb das Orchester jedoch nicht zur Eile. Und dennoch wurde so der beabsichtigte Höreindruck erreicht. Der erste Satz gelang remperamentvoll, lebhaft, stellenweise schien gar die verblüffende Nähe zum Finalsatz von Beethovens Siebter durch – das Orchester verlieh der Musik regelrecht Flügel. Der Trauermarsch offenbarte sich gänzlich befreit von düsterer Schwermut, als Abschied frei von Bitterkeit. Fast als Nebeneffekt jedoch schien eine neue Erkenntnis auf: das schrille Warnsignal der Trompeten kündet bereits vom Ausbruch des Infernos im Adagio der 10. Sinfonie von Mahler. Dass Beethoven ein Vorläufer, Wegbereiter der Romantik war, ist inzwischen Konsenz unter Musikwissenschaftlern. Was im Umkehrschluss allerdings bedeutet: zu unbeschwert, zu „kammermusikalisch“ darf das Beethoven-Klangbild denn doch nicht sein. 

Diese Eroica der Wiener Symphoniker war wunderbar kraftvoll, aber niemals wuchtig, sie war überraschend zukunftsweisend, ohne ihre musikalischen Wurzeln zu verleugnen. Simone Young, die letztendlich für die Interpretation verantwortlich zeichnet, fiel hier nicht etwa hinter den Stand der musikwissenschaftlichen Auffassung zurück – sie rückte jedoch die Komplexität der Beethoven-Komposition wieder in vollem Umfang ins Bild. Beethovens Musik lässt sich nicht einfach auf einen Nenner bringen, sie ist voll vitaler Widersprüche, temperamentvoller, jäher Stimmungswechsel, und (auch dies eine überraschende Erkenntnis des Abends) – sie ist stellenweise gewürzt mit einer angenehmen Prise Ironie. 

Zur Eroica hatte man der Dirigentin immerhin noch die Partitur aufs Pult gelegt (aber auf die zum Lesen notwendige Brille gleich verzichtet) – den zweiten Konzertteil dirigierte Simone Young gänzlich auswendig. Und hier konnte man eine weitere Überraschung des Abends erleben: Die Eroica von Beethoven ist die perfekte Einstimmung auf die „Pastorale“ von Brahms. Wieviel Beethoven überhaupt in Brahms steckt, wurde durch dieser Werk-Kombination besonders deutlich. Und wie eigenständig Brahms als Komponist dennoch ist, wie sehr er selbst stilprägend war, auch für Wagner – auch diese wunderbare Entdeckung schenkten die in Bestform konzertierenden Wiener Symphoniker den gebannt lauschenden Zuhörern. Dass die Begeisterung Letzterer während des gesamten Konzerts derart durchging, dass immer wieder auch zwischen den Sätzen beider Symphonien Applaus aufbrandete – die überaus professionellen Künstler meisterten die Situation bewundernswert gelassen. Ein Freund von Brahms soll über dessen zweite Symphonie gesagt haben: „Da ist ja lauter blauer Himmel….“ Nein, so simpel, so idyllisch ist Brahms nicht – auch das hat er mit Beethoven gemein. Ein himmlisch gelungenes Konzert war es jedoch auf jeden Fall. Einhelliger Schlussjubel und großer Applaus für das Orchester und die Dirigentin – die auch die Musiker mit Schlussbeifall bedachten.

Christa Habicht, 25.5.2014                               Foto: Lukas Beck

 

 

 

Wien, Staatsoper, 03.11.2013

BENEFIZ-GALAKONZERT

2013-11-03 12.55.02

Eigentlich sind Benefizveranstaltungen nicht so mein Geschmack, zu oft steht die Eitelkeit der Veranstalter und der Mitwirkenden mehr im Vordergrund als das jeweils zu unterstützende Projekt. Als Österreicher ist man da besonders leidgeprüft, wenn man an die Seitenblicke-Gesellschaft denkt, die sich bei solchen Gelegenheiten an luxuriösen Buffets schadlos hält und nur darauf zu achten scheint, bei jeder laufenden Kamera im Bild zu sein. Und auch was die Bezeichnung Galakonzert angeht, konnte man hierzulande in den letzten Jahren eine inflationäre Verwendung feststellen. Auch beim gegenständlichen Konzert, das an einem Sonntagvormittag vor ausverkauftem Haus in der Wiener Staatsoper stattfand, hatte man im Vorfeld Bedenken: Immerhin musste die Einführungsmatinee für die nächste Zauberflöten-Premiere für dieses Konzert extra verschoben werden.

Die Initiative zu diesem Megakonzert ging vom Wiener Gastronomen Aki Nuredini aus, der das 30-Jahr-Jubiläum seines Lokales „Sole“, welche sich in unmittelbarer Nähe von Staatsoper, Musikverein und Konzerthaus befindet, gebührend feiern wollte. Der gesamte Reinertrag des Vormittags (der gebürtige Mazedonier, der alle Nebenkosten trug, sprach vorerst einmal von mindestens 130.000 Euro) kommt der Fondo Memorial Eduardo Vargas zugute. Diese Einrichtung wurde vom Tenor Ramon Vargas im Gedenken an seinen im Jahr 2000 verstorbenen Sohn gegründet, um behinderten Kindern in seiner Heimat Mexiko zu helfen.

Wie bei solchen Terminen wohl unvermeidlich gab es bis zuletzt noch Absagen und Umbesetzungen. Wobei diesmal aber die Einspringer die größeren Namen hatten, denn es waren niemand geringere als Jonas Kaufmann und Juan Diego Florez, die für Ferruccio Furlanetto und Stephen Costello in die Bresche sprangen. Moderator Thomas Dänemark hatte es aber spannend gemacht und mit diesen Ankündigungen bis zu den jeweiligen Auftritten gewartet. Dennoch herrschte von Beginn an gute Stimmung, denn der Triumphmarsch aus Aida (gespielt von phil Blech, dem Blechbläserensemble der Wiener Philharmoniker) war der richtige Opener. Perfekt und ambitioniert begleitet von Matthias Fletzberger, Kristin Okerlund und Maria Prinz am Klavier punkteten nicht nur die beiden erwähnten Tenor-Top-Stars, sondern auch die übrigen Sänger: Janina Baechle mit der Arie der Santuzza, Ildikó Raimondi mit prachtvollem roten Kleid und einer witzigen Frau Fluth, Linda Watson als eindrucksvolle Leonore und Luca Pisaroni mit seinem Samt-Bariton und Bellinis Conte Rodolfo. Clemens Unterreiner war mit Escamillos Auftrittsarie wieder einmal nicht zu halten, wesentlich in sich gekehrter, wenngleich genauso wirkungsvoll gestaltete Zoltán Nagy das Trinklied aus Bánk bán des ungarischen Komponisten Ferenc Erkel, natürlich in der Originalsprache.

Mit „Nemico della Patria“ aus Andrea Chenier sorgte Carlos Álvarez für den ersten absoluten Höhepunkt, dem Jonas Kaufmann mit der Arie des Alvaro aus Verdis „La Forza del destino“ sofort den zweiten folgen ließ. Da störte es auch nicht, dass Kaufmann mittendrin den obersten Hemdknopf öffnete, als er gemerkt hatte, dass das erste „soccorrimi“ nicht ganz lupenrein war! Weiter ging es mit Ramón Vargas, der es sich auch nicht nehmen ließ selbst auf die Bühne zu kommen und einen schmachtenden Rodolfo aus Verdis Luisa Miller zum Besten gab. Roxana Constantinescu mit der Arie des Romeo aus „I Capuleti e I Montechi“ und Zoryana Kushpler mit der unvermeidlichen Habañera aus Carmen bewiesen, dass das „Sole“ gerade auch bei den Sängern aus dem östlichen Europa hoch im Kurs steht. Bevor Carlos Álvarez und Olga Blanco mit einem Zarzuela-Duett zum Instrumental-Finale (Bizets „Danse bohemienne“) überleiteten, kamen nochmals die Tenorliebhaber auf ihre Kosten: Michael Schade vertraute auf Mozarts Bildnis-Arie, während Juan Diego Flórez (der ja dieser Tage am selben Haus in der Regimentstochter für Furore sorgt) auch dem abgedroschenen „La donna è mobile“ neue Nuancen entlockte – inklusive aller tenoralen Unarten, die er persiflierend zur Schau stellte!

Und auch die Draufgabe konnte sich hören lassen, denn der wohl „teuerste Chor der Welt“ sang – wie konnte es auch anders sein – zu den standing ovations des begeisterten Publikums „O sole nostro“!

Ernst Kopica                                                  Bild: Kopica

 

 

 

 

Großer Musikvereinssaal, 08.02.2013

LA STRANIERA  

(Vincenzo Bellini)
Konzertante Aufführung

Die Titelheldin lässt auf sich warten: Vincenzo Bellinis „La Straniera“ läuft seit mehr als einer halben Stunde, bietet Bariton und Mezzo, Chor und Comprimarii, dann auch den Tenor auf, bis endlich die Fremde, die Unbekannte kommt, die wenigstens einen Namen hat: Alaide. Man hört sie aus der Ferne – ein „Ah!“, das kein „Ah“ ist, sondern eine lange, wunderbare Phrase, eine Vokalise mit Koloraturen und Trillern, kurz, ein Gustostück für die Gelüste der Belcanto-Assuluta unserer Tage, Edita Gruberova.

Knapp drei Stunden später (der ganze Abend dauert dreieinviertel) tut diese Alaide ihren letzten Schrei im halben Wahnsinn, nicht bevor sie einen Lieblingswunsch der Gruberova erfüllt hat: eine gewaltige Schlussszene, die ihr allein gehört (denn der Chor im Hintergrund ist bestenfalls Dekoration). Von allem, was sie davor zu singen hat, ganz zu schweigen. Die Anforderungen sind so hoch, wie sie die Diva mit Wonne erklimmt.

Nun weiß man also, warum die Gruberova sich die „Straniera“ als jene zentrale Partie gewählt hat, mit der sie die nächsten Jahre verbringen will, oftmals konzertant, aber heuer noch in Zürich und 2015 bei uns im Theater an der Wien auch szenisch auf der Bühne. Sie wollte wohl nicht den Fehler der Callas begehen, an der diese Straniera vorüber gegangen ist. Auch sonst wurde diese frühe Bellini-Oper seit ihrer Uraufführung 1829 an der Scala selten gespielt, an der Wiener Staatsoper überhaupt noch nie. Bellini ist ja doch vor allem mit der „Norma“, der „Sonnambula“, den „Puritani“ und bestenfalls noch mit seiner Romeo-und-Julia-Oper in den Opernhäusern lebendig. Um solche Raritäten auszugraben, bedarf es schon der Lust der großen Diven an den besonderen Rollen…

Die Handlung will man gar nicht erzählen, da kann sich Regisseur Christof Loy dann die Haare raufen (oder wir als Zuschauer werden es tun?), darüber reden wir in zwei Jahren. Zu beurteilen ist die konzertante Aufführung, die sich im Musikverein rund um die Gruberova abspielte. Sie hat dazu einen Teil ihres bewährten Teams versammelt, das schon in der „Anna Bolena“ dabei war – Sonia Ganassi für die Mezzorolle, José Bros als Tenor, der es an hitziger, aufgeladener Energie mit der Hauptdarstellerin aufnehmen konnte. Dazu Paolo Gavanelli mit nach wie vor schönem Bariton und unter den Nebenrollen herausragend Sung-Heon Ha – da hat sich Mannheim einen höchst viel versprechenden jungen Bass aus Asien geholt, von dem man vermutlich noch viel hören wird.

Das Münchner Opernorchester unter Pietro Rizzo begleitete einen Abend, der mehr auf kraftvolle Dramatik als auf jene Lyrik ausgerichtet war, die man Bellini gerne nachsagt (aber es ist ja ein Frühwerk, da waren seine musikalischen Künste noch schlichter), und der Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh) klang ausgesprochen stimmschön.

Die Diva bekam ihre Ovationen, und wenn sie den Abend am 18. Februar wiederholt, der dann das absolut exakte Datum ihres ersten Auftretens ist (sie hat sich ja auf dieses 45jährige Berufsjubiläum hingearbeitet), werden auch Gruberova-Fans, die es nicht live in den Musikverein schaffen, dabei sein können: via www.sonostream.tv

Renate Wagner

 

 

 

Liszt-Festival 2013 Raiding

Brein's Liszt Cafe

26. Januar 2013

Begonnen hat der Kontrabassist Georg Breinschmid seine Musikerkarriere 1994 bei den Niederösterreichischen Tonkünstlern, dann wechselte er zu den Wiener Philharmonikern, entschloss sich aber 1999 der Orchesterlaufbahn den Rücken zu kehren und widmete sich vorwiegend seiner Leidenschaft, dem Jazz. Lang galt er als Geheimtipp der Szene, im Jahr 2010 stand er mit seinem Ensemble „Brein’s Cafe“ bei der Wiener Festwocheneröffnung im Mittelpunkt – live vor einem Millionenpublikum und heute kündigt ihn die Programmzeitschrift augenzwinkernd als „Wiens weltbesten Kontrabassisten“ an. Der geniale Grenzgänger tritt in den verschiedenartigsten Formationen auf, die Johannes und Edurard Kutrowatz luden ihn schon öfters nach Raiding (im 2006 neuerbauten Konzertsaal neben Liszts Geburtshaus) ein, zur Eröffnungs-Session des Lisztfestivals 2013 kam er mit seinen Kollegen Sebastian Gürtler (Violine) und Tommaso Huber (Akkordeon) unter dem Motto „Brein’s Liszt Cafe“. Und wie könnte es im Jahr 2013 auch anders sein: Neben dem Lokalgenius Franz Liszt standen natürlich die Jahrespatrone Richard Wagner und Giuseppe Verdi im Fokus.

Richtig beschreiben kann man das Konzert, das 2 ½ Stunden dauerte, eigentlich nicht. Ein wenig Musikgeschichte sollte man schon intus und die wichtigsten Werke der Musikliteratur im Ohr haben. Wenn man dann noch offen ist für Witz und Überraschungen, dann jubelt man am Ende wie der Großteil des zahlreich erschienenen Publikums im Mittelburgenland. Es bleibt wahrlich kein Auge trocken! Aber es ist kein oberflächliches Musikkabarett, kein herkömmliches Cross-Over zwischen Klassik und Jazz, nein es ist geniale Musikalität, die von diesen drei Vollblutmusikern geboten wird. Gewürzt mit dadaistischem Humor und garniert mit unbändiger Kreativität.

Das beginnt gleich mit einer herrlichen Persiflage auf das Stimmen der Streichinstrumente, setzt sich fort mit einer ziemlich malträtierten Fledermaus-Ouvertüre (die hier zu Ivica Strauß’ Ledermaus wird). Dann bekommt man mit todernster Miene die Verschwörungstheorie präsentiert, dass Richard Wagner (oder eigentlich Richard Wagner-Trenkwitz?) und Giuseppe Verdi ein und dieselbe Person waren. Den Beweis liefert ein grandioser „Meistersinger“-Querschnitt, bei dem immer wieder der Triumphmarsch aus Aida erklingt, doch halt war da nicht auch noch Bizet im Spiel, denn sein „Toredaor“ mischt sich ebenfalls dazu. Und gesungen wird dabei auch noch, getanzt und fiktiver Rilke rezitiert.

Das Trio klingt manchmal wie ein 100-Mann-Orchester, dann wieder nimmt das Jazzige überhand, wie etwa bei einer atemberaubenden Bass-Improvisation Breinschmids über das Thema des Trinkliedes aus La Traviata, begleitet von Gürtler auf der zur Ukulele umfunktionierten Violine. Es gilt den unbekannten Alberich Kalman als Operettenkomponisten zu entdecken, dazu eine Partita von Dragan Sebastian Bach im 11/16-Takt (den ich allerdings nicht zu 100 % identifizieren konnte, schräg und virtuos klang sie allemal). Abgerundet mit durchaus ernsthaften Stücken wie einer Romance von Liszt oder Eigenkompositionen von Breinschmid endete das Konzert in bester Stimmung. Ganz im Gegensatz zu Auftritten des Trios in Tirol zu Jahresbeginn, wo man sich darüber mokierte, dass so etwas mit Kultur nichts zu tun habe. Der äußerste Osten Österreichs zeigte sich da aufgeschlossener und wurde dafür auch mit Zugaben (etwa „Strangers in the Night“ in Ganztonschritten) belohnt. Sehens- und hörenswert!

Ernst Kopica

 

 

Großer Musikvereinssaal

ANNA BOLENA 

Konzertante Aufführung zum 45-jährigen Bühnenjubiläum von Edita Gruberova

3. Jänner 2013 

Keinesfalls hat Edita Gruberova den Opernbühnen adieu gesagt: Operabase verrät die Termine bis Ende der Spielzeit, die Lucreza Borgia in München und Berlin, die Elisabetta in „Roberto Devereux“ in Madrid, also ihre großen Donzietti-Rollen. Und die Bellini’sche „Straniera“, die sie eben konzertant erobert hat (Wien kommt am 8. und 18. Februar in den Genuss dieses Ereignisses), wird Zürich im Juni für sie szenisch herausbringen (wie in den guten, alten Zeiten), mit ihrem Leib- und Magenregisseur Christoph Loy und Fabio Luisi.

Nicht schlecht für eine 66jährige, die dennoch nichts dem Zufall überlässt und weiß, dass die Uhr tickt. Wenn sie die Welt auf ihr 45-jähriges (!) Bühnenjubiläum aufmerksam machen will (am 18. Februar 1968 betrat die 21jährige als Rossinis Rosina erstmals im heimatlichen Bratislava die Opernbretter), muss sie es selbst tun. Die Operndirektoren stehen ja doch nicht mehr so Habtacht wie früher, wo die Primadonna den Spielplan mitbestimmen konnte. Also lässt die Gruberova in München und Wien konzertant eine Rolle hören, die sie an der Staatsoper nie singen durfte – die Anna Bolena von Donizetti, die Premiere gehörte damals der Netrebko, man hatte nur die Freundlichkeit, sie damit nach Tokio zu schicken. Gut, nun konnten ihre Wiener Fans das Ereignis nachholen. Und die Straniera, von der es heißt, sie sei nahezu unsingbar (außer für die Größenordnung Gruberova), kommt auch noch im Musikverein.

Im „Merker“-Forum haben Aufmerksame gegoogelt – die teuerste Karte im Wiener Musikverein kostete tatsächlich 250 Euro, das sind gut 50 mehr, als man in der Staatsoper bei Normalpreisen für eine szenische Aufführung zahlt. Wie fest verankert ein Star im Publikum ist, beweist sich (gerade in Zeiten wie diesen, wo man den Hunderter – der kein Schilling-Hunderter mehr ist und auch kein Mark-Hunderter – zögerlicher ausgibt) bei solchen Anlässen: Der Musikverein war erstaunlich voll, das Publikum drängte sich geradezu. Dass ein Großteil davon silberhaarig war – sie waren mit der Gruberova jung, sie lassen sie nicht im Stich, wenn alle miteinander in die Jahre gekommen sind.

Zumal Edita Gruberova, die schon seit längster Zeit einfach unverändert aussieht, ja diese verrinnende Zeit beinahe Lügen straft. Sie reitet mit der Anna Bolena, die wahrlich eine Hochdramatische ist, stimmliche Fortissimo-Attacken in höchsten Höhen, mit denen sie gar nicht anders kann als umjubelt in die Zielgerade einzugaloppieren. Dabei wohnt bei ihr der liebe Gott immer im interpretatorischen Detail – da macht sie Erstaunliches mit der Färbung der Stimme im Zeichen der Gestaltung (etwa die Fahlheit, wenn sie aus einer Ohnmacht erwacht), da wird zarte Sehnsucht oder fassungslose Empörung gleich plastisch, da spinnt sie immer noch ihre Piani, perlt ihre Koloraturen, zelebriert die Übergänge, Schwelltöne, raffinierten Brüche in der Gesangslinie. Und die Schlussszene, die nicht so melodiös einprägsam ist wie jene der Lucia di Lammermoor, aber zwischen Wahnsinn und Triumph eines der stärksten Stücke, das Donzietti je schrieb, war einfach fulminant interpretiert.

Sicher, weit mehr als im Vergleich die Netrebko lässt die Gruberova den Zuschauer / Zuhörer beim Virtuosen-Handwerk dabei sein, zelebriert, was sie kann – und dann merkt man natürlich auch, wenn die Stimme (die ja auch bei aller Schonung mit dem Menschen mitaltert) nicht mehr jeden Ton erwischt (das passiert gar nicht in der Höhe, meist zwischendurch, wo dann etwas kurz auslässt), und dass sie insofern Qualität verloren hat, als die Schärfe nun doch sehr ins Ohr schneidet. Aber die Fans halten’s für legitime Dramatik (ist es vielleicht auch) und jubeln noch lauter…

Die Gruberova hat die Anna Bolena so oft gesungen, dass sie hier neben ihrem Tenorpartner die einzige ist, die auf der Konzertbühne keine Noten braucht und auch hier ihre Figur spielt bzw. den Partner anspielt. José Bros war oft genug ihr Tenorheld Percy war, um hier auch auswendig zu verfahren. Er steht mit seinem hellen, kräftigen Tenor voll in den Schuhen der Rolle, wenngleich sein nasales Timbre nicht jedermanns Sache ist (und die extremen Höhen der Rolle, wenn ausgeschrieen, auch nicht immer glücklich klingen), und ein Gestalter wie die Gruberova ist er auch nicht. Aber wo ist der junge Pavarotti, den sich die alte Sutherland einst schnappte und stimmlichen ihren idealen Liebhaber fand?

Sona Ganassi ist in der (doch ziemlich undankbaren) Rolle der Giovanna mehr dramatischer Sopran mit satter Tiefe als der Mezzo, der Anna kontrastieren würde – da wurde manchmal ähnliche Schärfe laut. Hagar Sharvit ließ als Smeton einen warmen, schönen Mezzo hören (an den Höhen wäre noch zu arbeiten) – und ist es zu viel verlangt, einen „Mann“ im Hosenanzug zu singen, statt im bunten Abendkleid (zumal die beiden anderen Damen ganz in Dunkel erschienen, es sollte auch eine Kleidungs- und Farbdramaturgie der „Kostüme“ bei konzertanten Aufführungen geben – und die Gruberova wäre mit Rot auch besser bedient als mit Schwarz).

Der beste Herr des Abends war der schäbige König, vom fülligen Riccardo Zanellato mit wirklich schönem Bariton strömend gesungen. Daniel Kotlinski als Annas Bruder und Andrew Lepri Meyer als der wackere Hofschranze Hervey hielten gutes Niveau.

So wie der Münchner Opernchor, geleitet von Andrea Hermann, und das Münchner Opernorchester, wenn Pietro Rizzo am Pult auch ohne weitere Feinheit donnernd aufspielen ließ. Aber es ist ja eine hochdramatische Oper…

Drei Stunden und vierzig Minuten dauerte das Werk (dabei musste man keinerlei Kulissen umbauen!), dann warf die Gruberova, die nicht nur geistig, sondern auch körperlich Unglaubliches geleistet hatte, ihren letzten Spitzenton wie ein Brandfackel in den Goldenen Saal. Das Publikum riss es auf Anhieb zu Standing Ovations aus den Sitzen (und sicher nicht aus Erleichterung, dass es endlich aus war). Des „Merkers“ Peter Dusek erwies sich, wie so oft, als Rosenkavalier, indem er zur Rampe eilte, um der Primadonna eine langstielige Rose zu überreichen. Die Gruberova-Fans wollten ihren Jubel gar nicht beenden. Und der Kritiker weiß, dass all seine Einwände kleinlich und nichtig sind, und beugt vor der außerordentlichen Leistung bewundernd sein Haupt.

Renate Wagner

 

 

 

PITTSBURGH SYMPHONY ORCHESTRA

im Musikverein am 01.11.2012


Es war ein nicht alltägliches, vor und nach der Pause gleich ungewöhnliches Konzert, das zu Allerheiligen im ausverkauften Musikvereinssaal stattfand. Dass ausgerechnet das Pittsburgh Symphony Orchestra ein Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde im Goldenen Saal uraufführte, findet vielleicht eine ganz schlichte Erklärung: Vorarlberger unter sich. Manfred Honeck, geboren 1958 in Nenzing, und Herbert Willi, geboren1956 in Bludenz, verbindet vieles, auch die Zusammenarbeit (Honeck hat beispielsweise die Uraufführung von Willis bisher einziger Oper „Schlafes Bruder“ dirigiert). Und dass ein Österreicher nun an der Spitze eines der renommiertesten amerikanischen Orchester steht (das Programmheft verrät, dass Honecks Vertrag mit Pittsburgh mittlerweile bis 2019/20 verlängert wurde), ergibt die legitime Möglichkeit, die Amerikaner den Österreicher uraufführen zu lassen. Und danach noch ein ganz, ganz ungewöhnliches, nämlich dramaturgisch angereichertes Mozart-Requiem zu spielen…

Herbert Willi ist in seinem kompositorischen Schaffen nicht einzuordnen. Das ist ein Nachteil, denn jene, die man in eine Schublade stecken und wieder hervorholen kann, haben’s einfach leichter, weil sie es allen (von den Veranstaltern bis zu den Kritikern und auch dem Publikum) leicht machen. Es ist aber auch ein Vorteil, weil Außenseiterpositionen heutzutage gesteigerte Beachtung finden. Also, einer der nicht zwölftönend, atonal, postmodern ist oder was man noch an alten oder neueren Begriffen zusammenklaubt. Er ist mit Sicherheit ein ungemein ehrlicher, aus keiner Spekulation heraus schaffender Komponist, der einfach in sich selbst hineinhört – und für den Musik immer auch eine Art von Philosophie ist.

Zuerst gab es, nicht viel mehr als ca. fünf Minuten kurz, „ABBA-MA“ für Chor und Orchester, 2011 uraufgeführt, ein zweifellos religiöses Stück Musik, in dem der Chor eine Urkraft ansingt, die das Göttliche meint, dieses aber als männlich und weiblich zugleich versteht. Es ist ein nicht nur lautes, sondern auch kraftvolles, strahlendes Stück Musik, von dem man durchaus gerne mehr gehört hätte.

Dann folgte die Uraufführung des von Herbert Willi „Sacrosanto“ genannten Konzerts für Violine und Orchester, das er für den Geiger Nikolaj Znaider geschrieben hat. Es sind – bei einer etwa 20minütigen Spieldauer – fünf Sätze, in denen Willi das Konzept einer Lebensreise verfolgt. Das bedeutet, dass er den Geiger, der absolut dominiert, durch alle Emotionen jagt – mit entsprechenden technischen und interpretatorischen Möglichkeiten für den Solisten. Hier wird alles beschworen – leichte, fast süße, schwebende Töne oder dunkle Dramatik, mal tänzerisch, mal dahinstürmend.

Es „stürmt“ auch das Orchester mit viel dramatischem Blech, rhythmisch scharf akzentuiert, Begleitung und Kontrapunkt zugleich. Am Ende schwang sich Herbert Willi behände vom Zuschauerraum auf das Podium, um mit dem Solisten, dem Dirigenten und dem Orchester den Uraufführungserfolg abzuholen.

Nach der Pause gab es „Allerheiligen“ auf besondere Art. Ein Programmheftartikel von Manfred Honeck bricht gewissermaßen eine Lanze für den Tod – dass man sich des Lebens Wert viel stärker bewusst sei, wenn man sich diesen stets bewusst mache. Solcherart hat er Mozarts Requiem „erweitert“ – zwischen Totenglockentönen zu Beginn und am Ende gibt es überdies Gregorianische Choräle, andere Mozart-Musik (darunter die Mauerische Trauermusik) und Texte, beginnend mit jenem ergreifenden Brief Mozarts, in dem er seinem Vater schreibt, dass er sich seiner Sterblichkeit stets gewärtig sei und dass dies sein Leben bereichere… Dafür, für Gedichte von Nelly Sachs und für Texte aus der Offenbarung war Michael Heltau der richtige Interpret.

Sunhae Im (als Einspringerin), Gerhild Romberger, Paul Appleby, Liang Li bildeten das Solistenquartett des Abends, der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wurde von der Wiener Choralschola ergänzt, und das Pittsburgh Symphony Orchestra zeigte, dass es unter einem österreichischen Dirigenten einen schönen Mozart spielen kann.

Renate Wagner

 

DER OPERNFREUND  | Opernfreund.Contact@t-online.de